Ja, bitte: Vertragen wir uns endlich

Die B.Z. hat ausgerechnet das Fahrrad zum Thema der Woche erhoben und widmete dem Radverkehr in der Ausgabe des gestrigen Sonntages gleich zwei große Doppelseiten: „Vertragt euch endlich“, heißt es da in großen Lettern. Inhaltlich war zwischen großzügigen Bildern und gespielter Empörung nicht so ganz viel zu reißen: Den meisten Platz nahm etwas ein, was die B.Z. aus unerfindlichen Gründen als „große Vorfahrt Diskussion über Radwege, rote Ampeln, Helm- und Kennzeichenpflicht“ bezeichnete und daraus bestand, dass Taxi-Fahrerin Angelika Warnecke, ADFC-Vertreter Philipp Poll, Fahrlehrer Matthias Preuß und Fahrrad-Kurier Valeriy Leibert zu jedem Thema ein paar Sätze aufsagen durften. Eine Diskussion sieht definitiv anders aus, das war allenfalls die leidliche Bekanntmachung der meist festgefahrenen eigenen Standpunkte.

Und obwohl ein wie auch immer gearteter Erkenntnisgewinn nicht zu verzeichnen war, ergab sich beim Lesen doch der eine oder andere Lacher. Da war beispielsweise Fahrlehrer Preuß, den an der roten Ampel ständig Radfahrer überholen und mit der Tasche den Spiegel abbrechen, was ihn jedes Mal 150 Euro kostet. Soll nun wirklich jemand glauben, der Mann reparierte mehrmals im Monat oder, wie er sagt, „ständig“ seinen rechten Außenspiegel für 150 Euro? Fahrradkurier Leibert spielt ebenfalls mit den Zahlen und beklagt sich über Fahrradkontrollen, von denen an sonnigen Tagen mindestens zehn gleichzeitig stattfänden. Ansonsten? Keine Überraschungen. Die so genannte Diskussion dümpelt eng eingezwängt zwischen Bildern und Großbuchstaben-Überschriften auf zweieinhalb Seiten herum.

Zwischendurch eingestreut wurde so eine Art Ratgeber für den nächsten Fahrradkauf, der mit einer großzügigen Überschrift angekündigt wird („Zu einem sicheren Fahrrad gehört auch die richtige Größe“), während der eigentliche Artikel nur ein paar Zeilen länger als die Einleitung ist. Selbst die Beratung bei Baumarkt-Fahrrädern dürfte umfassender sein. Und dann bildet die B.Z. noch ein altes Holland-Rad ab, um die vorgeschriebenen Einrichtungen am Fahrrad zu erklären, erzählt da was von der „wirkungsvollen Klingel“ und „zwei unabhängig wirkenden Bremsen“, während das Holland-Rad noch so einen verdächtig nach Stempel-Bremse wirkenden Griff am Lenker hat. Das hält man ja im Kopf nicht aus.

Der stimmungsvolle Teil darf ja auch nicht fehlen, irgendwie muss der Blutdruck schließlich auf Kurs gebracht werden, also ging die B.Z. mit der Polizei auf Rotlicht-Radler-Jagd. „In drei Stunden erweichte die Polizei 29 Rot-Radler“ klingt natürlich dramatisch, immer diese Kampfradler, das kennt man ja. Natürlich ist ein Rotlichtverstoß pro sechs Minuten noch immer zuviel, aber wieder einmal wird der Eindruck geschürt, nur diese blöden Radfahrer hielten sich nicht an die Verkehrsregeln. Wie viele Kraftfahrer wohl an der Straße des 17. Juni in dem dreistündigen Zeitraum Probleme mit der Farbwahrnehmung hatten?

Und dann dieser Auszug aus dem Bußgeldkatalog, der bar seiner Unbrauchbarkeit gar nicht groß auffällt. Da gibt’s beispielsweise das „Fahren ohne Licht“ und das ebenso teure „Fahrrad ohne Lampen“, das beliebte „Straße entgegengesetzt befahren“ und, natürlich, der Klassiker darf nicht fehlen, das „Nichtsnutzen des vorhandenen Radweges“. Hmm, gerade eben wurde aufwändig noch die mangelnde Regelkenntnis am Fahrradlenker reklamiert, aber jetzt sorgt die B.Z. mit ihrem tollen Auszug aus dem Bußgeldkatalog gleich noch mal für mehr Verwirrung? Und überhaupt: Wenn man sich doch über diese ganze Kampfradelei echauffiert, warum unternimmt die B.Z. nicht mal was dagegen und druckt einen Auszug mit den wichtigsten Verkehrsregeln für Radfahrer ab? So spiegelt das Thema der Woche nur die allgemeine Mentalität im deutschen Straßenverkehr wider: Verkehrsregeln interessieren nicht, aber wie viel kostet’s denn, wenn’s die Rennleitung sieht?

So wird das nicht mit dem Vertragen.

Nummernschilder haben keinen Einfluss auf das Unfallgeschehen

Es vergeht eigentlich keine Woche, in der in Deutschland nicht auf irgendeiner Hinterbank im Parlament nach dem Fahrradkennzeichen gerufen wird. Meistens fußt die Forderung allerdings auf der reinen Bestrafung des Radverkehres: den abertausenden Rotlichtverstößen pro Tag, so geht die Argumentation, könne nur mit einem Kennzeichen begegnet werden. Dabei ist man sich nicht zu schade, Parallelen zur schweizerischen Velovignette zu ziehen, die mehr ein Versicherungshinweis in Miniaturausgabe als ein richtiges Kennzeichen war, das sich aus mehr als zehn Zentimetern noch ablesen ließ. Andere, womöglich wirkungsvollere Maßnahmen, etwa die Erhöhung der durchschnittlichen Regelkenntnis, damit der Verkehrsteilnehmer überhaupt weiß, wofür er denn gerade ein Bußgeld bezahlt, finden überhaupt keinen Eingang in die Argumentation — die bloße Abstrafung des Fahrrades scheint teilweise im Vordergrund zu stehen. Mit rationalen Argumenten ist da nichts zu gewinnen.

Der berlinradler schreibt bei der Rad-Spannerei: Kennzeichen für Radfahrer?

Der Aufsatz endet mit dem Fazit:

Wenngleich die Strafverfolgung in einzelnen Fällen erleichtert sein könnte – immerhin 632 Radfahrer flüchteten 2011 nach Unfällen – wird man bei der Unfallvermeidung auf andere Maßnahmen zurückgreifen müssen. Die drastisch höheren Unfallquoten von (kennzeichenpflichtigen) Kraftfahrzeugen lassen erahnen, dass Nummernschilder keinen Einfluss auf das Unfallgeschehen haben.

Tokio: Nummernschilder für Radfahrer

Was in Deutschland nicht erst seit der Kampfradler-Debatte immer wieder debattiert wird, soll auch in Tokio realisiert werden, schreibt Florian Rötzer auf Telepolis: Tokio will Nummernschilder für Fahrräder einführen

Damit soll gegen Fahrrad-Rowdies vorgegangen werden, vor allem aber sollen die Kosten für falsch abgestellte oder im öffentlichen Raum entsorgte Fahrräder gesenkt werden.

Die weiteren Argumente sind den deutschen ganz ähnlich: man will vor allem die Radfahrer sanktionieren, die sich momentan unter dem Deckmantel der Anonymität verstecken. Auch wenn der Verkehr in Japan mutmaßlich etwas anders läuft als in Deutschland, ist zumindest hier der Nutzen eines solchen Kennzeichens zweifelhaft. Jüngst argumentierte sogar die Unfallforschung der Versicherer gegen die Kennzeichnung von Fahrrädern.

Was ist eigentlich ein Kampfradler?

Der Kampfradler ist nicht erst seit Peter Ramsauers neusten Entdeckungen in aller Munde, er galt auch schon vorher als Synonym für ungezogene Verkehrsteilnehmer, die sich je nach Erzähler mal mehr oder mal weniger marodierend durch die Städte schlagen.

Das Problem an dieser ganzen Debatte ist nach wie vor, dass der Begriff des Kampfradlers noch nicht einmal mehr unscharf umrissen ist. Unter anderem der generellen Unkenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung ist es geschuldet, dass beinahe jeder Verkehrsteilnehmer etwas anderes unter diesem Begriff versteht — die Wirklichkeit sieht allerdings noch nicht einmal halb so schlimm aus.

Die Diskussion um den Kampfradler hat einige interessante Auswirkungen, denn bei den meisten Verkehrsteilnehmern ist alles, was von der Debatte im Kopf hängen bleibt, ebenjener Begriff und die Tatsache, dass sich Radfahrer ja allesamt nicht an die Verkehrsregeln halten. Welche Verkehrsregeln das sind, das kann allerdings kaum jemand benennen. Das führt dann eben dazu, dass die Hupe malträtiert und aus dem Beifahrerfenster lauthals auf die Fahrbahnradler geschimpft wird, die den nicht-benutzungspflichtigen Radweg nicht befahren, obwohl sie in Ermangelung der notwendigen Beschilderung dazu gar nicht verpflichtet sind. Kampfradler sind das, da ist sich der Kraftfahrzeugführer mit dem hochrotem Gesicht sicher, und will gleich zu Hause beim Abendessen über Fahrradkennzeichen referieren, die es unbedingt brauche, um den Bastarden Herr zu werden. Dass Radfahrer laut § 2 Abs. 4 StVO gar nicht verpflichtet sind, jeden Straßenteil zu befahren, der wenigstens ein bisschen nach Radweg aussieht, ist den meisten Verkehrsteilnehmern, sowohl Auto- als auch Radfahrern, gar nicht bekannt. Insbesondere im Web lassen sich aberhunderte, wenn nicht gar tausende dieser Aussagen finden, nach denen jeder Radweg benutzt werden müsse, auch der linksseitige, wenn es rechts keinen gibt, und interpoliert man dieses Meinungsbild, so müssen beängstigend viele Verkehrsteilnehmer dieses Märchen glauben — und leider, sobald sie am Steuer eines Kraftfahrzeuges sitzen, gezwungen sind, diese Falschinformationen mit Hupe und klugen Sprüchen weitergeben müssen.

Dass eben wirklich kaum jemand die Verkehrsregeln kennt, ist insbesondere dort zu erkennen, wo den Straßen kein Fahrradweg gegönnt wurde und theoretisch das Befahren der Fahrbahn vorgeschrieben wäre. Weil aber Behörden, Polizei und Medien jahrzehntelang erklärten, dass Fahrbahnradeln glatter Selbstmord sei, fährt ein Großteil der Radfahrer freiwillig auf dem Gehweg. Ist man dagegen so mutig, auf der Fahrbahn zu fahren, gerät man über kurz oder lang mit einem aggressiven Kraftfahrzeugführer aneinander, der meint, dass unbedingt der Gehweg befahren werden müsse und seine falsche Meinung auch problemlos mit den Fäusten vertreten hätte.

Ganz zu schweigen von den Ampeln: Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass der Radfahrer, dem man gerade beim vermeintlichen Rotlichtverstoß beobachtet hat, noch fahren durfte.

Insbesondere dem deutschen Autofahrer fällt es in dieser Zeit besonders leicht, überall Kampfradler auszumachen, die es zu belehren und zu maßregeln gilt, obwohl sie sich eigentlich ziemlich genau an die Straßenverkehrs-Ordnung halten — das weiß nur niemand, weil eben niemand die Straßenverkehrs-Ordnung kennt. In der Fahrschule lernt man gerade mal eben so das Autofahren, aber keine tiefergehende Theorie, im Verkehrsunterricht in der Schule wird die Straßenverkehrs-Ordnung in der Regel überhaupt nicht angesprochen. So schwer es Autofahrern gilt, sich alle paar Jahre über die Änderungen einer neuen Straßenverkehrs-Ordnung zu informieren, so unwahrscheinlich ist es eben, dass Schulkinder oder führerscheinlose Erwachsene aus eigenem Antrieb die Straßenverkehrs-Ordnung studieren und verstehen. Andersrum funktioniert das ganz prima: ein Autofahrer, der die Straßenverkehrs-Ordnung nicht einmal bis § 2 Abs. 4 StVO kennt, hat in der Regel keine Hemmungen, auch noch § 1 StVO nicht zu kennen und einen Radfahrer neben einem nicht-benutzungspflichtigen Radweg anzuhupen, zu belehren oder gleich beinahe anzufahren, um gleich danach beim Abendessen oder am Stammtisch darüber zu schimpfen, dass sich die ganzen Kampfradler nicht an die Straßenverkehrs-Ordnung halten.

So ist das eben: als Autofahrer schimpft man über die Radfahrer, die nicht auf den Radwegen oder sogar nicht auf den Gehwegen fahren, als Fußgänger kann man die Gehwegradler wiederum nicht leiden und als Fahrradfahrer fällt es momentan ohnehin recht schwer, irgendetwas zu mögen.

Und auch das funktioniert andersherum: als Autofahrer, der eigentlich die Straßenverkehrs-Ordnung kennen sollte, so hört man ja wenigstens überall, fährt man mit dem Rad im Zweifelsfall auch lieber auf dem Gehweg, weil es dort wenigstens gefühlt sicherer ist und man ja nicht die Autofahrer auf der Fahrbahn behindern möchte. Und schon mancher Fahrradfahrer hat sich hinter dem Steuer plötzlich mit dem Sicherheitsabstand beim Überholen eines anderen Radfahrers gewundert.

Eigentlich sind alle Verkehrsteilnehmer eben nur Verkehrsteilnehmer. Und Verkehrsteilnehmer machen Fehler. Und wie schon mehrmals gesagt: werden Kontrollen durchgeführt, treten diese Fehler eben zu Tage. Da müssen 800 Autofahrer binnen zehn Tagen ihren Führerschein wegen Geschwindigkeitsübertretungen abtreten und dort werden 97 Fahrradfahrer wegen Radelei auf den falschen Straßenteilen verwarnt und hin und wieder erwischt es tatsächlich auch einen Fußgänger, der bei rotem Licht über die Kreuzung spaziert.

Insofern sind wir beinahe alle Kampfradler. Oder: vielleicht gibt es ja gar keine Kampfradler.

Unbestritten ist die Königsdisziplin des Kampfradlers das Befahren des Gehweges. Und unbestritten ist es gegenüber Fußgängern sehr unfreundlich, den Weg durch die Menschenmassen freizuklingeln und renitente Passanten gleich zu beschimpfen. Nur ist es ziemlich sicher, dass die meisten Radfahrer diese Aggressivität überhaupt nicht im Sinn haben. Die meisten Radfahrer dürften eben gelernt haben, wie tödlich die Fahrbahn doch angeblich ist und aus reinem Selbstschutz auf dem Gehweg unterwegs sein. Das macht es nicht unbedingt besser, doch handelt es sich auch beim Klingeln nicht direkt um eine Aufforderung zum Duell, sondern eher um den Versuch, einen Fußgänger zu überholen. Natürlich ist die Klingel für diesen Wunsch das falsche Instrument und mehr als unhöflich, aber besseres Verhalten wird dem Radfahrer eben auch nirgendwo gelehrt — stattdessen rückt man ihm jetzt mit Bußgeldern und Verfolgungsjagden auf die Gepäckträger.

Handelt es sich also bei den Radfahrern, die aus lauter Falschinformationen den Gehweg beradeln, tatsächlich um Kampfradler? Und ist die Oma aus der Nachbarschaft, die sich torkelradeln auf dem Gehweg zum Supermarkt bewegt, eine Kampfradlerin? Vermutlich eher nicht.

Als Kampfradler gelten sie durch die Windschutzscheibe trotzdem, auf der Fahrbahn will man sie aber auch nicht haben und wenn sie neben dem nicht-benutzungspflichtigen Radweg unterwegs sind, handelt es sich ohnehin um die schlimmsten Kampfradler überhaupt.

Auch das Fahren auf einem linksseitigen Radweg, das in den meisten Fällen zum Glück weder erlaubt noch vorgeschrieben ist, dürfte eher aus fehlender Information praktiziert werden als aus Lust am Kampf auf dem Fahrrad.

Und dass Fußgängerüberwege für Fahrradfahrer eben keinen Vorrang bevorraten, weiß man auch nur nach selbstständigem Studium der Straßenverkehrs-Ordnung, denn das lernt man weder in der Fahrschule noch im Verkehrsunterricht. Und gerade bezüglich der Fußgängerüberwege sind die Gestaltungen so mannigfaltig und so kompliziert, dass es teilweise ohne Ausbildung schwerfällt, die Fragen nach Vorfahrt und Vorrang korrekt zu beantworten. Da gibt es Fahrradfurten neben Fußgängerüberwegen, auf denen Radfahrer kraft der Straßenführung trotzdem Vorfahrt haben, drei Kreuzungen weiter verlaufen beide Wege ebenfalls parallel, doch hat der Radfahrer dort plötzlich keine Vorfahrt. Dann wird mal der Radweg unzulässigerweise direkt über den Überweg geführt und mal dürfen Radfahrer den Überweg benutzen und mal nicht und überhaupt blickt kaum noch jemand durch. Das Unwissen manifestiert sich insbesondere in der Fehlinformationen, dass Radfahrer einen Fußgängerüberweg überhaupt nicht befahren dürften — das eben aber ist falsch, sie genießen dort lediglich keinen Vorrang. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass Radfahrer in vielen Situationen ohnehin Vorfahrt vor den anderen Fahrzeugen hätten.

Trotzdem gilt jeder Radfahrer auf dem Fußgängerüberweg als Kampfradler. Mitunter womöglich zurecht, doch auch dort dominiert eben das Unwissen über die tatsächliche Regelung bezüglich des Zebrastreifens. Radfahrer werden hierzulande wie beräderte Fußgänger behandelt, mit Fußgängern zusammen auf so genannte gemeinsame Fuß- und Radwege gescheucht, da liegt es eben nahe, auch die Überwege mitzubenutzen. Aus bloßer Kampfradlerei geschieht das wahrscheinlich nicht.

Bleiben noch die roten Ampeln, die vor ein paar Tagen bereits beschrieben wurden. Obwohl jeder von einem Radfahrer zu berichten weiß, der ihn einmal trotz grüner Ampel zu einer Vollbremsung gezwungen hat, fahren nur die allerwenigsten Radfahrer bei rotem Licht in den Querverkehr ein. Die meisten Rotlichtsünder haben schlichtweg erkannt, dass die Fußgängerampel viel früher als die Fahrbahnampel auf Rot schaltet und Radfahrer warten müssen, obwohl sie locker noch mehrfach die Kreuzung überqueren konnten.

Womöglich ließen sich solche Radfahrer tatsächlich als Kampfradler titulieren. Im Sinn haben die Diskussionsteilnehmer bezüglich dieses Begriffes leider deutlich harmlosere Feindbilder. Und über kurz oder lang wird diese Diskussion nur dazu führen, dass das Radfahren wieder einmal als eine ganz gefährliche Tätigkeit gilt — dabei hatte sie dieses anhaftende Image gerade in den letzten Monaten im Fahrrad-Boom endlich abgelegt.

Wie sich die GdP mit Kampfradlern blamiert

Mit Hetze gegen die so genannten Kampfradler kann man im Moment eigentlich nichts verkehrt machen. Die GdP, die sich schon mit einer bemerkenswerten Pressemitteilung dem Spott preisgab, hat es noch einmal mit Karacho in die Medien geschafft: Polizeigewerkschaft droht „Kampfradlern“

Der Bundesverkehrsminister nennt es Verrohung, die Polizeigewerkschaft fordert härtere Strafen bei Verkehrsdelikten mit dem Rad. Wie sinnvoll ist dieses Vorgehen gegen Fahrradsünder?

Der Artikel ist schon beinahe total großartig. Da wird in einem Absatz die Forderung nach Fahrradkennzeichen, die auch hier schon einmal Thema war, abgefertigt, im nächsten geht’s gleich um die offenkundige Unwissenheit der GdP über § 2 Abs. 4 StVO. Dieses Mal werden sogar die Kosten dafür beziffert, 800 Millionen Euro soll der Spaß kosten und gleichzeitig sagt die Unfallforschung der Versicherer: Kennzeichenpflicht für Radfahrer hat keinen Nutzen.

Es ist zwar richtig, dass es durchaus viele benutzungspflichtige Radwege gibt, doch tragen die meisten ihr blaues Schild nicht zu Recht: eine gewisse Gefährdungssituation auf der Fahrbahn lässt sich womöglich nicht abstreiten, doch genügen die meisten Radwege, unter anderem auch die benutzungspflichtigen, nicht einmal ansatzweise den Vorschriften. Was in den Verwaltungsvorschriften und in den diversen ERA-Spezifikationen als Mindestmaß genannt wird, ist in der Realität häufig noch nicht einmal die breiteste Stelle des Radweges. Gleichzeitig strebt die momentane Rechtsprechung in die Richtung, die Benutzungspflicht geradezu aus der Straßenverkehrs-Ordnung zu tilgen oder wenigstens auf Ausnahmen zu beschränken, während momentan reihenweise die blauen Schilder an deutschen Radwegen fallen. Insofern ist die GdP wirklich eine sehr witzige Gewerkschaft:

Das Ansinnen der GdP, Fahrradfahrer, die auf der Straße fahren, mit Bußgeldern zu bestrafen, löst Heiterkeit bei Experten aus. Seit 1997 sind Radwege auf Gehwegen nur noch in Ausnahmefällen benutzungspflichtig – wenn sie durch das blaue Fahrradzeichen gekennzeichnet sind.

Auf der zweiten Seite geht es noch um Unfallursachen und Promillegrenzen. Interessant sind auch wieder die Kommentare, in denen sich Auto- und Fahrradfahrer die Köpfe einschlagen, wie es die Tradition verlangt.

Die Meldung wird auch noch in anderen Medien verarbeitet:

UDV: Kennzeichenpflicht für Radfahrer hat keinen Nutzen

Die Politik und insbesondere die Autofahrer fordern innerhalb der Kampfradler-Diskussion regelmäßig die Einführung von Fahrradkennzeichen. Die Unfallforschung der Versicherer sagt nun: Kennzeichenpflicht für Radfahrer hat keinen Nutzen

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hält nichts von einer Erhöhung der Bußgelder für Regelverstöße von Radfahrern und einer Kennzeichenpflicht.

Warum das Fahrradkennzeichen der Tod des Radverkehrs ist

Der Witz, dass man an der Art der Argumentation eines Menschen erkennen kann, ob und wie oft er sich aufs Fahrrad setzt, ist mittlerweile schon etwas abgedroschen, man darf aber davon ausgehen, dass Richard Herzinger, promovierter Literaturwissenschaftler und politischer Korrespondent, die Welt (in diesem Falle die reale Welt, nicht seine arbeitgebende Zeitung) eher durch die Windschutzscheibe wahrnimmt und quer durch das Glas eine ganze Menge an Informationen verloren geht.

Immerhin: er ist nicht für eine Helmpflicht für Radfahrer — das macht ihn schon einmal sympathisch. Die Sympathie verspielt er allerdings schon im nächsten Satz, wo er eine Kennzeichnungspflicht fordert und es damit immerhin in die Online-Ausgabe der Welt geschafft hat:

(…) Angesichts der Rücksichtslosigkeit, mit der zahllose Radfahrer nach Belieben und von staatlichen oder kommunalen Ordnungsinstanzen weitestgehend ungehindert über Bürgersteige und sämtlich andere Arten von Gehwegen fetzen oder schlingern, und insgesamt die Straßenverkehrordnung aggressiv missachten (wobei sie sich stets in einem höheren Recht der ökologischen und gesundheitspolitischen Korrektheit wähnen), würde eine obligatorische Behelmung allenfalls dazu führen, dass sich diese notorischen Zweiradrowdys nun auch noch zusätzlich gepanzert und damit in ihrem asozialen Desperadotum umso mehr bestärkt fühlen würden. (…)

Es ist ja überhaupt schon fraglich, ob man auf die Argumente einer solch geschwungenen Feder überhaupt eingehen sollte — aber man kann es ja mal versuchen, denn vermutlich ist ein Fahrradkennzeichen noch größerer Unsinn als die inzwischen weitesgehend entlarvte Helmpflicht.

Man kann sich zunächst an den üblichen Argumenten abarbeiten und mit dem Finger auf die anderen Verkehrsteilnehmer zeigen, die auch böse sind. Da wären zum Beispiel die Autofahrer, die trotz Kennzeichen auf der Autobahn drängeln und rechts überholen, sofern sie denn in der Lage sind, vernünftig und ohne Gefährdung auf die Autobahn aufzufahren. Wenn als zweiter Verkehrsteilnehmer ein Radfahrer auftaucht, wird mitunter die Vorfahrt genommen, beim Überholen kein ausreichender Abstand eingehalten oder der Radweg beparkt. Und der Klassiker schlechthin ist die Ampel, die gerade von grün auf gelb schaltet und bei beinahe jedem Autofahrer noch einmal den Gasfuß provoziert — alles trotz Kennzeichen. Und dann sind da die Fußgänger, die auf Radwegen herumlaufen, unachtsam auf den Radweg treten, eine Hundeleine quer über ebenjenen Radweg spannen oder ihre Mülltonnen dort abstellen. Aber es gibt auch leider die Radfahrer, die sich gefährdend verhalten — mehr dazu später.

Es ist nicht ganz klar, wie viele Fahrräder es in Deutschland gibt und wie viele davon fahrbereit sind und auch regelmäßig genutzt werden — das liegt natürlich auch daran, dass es eben kein Kennzeichen und keine entsprechende Datenbank gibt, die alle Räder erfasst. Und obwohl der typische Deutsche die meisten Wege mit dem Auto zurücklegt, stehen in der Bundesrepublik vermutlich etwa 70 bis 80 Millionen Fahrräder. Das ist eine ganze Menge, die sich im Behördendschungel nicht mal eben so mitverwalten lässt. So leicht die Forderung für Fahrradkennzeichen über die Lippen geht, umso schwerer dürfte die eigentliche Umsetzung sein, die zusätzlich noch mit unvorstellbaren Kosten begleitet wird — womöglich kommt man spätestens dann auf die Idee einer Fahrradsteuer.

Das muss nun kein Hindernis sein, denn andere Projekte, etwa die LKW-Maut, waren von ähnlicher Dimension und funktionieren nach einer längeren Erprobungsphase recht ordentlich. Nun ist nur noch fraglich, was denn passiert, wenn alle 70 bis 80 Millionen Fahrräder mit einem Kennzeichen versehen wurden?

Auf längere Zeit vermutlich nichts, außer dass die Anzahl der Radfahrer mehr oder weniger rapide abnimmt.

Den zurückgehenden Radverkehr feiern die Befürworter der Kennzeichen zwar als großen Erfolg, denn schließlich würden damit alle Problem- und Kampfradler aussortiert, aber vermutlich würden eher harmlose Alltagsradler auf das Rad verzichten. Wenn ein Radfahrer auf dem Gehweg fährt, auf dem Fußgängerüberweg die Autofahrer zur Gefahrbremsung zwingt oder auf dem linken Radweg unterwegs ist, so passiert das selten aus Boshaftigkeit, sondern in der Regel aus stumpfer Unwissenheit. Radfahrer sind nämlich, ganz vereinfacht behauptet, ziemlich doof.

Das liegt nicht etwa daran, dass Radfahrer nur aus jenen Gesellschaftsschichten stammen, die es wegen mangelnder Bildung nicht zu einem gutbezahlten Job mit einem Auto geschafft haben, sondern dass in Deutschland, wie schon häufiger erwähnt, kein vernünftiger Fahrradunterricht stattfindet. Heutzutage lernt man das Radfahren in jungen Jahren von den Eltern und fährt erst einmal, wie es die Eltern vormachen. Dann folgt meistens in der vierten Klasse der Grundschule eine Art von Fahrradunterricht, in der die Kinder etwa die motorische Beherrschung ihres Fahrzeuges und das Linksabbiegen lernen. Mit sehr viel Glück besucht ein Polizeibeamter später die Kinder auf den weiterführenden Schulen, wo dann die Gefahren des Straßenverkehrs noch einmal aufgegriffen werden. Leider fallen auch dort solch verhängnisvollen Ratschläge wie der berühmte Tipp, niemals und auf gar keinen Fall auf der Fahrbahn zu radeln und bei Straßen ohne Radweg unbedingt den Gehweg zu befahren. Meistens folgt dann zwischen 16 und 18 Jahren die Fahrschule, die aber die Straßenverkehrsordnung aber auch nur soweit wie nötig abdeckt und den für Radfahrer interessanten Bereich in der Regel ausspart.

So trägt es sich dann zu, dass ein Großteil der Verkehrsteilnehmer noch nicht einmal die einzelnen Straßenteile korrekt zu benennen weiß und sich ebenso im Unklaren ist, bei welcher Beschilderung und welchen vorhandenen Straßenteilen er denn wo fahren muss. So ist es nicht nur weitesgehend unbekannt, dass linke Radwege grundsätzlich nicht befahren werden dürfen und der Fußgängerüberweg seinen Namen tatsächlich zu recht trägt, von den berühmten blauen Verkehrszeichen mit den einhergehenden Benutzungspflichten ganz zu schweigen. Eine zweite Komponente ist das trügerische Sicherheitsgefühl, das von den widersprüchlichen Meinungen von Presse, Behörden und Polizeibeamten genährt wird, weswegen Radfahrer lieber auf dem Gehweg als auf der Fahrbahn fahren, obwohl das Unfallrisiko auf jenem Gehweg mehrfach höher sein dürfte. An stark befahrenen Straßen schickt mitunter auch die Polizei die Radfahrer auf den Gehweg im Glauben, dass sie zwischen all den Fußgängern besser aufgehoben seien.

Und die Behörden füllen ihre Rolle in dem ganzen Zirkus bestens aus, indem sie stellenweise rätselhafte Beschilderungen aufstellen, nach denen man sich als Radfahrer plötzlich auf der linken Straßenseite oder auf einem Gehweg wiederfindet. Natürlich ist es dem normalen Verkehrsteilnehmer auch relativ schwierig zu erklären, warum er mit einem Fahrrad zunächst die Wahl zwischen Fahrbahn und Anderem Radweg hat, hundert Meter später der Radweg endet und ein Zeichen 240 zum Befahren des Gehweges auffordert und weitere hundert Meter später wieder auf die Fahrbahn gewechselt werden muss, obwohl der Gehweg noch genauso aussieht wie zuvor und auch das Verkehrsaufkommen nicht wesentlich gesunken ist. Im Zweifelsfall wird der normale Radfahrer eben weiterhin auf dem Gehweg radeln — schließlich hat er womöglich erst ein paar Tage vorher in der Zeitung gelesen, wie sicher er dort mit seinem Rad doch aufgehoben wäre. Und so fahren nunmal Radfahrer im Zweifel lieber auf dem Gehweg — nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil sie es nicht besser wissen und im festen Glauben daran, dort sicherer als auf der Fahrbahn zu radeln. Zugegeben ist das Verhältnis zwischen Fußgängern und Radfahrern unter anderem auch angespannt, wenn Radfahrer nach einmaligem Klingeln den Fußgänger beinahe über den Haufen fahren, sofern er nicht schnell genug sublimiert.

Nun ist es kein großes Geheimnis, dass Autofahrer in der Regel mit ebenso wenig Regelkenntnis ausgestattet sind, zumal ein Teil der Autofahrer so gut wie nie im Sattel sitzt. Das Verhalten jener Autofahrer ist hinreichend lästig, sobald mit unzureichendem Sicherheitsabstand überholt wird oder gar der Außenspiegel unter dem Ellenbogen durchflitzt. Es wird aber umso gefährlicher, sobald Autofahrer vermeintliches Fehlverhalten erkennt, was aufgrund mangelnder Kenntnis der Verkehrsregeln relativ häufig geschieht, und anschließend zur Selbstjustiz tendiert, wenn der Radfahrer beim Überholen absichtlich geschnitten oder ihm beim legalen Befahren einer Einbahnstraße entgegen der Fahrtrichtung der Weg versperrt wird. Es gibt sogar relativ viele Straßen ohne Radwege, in denen man als Fahrradfahrer auf der Fahrbahn sofort erzieherisch bedrängt und behupt wird, weil Autofahrer davon ausgehen, dass hier der Gehweg befahren werden müsste — schließlich machen das alle anderen Radfahrer ja auch und vermutlich würde der Autofahrer auch ganz automatisch mit seinem Rad dort landen. Wer als Radfahrer schon einmal versucht hat, eine solche Nötigung bei der Polizei zur Anzeige zu bringen, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit direkt auf der Wache von seinem Vorhaben abgebracht — es war ja nur ein Fahrrad und außerdem ist ja nichts passiert. Selbst bei Vorfahrtsverstößen mit Feindberührung zeigt sich die Ordnungsmacht überraschend desinteressiert, sofern denn Fahrrad oder Radfahrer nicht wenigstens von ein paar kapitalen Schrammen gezeichnet sind oder der Autofahrer Unfallflucht beging. Dann gibt es natürlich immer wieder belustigende Situationen, wenn ein Autofahrer seinen Wagen auf dem Radweg abstellt und beim Aussteigen dem Radfahrer auf der Fahrbahn hinterherruft, dass es ja auch einen Radweg gäbe. Oder umgekehrt der Radfahrer auf den Gehweg ausweicht, um sich dort mit Fußgängern anzulegen.

Es braucht dementsprechend wenig Fantasie sich vorzustellen, dass die deutschen Polizeiwachen in den Wochen nach der Einführung eines Fahrradkennzeichens einen regelrechten Ansturm wütender Verkehrsteilnehmer erleben werden. Da werden Fußgänger stehen, die während ihres Spazierganges gleich zehn Radfahrer aufgeschrieben haben, die aus den oben genannten Gründen den Gehweg befuhren und Autofahrer, die gleich dutzende Radfahrer zur Rechenschaft ziehen wollen, die vollkommen legal auf der Fahrbahn oder gegen eine Einbahnstraße fuhren. Es mangelt bei fast allen Verkehrsteilnehmern an Regelkenntnis und die Polizei wäre hoffnungslos überlastet. Außer, ja, außer man wehrt einen Großteil der Begehrlichkeiten mit ebenjener Ignoranz ab, mit der man sich schon heute durch Überlastung von genötigten Radfahrern schützt — aber dann hätte man ja kein Fahrradkennzeichen einführen brauchen.

Und wenn sich dann doch einmal eine Anzeige in den Briefkasten eines Radfahrers verirrt, so wird mit großer Wahrscheinlichkeit eher eine harmlose Radfahrerin treffen, die aus den nun schon ausreichend dargelegten Gründen der vermeintlichen Sicherheit den Gehweg befuhr als den tatsächlichen Fahrrad-Rowdy, der rücksichtslos durch die Fußgängerzone preschte oder bei rot über die Ampel. Im Endeffekt bleibt das Fahrradkennzeichen allenfalls eine weitere, effektive Möglichkeit, um den Radverkehrsanteil weiter zu senken. Der ständige Krieg zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern wird besonders beim Hassobjekt des Zweiradfahrers davon sorgen, über längere Zeit jeden nicht allzu resistenten Radfahrer auszusortieren.

Übrigens: gerne wird als Paradebeispiel für ein funktionierendes Fahrradkennzeichen die Velo-Vignette aus der Schweiz hervorgeholt. Die Vignette ist allerdings im Gegensatz zu dem hier geplanten Kennzeichen ein Versicherungskennzeichen und überdies nur aus nächster Nähe ablesbar, also vollkommen ungeeignet, um potenzielle Gehwegradler oder Rotlichtsünder zu identifizieren. Und als wäre das für die kennzeichenfreundliche Argumentation nicht schlimm genug, wird sie voraussichtlich abgeschafft.