Jetzt nur noch den Helm richtig aufsetzen

Noch etwas ist neu zu Beginn der Fahrradsaison 2014: Die großen Nachrichtenseiten befragen nicht mehr den ADAC oder die örtliche Polizeidienststelle, wie das denn mit den Verkehrsregeln für Radfahrer funktioniert, sondern neuerdings Leute, die sich auch wirklich damit auskennen. WAZ.de erklärt Zehn Fahrrad-Irrtümer:

Das Miteinander von Fußgängern, Autos und Fahrrädern im Straßenverkehr ist voller Missverständnisse. Darf der Fiffi an der Leine mitlaufen? Darf ich auf dem Rad telefonieren? Oder nebeneinander radeln? Hier sind die Antworten.

Da wird es ja langsam schwer, grobe Schnitzer zu finden. Eigentlich bleibt nur noch zu bemängeln, dass der Junge auf dem Bild auf der zweiten Seite seinen Helm mal etwas weiter ins Gesicht ziehen könnte. So locker eingestellt könnte er ihn auch am Lenker baumeln lassen, da käme der Junge wenigstens nicht so sehr ins Schwitzen.

Sieben Städte auf zwei Rädern

Auf Zukunft Mobilität gibt’s die Übersetzung eines sehr lesenswerten Beitrags: Auf der Suche nach der fahrradfreundlichsten Stadt: Eine Reise durch sieben Städte auf zwei Rädern

Sind die Gesundheitsvorteile, die man durch das Fahrrad fahren wortwörtlich erfährt, das Risiko eines Unfalls wert? Lesley Evans Ogden hat auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage sieben Städte auf zwei Rädern erkundet.

Ein kurzer Spoiler sei erlaubt: Deutsche Städte fallen natürlich nicht in die Auswahl einer fahrradfreundlichen Stadt.

Fahrradsaison-Presseberichte bleiben Sorgenkinder

Das morgenweb aus der Rhein-Neckar-Region titelt: Radfahrer bleiben Sorgenkinder

Da stimmt irgendwas nicht. Der Artikel leitet mit der Beschreibung eines Unfalls ein, bei dem ein Radfahrer von einem unaufmerksam abbiegenden Lastkraftwagen leicht verletzt wurde. Dann kommt ein bisschen später die Polizei zu Wort, die bemängelt, dass Radfahrer im komplexen Verkehrsgeschehen aufgrund nicht getragener Warnwesten und fehlendem Tagfahrlicht übersehen werden.

Man könnte jetzt wieder die obligatorische Radverkehrspolitik-Frage stellen: Wer erklärt das dann dem Kraftverkehr? Wie sehr sind denn Kraftfahrer mit dem heutigen Straßenverhältnissen überfordert, dass sie selbst bei Tageslicht Radfahrer nur mit Warnwesten und Tagfahrlicht wahrnehmen? Und auch wenn es im Sinne der Unfallvermeidung erst einmal seine Berechtigung haben mag, Warnwesten und Tagfahrlicht zu empfehlen, wer sorgt denn bitte von der anderen Seite dafür, dass Radfahrer ohne diese Utensilien nicht gleich umgefahren werden?

Weiter unten heißt es dann recht schwammig:

In 60 Prozent der Unfälle sei der Radler mitverantwortlich, die häufigste Unfallursache sei, dass der Radler die Straße falsch nutze, etwa in falscher Richtung auf der Fahrbahn unterwegs sei. Die Ampel zu ignorieren und alkoholisiert aufs Rad zu steigen, waren bei mehr als einem Drittel der Unfälle Faktoren.

„Mitverantwortlich“ ist ja eine recht dehnbare Schuldzuweisung, da wüsste man doch gerne, was das genau bedeutet. „Mitverantwortlich“ soll wohl sein, wer eine Ampel ignoriert oder alkoholisiert unterwegs ist — dass bemerkenswert viele Radfahrer auf der falschen Fahrbahnseite fahren mag man hingegen nicht glauben, hier ist wohl eher die falsche Straßenseite gemeint, die ja von einigen Radfahrern tatsächlich heiß und innig geliebt wird.

„Mitverantwortlich“ wäre dementsprechend aber immer noch abzugrenzen von „mitschuldig“, denn, das zeigt ja auch die Rechtsprechung der letzten Jahre, nur weil er auf der falschen Straßenseite pedaliert, verliert der Radfahrer nicht automatisch seine Vorfahrt. Offenbar gibt es aber eine deutliche Diskrepanz zwischen den in der Polizeipresse veröffentlichten und tatsächlich vorgefallenen Unfällen, denn wenigstens in der Polizeipresse werden Radfahrer andauernd „übersehen“, von missachteten Rotlichtern oder Alkoholkonsum ist überraschend selten die Rede.

Jedenfalls nahm die Polizei diese Zahlen zum Anlass, zu Beginn der so genannten Fahrradsaison wieder einmal Kontrollen durchzuführen. Auch da fällt wieder auf, das gilt exemplarisch für den Rest der bundesweiten Radwege, dass das Befahren der falschen Straßenseite einerseits als relativ gefährlich dargestellt wird, was meistens auch zutrifft, andererseits aber je nach Laune der Straßenverkehrsbehörde beinahe flächendeckend so angeordnet wird. Einem Verkehrsteilnehmer zu erklären, warum er dort den linksseitigen Radweg benutzen muss, da hinten den linksseitigen Radweg benutzen darf, hier aber auf der rechten Seite fahren muss, das ist bestimmt nicht einfach; da helfen auch keine fünf Euro schweren Verwarnungen.

Der Artikel schließt mit dem Satz:

Einen Helm trugen 66 der 309 verunglückten Radfahrer – also immerhin jeder Fünfte.

Den Zahlen nach ergibt sich eine Tragequote von 21,4 Prozent — das ist ja fast doppelt so hoch wie im bundesweiten Durchschnitt. Verdächtigerweise liegt Heidelberg in Baden-Württemberg, da gibt’s nun zwei Erklärungsmöglichkeiten: Entweder ist in Baden-Württemberg die Tragequote allgemein deutlich höher als in den übrigen Bundesländern, vielleicht aufgrund des erklärten Fahrradhelm-Fans im Landesverkehrsministerium, oder in Baden-Württemberg ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm in einen Unfall verwickelt zu werden, besonders hoch.

Fahrradsaison, beginnende

Die Geislinger Zeitung schreibt: Experten empfehlen Kopfschutz beim Radeln

Es handelt sich dabei offensichtlich um einen dieser Artikel, die angesichts der überraschend beginnenden Fahrradsaison veröffentlicht wurden:

Das schöne Wetter lockt schon wieder viele Radler an die frische Luft. Die alte Frage bleibt: mit Helm oder ohne? Wir haben uns bei Experten umgehört: Sie befürworten das Tragen eines Helms.

Dieser Artikel soll an dieser Stelle stellvertretend für alle anderen Fahrradhelm-Artikel dienen, die in diesen Tagen durchs Netz rauschen und das Tragen des Fahrradhelmes propagieren, ohne, ja, ohne was denn eigentlich?

Es fehlt so eine Art Gegenmeinung. Klar, da gibt es den ADFC, der mal mehr und mal weniger stark das Tragen eines Fahrradhelmes empfiehlt, gleichzeitig auch darauf hinweist, dass bei einer Helmpflicht vermutlich viele Radfahrer hinter das Steuerrad abwanderten, aber das war es auch schon aus dieser Richtung. Andersherum können Mediziner ausführlich darlegen, welche furchtbaren und entsetzlichen Verletzungen — und das soll jetzt gar nicht so ironisch verstanden werden, wie es beim ersten Lesen klingt — unbehelmte Radfahrer bei einem Unfall erleiden mussten. Gemeinhin wird allerdings auch von der Fachwelt angenommen, dass Mediziner bei ihrer Diagnose der Erfolgschance eines Fahrradhelms meistens den Unfallhergang ausblenden und so unabsichtlich wichtige Informationen in ihrer Einschätzung unterschlagen: Bei bestimmten Unfallkonstellationen, etwa mit Beteiligung eines Lastkraftwagens, kann der Helm physikalisch bedingt nur noch recht wenig ausrichten.

Diese Details unterbleiben leider genauso wie Maßnahmen, die Sicherheit auf dem Rad tatsächlich zu erhöhen, beispielsweise mit entsprechenden baulichen Veränderungen der häufig vollkommen verlotterten Radverkehrsinfrastruktur.

Es wäre sicher falsch, das jetzt alles unter „halb so wild“ abzulegen, aber so gefährlich, wie diese Artikel es immer wieder suggerieren wollen, ist das Radfahren eigentlich nicht. Auch im Auto oder als Fußgänger ist man im Straßenverkehr einer mehr oder weniger großen Gefahr ausgesetzt — das wird allerdings nicht wöchentlich so prominent in der Presse erwähnt, so dass vermutlich niemand auf die Idee kommt, das Unfallrisiko könne beim Autofahren noch höher sein als auf dem Rad.

Aachener Polizei bekämpft schwere Fahrradunfälle

Zum Start der Fahrradsaison sorgt die Aachener Polizei für mehr Sicherheit im Straßenverkehr: Bilanz der Kontrollen der Aachener Polizei zur Bekämpfung der Verkehrsunfälle mit Radfahrern und Fußgängern

Die Beamten führten während ihrer Kontrolle erzieherische Gespräche mit den Verkehrsteilnehmern, vor allem mit Radfahrer, die auf Gehwegen unterwegs waren, falsch abbogen oder keinen Fahrradhelm trugen, der zwar nicht vorgeschrieben ist, aber schwere Verletzungen verhindern könne. Mit einigen Kraftfahrzeugführern wurden offenbar ebenfalls Gespräche geführt. Ob der fehlende Schulterblick beim Abbiegen, der in der Fahrgastzelle nur äußerst ungern praktiziert wird, ebenfalls Gegenstand der erzieherischen Maßnahme war, ist leider nicht überliefert.

Melonen- und Glasschädeltests sind out: Hier kommt der Eierhelm

Man sollte ja meinen, dass nach diesen lustigen Melonentests oder wenigstens nach diesem behelmten Glasschädel alles Unsinnige zu Boden geworfen wurde, was sich irgendwie zu Boden werfen lässt.

Der mucradblogger ringt sichtbar um Fassung beim Versuch, seinen neusten Fund aus dem Netz zu beschreiben: Verkehrswacht verkauft “Eierhelm”

Die Abteilung “Helmpropaganda” meldet einen neuen Höhepunkt der Versachlichung der leidigen Helmdiskussion.

Gesehen im Webshop der “deutschen Verkehrswacht”:

Der original Eierhelm!

Sehr konsequent: Helmpflicht am Kemnader See im Gespräch

Der Kemnader See in direkter Nachbarschaft Bochums wird nicht nur am Wochenende stark frequentiert. Dort tummeln sich unter anderem Radfahrer, Fußgänger und Inline-Skater auf einem Rundkurs um den See, mittlerweile zum Teil auf drei voneinander getrennten Wegen, teilweise aber, insbesondere dort, wo der Platz knapp ist, gemeinsam auf beendeten Verhältnissen.

Das mit der Trennung der drei Fortbewegungsarten klappt natürlich nur so mittelgut, denn die Radfahrer wollen manchmal viel lieber auf dem Gehweg fahren, weil da die Aussicht besser ist und die Inline-Skater auf dem Radweg, weil da der Boden besser ist und die Fußgänger gehen mal hier und mal da und mal dort.

Nach einem Unfall zwischen einer Radfahrerin und einer Inline-Skaterin ist nun eine Helmpflicht für beide Fortbewegungsarten im Gespräch, weil nämlich beide Unfallopfer keinen Sturzhelm trugen. Und nicht nur das: Offenbar ereignete sich der Unfall, obwohl just an dieser Stelle ein Schild zu gegenseitiger Rücksichtnahme aufrief.

Nein, es brach nicht die obligatorische und bundesweit geführte Helmpflicht-Debatte los, aber weil es sich bei der Freizeit-Strecke um den See um Privatgrund handelt, malt sich Wilfried Perner, Geschäftsführer des Freizeitzentrums Kemnade, gute Chancen aus, eine lokal begrenzte Helmpflicht etablieren zu können: Wegen Unfallgefahr – Freizeitzentrum Kemnade erwägt Helmpflicht für Skater und Radler

Nach einem Unfall zwischen einer Inlineskaterin und einer Fahrradfahrerin wird im Freizeitzentrum Kemnade über eine Neuregelung nachgedacht: Eine Helmpflicht soll eingeführt werden. Ob das rechtlich jedoch überhaupt möglich ist, muss zunächst noch geprüft werden.

Besonders wichtig ist der letzte Satz: Nichts genaues weiß man nicht. Das weiß auch der Geschäftsführer des Freizeitzentrums:

„Rein rechtlich müsste das Einführen der Helmpflicht auf dem Gelände doch möglich sein,“ so Perner zu unserer Zeitung. Allein bleibt ein Problem: Wer soll die Kontrolle übernehmen? „Wir lassen aber in jedem Fall prüfen, ob wir das machen dürfen.“

Natürlich kann man sowas machen. Er könnte in seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die Besucher beim Betreten des Geländes akzeptieren müssen, einen entsprechenden Passus aufnehmen. Renitente Besucher könnten bei Zuwiderhandlungen des Geländes verwiesen werden. Irgendwelche Bußgelder oder Vertragsstrafen einzufordern dürfte allerdings komplizierter werden. Interessant ist allerdings, dass offenbar tatsächlich nur dieser einzige Unfall die Diskussionsgrundlage für die Helmpflicht-Diskussion bildet. Ob sich auf dem Freizeitgelände in der Vergangenheit mehrere Unfälle ereigneten, geht zumindest aus den Presseberichten nicht hervor.

Und auch, wenn die Argumentation mit dem Fußgängerhelm immer so furchtbar blöde daherkommt und meistens keine Diskussion über Helmpflichten so richtig voranbringt: Ist dort auf dem Freizeitkurs tatsächlich eine latente Unfallgefahr allgegenwärtig, so wären auch Fußgänger davon betroffen, obschon sie eigentlich gar kein in ihrer Fortbewegungsart begründetes höheres Risiko eingehen. Will man eine Helmpflicht einführen, weil es bei Radfahrern und Inline-Skatern so gefährlich wäre und sie dauernd miteinander zusammenstießen, müsste man ja auch Fußgänger vor Kopfverletzungen schützen, die sich schließlich an vielen Stellen mitten zwischen Radfahrern und Inline-Skatern bewegen, wo sich die Gäste gegenseitig über den Haufen fahren lassen könnten. Das ist ja, wenn man den Ausführungen der Presse glauben will, auf dem so genannten „Hochgeschwindigkeitskurs“ rund um den Kemnader See noch eine andere Hausnummer als die Teilnahme am relativ geordneten Straßenverkehr.

Radfahren in Baden-Württemberg: Lieber oben ohne?

Statistiken sind so eine Sache. Mit etwas Geschick kann man locker herumargumentieren, wie es gerade passt und wenn es morgen nicht mehr passt, dreht man die Statistik einfach um. So leicht kann’s gehen. Winfried Hermann, Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg und erklärter Fan von Fahrradhelmen und Fahrradhelmpflichten, wird wohl ein bisschen gestaunt haben angesichts der Unfallbilanz, die sein Kollege Reinhold Gall aus dem Innenministerium vorlegte: Unfallbilanz 2013: Weniger Verkehrstote und Verletzte – Innenminister Reinhold Gall: „Leider mehr Radfahrer ohne Helm auf den Straßen ums Leben gekommen“

Dort heißt es:

Auf den Straßen in Baden-Württemberg verunglückten 2013 insgesamt zwar weniger Menschen als im Vorjahr. Aber die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer ist von 44 auf 52 gestiegen – also um mehr als 18 Prozent. „Erschreckend finde ich, dass 70 Prozent der getöteten Fahrradfahrer keinen Helm trugen“, beklagte Innenminister Reinhold Gall bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz für 2013 am Freitag, 21. Februar 2014, in Stuttgart.

Es gibt noch ein paar andere Aspekte, die angesichts der Zahlen erschreckend sind. Zum Beispiel, dass vermutlich ein wesentlicher Teil von Kraftfahrzeugen übersehen, Pardon, getötet wurde — das geht zwar aus der Pressemitteilung nicht hervor, wohl aber aus einem groben Überblick über die Unfallberichte aus dem letzten Jahr. Man wird allerdings auch nicht so richtig aus der Aussage des Innenmisters schlau: Offenbar zielt er mit seiner Aussage auf die Wirksamkeit des Fahrradhelmes ab und möchte suggerieren, dass ein wesentlicher Teil der getöteten Radfahrer ihren Unfall mit Kopfschutz überlebt hätte.

Nun beträgt die ungefähre Tragequote des Fahrradhelmes bundesweit insgesamt etwa zehn Prozent. Wenn siebzig Prozent der getöteten Radfahrer keinen Helm trugen, waren also umgekehrt dreißig Prozent der getöteten Radfahrer mit einem Fahrradhelm unterwegs. Dieser Unterschied von immerhin zwanzig Prozentpunkten ist deutlich mehr als eine statistische Ungenauigkeit, das muss etwas zu bedeuten haben. Wenn ein Fahrradhelm tatsächlich lebensrettend eingreift, dürften doch eigentlich nur grob geschätzte fünf Prozent der tödlich verunglückten Radfahrer einen Helm getragen haben, dann wäre immerhin jeder zweite dank seines Kopfschutzes noch am Leben.

Vielleicht ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm tödlich zu verunglücken, deutlich höher als ohne Fahrradhelm; angesichts der so genannten Risikokompensation wäre das eine mögliche Erklärung. So richtig passt das aber auch nicht: Ein Fahrradhelm mag tatsächlich zu einer riskanteren Fahrweise animieren, weil ja genau wie bei einem modernen Kraftfahrzeug mit seinen fünfzig elektronischen Sicherheitsassistenten subjektiv gesehen gar nichts mehr passieren kann. Aber tritt diese riskantere Fahrweise tatsächlich so drastisch hervor, dass über drei bis sechs Mal so viele Radfahrer tödlich verunglücken? Vor allem spielt die Risikokompensation bei dem üblichen Unfall-Klassiker nur eine untergeordnete Rolle: Kein einigermaßen klar denkender Radfahrer fährt vor ein unachtsam abbiegendes Kraftfahrzeug und riskiert einen Unfall, den er mit einem Helm einfacher zu überleben glaubt.

Angesichts dieser Zahlen wird man allerdings auch weiterhin nur spekulativ im Trüben fischen, ohne Details über die eigentlichen Unfallursachen kommt man da zahlenmäßig nicht weiter. Hier greift ja noch nicht einmal die so genannte Dunkelziffer, denn im Gegensatz zu „kleineren“ Unfällen, bei denen die Sache mit einem Pflaster oder einem Verband aus dem Erste-Hilfe-Kasten ohne Gegenwart der Polizei geregelt wird, werden Todesfälle zwangsläufig in der Unfallstatistik registriert.

Das nackte Zahlenmaterial aus der Pressemitteilung hingegen hinterlässt zwangsläufig den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt. Was genau da nicht stimmt, das kann ja Winfried Hermann in seiner Helmstudie untersuchen lassen.

Helm-Urteile: Celle widerspricht Schleswig

Man darf es wohl getrost als Paukenschlag bezeichnen, was da gerade durchs Netz rollt. Das Oberlandesgericht Celle entschied vor einigen Tagen: Keine allgemeine Helmtragepflicht für Fahrradfahrer

Kollidiert ein Radfahrer im öffentlichen Straßenverkehr mit einem anderen, sich verkehrswidrig verhaltenden Verkehrsteilnehmer und erleidet er infolge des Sturzes unfallbedingte Kopfverletzungen, die ein Fahrradhelm verhindert oder gemindert hätte, muss er sich gleichwohl nur in Ausnahmefällen – nämlich wenn er sich als sportlich ambitionierter Fahrer auch außerhalb von Rennsportveranstaltungen besonderen Risiken aussetzt oder infolge seiner persönlichen Disposition, beispielsweise aufgrund von Unerfahrenheit im Umgang mit dem Rad oder den Gefahren des Straßenverkehrs ein gesteigertes Gefährdungspotential besteht – ein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms anrechnen lassen (in Abweichung von: OLG Schleswig, Urteil v. 5. Juni 2013 – 7 U 11/12).

In diesem Fall hatte ein Radfahrer im Sommer 2009 eine Radfahrerin überholen wollen, die aber plötzlich nach links in eine Grundstückseinfahrt abbiegen wollte. Beide Verkehrsteilnehmer kollidierten, der Radfahrer erlitt bei dem Zusammenstoß unter anderem schwere Kopfverletzungen. Der Radfahrer stellte daraufhin eine ganze Reihe zivilrechtlicher Ansprüche, die weit über die Behandlungskosten seiner Verletzungen hinausgehen, unter anderem spielen dort noch Arbeiten an einem Bungalow und eine stornierte Urlaubsreise eine Rolle, die er aufgrund des Unfalls nicht durchführen oder antreten konnte.

Das zunächst in erster Instanz zuständige Landgericht hatte dem klagenden Radfahrer eine Mitschuld von 50 Prozent attestiert, da beide Parteien am Unfall und dessen Auswirkungen gleichermaßen beteiligt gewesen wären. Den Umstand, dass er aber trotz seiner recht sportlichen Fahrweise bei einer Geschwindigkeit von 25 bis 30 Kilometern pro Stunde keinen Sturzhelm trug, vergütete das Landgericht mit zusätzlichen 20 Prozent. Die Argumentation gleicht der aus dem bekannten Schleswiger Urteil vom letzten Sommer: Der Helm hätte die Kopfverletzungen nicht verhindert, wohl aber deutlich gemindert, angesichts der sportlichen Fahrweise läge hier eine Sorgfaltspflichtverletzung vor.

Das Urteil des Landgerichts gefiel dem Kläger nicht und er legte Berufung beim Oberlandesgericht Celle ein. Das wiederum ordnete dem fehlenden Helm einen wesentlich geringeren Stellenwert zu und urteile, die beklagte Radfahrerin hafte vollumfänglich für den entstandenen Schaden.

Das Urteil des Oberlandesgerichts ist unter anderem so interessant, weil es sich explizit am Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts abarbeitet und ihm konkret widerspricht, was die im letzten Sommer entstandene Diskussion über eine so genannte „Helmpflicht durch die Hintertür“ noch einmal befeuern dürfte. Umso spannender wird das für den 17. Juni 2014 angesetzte Urteil des Bundesgerichtshofes, das eine gewisse Klarheit und Einheitlichkeit in die Rechtsprechung bringen soll.

Eine ausführliche Besprechung des Urteils des Oberlandesgerichts Celle folgt in den nächsten Tagen.

Baden-Württemberg sucht eine Helmstudie

Im Netz geistert gerade diese Ausschreibung herum: Erstellung eines Gutachtens mit dem Titel: „SICHERHEITSPOTENTIALE DURCH FAHRRADHELME“ Einordnung der Bedeutung des Fahrradhelmes bei den Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit und Instrumente zur Erhöhung der Helmtragequote“

Wenn man sich die Ausschreibung durchliest, klingt das aber nicht unbedingt nach einem neutral formulierten Ziel für eine Studie. Einerseits soll die Bedeutung des Fahrradhelmes eingeordnet werden und die korrespondierende und immer sehr emotional geführte Diskussion versachlicht werden, andererseits tauchen dort ständig verschiedene Ansätze zur Erhöhung einer Tragequote auf. Mal sehen, was daraus wird — Mitte 2015 wissen wir mehr.