Peter Ramsauer liebäugelt schon wieder

Der Sommer ist seit einem Monat vorbei, das Sommerloch noch lange nicht: Ramsauer liebäugelt mit Helmpflicht für Radfahrer

(…) Der Erfolg des Fahrrades bringt auch eine Menge Probleme: Die Zahl der Unfälle mit schweren oder gar tödlichen Verletzungen ist weiterhin alarmierend hoch. Für Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist das nicht hinnehmbar – und er weiß auch genau, wessen Aufgabe es ist, für Abhilfe zu sorgen. Die Radfahrer sollen sie von sich aus mit Helm fahren – oder die Bundesregierung macht den Kopfschutz zur Pflicht. „Wenn sich die Helmtragequote von neun Prozent nicht signifikant auf weit über 50 Prozent erhöht in den kommenden Jahren, dann muss man fast zu einer Helmpflicht kommen“, sagte Ramsauer am Dienstag in Berlin. (…)

Soweit nichts neues. Besorgniserregend geht’s weiter:

(…) Es bereite ihm große Sorge, dass etwa jeder zweite tödliche Fahrradunfall auf schwere Kopfverletzungen zurückgehe. (…)

Aha, na prima, dann wird die Bundesregierung mit Herrn Peter Ramsauer als treibende Kraft sicher etwas unternehmen, um die Straßen für Radfahrer sicherer zu machen. Bis zum Ende des Artikels findet sich dazu… nichts.

Man kommt nicht umhin, bei der Helmpflicht auch das sensible Thema der unsinnigen Radverkehrsführungen anzusprechen, bei denen Radfahrer mit entsprechender Beschilderung auf holprige Radwege gezwungen werden, um sich an der nächsten Kreuzung von den Rechtsabbiegern gefährden zu lassen, oder aber so dicht an Bushaltestellen, Hauseingängen und Ausfahrten vorbeigeführt werden, dass es alle paar hundert Meter zu gefährlichen Situationen kommt. Die meisten Radfahrer sind so sehr an die widrigen Umstände des Radfahrens gewöhnt, dass es grundsätzlich normal ist, auf seine Vorfahrt zu verzichten.

Das grundsätzliche Problem an so manchem Fahrradunfall dürfte das Unwissen der Beteiligten sein, denn außer in der Grundschule, wo die jungen Radfahrer lernen, mit dem Rad nicht umzukippen, auf der weiterführenden Schule, wo behelmte Wassermelonen von der Leiter geworfen werden, und in der Fahrschule, wo das Wort Radfahrer mit etwas Glück beim Thema Autobahn fällt, die von einem Radfahrer nicht befahren werden dürfen, findet keinerlei Fahrradunterricht statt.

Nun muss man nicht gleich auf die Einführung eines Fahrradführerscheines drängen, aber es wäre hilfreich, wenn Radfahrer in der Autonation Deutschland nicht langer bloß als beräderte Fußgänger gelten müssten, die sich mehr schlecht als recht durch den Straßenverkehr kämpfen. Den meisten Radfahrern dürfte gar unbekannt sein, welchen Straßenteil sie überhaupt befahren dürfen. Während die Fahrbahn von den meisten Radfahrern aus trügerischem Sicherheitsgefühl gemieden wird, ist man auf Rad- und Gehwegen hingegen fröhlich in beiden Fahrtrichtungen unterwegs. Dass mit dem Aufsteigen aufs Rad gleich vollkommen unterschiedliche Verkehrsregeln im Gegensatz zu Fußgängern gelten, dürfte ebenso unbekannt sein — vermutlich ist es nur dem ähnlichen Unwissen der Autofahrer zu verdanken, dass Radfahrer am Fußgängerüberweg nicht gleich reihenweise umgefahren werden.

Autofahrer sind im Allgemeinen noch schlechter über die Radverkehrsregeln informiert, denn wer lieber auf vier Rädern unterwegs ist, wird sich nur selten über die widrigen Regeln Gedanken machen, mit denen Radfahrer im Allgemeinen kämpfen. Unvergessen ist die Selbstjustiz, mit denen Radfahrer auf Radwege gedrängt werden sollen, die möglicherweise nicht benutzungspflichtig sind und womöglich noch von Wurzelaufbrüchen, Mülltonnen und parkenden Autos versperrt werden. Beim Abendessen beschwert sich der Vater, dass „diese Radfahrer“ ständig gegen die Einbahnstraße führen, obwohl das mit Zusatzschildern seit Jahren erlaubt ist. Tatsächlich gab es schon motorisierte Verkehrsteilnehmer, die ganz überraschend von den Polizeibeamten erfuhren, dass der Radverkehr den normalen Vorfahrtsregeln unterliegt und der angefahrene Radfahrer aus der rechten Querstraße Vorfahrt hatte.

Es gibt also tatsächlich eine ganze Menge an Problemen, an deren Behebung man für die Sicherung des Radverkehrs angreifen könnte. Herr Peter Ramsauer, mutmaßlich eher selten bis nie mit dem Rad unterwegs, was leider auch für die meisten Mitarbeiter von Straßenverkehrsbehörden gelten dürfte, will aber leider nicht die Unfallrisiken für Radfahrer senken. Man möchte beinahe zynisch behaupten, Radfahrer sollten ruhig weiter im Straßenverkehr verunfallen, dann aber theoretisch nicht so häufig sterben.

Obwohl man über die Wirksamkeit von Fahrradhelmen prächtig streiten kann, sind die Nebenwirkungen einer allgemeinen Helmpflicht durchaus plausibel: der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr sinkt — so geschah es wenigstens in all jenen Staaten nach der Einführung der Helmpflicht. Es ist dabei unerheblich, um Verkehrsteilnehmer aus Angst um ihre Frisur, aus Stolz oder aus Zweifeln an der Helmwirksamkeit nicht mit Fahrradhelm fahren wollen. Das Phänomen dürfte jeder Motorradfahrer bei der Ausfahrt während der ersten Frühjahrstagen kennen: die vierrädrigen Verkehrsteilnehmer sind weder an die Erscheinung eines Motorrades gewöhnt noch an dessen mögliche Geschwindigkeiten.

Natürlich gibt es noch eine ganze Weile ungeklärter Probleme. Wer etwa erklärt Kindern, dass ein Helm im Straßenverkehr Pflicht ist, auf dem Spielplatz aber auf keinen Fall getragen werden darf? Und falls die Fahrradverleihstationen, die sich momentan aufgrund der Popularität des Zweirades wachsener Beliebtheit erfreuen, auch einen Helmverleih anbieten, wer kontrolliert denn, ob ein solcher Helm überhaupt noch sicher und nicht schon mehrmals auf den Asphalt geprallt ist?

Überhaupt darf man davon ausgehen, dass die Versicherungen die Helmpflicht gerne nutzen werden, um bei Unfällen die Zahlung zu verweigern, falls kein Helm oder der Helm nicht vorschriftsmäßig getragen wurde — die Radfahrer, die heutzutage mit Helm unterwegs sind, tragen zwar einen Helm, in den seltensten Fällen allerdings so, dass er bei einem Unfall tatsächlich seine maximale Schutzleistung entfalten könnte.

Der rechtliche Rahmen zur Helmpflicht ist übrigens nicht so einfach, wie Herr Peter Ramsauer das gerne hätte. Und falls er in den nächsten Wochen ein neues Thema abseits des Radverkehrs zur Steigerung der eigenen Popularität sucht: die Bundesrepublik Deutschland hat seit nunmehr zwei Jahren keine gültige Straßenverkehrsordnung mehr und mit den versprochenen Wechselkennzeichen geht es noch immer nicht so recht voran. Und es gibt noch eine Reihe weiterer Tätigkeiten außer Fahrradfahren, bei denen Kopfverletzungen die Haupttodesursache sind.

Eines hingegen ist sicher: eine wirkliche Verbesserung des Radverkehres wird es zumindest von Herrn Peter Ramsauer nicht geben.

Immerhin: auch am Ende des SPIEGEL-Artikels weiß man nicht so recht, wie einem eigentlich geschieht.

(…) Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) lehnt hingegen eine Helmpflicht ab. (…) Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) befürchtet, dass die Pflicht eher die Gefährdung erhöhen wird, weil viele sich dann wieder ins Auto setzten. (…) kritisierte der ADFC.

Man darf mutmaßen, dass in einem der beiden Absätze eigentlich der ADAC gemeint sein dürfte — welcher das ist, kann man aufgrund der Kongruenz der Meinungen gar nicht erkennen.

Die Fahrradhelm-Religion

Eigentlich sollte an dieser Stelle, animiert von der letzten Diskussion, ein Artikel über Fahrradhelme stehen. Nach mehreren Stunden qualvoller Recherche steht allerdings fest: Das ist eine Aufgabe, für die ein Menschenleben nicht ausreicht.

Das Internet ist auch hierbei ein ständiger Quell für jegliche Recherchen — zielführend sind die wenigsten, denn Diskussionen über Fahrradhelme ufern in der Regel binnen kürzester Zeit aus und verenden qualvoll in Unsachlichkeiten, Beschimpfungen und Verleumdungen.

Die Argumente sind schnell aufgezählt. Es gibt offenbar tatsächlich nicht eine Studie, die eine Wirksamkeit von Fahrradhelmen belegt. Nicht eine einzige. Überhaupt gar keine. Das verwundert umso mehr, da Polizei, Eltern, Lehrer, ADAC, Stiftung Warentest und vermutlich 95 Prozent der deutschen Bevölkerung von deren Wirksamkeit überzeugt sind. Offenbar genügt als Beweis der Wirksamkeit, dass ein Helm ja nunmal wirksam sein muss — das stünde angeblich außer Frage. Stattdessen gibt es einige Argumente dagegen, etwa Kritik am Prüfverfahren, negative Auswirkungen einer Helmpflicht auf den gesamten Radverkehr, Sicherheitsgewinn eines Fahrradhelmes nur bei Geschwindigkeiten unterhalb von zwanzig Kilometern pro Stunde und so weiter. Der Kopf würde schwerer, aber das Gehirn kaum geschützt, denn bei einem normalen Aufprall würde der Kopf in der anderthalb Zentimeter dicken Styroporschicht abgebremst, wobei Kräfte freiwürden, die das Gehirn ohnehin in einen nassen Schwamm verwandelten — obwohl der Kopf anschließend einigermaßen unversehrt aussieht. Insofern ist das beliebte Experiment mit der helmbewehrten Wassermelone offenbar überholt, denn nicht die stabile grüne Schale ist das, was zählt, sondern das auch beim Sturz mit dem Helm in Mitleidenschaft gezogene Fruchtfleisch.

Abgesehen von den ganzen Argumenten mit dem doofen Aussehen und der zerstörten Frisur wird immer wieder die Risikokompensation angeführt. Behelmte Radfahrer seien in der Regel unerfahrener und aufgrund der Unsicherheit häufiger in Unfälle verwickelt oder pflegten im Schutze des Fahrradhelmes einen riskanteren Fahrstil — das lässt sich allerdings tatsächlich beobachten.

Am deutlichsten tritt das Phänomen der Risikokompensation immer zu Schulbeginn auf, wenn Mütter ihren Kindern erklären, dass sie ohne Fahrradhelm nicht lebendig von der Schule nach Hause kommen — trotzdem achten die wenigsten Eltern auf ein verkehrssicheres Fahrrad oder eine angepasste Fahrweise, etwa Vermeidung von Gehwegen oder linksseitigen Radwegen. Der Fahrradhelm wird’s schon richten, mit dem kann nichts passieren. Passend dazu betonen die Polizeiberichte immer wieder, ob ein Fahrradhelm getragen wurde, ganz egal, ob eine Radfahrerin von einem Lastkraftwagen zermalmt wurde oder beim leisen Aufprall in die Fahrertür nicht einmal vom Rad fiel. Viel zu oft wird einem nicht-unfallverursachendem Radfahrer die Schuld an seinen Verletzungen gegeben, weil er keinen Helm trug; dabei bleibt völlig außer acht, dass er den Unfall überhaupt nicht verursacht hat und wohl so manche seiner Verletzungen selbst mit Helm nicht verhindert worden wären.

Noch interessanter ist die Argumentation der Helmbefürworter. Da geht’s rund über die Einführung einer Helmpflicht, der Erhöhung der Krankenkassenbeiträge für unbehelmte Radfahrer und der Verdoppelung des Schuldanteils eines nicht-helmtragenden Radfahrers bei Unfällen. Insgesamt wird die Diskussion von Seiten der Helmbefürworter deutlich unsachlicher geführt, weil der Zweifel an der Wirksamkeit des Fahrradhelmes in deren Sichtweise offenbar eine reine Verschwörungstheorie darstellt. Helme schützen Leben, da gibt es in den Augen der Befürworter nichts zu diskutieren. Interessanterweise überschneidet sich die Gruppe der Helmbefürworter anscheinend stark mit Leuten, die eher den Wochenendradlern zufallen und aus Sicherheitsgründen den Bau von neuen Radwegen vorantreiben wollen, obwohl dieses Konzept inzwischen bundesweit als überholt gelten dürfte.

So bleibt nunmehr keine Wahl, als mit einem schönen Reim aus einer Helmpflicht-Diskussion zu schließen:

Ein Helm schützt Kopf und Hirn.
Wer nichts im Kopf hat, braucht auch keinen Helm.
Wer Hirn im Kopf hat, schützt es auch

Wer Hirn im Kopf hat, schützt es auch — aber sicher nicht mit einer Styroporschale, sondern mit Verstand und einer sicheren Fahrweise. Wer will, kann ja trotzdem einen Helm tragen.

Helmpflicht für Pedelecs?

SPIEGEL ONLINE berichtet: Regierung prüft Helmpflicht auf Pedelecs

Abseits der Helm-Diskussion ist momentan noch nicht einmal klar, wo Pedelecs eigentlich fahren müssen — laut der Straßenverkehrsordnung auf der Fahrbahn, laut der Polizei auf Radwegen.

Darüber hinaus erfährt der Leser erstaunliches zu Fahrradhelmen:

Der ADFC erläuterte, dass im Falle einer Helmpflicht wohl Motorradhelme nötig wären. Die üblichen Fahrradhelme seien nur für unter 20 km/h getestet, sagte Rechtsreferent Huhn.

Darf man das so interpretieren, dass abgesehen von der ohnehin zweifelhaften Schutzwirkung eines Fahrradhelmes, der in der Regel bloß auf dem Wassermelonen-Test basiert, ab 20 Kilometern pro Stunde ohnehin kein Schutz mehr garantiert werden kann? Immerhin: mit den Motorradhelmen wird man den Pedelec-Hype rechtzeitig stoppen.

Fahrradhelm gegen Wollmütze

Das Landgericht Koblenz hat in einem interessanten Urteil (LG Koblenz, DAR 2011, 395) ausgeführt, dass es keine schlüssigen Hinweis darauf gäbe, dass ein Fahrradhelm den Kopf eines Radfahrers besser zu schützen vermag als eine Wollmütze:

Das Gericht führt auch völlig korrekt aus, dass trotz zahlreicher Untersuchungen weltweit die Geeignetheit des Helms zur statistisch signifikanten Verminderung von Kopfverletzungen bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Und es urteilt schadensersatzrechtlich vollkommen korrekt weiter, dass selbst ein solcher abstrakter Nachweis die konkrete Prüfung nicht entbehrlich machen würde, ob der Helm auch im konkreten Fall Schäden verhindert hätte.

Hoffentlich führt das bei Polizei und Versicherungen zu einem leisen Umdenken — schließlich wird die Polizei nicht müde, in Unfallberichten zu suggerieren, dass der Fahrradfahrer mit einem Helm nach einem Unfall ohne Verletzungen davongekommen wäre, obwohl es nur ein aufgeschlagenes Knie zu verarzten galt und Versicherungen teilweise von einer Mitschuld des unbehelmten Radfahrers ausgehen.

Sportliches Fahrrad begründet Helmpflicht

Das Oberlandesgericht München war am 3. März 2011 der Meinung, dass eine sportliche Fahrweise — genauer: das Vorhandensein von sogenannten Klickpedalen — eine Helmpflicht impliziere. Dem verunfallten Radfahrer wurde nun in Ermangelung eines Fahrradhelmes die Haftungsquote erhöht:

Teilnahme am öffentlichen Verkehr – Grundregeln für Radfahrer

(…) Darüber hinaus hat der Senat den Mitverschuldensanteil des Radfahrers und damit seine Haftungsquote aber auch noch deswegen erhöht, weil er gegen die Obliegenheit verstoßen hatte, einen Fahrradhelm zu tragen. Hierzu hat der Senat ausgeführt, dass bei einem Radler, der, wie vorliegend der Fall, ein Rennrad mit Klickpedalen im freien Gelände benutzt, bereits ein sogenannter Anscheinsbeweis für eine “sportliche Fahrweise” spreche, welche eine Obliegenheit zum Tragen eines Schutzhelms begründet. Da der Kläger neben zahlreichen schweren Verletzungen im Rumpfbereich auch Kopfverletzungen erlitten hatte, sprach, so der Senat, der Beweis des ersten Anscheins auch für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Nichtbenutzen des Helms und den eingetretenen Kopfverletzungen. (…)

Leider lässt sich das Gericht nicht darüber aus, ob ein Fahrradhelm einen tatsächlichen Sicherheitsgewinn gebracht hätte — die Meinungen dazu sind durchaus kontrovers.