Doch noch viele rationale Argumente gegen Elektroautos

Unter dem lustigen Titel „Fürchtet euch nicht!“ berichtet der SPIEGEL heute über Elektroautos. Nach dem Lesen denkt man sich eigentlich nur: Hä?

Der Reihe nach: das Marktforschungsinstitut Infas hat im Auftrag von Continental nachgefragt, was die Deutschen denn von Elektromobilität halten. Die wichtigste Erkenntnis: viele Verkehrsteilnehmer bemängelten die kurze Reichweite eines Elektroautos, obwohl der tägliche Fahrtweg von durchschnittlich deutlich unter einhundert Kilometern problemlos von aktuellen Elektroautos gefahren werden könne:

Rund 90 Prozent der Pkw in privaten Haushalten in Deutschland legen weniger als 100 Kilometer am Tag zurück – eine Distanz, die selbst für die aktuelle E-Mobile-Generation problemlos zu bewältigen wäre. (…) Knapp 28 Prozent der Autos fahren sogar nur zwischen 10 und 25 Kilometer am Tag. Gleichzeitig stört es 72 Prozent der in Deutschland befragten Menschen, wenn sie ihren Wagen alle 150 Kilometer an die Steckdose hängen müssten.

Schon hier bemerkt der aufmerksame Leser ein Problem: auch die besagten 90 Prozent wollen mit dem Wagen manchmal etwas weiter fahren — das ist auch dem Autor am Ende des Artikels aufgefallen:

Wenn sich die Elektromobilität durchsetzen, müssen also Ängste beseitigt und Anreize geschaffen werden – in erster Linie von der Politik. Denkbar wäre zum Beispiel ein Modell, das den Kauf eines Elektrokleinwagens zusätzlich zum normalen Verbrennerfahrzeug fördert. Zum Beispiel durch eine Steuerbefreiung der Cityflitzer und darüber hinaus kostenfreien Parkraum in den Innenstädten. Doch dazu kann sich der Staat bisher nicht durchringen – zu groß ist die Angst vor den Steuerverlusten.

Das Problem ist bloß, und das rechnet der Autor ein paar Absätze vorher auch noch vor, dass ein Elektroauto momentan noch sehr teuer ist. Selbst wenn man die in Deutschland inzwischen mutmaßlich aus Angst vor Steuerverlusten heruntergewirtschaftete Idee des Wechselkennzeichens berücksichtigt, kostet der Zweitwagen eben soviel wie ein Zweitwagen inklusive Versicherung und Steuern nunmal kostet. Angesichts der Tatsache, dass es manchen Verkehrsteilnehmern schon die Zornesröte ins Gesicht treibt, wenn an den Zapfsäulen Preise von über 1,60 Euro pro Liter angeschlagen werden, handelt es sich um eine recht mutige Annahme, es würden plötzlich umweltfreundliche Zweitwagen auf den Parkplätzen sprießen.

Das mit dem Wechselkennzeichen war ja eigentlich eine aus Sicht des motorisierten Individualverkehrs gute Idee: man beschafft sich mehrere Fahrzeuge, so dass für jeden Einsatzzweck das passende Fahrzeug bereitsteht, bezahlt für den Zweit- und Drittwagen aber kaum Steuern und Versicherungsbeiträge. Für kurze Fahrten in der Innenstadt wird dann das Elektrofahrzeug gewählt, für längere Fahrten steht dann noch ein Fahrzeug mit konventionellem Antrieb in der Garage. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Idee in Deutschland heruntergewirtschaftet wurde, bleiben natürlich noch ein paar andere Probleme. Etwa darf ein kennzeichenloses Auto nicht einmal für ein paar Minuten im öffentlichen Verkehrsraum stehen, also ist nicht nur ein Stellplatz für einen Wagen, sondern gleich für zwei nötig — und beide Fahrzeuge dürfen natürlich nicht stumpf hintereinander auf der Auffahrt aufgereiht werden; die Auffahrt muss so gestaltet sein, dass man mit beiden Fahrzeugen dort herumrangieren kann. Damit werden schon ein paar Millionen Fahrzeugnutzer aus deutschen Innenstädten von der Idee ausgeschlossen. Angesichts der Kosten und der baulichen Voraussetzungen bleibt ohnehin nur noch eine Teilmenge der deutschen Bevölkerung als Nutznießer der Wechselkennzeichen übrig: vermutlich jene, die sich auch problemlos mehrere „normale“ Fahrzeuge anschaffen können — die unterliegen dann auch nicht dem Zwang, ständig das Kennzeichen wechseln zu müssen.

Mit dem Elektrofahrzeug als Zweitwagen wird es in absehbarer Zeit nichts werden — und das ist auch gut so. Es tritt nämlich noch ein weiteres Problem auf, nämlich jenes, mit dem schon die Abwrackprämie als reine Absurdität entlarvt wurde: bei der Produktion eines einzigen Kraftfahrzeuges werden nicht nur eine Menge Ressourcen verbraucht, es entsteht eine Menge Müll, der sich nicht mehr nutzen lässt, so dass es offenbar deutlich umweltfreundlicher war, das alte Kraftfahrzeug mit dem höheren Verbrauch und dem höheren Schadstoffausstoß noch eine Weile zu Fahren, bis es nicht mehr wirtschaftlich war. Ein Elektrofahrzeug braucht aber noch eine Batterie, und das ist schon wieder problematisch. Ein Fahrrad kommt mit einer Batterieladung problemlos 50 bis 70 Kilometer weit, ein Kraftfahrzeug wiegt aber nicht nur zehn bis zwanzig Mal mehr als ein normales Fahrrad inklusive Mensch und Gepäck, sondern soll auch noch eine Reisegeschwindigkeit von mindestens 120 bis 160 Kilometern pro Stunde erreichen.

Die Anforderungen an eine solche Batterie sind also ungleich höher als beim Fahrrad. Nun ist das deutsche Tankstellennetz auch nicht über Nacht plötzlich aus dem Boden geschossen und man könnte sicherlich dem Bedarf entsprechend Ladestationen am Fahrbahnrand und in Parkhäusern installieren. Nun muss deren Strom aber auch erst einmal produziert werden und fließt mutmaßlich nicht ausschließlich aus regenerativen Energiequellen. Will man dagegen tatsächlich eine Art Batterietankstelle aufbauen, an der eine entladene Batterie binnen Minuten gegen ein geladenes Exemplar ausgetauscht wird, verkompliziert sich die Rechnerei noch um einiges, denn zusätzlich zu dem Energieproblem wird eine einigermaßen große Halle benötigt, um die vielen Batterien zu laden und aufzubewahren, um mehrere tausend Fahrzeuge pro Tag versorgen zu können. Abgesehen davon ist noch immer nicht geklärt, wo die für mehrere Millionen Batterien benötigten Ressourcen herkommen sollen.

Momentan wird es mit der Elektromobilität im Kraftfahrzeug also vermutlich noch nichts, da helfen auch keine hübschen Studien.

Nun ist es aber nunmal so, dass in absehbarer Zeit ein Umdenken in Bezug auf unsere Mobilität stattfinden muss — weil wir aber sehr bequem sind, will das niemand wahrhaben. Momentan hält sich das Argument, dass vor 20 Jahren behauptet wurde, es würde in zwanzig Jahren kein Öl mehr geben, um diesbezüglich ein Umdenken zu vermeiden. Die weltweiten Erdölvorräte werden aber trotz besserer Fördermechanismen irgendwann erschöpft sein und schon eine ganze Weile vorher werden an den Tankstellen Preise herrschen, an die diese Jetzt-reicht’s-Kampagnen der BILD noch nicht einmal in ihren Albträumen denkt. Über früher oder länger wird sich das Auto als Mobilitätskonzept nicht mehr halten können.

Ebenjene Tatsache wird immer gleich als Verlust von Wohlstand interpretiert. Objektiv betrachtet ist es allzu komisch, fossile Rohstoffe in einem Blechkasten von einer Tonne Gewicht zu verbrennen, um aberwitzig kurze Strecken von nicht einmal fünf Kilometern zurückzulegen. Nun wird der Mangel an Bewegung in Deutschland als Wohlstand fehlinterpretiert und jegliche zusätzliche Bewegung oder eine Veränderung des momentanen Zustandes als Abbau unseres Wohlstandes. Um beim Thema dieses Weblogs zu bleiben: was wäre denn das Problem daran, wenn der Staat nicht, wie vom Autor vorgeschlagen, Elektroautos finanziert, sondern Elektrofahrräder? Mit Trethilfe kommen selbst bequeme Mitmenschen problemlos voran und auch bei 25 Grad Celsius nicht zwangsläufig ins Schwitzen, wenigstens nicht auf der Kurzstrecke. Nur:

Eine genauere Betrachtung der Statistik entlarvt außerdem, wie verpönt bei Deutschen die Nutzung anderer Verkehrsmittel wie Fahrräder oder des öffentlichen Nahverkehrs ist: Knapp 28 Prozent der Autos fahren sogar nur zwischen 10 und 25 Kilometer am Tag.

Man will ja gar nicht Fahrradfahren oder Bus, man hat ja schließlich ein Auto. Es ist sicherlich problematisch, den momentanen autozentrierten Zustand als geradezu paradiesischen Zustand zu definieren, denn bei dieser Art der Vergleiche können alternative Mobilitätskonzepte nur verlieren. Sicherlich ist das Fahrrad nicht so bequem wie das Auto und sicherlich hat man in der Bahn keine wesentliche Privatsphäre wie im Auto und sicherlich steht in so mancher Stadt der Bus genauso lange im Stau wie das Auto. Nun gibt es aber durchaus schon eine Reihe von Menschen, die tatsächlich einen Großteil ihrer Wege nicht mit dem eigenen Auto zurücklegen und: es geht ihnen gut dabei. Von einem Mangel an Lebensqualität kann da gar keine Rede sein.

Zurück zum Ausgangsthema: es wird sicherlich eine Veränderung unserer Mobilität in den nächsten Jahren und Jahrzehnten geben. Ob das Elektroauto dann eine Rolle spielt oder nicht, wird sich noch zeigen. Bis dahin kann man sich noch ein bisschen über die Verschwörungstheoretiker im dazugehörigen SPIEGEL-ONLINE-Forum amüsieren, die hinter ebenjener Veränderung der Mobilität sofort eine geheime Weltregierung vermuten und auf ihr Recht pochen, nicht nur die fünf Kilometer zur Arbeit, sondern auch die fünfhundert Meter zum Bäcker mit dem Auto zu fahren.

Tempo 30 gegen Straßenlärm

Das Zweite Deutsche Fernsehen hat mit Lärmforscher Michael Jäcker-Cüppers über Verkehrslärm gesprochen: Tempolimits gegen Verkehrslärm

Dabei kommen auch Tempolimits und Elektrofahrzeuge zur Sprache:

heute.de: Je schneller Autos fahren, desto lauter sind sie. Wären strengere Tempolimits ein wirkungsvolles Mittel gegen den Lärm?

Jäcker-Cüppers: Aus Sicht des Lärmschutzes wären schärfere Tempolimits wünschenswert. Tempo 30 innerorts als Regelgeschwindigkeit (unter Einbeziehung der Hauptverkehrsstraßen mindestens nachts) würde viel bewirken, ebenso Tempo 120 oder gar 100 auf Autobahnen. Der große Vorteil wäre vor allem, dass diese Maßnahmen sofort helfen würden. Aber der Widerstand der Autofahrer ist sehr groß.

heute.de: Elektrofahrzeuge sollen viel leiser als klassische Fahrzeuge sein. Wäre eine zunehmende Elektromobilität aus Lärmschutzgründen die Rettung?

Jäcker-Cüppers: Nein. Zunächst einmal gibt es einfach viel zu wenige Elektrofahrzeuge – und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Hinzu kommt: Auch Elektrofahrzeuge machen Lärm, denn das Rollgeräusch auf der Straße ist deutlich zu hören. Flächendeckend ist deshalb nicht zu erwarten, dass der Verkehrslärm durch Entwicklungen in diesem Bereich deutlich sinkt. Vor allem im fließenden Verkehr sind eben auch Elektrofahrzeuge laut – da sollte man sich keine Illusionen machen.