Eitelkeit und Ignoranz: ARD Kontraste über Radfahren ohne Helm

So ein Glück, dass dieser Fernsehbeitrag nur ein paar Minuten dauerte. So ein Pech, dass die Kontraste-Redaktion talentiert genug ist, für einen tendenziösen Beitrag nur ein paar Minuten zu brauchen. Auch mit Sympathien für eine Helmpflicht lässt sich ein hinreichend neutraler Beitrag stricken, der „diese Radfahrer“ nicht mit behandschuhten Fingern und gerümpfter Nase anfasst. Stattdessen wurde etwas in den Äther geblasen, das Radfahrer als störende Minderheit behandelt und den unbehelmten Radfahrern mehr oder weniger direkt Schwachsinn unterstellt.

Den Reaktionen im Netz zu urteilen haben sich nicht nur die fahrradaffinen Radfahrer an den womöglich unbehelmten Kopf gegriffen. Sogar Zuschauer, die nach eigenem Bekunden eher hinter dem Steuerrad anzutreffen sind, monierten die Sachlichkeit des Beitrages — nicht zu unrecht: Würde „der Radfahrer“ gegen einen anderen Vertreter einer Minderheit ersetzt, beispielsweise „den Ausländer“ oder „den Arbeitslosen“, hätte die Kontraste-Redaktion spätestens morgen früh ein dickes Problem. So bleibt allerdings wieder einmal die Überzeugung, mit „diesen Radfahrern“ alles machen zu dürfen.

Immerhin lässt der Rundfunk Berlin-Brandenburg auch kein Zweifel daran, dass ihm an Neutralität nie gelegen war: Umstrittener Freiheitswahn: Radfahrerlobby gegen Helmpflicht

Für Unfallforscher und Ärzte steht seit Jahren fest: Viele schwere Unfälle von Radfahrern wären glimpflicher ausgegangen, hätte der Radler einen Helm getragen. Trotzdem wehrt sich der Lobbyverband ADFC gegen eine Helmpflicht. Kaum ein Politiker hält dagegen, Bundesverkehrsminister Ramsauer setzt auf Freiwilligkeit, der grüne Verkehrsminister Hermann will erstmal eine neue Studie abwarten.

Moment, denkt sich der aufmerksame Radfahrer, da stimmt doch etwas nicht? Stimmt, bis kurz vor der Sendung lautete der Titel noch etwas anders — Spuren davon finden sich noch auf Kontraste-Seite auf facebook, da wird angekündigt:

Ein erster Blick auf unsere Themen morgen Abend: Absurder Freiheitswahn: Radfahrerlobby gegen Helmpflicht // Tatenlose Gewerkschaften: Leiharbeiter als Streikbrecher // Überwachungsskandal: Was darf der Bundesnachrichtendienst? „Kontraste“, am Donnerstag um 21:45 Uhr im Ersten!

Offenbar fiel auch der Redaktion noch auf, die Sache etwas überdreht zu haben und jemand wurde beauftragt, sämtliche Titel auf der eigenen Webseite zu ändern. Nun ist der Freiheitswahn nicht mehr absurd, sondern nur noch umstritten. Das ist, das muss man dem Magazin zugestehen, durchaus keine verkehrte Beschreibung des Sachverhaltes, wenngleich es objektivere Synonyme für den Freiheitswahn gegeben hätte.

Man muss den Beitrag zum Glück nicht anschauen, es gibt auch eine Textfassung — unbedingt besser ist die allerdings nicht.

Das fängt schon mit der Einleitung an. Zugeparkte Schutzstreifen werden da gezeigt, Radfahrer im Seitenspiegel, ein paar Unfälle, aufgelockert mit den Unfallursachen: Vom Auto übersehen, vom Lastkraftwagen überrollt. Das klingt ja bislang so, als müsse primär etwas an der Infrastruktur geändert werden. Heute soll es aber um Fahrradhelme gehen und damit kein falscher Eindruck entsteht, ergänzt der Sprecher: „Aber sie stürzen auch allein oder kollidieren mit anderen Radfahrern.“

Die Dramaturgiekurve verlangt nun nach der Befragung eines Menschen im weißen Kittel, der von der überragenden und nicht anzweifelbaren Wirksamkeit des Fahrradhelmes berichtet. Kontraste fand dafür für diese Rolle Dr. Uli Schmucker aus dem Unfallkrankenhaus Berlin:

Der Fahrradhelm schützt definitiv den Kopf, da gibt es eigentlich keine Diskussion, das ist wissenschaftlich bewiesen, das ist die klinische Erfahrung, die Unfallchirurgen tagtäglich machen.

Ob dieser Worte schreit jeder helmkritische Radfahrer sofort aus, aber genommen sagt Dr. Schmucker ja nichts falsches: Ein Helm schützt. Und da gibt es auch hinreichend viele wissenschaftliche Untersuchungen zu. Und es lässt sich auch nicht in Abrede stellen, dass Unfallchirurgen diese Erfahrung tattäglich machen. Und in der Begründung des Urteils des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes legt ein Sachverständiger dar, dass ein Fahrradhelm just jene aufgetretenen Verletzungen wenigstens gemindert hätte.

Interessanter ist, was Dr. Schmucker nicht sagt. Zum Beispiel, dass ein Helm keineswegs in jeder denkbaren Situation schützt — zum Beispiel dürften die Krafteinwirkungen auf das Gehirn bei den Unfällen, mit denen der Kontrase-Beitrag ausgeschmückt wurde, jenseits jeglicher Kompensationsfähigkeit eines Fahrradhelmes gelegen haben. Wird ein Radfahrer von einem fünfzig Kilometer pro Stunde fahrenden Kraftfahrzeug frontal erfasst, wehrt der Helm vielleicht einige Splitter ab, hält sich ansonsten aber aus dem Unfallgeschehen heraus. Gegen die Reifen von Lastkraftwagen, die gefühlt ständig durchs Bild rollen, kann nicht einmal ein stabiler Motorradhelm etwas ausrichten. Und wenn man mit dem Kopf gegen eine plötzlich geöffnete Autotür knallt, bleibt der Helm eventuell ebenfalls außen vor — darum ging es beim Schleswiger Urteil auch bloß um die Verletzungen, die beim anschließenden Aufprall auf den Boden entstanden sind. Es gibt zu der Wirksamkeit der Fahrradhelme auch eine ganze Reihe unterschiedlicher Studien, von denen allerdings nur die wenigsten von dieser hier so glorifizierend dargestellten Wirksamkeit ausgehen — insofern hätte sich Dr. Schmucker durchaus differenzierter äußern dürfen.

Es kommen zu Wort: Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, der auf freiwilliges Helmtragen setzt, und ein paar Radlinge, aufgegabelt auf der Straße, von denen die üblichen Argumente zu Protokoll gegeben werden: Doof, hässlich, die Frisur. Übrigens sind das nur die Argumente gegen einen Fahrradhelm, die naturgemäß immer ein bisschen blöd daherkommen. Die Argumente gegen eine Helmpflicht, um die es hier eigentlich geht, lauten etwas anders und gründen vor allem auch auf mehr Substanz, aber danach hat der Redakteur offenbar nicht gefragt. Während noch ein paar Horror-Crashtest-Szenarien eingespielt werden, staunt der Sprecher: „Schockierende Unfallbilder mit Crashtest-Dummys, Aufklärungskampagnen, Appelle an die Vernunft: Dies alles hilft offensichtlich nicht gegen Eitelkeit und Ignoranz.“

Ein bisschen Ignoranz muss sich allerdings auch die Kontraste-Redaktion vorhalten lassen. Einen derartig Pro-Helmpflicht gefärbten Beitrag mit lauter Unfallbildern zu spicken, bei denen ein Helm ohnehin nur eine Nebenrolle gespielt hätte, ist nun auch nicht gerade von Vernunft geprägt. Stattdessen versuchen die Berlin-Brandenburger durchaus geschickt, das Fahrradfahren wieder in die gefährliche Ecke zu rücken, aus der es in den letzten Jahren mit Mühe entkommen ist.

Ausdrücklich gelobt wird Klaus-Peter Hesse aus der Hamburger Bürgerschaft für sein, naja, kompromissloses Eintreten für eine Helmpflicht. Der CDU-Mann sieht die Politik in der Pflicht, endlich einzuschreiten. Hätte die Kontraste-Redaktion auch nur ein entferntes Interesse an einem ausgewogenen Beitrag gehabt, käme spätestens jetzt die Frage: Was kann man denn noch so gegen die Gefahren unternehmen, die es ja nunmal beim Radfahren gibt? Womöglich hätte die Redaktion den Blick über die Bundesgrenzen nach Norden und Westen gewagt und mal geforscht, wie denn da das sichere Radfahren funktioniert, wo nur wenige Radfahrer einen Helm tragen und noch weniger über die Gefährlichkeit des Radfahrens philosophieren. Ein valides, wenn auch immer noch diskutables Ergebnis eines solchen Besuches hätte sein können: Oh, die haben eine tolle Radverkehrsinfrastruktur, da funktioniert das Miteinander auf der Straße, die brauchen keine Helme, in Deutschland gibt es das nicht, es wird auch niemals eine solche Infrastruktur geben, also muss eine Helmpflicht her.

Der Beitrag macht kurz einen Abstecher nach Schleswig, um über das so genannte Fahrradhelm-Urteil zu sprechen, und besucht anschließend den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, den der Sprecher schon beinahe in Anführungszeichen setzt:

Ihr Lobbyverband, der ADFC, will gemeinsam mit der Anwältin bis zum Bundesgerichtshof gehen, um das Urteil der Richter zu kippen. Seine Sprecherin kommt demonstrativ ohne Helm zum Interview, denn ihr Club ist strikt gegen eine gesetzliche Helmpflicht.

Es ist nun wirklich nicht verwunderlich, dass der nicht getragene Helm erwähnt wird. Wenn der Beitrag sich nunmal um den Helm dreht, dann macht man auf den Umstand eben aufmerksam. Bettina Cibulski darf dann berichten, was die Kontraste-Redaktion zuvor nicht herausgefunden hat: Zum Beispiel, dass ein Fahrradhelm eben nur ein Teilaspekt der Sicherheit im Straßenverkehr ist, viel wichtiger aber erst einmal eine vernünftige Verkehrsführung und eine bessere Akzeptanz wäre.

Kontraste gesteht zwar ein, dass die Aussage nicht ganz falsch wäre, zweifelt aber den Nutzen einer besseren Radverkehrsinfrastruktur an und schaut: Ausgerechnet nach Münster. In Münster mögen zwar viele Radfahrer unterwegs sein, eine Glanzleistung dürfte die dortige Radverkehrsinfrastruktur allerdings nicht gerade darstellen. So schwurbelt dann auch die Argumentation im Beitrag lustig hin und her: Erst wird behauptet, eine bessere Infrastruktur bringe keine Verbesserung in die Unfallstatistik, dann geht’s wieder um die rabiaten Autofahrer, die gar nicht so rabiat wären, um dann wieder festzustellen, dass viele Radfahrer auch bei Alleinunfällen verunglücken.

Bei aller Verachtung gegen Radfahrer lässt sich aber nun wirklich nicht unterstellen, die wären einfach zu doof, um nicht vom Sattel zu purzeln: Bei den Alleinunfällen ist zwar kein anderer Verkehrsteilnehmer beteiligt, aber meistens eine schlechte Infrastruktur ursächlich. Statt nach Münster hätte man ja nach Kopenhagen fahren können: Dort werden Fahrbahn und Radweg an den Kreuzungen nicht mit zentimeterhohen Kanten getrennt, die optisch hübsch anzusehen, im Regen aber teilweise brandgefährlich sind, es gibt nicht alle paar Meter Pfosten auf den Radwegen, um parkende Kraftfahrzeuge abzuwehren, weil nämlich kaum jemand auf die Idee kommt, dort einen Radweg zuzuparken, und außerdem werden Radwege dort mitunter als Prachtboulevard angelegt und nicht als handtuchbreiter Teerstreifen zwischen das gegossen, was nach dem Bau der extrabreiten Fahrbahn zum Gehweg hin noch übrig bleibt.

Das unterschlägt Kontraste allerdings lieber — und wirft dem ADFC vor, nicht für eine Helmpflicht zu werben, sondern „bemerkenswerte Szenarien“ zu entwerfen. Und diese Argumentationslinie des Beitrages ist langsam wirklich unfassbar frech: Der ADFC lehnt eine Helmpflicht ab, empfiehlt aber explizit das freiwillige Tragen eines Fahrradhelmes — das hat Kontraste nur nicht so richtig mitbekommen. Vermutlich ist der ADFC sogar nicht ganz unschuldig am Schleswiger Fahrradhelm-Urteil, das er nun zu bekämpfen versucht, weil er mit seinen Fahrradhelm-Empfehlungen womöglich dazu beigetragen hat, dass der Helm heutzutage als sinnvolle Schutzausrüstung für Radfahrer gilt.

Und das, was Kontraste als „bemerkenswertes Szenario“ bezeichnet, ist wenigstens wissenschaftlich belegt, anders als etwa die oben gar nicht weiter in Frage gestellte Wirksamkeit des Fahrradhelmes. Mit der Einführung einer Helmpflicht verschwanden in vielen Ländern ganz wesentlich die Radfahrer aus dem alltäglichen Straßenbild. Das will Kontraste allerdings nicht wahrhaben und zieht stattdessen Parallelen zur Gurtpflicht, die zwar ein in solchen Diskussionen gern verwendeter Kunstgriff sind, mit dem eigentlichen Thema allerdings nicht so viel zu tun haben. Das fängt damit an, dass die Wirksamkeit eines Sicherheitsgurtes wissenschaftlich erwiesen ist und er nicht mit den vielen Nachteilen ausgestattet ist, mit denen sich ein Fahrradhelm herumschlagen muss. Den Gurt muss man nicht nach dem Anschließen des Fahrrades überall mitschleppen, er trägt nicht auf, man kann ihn nicht vergessen und vor allem: Es gibt für Autofahrer unter diesem Aspekt keine bessere Alternative.

Der Radverkehr steht in Deutschland auf ausgesprochen wackeligen Beinen, ein Großteil der Verkehrsteilnehmer radelt auch im so genannten Fahrrad-Boom nur an zwei oder drei Sonntagen im Sommer und auch nur wenn es nicht zu heiß und nicht zu kalt und nicht zu windig und nicht zu bewölkt ist: Als Alternative steht in der Regel noch das Auto vor der Tür. Bei der Gurtpflicht gab es dieses Problem nicht, weil die Leute keinesfalls daran dachten, aus Protest gegen den Gurt aufs Rad oder in öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Vor vernichtender Kritik sind noch nicht einmal die erklärten Fahrradhelm-Freunde Christian Carius und Winfried Hermann sicher. Carius wird plötzlich als Vertreter des freiwilligen Helmtragens zitiert, Hermann möchte vor der Einführung einer Helmpflicht erst einmal deren Auswirkungen untersuchen. Offenbar hatte die Kontraste-Redaktion hier arge Mühe, den beiden Politikern nicht einen animierten Weichei-Stempel auf die Stirn zu drücken. Überhaupt wirft diese Stelle Fragen auf: Wollte man die beiden Politiker nun als Wendehälse inszenieren, die ihr Fähnlein im Sturm der Entrüstung gedreht haben? Inwiefern ist es denn sogar für einen Befürworter der Helmpflicht verkehrt, erst einmal deren Auswirkungen zu untersuchen?

Der Beitrag schließt mit den zynischen Worten:

So bleibt dem Fahrradfahrer auch weiterhin die Freiheit, sich seinen Schädel kaputt schlagen zu lassen — Hauptsache, die Frisur sitzt.

Da fällt einem auch einfach nichts mehr zu ein. Kein Wunder, dass dieser so genannte Krieg auf der Straße immer weiter befeuert wird, wenn Radfahrer nicht einmal mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern sorgfältig in der dritten Person verpackt wie idiotische Rowdys dargestellt werden. Bloß gut, dass die Kontraste-Redaktion trotz ihres Talentes, knappe neun Minuten mit einem derartigen Unsinn zu füllen, so weit über die Stränge geschlagen ist, dass noch nicht einmal eingefleischte Fahrrad-Hasser auf diese Propaganda anspringen wollen. Dieses niedrige Niveau ist nicht einmal mehr peinlich, das ist nur noch skandalös.

Immerhin dessen ist sich auch Kontraste sicher:

So kann man das sehen, muss man aber nicht.

Im dazugehörigen Blog geht es derweil heiß her.

„Das Projekt Helmpflicht kommt in Fahrt“

Martin Lutz hat ein recht müßiges Interview mit Thüringens Verkehrsminister Christian Carius geführt: „Das Ziel heißt Helmpflicht bis 18 Jahre“. Man merkt schon nach ein paar Absätzen, dass Christian Carius vermutlich nicht besonders häufig mit dem Fahrrad unterwegs ist.

Welt Online: Herr Minister Carius, Sie plädieren für eine Helmpflicht für Fahrradfahrer. Würde sie denn wirklich für mehr Sicherheit sorgen?

Christian Carius: Ja, davon bin ich überzeugt. Durch das Tragen von Radhelmen können viele tödliche Verkehrsunfälle verhindert und schwerste Verletzungen vermieden werden. Darüber sind sich alle Experten einig. Deshalb gilt es, jetzt die gesetzliche Weichenstellung vorzunehmen. Das große Ziel heißt Helmpflicht für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre.

So einfach ist das leider nicht. Zunächst einmal wird ein Helm keinen Verkehrsunfall verhindern, sondern tatsächlich allenfalls die schweren Verletzungen mindern. Und darüber sind sich „alle Experten“ keinesfalls einig, stattdessen herrscht noch immer Unklarheit über die negativen Begleiterscheinungen des Helmtragen wie dem höheren Gewicht des Kopfes.

Welt Online: Gibt es denn Studien, auf die Sie Ihre Forderung stützen?

Christian Carius: Internationale Vergleiche und Studien zeigen, dass eine gesetzliche Fahrradhelmpflicht ein wirkungsvolles Mittel darstellt, um sowohl die allgemeine Helmtragequote zu erhöhen als auch die Zahl und den Anteil schwerer Unfallverletzungen von Radfahrern zu senken.

Vor allem zeigen internationale Vergleiche, dass Länder mit einer hochentwickelten Radverkehrsstruktur ohne Helmpflicht auskommen. Und internationale Studien zeigen, dass eine gesetzliche Helmpflicht vor allem ein wirkungsvolles Mittel darstellt, um sowohl den Radverkehrsanteil zu senken und gleichzeitig das Risiko jedes einzelnen Radfahrers zu erhöhen.

Es bleibt leider unklar, warum sich gerade Deutschland weigert, den aktuellen Boom des Radverkehrs auszunutzen und mit entsprechenden Konzepten, etwa verbesserten Radverkehrsführungen und flächendeckenden Schulungen, das Fahrradfahren attraktiver zu gestalten. Stattdessen drängt man den im Vergleich zum Kraftfahrzeug schwächeren Verkehrsteilnehmer noch weiter in eine Opferrolle und versucht ihn mit Fahrradhelmen und am liebsten noch mit Warnwesten zu verkleiden.

Welt Online: Warum fordern Sie die Helmpflicht nicht für alle Radfahrer?

Christian Carius: Unsere jüngsten Verkehrsteilnehmer sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. Hier besteht ein erhöhter Handlungsdruck. Im Übrigen glaube ich, dass wir mit der Radhelmpflicht bei den schwächsten Verkehrsteilnehmern beginnen sollten. Das schließt eine allgemeine Radhelmpflicht nicht aus. Die Zweidrittelmehrheit für eine Helmpflicht in der jüngsten Emnid-Umfrage bestätigt diesen Trend.

Man sollte tatsächlich keiner Umfrage trauen, die man nicht höchstpersönlich gefälscht hat. Leider lässt sich nicht feststellen, wie die Fragestellung der Umfrage war. Sie könnte natürlich recht unspektakulär lauten: „Sind Sie für eine Helmpflicht für Fahrradfahrer“ — wer würde denn da schon nein sagen? Unter den etwa eintausend Befragten dürften relativ wenige Radfahrer sein, die sich einigermaßen intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, das meistgenannte Gegenargument wäre womöglich die ruinierte Frisur. Alle anderen Befragten finden eine Helmpflicht natürlich prima, das schützt doch so toll vor Unfällen, das muss doch toll sein, denkt denn sonst niemand an die Kinder? Vermutlich handelt es sich bei den meisten Befragten auch nicht um häufige Fahrradfahrer, denn ansonsten dürfte es ja keine so große Diskrepanz zwischen Akzeptanz einer Fahrradhelmpflicht und der tatsächlichen Tragequote im Straßenverkehr geben.

Aus der Diskussion um die Internetsperren gegen Kinderpornografie ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass zwischen Fragestellung der Umfrage und Überschrift in den Medien teilweise große Unterschiede liegen können. Insofern könnte die Frage auch „Sind Sie für mehr Sicherheit im Fahrradverkehr?“ oder „Sollen Kinder im Straßenverkehr besser geschützt werden?“ gelautet haben.

Und wenn denn die jüngsten Verkehrsteilnehmer am meisten gefährdet sind, was ja zweifelsohne stimmt, sollte dann nicht viel eher Wert auf einen vernünftigen Fahrradunterricht in der Grundschule gelegt werden, der aus mehr besteht als dem Linksabbiegen, dem Nicht-vom-Rad-fallen und dem beliebten Wurf einer Wassermelone von einer Leiter? Was Grundschüler und sogar Gymnasiasten bezüglich des richtigen Verhaltens im Radverkehr lernen ist mitunter gerade mal gut gemeint, aber sicherlich kein wirkungsvoller Beitrag zur Reduzierung der Unfallzahlen.

Welt Online: Die Helmpflicht für Motorradfahrer wurde im Januar 1981 und die Gurtpflicht für Kinder im Auto im April 1993 eingeführt. Warum war dafür die Akzeptanz größer?

Christian Carius: Auch damals gab es heftige, kontroverse Debatten. Damals wie heute sind es im Kern dieselben Abwehrreflexe, mit denen die Kritiker der Helmpflicht auf unsere aktuelle Offensive reagieren. Die Einführung der Anschnallpflicht hat auch nicht zum Rückgang des Pkw-Verkehrs geführt.

Die Gurtpflicht im Auto basiert aber auf wissenschaftlichen Grundsätzen und bietet umfassende Sicherheit mit tatsächlich zu vernachlässigenden Nebenwirkungen während die Wirkung eines Fahrradhelmes noch immer kontrovers diskutiert wird. So ist beispielsweise unklar, welche Auswirkungen das durch den Fahrradhelm höhere Gewicht des Kopfes bei kleineren Unfällen hat und ob ein Helm bei Geschwindigkeiten über 20 Kilometern pro Stunde überhaupt noch eine Schutzwirkung bietet. Genaugenommen müsste man auf der Suche nach einem geeigneten Fahrradhelm eher bei den Motorradhelmen nachsehen als bei den buntbeklebten Styroporschalen. Da tut sich allerdings gleich das nächste Problem auf: ein Motorradfahrer kommt eher aufgrund der sommerlichen Hitze unter der möglicherweise schlecht isolierenden Schutzkleidung ins Schwitzen, ein Radfahrer hingegen ist kräftig am Strampeln, produziert Wärme ohne Ende und dreht nicht nur am Gashahn, so dass kein Radfahrer mehr als ein paar Kilometer mit Integralhelm radeln könnte, ohne anschließend mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren zu werden.

Ein inzwischen weitestgehend anerkannter Nebeneffekt der Helmpflicht stellt nunmal der sinkende Radverkehrsanteil dar, der weder politisch noch ökologisch oder gesellschaftlich gewollt ist. Wenn die Gesellschaft mehr Sicherheit im eigentlich ohnehin sicheren Radverkehr fordert, so sollte das mit wohl überlegten Maßnahmen wie den bereits angesprochenen sichereren Radverkehrsführungen und Schulungen erreicht werden, anstatt dass jedem Radfahrer ein Helm aufgesetzt wird, damit es im wahrscheinlicheren Falle eines Unfalles wenigstens nicht allzu sehr schmerzt.

Offenbar ging auch die Einführung der Gurtpflicht nicht problemlos voran, denn mancher Autofahrer kompensierte das Gefühl, das ihm mit Sicherheitsgurt ja nichts mehr passieren könne, sogleich mit einem riskanteren Fahrstil, so dass zwar weniger Tote im Straßenverkehr gezählt wurden, die Unfallzahlen zunächst allerdings stiegen. Dieser Effekt setzt sich besonders in modernen Fahrzeugen nahtlos fort, wenn technische Überforderung mit Vertrauen in die Technik verwechselt wird — ohne Kenntnis der Funktionen und Wirkungsweisen von ABS und ESP sind sich viele Kraftfahrzeugführer sicher, dass die technischen Assistenten in brenzligen Situationen schon irgendwie schlimmeres verhindern werden, was sich dann in hinlänglich bekannten Formulierungen im Polizeibericht niederschlägt.

Diese Art der Risikokompensation findet leider auch im Radverkehr statt und manifestiert sich etwa bei den besorgten Müttern, die ihre Kinder mit dem Rad zur Grundschule bringen, dabei aus Sicherheitsgründen den vermeintlich sicheren Gehweg benutzen und zwar auf einen Fahrradhelm, aber weder auf den richtigen Sitz des Helmes noch auf die sicherheitstechnische Grundausstattung des Kinderrades bezüglich Bremsen und Licht achten — der Fahrradhelm wird’s ja schon irgendwie richten.

Tatsächlich ist der Anteil der Personenkraftwagen damals nicht wesentlich gesunken, vermutlich aber weniger wegen der Gurtpflicht als vielmehr in Ermangelung von Alternativen. Autofahrer hätten damals allenfalls auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen können, vom Fahrrad kann man aber recht bequem auf das Auto umsteigen, was bereits heute definitiv jeden Morgen recht viele Verkehrsteilnehmer tun, wenn sich das Fahrrad in der persönlichen Abwägung zur Wahl des heutigen Verkehrsmittels wieder einmal nicht durchsetzen konnte.

Welt Online: Teilen Sie die Kritik der Verbände, dass Radfahren bei einer Helmpflicht für viele Menschen deutlich unattraktiver würde und dem Ziel schade, mehr Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen?

Christian Carius: Nein. Das sind Spekulationen. Warum sollte ein Verkehrsteilnehmer wegen einer Helmpflicht das Rad in der Garage lassen? Fahrradfahren ist sexy: Umweltfreundlich, stärkt die Fitness und die Gesundheit.

Auch wenn Christian Carius das nicht glauben mag: in Ländern mit Helmpflicht sank der Radverkehrsanteil um teilweise bis zu vierzig Prozent. Schon ohne Helmpflicht finden heutzutage genügend Menschen jeden Morgen einen Grund, das Rad im Keller zu lassen und mit dem Auto zu fahren: mal regnet ist, mal bläst der Wind in die falsche Richtung, mal ist es zu dunkel, zu glatt, zu kalt oder zu warm, mal sind zwei Kilometer doch zu weit fürs Rad oder es fehlt einfach an Lust, sonst wäre ja nicht nur jeder zehnte Verkehrsteilnehmer auf zwei Rädern unterwegs. Dass wiederum nur ein Zehntel der Radfahrer mit Helm unterwegs ist, liegt schließlich nicht nur an finanziellen Gründen oder an der aufwändigen Frisur, sondern mehrheitlich an persönlicher Abneigung gegen den Helm. Wie gesagt: nur ein kleiner Teil der Teilnehmer der Emnid-Umfrage dürfte regelmäßig mit dem Rad unterwegs sein und offenbar finden alle eine Helmpflicht toll, nur nicht diejenigen, die anschließend tatsächlich mit dem Helm unterwegs sein müssen.

Und Fahrradfahren ist sicher umweltfreundlich und gesund, aber ganz bestimmt nicht sexy. Fahrradfahren ist noch immer die Fortbewegungsart für Arme und Studenten und ein Hobby für die Freizeit. Wer es eilig hat und vorankommen möchte, der wählt in Deutschland das Auto. Poltik und Verwaltung geben zwar vor, den Radverkehr fördern zu wollen, stechen aber mit dagegen immer abstruseren Forderungen wie der Helmpflicht, der Warnwestenpflicht und des Tempolimits für Radfahrer regelmäßig zwischen die Speichen.

Welt Online: Kritiker meinen, sichere Radwege könnten mehr Sicherheit bringen als eine Helmpflicht.

Christian Carius: Man sollte das eine tun, ohne das andere zu lassen. Natürlich brauchen wir sichere Radwege und schützende Helme. Beides ist wichtig und führt insgesamt zu mehr Verkehrssicherheit.

Trotz des schönen Zitates irrt Carius: die Ausgaben für den Radverkehr werden momentan noch weiter zusammengekürzt, da wird das Sicherheitsniveau in nächster Zeit sicherlich nicht steigen. Und im Gegensatz zu einer vernünftigen Radverkehrsführung sorgt ein Helm nicht für mehr Verkehrssicherheit, denn er verhindert keine Unfälle, sondern fängt allenfalls deren Folgen ab, wobei sich über die Wirkung eines Helmes, wie schön häufiger erwähnt, kontrovers diskutieren lässt. Auch hier gilt: für mehr Sicherheit sorgt vor allem Bildung und daran mangelt es im Straßenverkehr ganz erheblich. Für das Führen eines Kraftfahrzeuges ist eine Fahrprüfung nötig, das Fahrrad darf ohne jegliche Vorkenntnisse bewegt werden und so trägt es sich dann auch zu, dass einem wesentlichen Teil der Radfahrer auch nach jahrelangen Strampeln teilweise elementare Regeln nicht bekannt sind, etwa dass grundsätzlich nur rechtsseitige Radwege befahren werden dürfen und Gehwege tabu sind. Zur Bildung eines Radfahrers sollte übrigens auch gehören, dass ein Fahrradhelm nur bei, aber nicht vor Unfällen schützt.

Welt Online: In den Städten gibt es immer mehr Leihfahrradsysteme. Müssten die Anbieter zum Rad nicht auch künftig einen Helm anbieten?

Christian Carius: Ich bin überzeugt davon, dass sich für solche Fragen auch brauchbare Antworten finden lassen.

Vermutlich hat Carius über diese Frage einfach noch gar nicht nachgedacht. Das ist legitim: wenn Fahrradfahrer ein flächendeckendes Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde für innerörtliche Straßen fordern, denkt vermutlich auch niemand primär an die Autofahrer, die sich ob solcher Forderungen kringelig lachen und an die Automobilindustrie, die dann auf ihren schnellen Autos sitzen bleibt.

Helmpflicht und Leihrad vertragen sich allerdings tatsächlich nur schlecht, denn ein Grund für den Boom dieser Systeme ist nunmal die sofortige Verfügbarkeit: der interessierte Nutzer muss quasi maximal bis zur nächsten Straßenecke laufen und kann sich dort ein Rad leihen — einen eigenen Fahrradhelm hat wohl kaum jemand gerade zufällig zur Hand. Einen Leihhelm zum Leihrad zu legen dürfte auch wenig zielführend sein, denn ein unbekannter Fahrradhelm mit unbekannter Lebensgeschichte bietet nunmal keinen Schutz, denn schließlich wird überall gepredigt, dass ein Helm bereits nach einem leichten Sturz ausgetauscht werden sollte.

Im Endeffekt würden im Zeitalter der Helmpflicht Leihradsysteme leise aus den Städten verschwinden — zusammen mit einem Großteil des übrigen Radverkehrs.

Welt Online: Aggression vonseiten der Radfahrer wächst: Ampeln scheinen für einige nicht zu existieren, und Stoppschilder werden gern übersehen. Störende Autofahrer werden zur Not durch einen gezielten Schlag aufs Dach ermahnt. Müssen die Radler doch mehr für das Miteinander im Straßenverkehr tun?

Christian Carius: Das ist mir zu pauschal. Alle Verkehrsteilnehmer müssen Rücksicht nehmen. Es gibt allerdings – wie überall – auch Rowdys unter den Radfahrern.

In der Tat gibt es unter Radfahrern einen nennenswerten Anteil an Kampfradlern, für die leider keine Verkehrsregeln gelten. Auch hier könnte man theoretisch mit Bildung ansetzen, wenn man denn will, und zwar sowohl auf Seiten der Fahrrad- als auch auf Seiten der Autofahrer.

Schade, dass Carius nicht darauf eingeht, welche Sanktionen der Gesetzgeber momentan plant — sicherlich würde ein fehlender Fahrradhelm mit einem Bußgeld belegt, aber würde auch ein falsch getragener Fahrradhelm, etwa mit lockerem Kinnriemen, mit zu lockerem Sitz oder auf einer Mütze getragen, ebenfalls sanktioniert? Und die viel elementarere Frage: weigert sich nach einem Unfall ohne Fahrradhelm womöglich die Krankenversicherung, entsprechende Behandlungen zu übernehmen? Letzteres wird besonders unter Befürwortern der Helmpflicht gefordert, frei nach dem Motto, wer sich wissentlich gegen Sicherheitsmaßnahmen verschließt, sollte später im Krankenhaus auch nicht von der Gesellschaft unterstützt werden.

Was auf den ersten Blick noch plausibel scheint, entpuppt sich bei näherem Nachdenken als gefährliche Falle. Unsere Gesellschaft ist — zum Glück — auf das soziale Miteinander ausgelegt und dazu gehört nunmal auch das System der Krankenkassen. Ansonsten müsste sofort und bedingungslos ein Rauch- und ein Alkoholverbot erlassen, ungesunde Nahrung aus den Supermärkten entfernt und jeder Bürger zu mindestens zwei Stunden körperlicher Ertüchtigung verpflichtet werden. Alternativ müsste halt jeder, der genügend Geld für Zigaretten, Alkohol oder Fast-Food hat, auch ausreichend Geld zur Seite legen, um im Ernstfall seine Krankenhausrechnungen ohne gesellschaftliche Hilfe zu bezahlen.

Die Rolle der Versicherungen im Zirkus der Helmpflichtdiskussionen ist ohnehin recht nebulös — momentan sieht die Rechtsprechung die Versicherungen auch in der Pflicht, wenn der verunfallte Radfahrer keinen Helm getragen hat, es wäre aber durchaus denkbar, dass nach Einführung der Helmpflicht nach jedem Unfall zunächst einmal die Frage aufkommt, ob ein Helm getragen wurde und ob der Helm korrekt und an den Kopf des Radlers angepasst saß.

Da wird manch einer dumm gucken, der sich womöglich bei der Emnid-Umfrage sofort für eine Helmpflicht aussprach und nach dem ersten Unfall lernt, dass der Kinnriemen seit Jahren viel zu locker eingestellt war und — leider, leider — keine Übernahme der Krankenhauskosten erfolgen kann.

Am besten lässt man das Radfahren in Deutschland bleiben.