Kreuz und quer durch die Stadt mit dem BikeCityGuide

Seit einiger Zeit geistert der BikeCityGuide durch das Internet. Eine Navigations-App speziell fürs Fahrrad ist sicherlich eine prima Idee, der Webseite nach macht das Team hinter der App einen sehr sympathischen Eindruck, aber so richtig Freude kommt bei der Navigation leider nicht auf.

Nach der Installation entpuppt sich die App als überraschend hübsch anzusehen, glich sie doch auf den vorab veröffentlichten Screenshots doch eher nach einem einigermaßen optisch anspruchslosem Programm. Die Bedienung entspricht dem üblichen Navigationsprogramm: Start- und Zielpunkt eingeben, die Routenberechnung abwarten und losfahren. Alternativ lassen sich auch vordefinierte Routen quer durch die Stadt auswählen oder eigene Routen aus einer langen Liste sehenswerter Orte zusammenklicken. Keine Frage: die App macht wirklich Spaß.

Leider gilt das nicht für die berechneten Strecken.

Ein Navigationsprogramm für Fahrradfahrer muss beinahe zwangsläufig den jeweiligen Fahrradfahrer-Typ differenzieren. Ein eher selten radelnder Ausflugsradler wird große Umwege in Kauf nehmen, um Straßen ohne Radwege zu vermeiden, ein Alltagsradler wird eine möglichst gradlinige Verbindung bevorzugen und auf dem Rückweg womöglich eine schönere, aber auch längere Strecke fahren wollen, und Fahrradkuriere, tja, Fahrradkuriere brauchen wahrscheinlich gar keine App und sind schneller am Ziel, als die Route berechnet ist.

Spaß beiseite, rein in den Sattel. Auf meinem Weg zur Arbeit vom Hamburger Westen in die Innenstadt führt mich der BikeCityGuide zunächst an der Elbe entlang, meinem ohnehin präferierten Weg zur Arbeit. In Blankenese ist allerdings Schluss mit dem Elbblick, denn der BikeCityGuide will nun ernsthaft den Waseberg hochstrampeln. Klar, er hat leicht reden, er muss ja auch nicht strampeln. Warum wir nicht einfach weiter bis Övelgönne radeln und von da aus in die Innenstadt hüpfen wird mir nicht nur angesichts der fünfzehnprozentigen Steigung unverständlich. Oben angekommen hört das iPhone überhaupt nicht mehr auf zu plappern. Rechts, links, gleich links, ganz rechts, da vorne geradeaus: die Route ist mehr als abenteuerlich. Ganz offensichtlich versucht das Programm möglichst viele Radwege auf der Tour in die Innenstadt mitzunehmen. Ich hätte erwartet, eine geradlinige Verbindung empfohlen zu bekommen, etwa weiter unten am Strand oder einfach die Elbchaussee entlang. Stattdessen geht es geradezu im Zick-Zack-Kurs quer durch die Wohngebiete — der BikeCityGuide wird schon wissen, was er da tut. Trotzdem wird jeder Blick auf die app-interne Karte vom Unverständnis begleitet: wenn wir schon nicht den Elbweg oder die Elbchaussee befahren, warum nehmen wir dann nicht wenigstens innerhalb der Wohngebiete eine möglichst direkte Verbindung, sondern kurven stattdessen wie betrunken hin und her?

Und das ist wirklich ärgerlich. Die App ignoriert leider sowohl die durchaus schon älteren Erkenntnisse, dass ein Radweg nunmal keineswegs einen unbedingten Komfort- oder gar Sicherheitsgewinn bedeutet, was in Schwerstarbeit für die Federgabel und mehreren Gefahrbremsungen angesichts unachtsamer Autofahrer resultiert, noch kann ich der App begreiflich machen, dass ich überhaupt keinen Wert auf Radwege lege. Ich fahre gerne auf der Fahrbahn, aber momentan fahre ich einen großen Umweg, weil dem BikeCityGuide in etwa fünf Kilometer Entfernung ein Radweg bekannt ist, der seinen Namen wahrscheinlich ebenso wenig verdient wie die Buckelpiste, die momentan meine Knochen und Nerven malträtiert. Die Sache mit den Radwegen ist allerdings beabsichtigt:

„Es gilt: Große Straßen meiden, Radwege, ruhige Neben- und Spielstraßen priorisieren, und die Häufigkeit der Abbiegungen miteinbeziehen“, erklärt Kofler.

Angesichts dieser Prämisse ist natürlich klar, wie dieser Kurs zustande gekommen ist: Als große Straße hat die Elbchaussee keine Chance und das reichhaltige Angebot von Radwegen, die leider ihren Namen nicht verdienen, hat die App von der Elbe den Waseberg quer durch die westlichen Wohngebiete Hamburgs gelockt. Kein Wunder, dass das schiefgeht — Ich wäre diesen Kurs freiwillig im Leben nicht gefahren.

Auch andere Strecken zeigen sich testweise als außerordentlich abenteuerlich: Da biegt der BikeCityGuide plötzlich von der B431 ab, stratzt vermutlich wieder auf der Jagd nach Radwegen kreuz und quer durch das angrenzende Wohngebiet, um dann ein paar hundert Meter später mit einem Umweg von knapp einem Kilometer wieder auf der B431 einzubiegen. Natürlich wird es in den Wohngebieten ruhiger zugehen als an einer vierspurigen Hauptstraße, aber auf letzterer brauche ich nicht ein Dutzend Mal die Straßen überqueren, sondern radle geradeaus. Und so viel ist mir meine Ruhe auch nicht wert, als dass ich ständig Umwege durch ruhigere Wohngebiete nehmen möchte.

Darum noch einmal die Forderung: Es muss unbedingt differenziert werden, welche Art von Radfahrer da auf dem Sattel sitzt. Womöglich freut sich der Ausflugsradler, der drei Mal im Jahr das Rad aus dem Keller hievt, tatsächlich über jeden Radweg und nimmt ohne Quengelei große Umwege in Kauf, um bloß nicht auf der Fahrbahn fahren zu müssen. Ich will aber gar nicht hin und her fahren, weil es irgendwo einen Radweg gibt, den ich dann vermutlich sowieso nicht benutzen werde, weil er angesichts der Prämisse, keine großen Straßen zu befahren, wahrscheinlich auch noch in einer Tempo-30-Zone gelegen ist, in der ich auf der Fahrbahn nun aber wirklich besser aufgehoben bin. Schön, dass dem BikeCityGuide viele freigegebene Einbahnstraßen bekannt sind, mit denen sich ein paar hundert Meter sparen lassen, aber ich fahre dann doch wiederum lieber einen Umweg, als durch eine enge Einbahnstraße mit viel Gegenverkehr und Kopfsteinpflaster zu rattern.

Ich persönlich will auf dem Weg zur Arbeit einigermaßen zügig vorankommen, ob ich nun 18 oder 20 Kilometer radle spielt keine Rolle, gegen einen kleinen Umweg mit kurzer Pause beim Bäcker habe ich sicher nichts einzuwenden. Abends darf es gerne noch die große Runde um die Außenalster sein, da habe ich es nicht eilig, da fahre ich gerne auch an einigen reizvollen Strecken vorbei. Aber ich habe sicherlich nicht die Ambition, nur auf dem Radweg fahren zu wollen.

Und solange die App nicht verschiedene Radfahrertypen bedienen kann, bleibt sie wenigstens für den gerne schnell fahrenden Radfahrer unbrauchbar. Ein bisschen rätsle ich auch darüber, inwiefern nun das Wissen der Fahrradkuriere in die Auswahl der Karten eingeflossen sein wird. Die werden sicherlich einen Teufel tun, auf ihren Touren große Umwege zu fahren, um sich dann die Knochen auf einem buckeligen Radweg zu ruinieren.

Interessant ist allerdings die Touren-Funktion, die Routen entlang vorgegebener Sehenswürdigkeiten berechnet. Die führen zwar auch einigermaßen unsinnig den Radwegen hinterher, doch fallen die Umwege da nicht so sehr ins Gewicht, wenn man in der Freizeit unterwegs ist und gerne viel von der Stadt sehen möchte.