Bernhard Schlag zu Tempo 30 innerorts

Das Zweite Deutsche Fernsehen hat ein Interview mit dem Verkehrspsychologen Bernhard Schlag geführt: „Tempo 30 in der Stadt: Die Akzeptanz wächst“

heute.de: Warum brauchen wir Tempo 30 in den Städten?

Schlag: Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass sich auf diese Weise die Unfallquote drastisch senken lässt. In London etwa hat man vor über zehn Jahren flächendeckend 20 miles per hour als Höchstgeschwindigkeit eingeführt, das entspricht etwa 32 Km/h. Seit Umsetzung der Maßnahme zählen die Behörden 200 Verletzte weniger pro Jahr. Wenn Sie das auf Deutschland hochrechnen, bedeutet das jährlich mindestens 1.000 bis 1.500 weniger Verletzte im gesamten Stadtverkehr. Mit den Einsparungen, die so entstehen, könnten zum Beispiel bauliche Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit finanziert werden.

Es verwundert kaum, dass eine solche Forderung in Deutschland erst einmal auf Protest stößt. Dabei tritt natürlich auch das übliche Phänomen auf, dass die Temposünder in Tempo-30-Zonen oder vor Schulen zum Großteil Anwohner und Eltern sind, die ja eigentlich von der Beschränkung am meisten profitieren.

heute.de: Bei der Bevölkerung kommt das Thema bislang trotzdem nicht besonders gut an. Renate Künast (Grüne) etwa hat die Ankündigung, Tempo 30 als Standard einzuführen im Wahlkampf um das Berliner Bürgermeisteramt eine Menge Sympathiepunkte gekostet.

Schlag: Für Teile der Bevölkerung mag das Thema noch ein rotes Tuch sein. Aber die Akzeptanz wächst. Tempo 30 in der Stadt und 130 auf der Autobahn, das sind Themen, die hätte man vor zehn Jahren nicht so offen wie heute diskutieren können. Inzwischen fordert es auch die EU.

heute.de: Kritiker befürchten, die Folge der Neuregelung wäre dauernder Kriechverkehr. Sie halten dem entgegen, die Durchschnittsgeschwindigkeit würde bei Tempo 30 gar nicht sinken.

Schlag: Jedenfalls nicht so sehr, wie sich das viele ausmalen. Schon heute beträgt das durchschnittliche Tempo von Pkw in der Stadt nur 22 bis 25 Km/h. Bei Tempo 30 als Regelfall läge es voraussichtlich knapp unter 20 Km/h. Und die These vom Dauerstau – die wird ja auch immer wieder in die Diskussion geworfen – ist mit Verlaub gesagt Quatsch. Unter Umständen wird sich der Verkehrsdurchfluss sogar eher erhöhen. Wir kennen solche Effekte bereits von den Autobahnen. Da ist das höchste Verkehrsaufkommen nicht etwa dort zu bewältigen, wo es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, sondern da, wo Tempolimit 80 oder sogar 60 gilt.

Auch wenn Politik und ADAC trotzdem gegen ein solches Vorhaben sträuben werden, ist Schlag zuversichtlich:

(…) Die Lebensqualität wird in der Folge steigen. Und wenn die Menschen sich erst daran gewöhnt haben, werden sie sich fragen, warum wir damit so lange gezögert haben.

Die Menschen werden sich in den nächsten Jahrzehnten sowieso einige Dinge fragen — zum Beispiel, wie man an Straßen wohnen konnte, in denen der Platzbedarf der Kraftfahrzeuge jeglichen Aufenthaltsraum der Menschen verdrängt hat. Oder warum man tatsächlich für Kurzstrecken unter fünf Kilometern jedes Mal das Auto benutzt hat. Oder warum es überhaupt nichts wichtigeres im Leben gibt als Geld und Erfolg — statt Glück und Zufriedenheit.