Berlin will ebenfalls sparen

Während die Dänen den deutschen Städten noch Potenzial in der Förderung des Radverkehrs attestieren, setzt die Politik auf deutliche Signale gegen den unmotorisierten Verkehr. Neben Hamburg will auch Berlin den Radverkehr nicht mehr so stark unterstützen: Nußbaum spart an den Radwegen

Obwohl sich die Zahl tödlicher Unfälle seit Jahren erstmals wieder erhöht hat, will der Finanzsenator eine Million Euro weniger für Baumaßnahmen ausgeben. Der Fahrradclub ADFC protestiert.

Berlin will an Radwegen sparen

Gerade wurden die Berliner Radwege über Gebühr gelobt, nun macht sich schnell Ernüchterung breit: Nußbaum spart an den Radwegen

Obwohl sich die Zahl tödlicher Unfälle seit Jahren erstmals wieder erhöht hat, will der Finanzsenator eine Million Euro weniger für Baumaßnahmen ausgeben. Der Fahrradclub ADFC protestiert.

Mit der Halbierung der Ausgaben von zwei auf eine Million Euro lassen sich in Berlin offenbar nicht einmal die gravierendsten Mängel an Radwegen ausbessern. Auf die Fahrbahn möchte man die Radfahrer allerdings auch nicht lassen, denn dort sei es viel zu gefährlich, wie Polizeichefin Köppers noch einmal erzählen darf, obwohl sie es eigentlich besser wissen sollte:

„Ich kenne die Opferperspektive“, sagte Polizeichefin Koppers und berichtete von drei eigenen Fahrradunfällen in den vergangenen zehn Jahren: „Ich habe unfreiwillig einen Salto über eine geöffnete Autotür hinter mir, bin von einem abbiegenden Auto erfasst oder von einem BVG-Bus so an den Bordstein gedrängt worden, dass ich quer über den Bürgersteig geflogen bin.“

Es bleibt tatsächlich fraglich, wann endlich der Zusammenhang zwischen schlechten Radverkehrsanlagen und den Unfallzahlen hergestellt wird — hoffentlich braucht es dazu nicht noch mehr tödliche Unfälle, die sich in Berlin in letzter Zeit wieder häufen.

Berliner Radwege sind trotz Unfällen sicher

Die Berliner Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers hat sich zur Situation des Verkehrs im vergangenen Jahr geäußert — leider widersprüchlich. Der wichtigste Satz steht erst im Resumee:

Letztlich muss ein Umdenken der Verkehrsteilnehmer stattfinden, um Berlins Straßen noch sicherer zu machen. Nicht das Auto steht im Vordergrund unseres mobilen Denkens, sondern immer der Mensch!

Natürlich fehlt auch nicht der übliche Teil über die Rowdy-Radfahrer, wenngleich Koppers wenigstens im Sommer auch selber mit dem Rad unterwegs ist:

Ich selbst fahre im Sommer viel mit dem Fahrrad und beobachte den Straßenverkehr in meinem neuen Amt natürlich kritischer und mit anderen Augen als früher. An den zahlreichen roten Ampeln auf meinem Weg zum Platz der Luftbrücke bin ich meist die einzige, die anhält. Die mich überholenden und offenbar ohne jeden Skrupel weiterfahrenden Radfahrer machen eher den Eindruck, dass sie mein Verhalten „schräg“ finden; gelegentlich muss ich mich beschimpfen lassen, wenn ich bei „Gelb“ bremse und die hinter mir fahrenden Radfahrer dadurch anhalten oder ausweichen müssen. Rote Ampeln zu überfahren, ausgewiesene Radwege zu ignorieren, obwohl sie Schutz bieten, und nur für Fußgänger vorgesehene Gehwege zu nutzen, scheint selbstverständlich. Auch hier entsteht also der Eindruck, Verkehrsregeln seien nur unverbindliche Verhaltensempfehlungen, denen man nach Lust und Laune folgen kann oder eben nicht. Ist es wirklich spießig oder uncool, Regeln einzuhalten?

Interessant wird es nun mit dem nächsten Absatz:

Zudem ist es doch ein Trugschluss, selbst genau einschätzen zu können, wie gefährlich die Situation tatsächlich ist. Denn auf die Rücksicht der anderen Verkehrsteilnehmer können wir nicht zwingend setzen. Als Radfahrerin kenne ich natürlich auch die Opferperspektive, habe unfreiwillig einen Salto über eine geöffnete Autotür hinter mir, bin von einem rechts abbiegenden Auto erfasst oder von einem BVG-Bus so an die hohe Bordsteinkante gedrängt worden, dass ich quer über den Bürgersteig geflogen bin.

Wenn Koppers selber von einer Tür und einem rechtsabbiegenden Auto getroffen wurde, warum hält sie Radwege nach wie vor für sicher? Auf der Fahrbahn mit vernünftigen Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos wären beide Unfälle mutmaßlich nicht passiert, wenngleich die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe für ihr rabiates Durchgreifen bei sogar berechtigten Fahrbahnradlern bekannt sind.

Schade, dass sich die Prävention auf Alkohol- und Drogendelikte konzentriert und Maßnahmen zur Reduzierung der so genannten Rüpelradler gar nicht in Erwägung gezogen werden. Über rote Ampeln fährt man sicherlich nicht aus Versehen, auf Gehwegen aus falschem Sicherheitsgefühl — und auf der Fahrbahn ganz berechtigt, denn dort ist auch in Berlin die Unfallwahrscheinlichkeit am geringsten.

Berlin: Ausstellung über dänische Fahrradkultur

Drüben in Berlin gibt’s noch bis Ende Februar ziemlich viele eindrucksvolle Fotos aus Kopenhagen zu sehen: Fahrradkultur auf Dänisch

Kopenhagen ist ein Paradies für Radfahrer. Eine Ausstellung im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin zeigt, was wir von Dänemark lernen können.

Berliner Piraten wollen 370.000 Euro sparen

Die Berliner Morgenpost berichtet: Piraten wollen durch Dienstfahrräder 370 000 Euro sparen

(…) Der Dienstwagen für die Fraktion mit Fahrer würde das Land gut 93 000 Euro im Jahr – und mehr als 465 000 Euro in der fünfjährigen Legislaturperiode – kosten, schrieb der Piratenabgeordnete Christopher Lauer an Körting. Die Kosten für die 15 Fahrräder sollen dagegen einmalig bei maximal 30 000 Euro liegen und die für die Jahreskarten für Bahnen und Busse jährlich bei rund 13 000 Euro. Ersparnis: rund 370 000 Euro gerechnet auf fünf Jahre. Dienstwagen für die Fraktionen werden aus dem Landeshaushalt bezahlt. (…)

Die Grünen haben ebenfalls noch nie einen Dienstwagen in Anspruch genommen. Überhaupt dürfte in Großstädten wie in Berlin eine Kombination aus Fahrrad und Öffentlichem Nahverkehr deutlich schneller sein als jegliche Dienstwagen.

Nur, ja, Schade, die Bürokratie verhindert, dass es Diensträder statt Dienstwagen gibt:

(…) Eine Umwandlung von Dienstwagen und Fahrer in Fahrräder oder in Monatskarten der Berliner Verkehrsbetriebe sei in den Regularien des Abgeordnetenhauses nicht vorgesehen, schrieb Körting. „Wenn Sie eine derartige Ausstattung für die Fraktionen und Abgeordneten beabsichtigen, müssen Sie dies in den zuständigen Gremien des Abgeordnetenhauses auf den Weg bringen“, erläuterte Körting in dem Brief. (…)

In Berlin radelt man gefährlich

Der Tagesspiegel, bekannt für seine kulturell wertvollen Leserdiskussionen in den Kommentaren, schreibt: „Radler und Fußgänger leben wieder gefährlicher“.

Der Artikel dreht sich tatsächlich eine Weile um die Unaufmerksamkeit von Autofahrern und -insassen, die offenbar häufig unfallursächlich sind:

In den vergangenen Tagen verunglückten erneut drei Radfahrer schwer. Wie berichtet, wurde am Mittwoch ein 17-Jähriger von einem rechtsabbiegenden Mülllaster lebensgefährlich verletzt. Am Donnerstag prallte eine Radfahrerin gegen eine Autotür, die der Fahrer eines Fords ohne Blick über die Schulter geöffnet hatte. Und in der Nacht zum Freitag rammte ein Radler in Mitte eine Ampel. Beide Unfallopfer erlitten schwere Verletzungen.

(…)

Wachsende Unachtsamkeit am Lkw- und Pkw-Steuer verursacht laut van Stegen die meisten Radunglücke. Offenbar überfordert die ungewohnte Zunahme des Radverkehrs noch viele Fahrer. So wurden fünf der acht in diesem Jahr ums Leben gekommenen Radler von Rechtsabbiegern gerammt.

Dann folgt zwischendurch eine seltsame Schlussfolgerung:

Allerdings sieht die Polizei auch eine „Hochrisikogruppe“ bei den Radfahrern. „Es ist die Zahl derjenigen, die sich auf ihre Vorfahrt verlassen und ohne umsichtigen Blick zum Autoverkehr bei Grün über die Radfurt fahren.“

Eigentlich sollte es doch möglich sein, die Grünphase einer Radfurt so zu gestalten, dass der Fahrradverkehr ungestört fließen kann und nicht von den möglicherweise unaufmerksamen Autofahrern gefährdet wird. Problematisch ist dabei natürlich wieder die Führung des Radverkehrs rechts von abbiegenden Fahrzeugen, denn schließlich würde niemand auf die Idee kommen, von Kraftfahrzeugen bei grüner Ampel zu fordern, erst einmal zu schauen, ob eine Spur weiter links jemand nach rechts abbiegen möchte.

Aber immerhin hat man das Problem durchaus erkannt:

Die zunehmend direkt auf den Straßen markierten Radwege seien der richtige Weg. „So bringt man Radler in den Fokus der Autofahrer.“

Insofern scheint der Verkehr in Berlin vollkommen anders zu funktionieren als in München, denn dort sind laut der Verkehrspolizei Radwege sicherer als die Fahrbahn.

Und während die Polizei in neuen Erkenntnissen schwelgt, streitet sich die Leserschaft in den Kommentaren, ob für die Einrichtung einer Radverkehrsführung auf der Fahrbahn Parkplätze aufgegeben werden dürfen.