AutoBILD: Ein Blick hinter den Hass

Man kann zum Mobilitätswandel eine Menge Texte schreiben. Ein paar davon, leider viel zu lang und viel zu aufgeblubbert, stehen in diesem Blog, andere, in deutlich lesbarer und begreifbarer Länge, in anderen Weblogs, viele mittlerweile auch in „ganz normalen“ Tageszeitungen, Zeitschriften und Online-Magazinen.

Man mag das als Fortschritt erkennen: Der Mobilitätswandel ist in der Gesellschaft angekommen, er ist alltäglich, gegenwärtig, akzeptiert. Dass es dennoch immer wieder gegenteilige Veröffentlichungen gibt, dass sich Straßenverkehrsbehörden und Einwohner gegen Veränderungen des Straßenraumes aussprechen, das ist ein bisschen schade, aber gehört wohl dazu.

Und dann kam AutoBILD. Das, was die aktuelle Ausgabe der Autobild in den Straßenraum schmiss (oh, ich habe lange mit dem „M“ in „schmiss“ gerungen), war in dieser Form noch nie akzeptabel — und wirkt auf seine ganz besondere Weise in Hinblick der momentanen Diskussionen so unglaublich rückständig, aber doch so verheißungsvoll interessant, weil sich auf ganz deutliche Weise erkennen lässt, wie man den Hass auf eine bestimmte Art von Verkehrsteilnehmern schürt.

Eigentlich wurde alles relevante zur AutoBILD schon geschrieben. Einfach nicht kaufen, einfach nicht aufregen, einfach nicht beachten. Das wäre aber zu einfach: Erst mit dem wissen, wie dieser Hass funktioniert, kann vernünftig dagegen argumentiert werden.

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AutoBILD: Radfahrer sollen Radwege benutzen, wann immer es möglich ist

In der Aufregung über den damaligen und deutlich misslungenen Artikel in der BILD ging tatsächlich ein echter Knaller des Schwesterblattes AutoBILD unter: Was dürfen Radfahrer?

Dieser Artikel taucht zu allem Überfluss sogar in der Kategorie Verkehrsrecht auf und ist zwar sachlich gesehen nicht falsch, aber so geschickt formuliert, dass der oft beschworene Krieg zwischen Auto- und Radfahrern allenfalls weiter angefacht wird. Das geht schon mit dem eingangs aufgebauten Szenario los:

Berufsverkehr, halb acht. Autos quälen sich zweispurig in die Stadt. Auf der rechten Spur geht nichts voran: Dort zuckelt ein Radfahrer, obwohl er auf einen Radweg ausweichen könnte. Folge: genervte Autofahrer, Hupkonzert.

Klar, wer kennt dieses Szenario nicht, wird sich jeder Leser denken. Fraglich ist aber auch ein knappes halbes Jahr nach Erscheinen des Artikels, wie viele Leser denn das wohlvertraute Szenario des Autofahrers kennen, der mitten im Stau steht und nicht so recht vorankommt, weil abertausende andere Pendler ebenfalls auf die Idee gekommen sind, um halb acht mit dem Auto zur Arbeit zu fahren — und wie viel später der Autofahrer wohl tatsächlich allein wegen der Fahrradfahrer zur Arbeit kommt und wie viel Verspätung hingegen die anderen Kraftfahrzeuge zwischen Stoßstange und Fahrtziel ausmachen.

Fairerweise sollten womöglich auch die Radfahrer erwähnt werden, die zwischen Start und Ziel geradezu artistische Meisterleistung auf unzulässig blau beschilderten Radwegen vollbringen, vor jeder Kreuzung an der Fußgängerampel warten müssen und so sehr genervt sind, dass sie tatsächlich auf die Fahrbahn ausweichen, um wenigstens noch einigermaßen rechtzeitig zur Arbeit zu fahren. Dort nerven sie dann wieder die Autofahrer und das Spiel beginnt von vorne.

Die unausweichliche Frage lautet also:

Und die Frage: Darf der da überhaupt fahren?

Das erinnert immer ein wenig an eine Frage aus der Fahrschulzeit, die in etwa lautete: „Von hinten nähert sich ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn. Was müssen Sie tun?“ Und eine der Antwortmöglichkeiten lautete in etwa: „Sich fragen, ob das Fahrzeug die Sonderrechte in Anspruch nehmen darf.“ Denn eigentlich geht den Autofahrer die Wahl des Radfahrers, welchen Straßenteil er hier gerade bevorzugt, überhaupt gar nichts an. Einerseits wird die durchschnittliche Verlängerung der Fahrzeit wegen Radfahrern auf der Fahrbahn kaum messbar ausfallen, auch wenn immer wieder gegenteiliges behauptet wird und es freilich wirklich die Radfahrer geben mag, die auf einer Bundesstraße über zwanzig oder dreißig Kilometer eine endlose Fahrzeugschlange ohne Überholmöglichkeit hinter sich herziehen, andererseits darf der Autofahrer auch getrost davon ausgehen, dass der Radfahrer einen guten Grund haben wird, eben nicht auf dem Radweg zu fahren.

Sei es die in Studien hinreichend oft dargelegte Unsicherheit auf dem Radweg, sei es die mangelnde Bausubstanz des durchschnittlichen deutschen Radweges, die sich durch die Windschutzscheibe gerne als „tadellos und bestens ausgebauter Radweg“ beschrieben wird, aber stellenweise nur im Schritttempo befahren werden kann, seien es parkende Kraftfahrzeuge auf dem Radweg, plötzlich öffnende Autotüren, Mülltonnen, Fußgänger oder Baustellen, sei es, dass der Radfahrer bald links abbiegen möchte oder dass der Radweg irgendwo hinführt, wo er gar nicht hin will: wer zu den ein bis zwei Prozent der Fahrbahnradler gehört, die sich nicht mit Begeisterung auf jeden Radweg stürzen, wird sich dabei schon etwas überlegt haben und Autofahrer, die ihm dann ihre Weisheiten unterbreiten und mit der Hupe Nachdruck verleihen, sind sicherlich mit das letzte, worauf er dann Lust hat.

Die Radfahrer, die freiwillig einen unbeschilderten Radweg oder gar einen nicht freigegebenen Gehweg befahren, tun das meistens aus Unkenntnis über die tatsächliche Gefahrenlage: auf dem Radweg hat man erst einmal nichts mit den Autos zu tun, da scheint es subjektiv sicherer zu sein. Die Gefahr wartet aber spätestens an der nächsten Kreuzung, wenn der Radfahrer dort vom rechtsabbiegenden Fahrzeugführer übersehen wird. Auch wenn 98 bis 99 von einhundert Radfahrern den Radweg bevorzugen und notfalls auf dem Gehweg weiterfahren, heißt es nicht, dass der Radfahrer auf der Fahrbahn ein Bösewicht ist: in der Regel handelt es sich — ganz im Gegenteil — um einen Verkehrsteilnehmer, der sich gründlich mit der Straßenverkehrs-Ordnung und dem sicheren Radfahren auseinandergesetzt hat.

Solche Überlegungen etwa hätte man in den Artikel einstreuen können. Entschieden hat sich der Autor für etwas anderes:

Jein. Ist ein Radweg vorhanden, sollen Radfahrer ihn benutzen, wann immer das möglich ist. Eine Radwegsbenutzungspflicht, etwa wegen besonderer Gefährdung, muss jedoch extra ausgewiesen werden – andernfalls darf bei stark beschädigten Radwegen auf die Straße ausgewichen werden.

Man hätte auch folgendes schreiben können, ohne den Sinn der Aussage zu entstellen:

Nein. Sobald rechts oder links neben der Fahrbahn etwas nach einem Radweg aussieht, müssen Radfahrer ihn befahren. Weisen Sie den Bösewicht notfalls mit der Hupe darauf hin oder rufen Sie die Polizei.

Im Ernst: dieser eine Absatz in der AutoBILD ist schon so grotesk verkehrt, dass es nicht mal mehr mit Kopfschütteln getan ist. „Ist ein Radweg vorhanden, sollen Radfahrer ihn benutzen, wann immer das möglich ist“ — wo in der Straßenverkehrs-Ordnung hat der Autor das denn herausgelesen? Wäre der Satz im Konjunktiv verfasst, so könnte man noch glauben, der Autor sei dem Glauben an sichere Radwege und gefährliche Fahrbahnen verfallen oder meint, es sollte aus Rücksichtnahme auf Autofahrer alles befahren werden, was nach Radwegen aussieht. Das steht dort aber nicht im Artikel und das ist grundlegend falsch.

Der Rest ist nicht sehr viel besser. Eine Benutzungspflicht muss ausgewiesen werden, okay, auch wenn hier eine Erwähnung der dafür notwendigen Beschilderungen schön gewesen wäre. Ein Gehweg mit „Radfahrer frei“ ist nämlich nicht benutzungspflichtig, auch wenn das viele Verkehrsteilnehmer glauben. Geschickt angebaut ist der letzte Satz mit den beschädigten Radwegen, denn zusammengefasst sagt jener Absatz eigentlich folgendes aus:

Radfahrer sollen Radwege generell benutzen. Es darf allenfalls bei stark beschädigten Radwegen auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Ist ein Radweg als benutzungspflichtig beschildert, darf die Fahrbahn in gar keinem Fall benutzt werden.

Und diese Regelung steht nunmal weder in der Straßenverkehrs-Ordnung noch wurde sie von der Rechtsprechung in diese Richtung entwickelt. Ganz im Gegenteil: die Rechtsprechung sagt, der Radverkehr gehöre primär auf die Fahrbahn und sieht benutzungspflichtige Radwege als die absolute Ausnahme. Die AutoBILD verteilt hingegen lieber falsche Informationen und sorgt mit solchen Artikeln sicherlich dafür, dass Fahrbahnradler im eingangs beschriebenen Szenario nach wie vor behupt, bedrängelt und belehrt werden.