Hamburg ist neon-gelb

Das neue Jahr beginnt mit strahlenden Aussichten für Hamburgs Radfahrer, freut sich die WELT:

Strahlende Aussichten: Immer mehr Hamburger wappnen sich mit Warnwesten gegen die schlechten Wetterbedingungen – und sorgen so für mehr Sicherheit.

Diesen Zusammenhang kann man so beschreiben, muss man aber nicht — wenigstens der hinten dran geschobene Satz sollte korrekterweise lauten: „Und gleichen damit unaufmerksame Fahrweisen der Autofahrer aus.“

Keine Frage: Sichtbarkeit ist im Straßenverkehr wichtig. Vor zwei Monaten schon erschien auf dieser Webseite ein Artikel über das Radfahren mit Warnweste, der schon damals bilanzierte, dass eine Warnweste zwar den einzelnen Radfahrer prinzipiell zu schützen vermag, für den Radverkehr insgesamt aber mutmaßlich keine positiven Auswirkungen bezüglich der Sicherheit zeigen wird. Die komplette Argumentation kann im damaligen Artikel nachgelesen werden.

Die WELT schreibt nun:

Auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause kommt es, gerade im Winter, zwischen Fahrrad- und Autofahrern häufig zu Kollisionen. Sind die Personen bei Dunkelheit jedoch gut zu erkennen, verringert sich die Gefahr eines Unfalls drastisch.

Soweit, so korrekt. Umgekehrt betrachtet lassen sich Autofahrer dank der neongelben Radfahrer immer weiter vom Sichtgebot befreien. Beinahe jeder Radfahrer hatte schon mindestens einmal mit einem Autofahrer zu tun, der trotz allerbester Sichtverhältnisse die Vorfahrt des Radfahrers missachtete oder beim Ausparken beinahe den Radfahrer auf die Motorhaube nahm. Häufig heißt es dann: „Ich habe Sie gar nicht gesehen!“ Korrekt wäre sicherlich: „Ich habe nicht aufgepasst“, „Ich habe nebenbei SMS getippt“ oder „Ich habe am Navigationsgerät gespielt.“

Es gibt für den Kraftfahrzeugverkehr keinen Anspruch, dass sich sämtliche Hindernisse mit gelben Warnleuchten ausstatten, überall die Straßenbeleuchtung funktioniert und alle Verkehrsteilnehmer, die nicht hinter dem Steuer sitzen, sondern zu Fuß, auf dem Rad oder Motorrad unterwegs sind, eine Warnweste tragen, damit das Autofahren möglichst leicht und einfach von der Hand geht. Ein Fahrzeugführer ist stets verpflichtet, nach Hindernissen Ausschau zu halten, innerorts noch mehr als auf der in der Regel nicht von Menschen aufgesuchten Autobahn. Daraus folgt nun auch, dass er etwa beim Abbiegen gründlich Ausschau halten muss, ob sich auf dem parallel verlaufenden Radweg womöglich ein Radfahrer nähert, anstatt den Schluss zu ziehen, dass sich alles wichtige schon selbst mit einer Weste kennzeichnen wird.

Das Ziel sollte nun eigentlich nicht sein, alle schwachen Verkehrsteilnehmer mit einer Warnweste auszustatten, damit der Autoverkehr ungestört rollen kann, sondern vielmehr den Autoverkehr so weit zu reglementieren und die Verkehrsinfrastruktur so weit umzugestalten, dass sich alle Verkehrsteilnehmer ohne übertriebene Schutzvorrichtungen im öffentlichen Raum bewegen können. Stattdessen heißt es aber:

Der knallige Trend fällt auch den Polizeibeamten immer häufiger auf. Sie begrüßen die steigende Sensibilisierung der Passanten, Oberbekleidung zu tragen, die den Licht- und Sichtverhältnissen der Jahreszeit angepasst ist. Deshalb denkt die Polizei nun über eine Broschüre nach, die die Wichtigkeit von Reflektorwesten untermauern soll.

Man muss sich eigentlich erst einmal klar machen, wie grotesk diese Zeilen eigentlich sind: die Polizei schätzt die Gefährdung von Fußgängern und Radfahrern durch Kraftfahrzeuge so groß ein, dass es sogar eine Broschüre zu dem Thema geben soll. Aber nicht etwa eine an den Kraftfahrzeugverkehr adressierte Broschüre zum richtigen Verhalten in der dunklen Jahreszeit, sondern Empfehlungen über Warnwesten für die schwächeren Verkehrsteilnehmer.

Warnwesten können zwar im Gegensatz zum Fahrradhelm schon präventiv einen Unfall verhindern, sind aber längst kein Allheilmittel: sie leuchten nämlich nur bei Tageslicht. Die grelle Tagesleuchtfarbe reagiert auf ultraviolette Strahlung, so dass die nächtlichen Reflektionseigenschaften der gelben Leibchen kaum Unterschiede zu einer etwas helleren Jacke aufweisen. Lediglich die Reflektionsstreifen sind im Scheinwerferlicht sichtbar, aber leider allzu oft von Rucksäcken, Taschen oder gar Kapuzen verdeckt.

Selbst wenn: eine Warnweste macht keinen Radfahrer sichtbar, der auf einem Radweg entlangfährt, der nicht direkt parallel zur Fahrbahn, sondern hinter einem Grünstreifen oder gar hinter parkenden Autos geführt wird — dort ist er schon physikalisch gesehen unsichtbar. Auf einem Radweg neben der Fahrbahn ist der Radfahrer zwar prinzipiell sichtbar, dringt aber nicht sofort in das Bewusstsein des Autofahrers: der Radler ist schließlich außerhalb der Fahrbahn und für den Autofahrer zunächst unerheblich. Probleme gibt es in beiden Fällen erst beim Abbiegen, wenn der Radfahrer unvermittelt auf der Motorhaube liegt. Denn nachts ist mit der Tagesleuchtfarbe nunmal nichts zu gewinnen und die Reflektionsstreifen leuchten auch nicht, wenn sich der Radfahrer nicht im Scheinwerferlicht des Autos bewegt.

Statt Warnwesten zu empfehlen, könnte die Broschüre auch andere Hinweise enthalten. Etwa die Aufforderung, gefährliche, weil unsicher geführte Radwege zu meiden und stattdessen auf der Fahrbahn im Blickfeld des Kraftfahrzeugverkehres zu radeln. Oder auf funktionierende Beleuchtung, Reflektoren und Bremsen zu achten, die deutlich effektiver sind als jede Warnweste. Und eben die Aufforderung an den Kraftfahrzeugverkehr, nachts ganz besonders aufmerksam zu fahren und mit schlecht sichtbaren Verkehrsteilnehmern zu rechnen.

Es muss wohl an dem deutschen Verständnis einer Automobilnation liegen, dass auf diese Idee niemand kommt. Stattdessen helfen die schwachen Verkehrsteilnehmer weiter mit beim Aufbau der autogerechten Stadt im 21. Jahrhundert, in der man sich ohne Warnwesten offenbar nicht mehr sicher außerhalb der eigenen vier Wände bewegen kann.

Vermutlich finden nicht-getragene Warnwesten bei Radfahrern und Fußgängern bald Einzug in die Unfallberichte — ganz analog zu der bereits üblichen Erwähnung eines nicht getragenen Fahrradhelmes.

Bayern will unnötige Autofahrten vermeiden

Innenminister Herrmann: „Vielzahl unnötiger Autofahrten“

„Wir müssen versuchen, die Menschen gerade für die kurzen Strecken mehr aufs Fahrrad zu bringen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen ist eine Aufgabe der Zukunft“, sagte Herrmann am Donnerstag in einem Vortrag beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Bayern e.V. (ADFC). Er lehne nicht andere Verkehrsmittel ab, „aber es gibt eine Vielzahl von unnötigen Autofahrten.“

Doch noch viele rationale Argumente gegen Elektroautos

Unter dem lustigen Titel „Fürchtet euch nicht!“ berichtet der SPIEGEL heute über Elektroautos. Nach dem Lesen denkt man sich eigentlich nur: Hä?

Der Reihe nach: das Marktforschungsinstitut Infas hat im Auftrag von Continental nachgefragt, was die Deutschen denn von Elektromobilität halten. Die wichtigste Erkenntnis: viele Verkehrsteilnehmer bemängelten die kurze Reichweite eines Elektroautos, obwohl der tägliche Fahrtweg von durchschnittlich deutlich unter einhundert Kilometern problemlos von aktuellen Elektroautos gefahren werden könne:

Rund 90 Prozent der Pkw in privaten Haushalten in Deutschland legen weniger als 100 Kilometer am Tag zurück – eine Distanz, die selbst für die aktuelle E-Mobile-Generation problemlos zu bewältigen wäre. (…) Knapp 28 Prozent der Autos fahren sogar nur zwischen 10 und 25 Kilometer am Tag. Gleichzeitig stört es 72 Prozent der in Deutschland befragten Menschen, wenn sie ihren Wagen alle 150 Kilometer an die Steckdose hängen müssten.

Schon hier bemerkt der aufmerksame Leser ein Problem: auch die besagten 90 Prozent wollen mit dem Wagen manchmal etwas weiter fahren — das ist auch dem Autor am Ende des Artikels aufgefallen:

Wenn sich die Elektromobilität durchsetzen, müssen also Ängste beseitigt und Anreize geschaffen werden – in erster Linie von der Politik. Denkbar wäre zum Beispiel ein Modell, das den Kauf eines Elektrokleinwagens zusätzlich zum normalen Verbrennerfahrzeug fördert. Zum Beispiel durch eine Steuerbefreiung der Cityflitzer und darüber hinaus kostenfreien Parkraum in den Innenstädten. Doch dazu kann sich der Staat bisher nicht durchringen – zu groß ist die Angst vor den Steuerverlusten.

Das Problem ist bloß, und das rechnet der Autor ein paar Absätze vorher auch noch vor, dass ein Elektroauto momentan noch sehr teuer ist. Selbst wenn man die in Deutschland inzwischen mutmaßlich aus Angst vor Steuerverlusten heruntergewirtschaftete Idee des Wechselkennzeichens berücksichtigt, kostet der Zweitwagen eben soviel wie ein Zweitwagen inklusive Versicherung und Steuern nunmal kostet. Angesichts der Tatsache, dass es manchen Verkehrsteilnehmern schon die Zornesröte ins Gesicht treibt, wenn an den Zapfsäulen Preise von über 1,60 Euro pro Liter angeschlagen werden, handelt es sich um eine recht mutige Annahme, es würden plötzlich umweltfreundliche Zweitwagen auf den Parkplätzen sprießen.

Das mit dem Wechselkennzeichen war ja eigentlich eine aus Sicht des motorisierten Individualverkehrs gute Idee: man beschafft sich mehrere Fahrzeuge, so dass für jeden Einsatzzweck das passende Fahrzeug bereitsteht, bezahlt für den Zweit- und Drittwagen aber kaum Steuern und Versicherungsbeiträge. Für kurze Fahrten in der Innenstadt wird dann das Elektrofahrzeug gewählt, für längere Fahrten steht dann noch ein Fahrzeug mit konventionellem Antrieb in der Garage. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Idee in Deutschland heruntergewirtschaftet wurde, bleiben natürlich noch ein paar andere Probleme. Etwa darf ein kennzeichenloses Auto nicht einmal für ein paar Minuten im öffentlichen Verkehrsraum stehen, also ist nicht nur ein Stellplatz für einen Wagen, sondern gleich für zwei nötig — und beide Fahrzeuge dürfen natürlich nicht stumpf hintereinander auf der Auffahrt aufgereiht werden; die Auffahrt muss so gestaltet sein, dass man mit beiden Fahrzeugen dort herumrangieren kann. Damit werden schon ein paar Millionen Fahrzeugnutzer aus deutschen Innenstädten von der Idee ausgeschlossen. Angesichts der Kosten und der baulichen Voraussetzungen bleibt ohnehin nur noch eine Teilmenge der deutschen Bevölkerung als Nutznießer der Wechselkennzeichen übrig: vermutlich jene, die sich auch problemlos mehrere „normale“ Fahrzeuge anschaffen können — die unterliegen dann auch nicht dem Zwang, ständig das Kennzeichen wechseln zu müssen.

Mit dem Elektrofahrzeug als Zweitwagen wird es in absehbarer Zeit nichts werden — und das ist auch gut so. Es tritt nämlich noch ein weiteres Problem auf, nämlich jenes, mit dem schon die Abwrackprämie als reine Absurdität entlarvt wurde: bei der Produktion eines einzigen Kraftfahrzeuges werden nicht nur eine Menge Ressourcen verbraucht, es entsteht eine Menge Müll, der sich nicht mehr nutzen lässt, so dass es offenbar deutlich umweltfreundlicher war, das alte Kraftfahrzeug mit dem höheren Verbrauch und dem höheren Schadstoffausstoß noch eine Weile zu Fahren, bis es nicht mehr wirtschaftlich war. Ein Elektrofahrzeug braucht aber noch eine Batterie, und das ist schon wieder problematisch. Ein Fahrrad kommt mit einer Batterieladung problemlos 50 bis 70 Kilometer weit, ein Kraftfahrzeug wiegt aber nicht nur zehn bis zwanzig Mal mehr als ein normales Fahrrad inklusive Mensch und Gepäck, sondern soll auch noch eine Reisegeschwindigkeit von mindestens 120 bis 160 Kilometern pro Stunde erreichen.

Die Anforderungen an eine solche Batterie sind also ungleich höher als beim Fahrrad. Nun ist das deutsche Tankstellennetz auch nicht über Nacht plötzlich aus dem Boden geschossen und man könnte sicherlich dem Bedarf entsprechend Ladestationen am Fahrbahnrand und in Parkhäusern installieren. Nun muss deren Strom aber auch erst einmal produziert werden und fließt mutmaßlich nicht ausschließlich aus regenerativen Energiequellen. Will man dagegen tatsächlich eine Art Batterietankstelle aufbauen, an der eine entladene Batterie binnen Minuten gegen ein geladenes Exemplar ausgetauscht wird, verkompliziert sich die Rechnerei noch um einiges, denn zusätzlich zu dem Energieproblem wird eine einigermaßen große Halle benötigt, um die vielen Batterien zu laden und aufzubewahren, um mehrere tausend Fahrzeuge pro Tag versorgen zu können. Abgesehen davon ist noch immer nicht geklärt, wo die für mehrere Millionen Batterien benötigten Ressourcen herkommen sollen.

Momentan wird es mit der Elektromobilität im Kraftfahrzeug also vermutlich noch nichts, da helfen auch keine hübschen Studien.

Nun ist es aber nunmal so, dass in absehbarer Zeit ein Umdenken in Bezug auf unsere Mobilität stattfinden muss — weil wir aber sehr bequem sind, will das niemand wahrhaben. Momentan hält sich das Argument, dass vor 20 Jahren behauptet wurde, es würde in zwanzig Jahren kein Öl mehr geben, um diesbezüglich ein Umdenken zu vermeiden. Die weltweiten Erdölvorräte werden aber trotz besserer Fördermechanismen irgendwann erschöpft sein und schon eine ganze Weile vorher werden an den Tankstellen Preise herrschen, an die diese Jetzt-reicht’s-Kampagnen der BILD noch nicht einmal in ihren Albträumen denkt. Über früher oder länger wird sich das Auto als Mobilitätskonzept nicht mehr halten können.

Ebenjene Tatsache wird immer gleich als Verlust von Wohlstand interpretiert. Objektiv betrachtet ist es allzu komisch, fossile Rohstoffe in einem Blechkasten von einer Tonne Gewicht zu verbrennen, um aberwitzig kurze Strecken von nicht einmal fünf Kilometern zurückzulegen. Nun wird der Mangel an Bewegung in Deutschland als Wohlstand fehlinterpretiert und jegliche zusätzliche Bewegung oder eine Veränderung des momentanen Zustandes als Abbau unseres Wohlstandes. Um beim Thema dieses Weblogs zu bleiben: was wäre denn das Problem daran, wenn der Staat nicht, wie vom Autor vorgeschlagen, Elektroautos finanziert, sondern Elektrofahrräder? Mit Trethilfe kommen selbst bequeme Mitmenschen problemlos voran und auch bei 25 Grad Celsius nicht zwangsläufig ins Schwitzen, wenigstens nicht auf der Kurzstrecke. Nur:

Eine genauere Betrachtung der Statistik entlarvt außerdem, wie verpönt bei Deutschen die Nutzung anderer Verkehrsmittel wie Fahrräder oder des öffentlichen Nahverkehrs ist: Knapp 28 Prozent der Autos fahren sogar nur zwischen 10 und 25 Kilometer am Tag.

Man will ja gar nicht Fahrradfahren oder Bus, man hat ja schließlich ein Auto. Es ist sicherlich problematisch, den momentanen autozentrierten Zustand als geradezu paradiesischen Zustand zu definieren, denn bei dieser Art der Vergleiche können alternative Mobilitätskonzepte nur verlieren. Sicherlich ist das Fahrrad nicht so bequem wie das Auto und sicherlich hat man in der Bahn keine wesentliche Privatsphäre wie im Auto und sicherlich steht in so mancher Stadt der Bus genauso lange im Stau wie das Auto. Nun gibt es aber durchaus schon eine Reihe von Menschen, die tatsächlich einen Großteil ihrer Wege nicht mit dem eigenen Auto zurücklegen und: es geht ihnen gut dabei. Von einem Mangel an Lebensqualität kann da gar keine Rede sein.

Zurück zum Ausgangsthema: es wird sicherlich eine Veränderung unserer Mobilität in den nächsten Jahren und Jahrzehnten geben. Ob das Elektroauto dann eine Rolle spielt oder nicht, wird sich noch zeigen. Bis dahin kann man sich noch ein bisschen über die Verschwörungstheoretiker im dazugehörigen SPIEGEL-ONLINE-Forum amüsieren, die hinter ebenjener Veränderung der Mobilität sofort eine geheime Weltregierung vermuten und auf ihr Recht pochen, nicht nur die fünf Kilometer zur Arbeit, sondern auch die fünfhundert Meter zum Bäcker mit dem Auto zu fahren.

Das Auto thront über allem

Der Stern versucht sich ebenfalls an einem Artikel über das Fahrradfahren — obwohl er in der Kategorie „Auto“ auftaucht, ist er nicht so schlecht wie bei solchen Artikeln zunächst befürchtet: Strampeln und leiden

Man ist nach unzähligen Artikeln über Rowdy-Radfahrer und Gehwegradler in den letzten Monaten ehrlich überrascht, dass es hier tatsächlich ums Fahrradfahren geht und nicht um etwaige Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern, die aber leider nicht ganz ausbleiben:

(…) „Für Radfahrer herrscht insgesamt kein angenehmes Verkehrsklima in Deutschland“, sagte die stellvertretende ADFC-Bundesvorsitzende Sabine Kluth bei der Vorstellung der Studie in Berlin. (…)

Leider folgt gleich danach das seltsame Argument mit den Radwegen:

(…) Von der Politik wünschten sie sich deshalb vor allem mehr und bessere Fahrradwege, aber auch Kampagnen für ein besseres Miteinander der Verkehrsteilnehmer. (…)

Kampagnen für ein besseres Miteinander scheinen tatsächlich mehr oder weniger dringend notwendig, will man aber tatsächlich mehr Fahrradwege bauen, könnte man sich die Kampagne gleich sparen, denn ein Miteinander findet dann höchstens noch statt, wenn der Radfahrer plötzlich auf der Windschutzscheibe eines rechtsabbiegenden Kraftfahrzeuges liegt. Eigentlich waren sich doch alle einig, dass das Konzept der Fahrradwege für die meisten Situationen vollkommen überholt ist und ein Radweg längst nicht die Sicherheit bietet, die ihm in der Regel nachgesagt wird; von Fahrkomfort und Geschwindigkeit einmal abgesehen. Es ist natürlich fraglich, ob bei Sabine Kluth wirklich der Begriff des Fahrradweges in dieser Definition gefallen ist oder ob nicht eher Fahrrad- und Schutzstreifen auf der Fahrbahn gemeint waren.

Wenigstens entkräftet sich das Argument, Radfahrer seien nur zum Spaß unterwegs und behinderten den ernsthaften und wirtschaftlich wichtigen Autoverkehr:

(…) Dabei wird es ein immer wichtigeres Verkehrsmittel: 41 Prozent der Deutschen fahren mehrmals pro Woche Fahrrad, 15 Prozent sogar täglich. Und das nicht nur zum Spaß: Rund zwei Drittel nutzen das Fahrrad für Einkäufe oder Erledigungen, 38 Prozent für den Weg zur Arbeit oder Ausbildungsstätte. (…)

Trotz allem bleibt aber das Auto das wichtigste Verkehrsmittel:

(…) Das Auto wird weiterhin das Wunschverkehrsmittel der überwiegenden Mehrheit bleiben. (…)

SPIEGEL ONLINE bläst zur Radfahrer-Hatz

SPIEGEL ONLINE macht wieder gegen Radfahrer mobil: Rad-Rambos blasen zur Auto-Hatz

(…) Auto- und Fahrradfahrer stehen sich bisweilen unversöhnlich gegenüber, keiner gibt nach. Mittlerweile findet der Kleinkrieg aber auch im Internet statt. In den Web-Foren geht es manchmal so derb und hemmungslos zu wie am Stammtisch. Um – vermeintliche – Fehler ihrer Kontrahenten abzustrafen, überbieten sich Chatter mit fiesen Tipps.

Aufkleber auf die Windschutzscheibe pappen, Spiegel abtreten, den Wagen anspucken oder ein Schlag mit der flachen Hand aufs Fahrzeugdach – das sind auf Seiten der Radfahrer die gängigsten Kampfmethoden, die im Web genannt werden. Radrennfahrer schlagen auch den Wurf mit Energieriegeln oder Trinkflaschen vor, „um drängelnde Autofahrer abzuwehren“.(…)

Auch wenn es die Überschrift nicht hergibt und das Aufmacherfoto einen offenbar korrekt fahrenden Radfahrer zeigt, dem die Vorfahrt von einem abbiegenden Kraftfahrwagen genommen wurde— auch in den bekannten Auto-Foren gibt es entsprechende Diskussionen (Verlinkungen eingefügt):

(…) Aber auch die Autofahrer haben ihre Methoden: In Internetforen erklären sie, wie sie mit Hilfe von Nadeln die Beifahrerdüse der Scheibenwaschanlage so einstellen, dass sie statt der Scheibe die neben dem Auto fahrenden Radfahrer treffen. Anonym vor dem Rechner verliert mancher Schreiber jede Hemmung. Den Zusammenstoß eines Radfahrers mit einem Auto kommentiert ein User im Freaksearch Forum: „Haste nachgetreten? Finalen Rettungsschuss angesetzt? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft.“

Allein die Tatsache, dass Radfahrer auf der Straße fahren, bringt einige Autofahrer in Rage. „Ich hupe Radfahrer immer an, wenn sie so ein Verhalten an den Tag legen“, schreibt ein Mitglied im Forum Gutefrage.net. Und ein Chatter anwortet: „Das mach ich auch. Wenn sie sich erschrecken ist es besonders lustig :).“

Natürlich kursieren auch harmlosere Tipps, etwa möglichst dicht an den Straßenrand zu fahren, wenn man an einer roten Ampel halten muss, damit Radfahrer sich nicht „nach vorn mogeln“ können (obwohl sie es der Straßenverkehrsordnung nach dürfen). Oder den Abstand zum Vordermann in der Ampelschlange so gering zu halten, dass auch dort kein Radler durchkommt. (…)

Leider konnte sich SPIEGEL ONLINE nicht dagegen erwehren, der schon tausende Male geführten Radfahrer-Autofahrer-Diskussion ein neues Forum einzurichten — mal sehen, wie lange es bis zur Eskalation dauert. Die Forderung einer sinnlosen Kennzeichnungspflicht taucht immerhin schon auf Seite 3 auf.

Man möchte schon fast vermuten, dass das eigentliche Problem im Straßenverkehr nicht die Verkehrsteilnehmer, sondern die hetzerische Berichterstattung ist.

In Berlin radelt man gefährlich

Der Tagesspiegel, bekannt für seine kulturell wertvollen Leserdiskussionen in den Kommentaren, schreibt: „Radler und Fußgänger leben wieder gefährlicher“.

Der Artikel dreht sich tatsächlich eine Weile um die Unaufmerksamkeit von Autofahrern und -insassen, die offenbar häufig unfallursächlich sind:

In den vergangenen Tagen verunglückten erneut drei Radfahrer schwer. Wie berichtet, wurde am Mittwoch ein 17-Jähriger von einem rechtsabbiegenden Mülllaster lebensgefährlich verletzt. Am Donnerstag prallte eine Radfahrerin gegen eine Autotür, die der Fahrer eines Fords ohne Blick über die Schulter geöffnet hatte. Und in der Nacht zum Freitag rammte ein Radler in Mitte eine Ampel. Beide Unfallopfer erlitten schwere Verletzungen.

(…)

Wachsende Unachtsamkeit am Lkw- und Pkw-Steuer verursacht laut van Stegen die meisten Radunglücke. Offenbar überfordert die ungewohnte Zunahme des Radverkehrs noch viele Fahrer. So wurden fünf der acht in diesem Jahr ums Leben gekommenen Radler von Rechtsabbiegern gerammt.

Dann folgt zwischendurch eine seltsame Schlussfolgerung:

Allerdings sieht die Polizei auch eine „Hochrisikogruppe“ bei den Radfahrern. „Es ist die Zahl derjenigen, die sich auf ihre Vorfahrt verlassen und ohne umsichtigen Blick zum Autoverkehr bei Grün über die Radfurt fahren.“

Eigentlich sollte es doch möglich sein, die Grünphase einer Radfurt so zu gestalten, dass der Fahrradverkehr ungestört fließen kann und nicht von den möglicherweise unaufmerksamen Autofahrern gefährdet wird. Problematisch ist dabei natürlich wieder die Führung des Radverkehrs rechts von abbiegenden Fahrzeugen, denn schließlich würde niemand auf die Idee kommen, von Kraftfahrzeugen bei grüner Ampel zu fordern, erst einmal zu schauen, ob eine Spur weiter links jemand nach rechts abbiegen möchte.

Aber immerhin hat man das Problem durchaus erkannt:

Die zunehmend direkt auf den Straßen markierten Radwege seien der richtige Weg. „So bringt man Radler in den Fokus der Autofahrer.“

Insofern scheint der Verkehr in Berlin vollkommen anders zu funktionieren als in München, denn dort sind laut der Verkehrspolizei Radwege sicherer als die Fahrbahn.

Und während die Polizei in neuen Erkenntnissen schwelgt, streitet sich die Leserschaft in den Kommentaren, ob für die Einrichtung einer Radverkehrsführung auf der Fahrbahn Parkplätze aufgegeben werden dürfen.

„Das Auto macht uns total verrückt“

Die Zeit hat wieder ein sehr langes und überaus interessantes Interview zum Thema Mobilität geführt, dieses Mal mit Verkehrsplaner Hermann Knoflacher, der mit seinem „Gehzeug“-Konzept ein Begriff sein sollte: „Das Auto macht uns total verrückt“

Schade nur, dass die meisten Verkehrsteilnehmer nach dem dritten Absatz abbrechen werden:

(…) Einen unglaublichen Einfluss. Das Auto ist wie ein Virus, das sich im Gehirn festsetzt und Verhaltenskodex, Wertesystem und Wahrnehmung total umkehrt. Ein normaler Mensch würde unseren derzeitigen Lebensraum als total verrückt bezeichnen! Wir ziehen uns mehr oder weniger freiwillig in abgedichtete Häuser mit Lärmschutzfenstern zurück, um den Außenraum dem Krach, dem Staub und den Abgasen der Autos zu überlassen. Das ist doch eine völlige Werteumkehr, die uns nicht einmal mehr auffällt. (…)

Leider gerät man sehr leicht in esoterisch anmutende Thesen, will man den momentanen Zustand unserer Gesellschaft beschreiben — das gilt leider nicht nur für das Thema Mobilität in unserer autozentrierten Welt. Schon nach ein paar Sätzen gilt man als Verschwörungstheoretiker, Spinner oder Öko-Freak, der nur auf dem Rad sitzt, weil er sich kein Auto leisten kann. Versucht man allerdings, das Thema auf gesprächstaugliche Argumentationen herunterzubrechen, lässt sich die Komplexität des Problemes kaum noch darstellen.

Runter vom Rad, rein ins Auto

Fahrradfahren ist auch dermaßen peinlich. Man ist an der frischen Luft, bleibt in Bewegung und gesund und nicht im Stau stecken und muss noch nicht einmal lange einen Parkplatz suchen. Kein Wunder, dass der Radfahrer beschämt die Hand vors Gesicht hält.

Peinlich für General Motors: die angesprochene Zielgruppe fand die Aktion nicht so sehr witzig. Die Mashups auf die Werbekampagne sind durchaus sehenswert.

„Das Auto ist ein Armutsmodell“

Ein ganz interessantes und lesenswertes Interview mit Heiner Monheim, Professor für Verkehrswissenschaft und Raumentwicklung an der Universität Trier, gibt es in der Neuen Rheinischen Zeitung zu lesen: Das Auto ist ein Armutsmodell

Monheims Aussagen sind hart und direkt, stimmen aber nachdenklich:

(…) Es gibt Städte, die haben viel weniger Autoverkehr, meistens sind die Leute dort überdurchschnittlich klug und überdurchschnittlich reich. Das Auto ist ein Armutsmodell. New York hat ganz wenige Autos, Universitätsstädte haben wenige Autos. Das Ruhrgebiet hat viele Autos, das Saarland hat viele Autos. Je dümmer die Regionen sind, desto mehr Autobahnen und Autos. Das ist traurig, aber wahr, weil Beton das Hirn ziemlich vernebelt, und in den meisten politischen Gehirnen ist noch ganz viel Beton verarbeitet. Sie müssen warten, bis das Betonhirn ausgestorben ist, das ist die Tragik. (…)

Straßen zu Radwegen

Der deutsche Journalist kämpft momentan mit vielen Problemen — etwa mit Piraten, mit Griechen und mit Banken. Wenn dazwischen noch Zeit bleibt, legt er sich mit den Radfahrern an und holt sich in der Regel mindestens eine blutige Nase. Insofern ist es schon recht erfrischend, was die ZEIT plötzlich berichtete:

Anfang der Woche ist Deutschland unter die Rüpel gefallen. Wo gerade noch friedliche Fußgänger und Autofahrer ihrer Wege gingen oder fuhren, treiben nun wild gewordene Pedaleure „Kampfsport“ auf Rädern. Weit über den Straßenverkehr hinaus sind die guten Sitten bedroht. In der jüngsten Ausgabe des Spiegels berichten entsetzte Redakteure, „wie der rasant wachsende Fahrradverkehr das Land in eine Rüpel-Republik verwandelt“.

Keine Frage: der SPIEGEL-Artikel ist so kratzbürstig an der Oberfläche zugange, dass man überhaupt nicht hinterherkommt, die ganzen Spuren auszumerzen. Die BILD beschränkte sich immerhin auf plakative sieben Thesen mit einer beachtlich niedrigen Trefferquote, was die Richtigkeit der Informationen angeht, der SPIEGEL aber walzt sich über endlos erscheinende neun Seiten mit dem Rad durch Berlin, eckt hier an, quengelt dort, will dann doch lieber Autofahren und steigt am Ende aus dem gedanklich zum blutbespritzten Panzer mutierten Fahrzeug aus ohne zu wissen, was er eigentlich hier wollte. Das war schon eine kleine Glanzleistung, einfach mal mit zehn Autoren neun Seiten Text zu schreiben, die sich prima als Bettlektüre eignen, weil man zwischendurch einschlummernd ohnehin nichts verpassen kann, schließlich steht ja auch nichts drin.

Der Artikel der ZEIT, der hat durchaus Inhalt, aber wurde leider in der Mitte abgeschnitten. Das Fazit lautet nämlich:

Insgesamt ist der kleine Fahrradboom natürlich eine Erfolgsgeschichte: gut für die Umwelt, gut für Krankenkassen und Gesundheit, gut für Städte und Verkehr. Ausnahmsweise sind die Bürger dem Staat in einer ökologischen Frage einmal voraus. Doch nun muss auch die Verkehrspolitik sich modernisieren. Sie muss für Radfahrer Verkehrspläne entwickeln, wie es sie für Autofahrer seit jeher gibt. Wo der öffentliche Raum knapp ist, muss sie ihn zur Not neu verteilen. Mehr Platz für die Verkehrsteilnehmer, die ihn am sparsamsten nutzen – das heißt: Straßen zu Radwegen!

Schade — dass „Straßen zu Radwegen“ auf diese plakative Weise nicht funktioniert, das dürfte selbst dem allerhärtesten Kampfradler klar sein. Welch eine Verschwendung, die der Autor dort ins Netz getippt hat: der Artikel war auf dem richtigen Weg, wird plötzlich abgewürgt, um dann in einer durchaus netten Formulierung zu enden, die aber keineswegs die Qualität der vorigen Beobachtungen erreicht. Ja, wirklich schade, dass man nicht die einmalige Gelegenheit genutzt hat, einen der wenigen guten und ausgewogenen Artikel über deutsche Verkehrssituationen zu verfassen und — wie sonst in der Zeit beinahe üblich — sich seitenlang über das Thema Gedanken zu machen, um schließlich ein wirklich ausgereiftes Fazit zu kredenzen, dass nicht plötzlich halb in der Luft hängen bleibt.