Vor Kreuzungen immer bremsbereit fahren

Die Sache mit den Ampeln für Radfahrer ist immer eine komplizierte: Einige Radlinge haben ohnehin Probleme mit der Farbe der Ampeln, andere tun sich mit der Wahl des richtigen Signalgebers schwer. Ein Problem findet eigentlich viel zu selten Erwähnung: Wenn für den Radverkehr nicht ausgerechnet eine kleine Baby-Ampel aufgestellt wurde, kommen die Signalgeber meistens ohne gelbes Licht aus. In der Praxis schaltet der Signalgeber irgendwann auf Rot, als Radfahrer kommt man dann entweder rechtzeitig zum Stehen oder begeht einen Rotlichtverstoß, der unterhalb einer Sekunde glücklicherweise relativ günstig bleibt und in der Regel vom Augenmaß der Staatsmacht überhaupt nicht weiter geahndet wird.

Manchmal ist es mit dem Augenmaß allerdings nicht so weit her, dann geht’s bis vors Gericht: Radler bei Rot über die Straße: Freigesprochen!

Eigentlich hätte der Mann 45 Euro zahlen und einen Punkt in Flensburg bekommen sollen. Hier lesen Sie, warum er straffrei ausgeht – und wieso der Fall den Fahrradclub ADFC beschäftigt.

Das Gericht sah wohl binnen Minuten ein, dass der Radfahrer in der Situation nicht mehr rechtzeitig vor der Kreuzung zum Stehen gekommen wäre. Beinahe interessanter ist das, was noch so alles zusätzlich im Artikel steht:

Das Bundesverkehrsministerium äußerte sich auf Anfrage des ADFC dahingehend, dass Radlfahrer jederzeit bremsbereit in eine Kreuzung einzufahren hätten, gerade weil Kombi-Ampeln keine Gelbphase haben.

Das Bundesverkehrsministerium tut sich mit solchen Aussagen leider mitunter ganz schön schwer, man denke da an das so genannte Schildergate oder die lustigen Antworten zu Radwegbenutzungspflichten, die zu recht wie wie eine Trophäe im Netz herumgeschickt werden. Prinzipiell ist es ohnehin keine schlechte Idee, während der Anfahrt auf eine Kreuzung die Hände an den Bremshebeln zu lassen, wer weiß, wer denn gleich ohne Schulterblick rechts abbiegen möchte.

Es ist allerdings ebenso typisch für das Bundesverkehrsministerium, sich der grundsätzlichen Problematik hinter dem fehlenden Gelblicht an den meisten Ampeln gar nicht zu stellen und stattdessen die Verantwortung auf den Radverkehr zu übertragen: Der soll halt bremsbereit sein, der muss ja schließlich auch das Bußgeld bezahlen. Man hätte ja auch anregen können, eine auch in der Praxis brauchbare Regelung zu schaffen oder wenigstens anweisen können, bei der Sanierung von Kreuzungen zusätzliche Fahrrad-Ampeln an den Radwegen aufzustellen.

Bleibt die Frage, inwieweit denn ein Rotlichtverstoß auch im bremsbereiten Zustand noch zu tolerieren ist. Auch mit angezogenen Bremsen, ja, sogar artig zu Fuß schiebend lässt sich nicht vermeiden, plötzlich bei unvermittelt aufleuchtendem roten Licht auf die Fahrbahn zu treten. Prinzipiell wäre hier an das Augenmaß der Ordnungsmacht zu appellieren, aber dass es darum nicht besonders gut bestellt ist, zeigt ja schon das für den Zeitungsbericht ursächliche Verfahren.

Diese Ampel-Regeln gelten laut Polizei:

Aufgemerkt! Man hätte auch einfach in die Straßenverkehrs-Ordnung gucken können. Na gut, „einfach“ ist ein bisschen übertrieben, die daraus resultierende und mittlerweile schon recht legendäre Tabelle ist schließlich gar nicht mal so übersichtlich. Aber gucken wir mal, was die Polizei zu sagen hat und wie detailliert das in dem Artikel wiedergegeben wird:

  • Keine Radl-Ampel: Für Radfahrer gilt, was die Ampel für Autos anzeigt.

Prima, denkt man sich da doch als Radfahrer, mindestens die Hälfte aller Signalgeber für Fußgänger und Radfahrer an den Kreuzungen kommt ohne Fahrrad-Piktogramm aus, weil noch niemand die nötige Lust für einen Austausch aufbringen konnte — und selbstverständlich gilt in dem Falle nicht automatisch der Signalgeber für den Fahrbahnverkehr. Eine solch lustige Falschinformation ist ja insbesondere im Gesamtzusammenhang mit dem eigentlichen Urteil gar nicht mal so witzig.

  • Kombi-Ampel (Fußgänger und Radfahrer): Dieses Signal gilt verbindlich, egal was die Ampel für Autos anzeigt.

Na gut, das ist zwar etwas oberflächlich umrissen, aber wenigstens nicht komplett verkehrt.

  • Fahrrad-Ampel: Gibt’s eine, müssen Radlfahrer sich ans separate Signal halten. Da diese Ampel auch Gelbphasen hat, gilt hier die selbe Regel wie für Autos: Wer bei Gelb gefahrenlos stehen bleiben könnte und trotzdem noch rüberfährt, begeht einen „Gelblichtverstoß“ – und zahlt, wird er erwischt, 10 Euro.

Das ist so witzig wie der erste Punkt, denn tatsächlich fehlt einen nennenswerten Anteil von Signalgebern für den Radverkehr das versprochene gelbe Licht, stattdessen kommen die beispielsweise mit einer grünen und zwei roten Optiken daher. Tatsächlich gibt es da den Tatbestand 137006: „Sie missachteten das Gelblicht der Lichtzeichenanlage, obwohl Sie gefahrlos hätten anhalten können.“ Kostet zehn Euro, wenn der Täter erwischt wird und die Polizei meint, dass dieses ordnungswidrige Verhalten unbedingt zu ahnden wäre — schließlich gehört das Gasgeben bei gelber Ampel bei Kraftfahrern zum guten Ton, ohne dass es jemanden störte.

  • Fußgänger-Übergang: Gibt’s nur eine Fußgänger-Ampel (wie etwa vom Stachus wegführend in Richtung Hauptbahnhof), gilt diese auch für Radl.

Hier stimmt vor allem das Vokabular nicht: Der „Fußgänger-Übergang“ könnte schließlich leicht mit dem Fußgängerüberweg, umgangssprachlich Zebrastreifen, verwechselt werden. In diesem Fall sollten schon die eindeutigen Fachbegriffe gewählt werden, um Verwechselungen, wie sie in diesen Tagen vom ACE angeregt werden, zu vermeiden; Fußgängerüberwege dürfen nämlich per Definition nicht Bestandteil von lichtzeichengeregelten Kreuzungen sein. Überhaupt muss man hier erst wissen, was eigentlich gemeint ist, um zu wissen, wie das zu verstehen ist: Offenbar ist mit „Fußgänger-Übergang“ eine einsame Ampel irgendwo an einer Straße gemeint, die den Fußgängern das Überqueren der Fahrbahn erleichtern soll.