Fahrradampeln: Irgendwie kracht’s immer

Im Herbst 2009, irgendwann im ersten Semester, überquerte ich als Fußgänger eine Kreuzung auf der linken Straßenseite. Das Wetter war noch recht schön, es war warm, sonnig und die Vöglein zwitscherten aus den Bäumen ein Lied. Ich hatte gerade die Querungsfurt bis zur Mittelinsel bewältigt und nahm gerade die zweite Querung in Angriff, als aus der entgegengerichteten Fahrtrichtung ein Kraftfahrer nach rechts abbiegen wollte, theatralisch und laut hupend kurz vor mir zum Stehen kam, am Steuer den sterbenden Schwan aus Schwanensee aufführte und auf den auf der Mittelinsel stehenden Signalgeber für Fußgänger und Radfahrer zeigte. Dort leuchtete tatsächlich rotes Licht, also deutete ich auf den Signalgeber in meiner Richtung, der noch Grün zeigte, da schaute er aber gar nicht hin, führte noch ein paar Takte aus Schwanensee auf und fuhr schließlich mit quietschenden Reifen weiter. Worüber er sich aufregte, war mir klar: Er dachte, ich ginge ganz dreist bei rotem Licht über die Kreuzung und wollte mich dafür maßregeln, dabei übersah er in seinem Wutanfall allerdings, dass der für mich relevante Signalgeber noch Grün zeigte.

Rissen Kreuzung Mittelinsel

Wie man’s macht, man macht’s verkehrt. Die abweichende Schaltung der verschiedenen Signalgeber passiert natürlich nicht grundlos, sondern soll Fußgängern und Radfahrern ermöglichen, den bereits begonnenen Querungsvorgang zu beenden, ohne bis zum nächsten Umlauf auf der Mittelinsel verhungern zu müssen. Das entspricht nicht mehr dem Mantra der autogerechten Stadt, sondern ist eher als kleines Zugeständnis an die Existenz nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer zu werten.

Nur dummerweise kommen Kraftfahrer damit teilweise gar nicht zurecht. Aus der Windschutzscheiben-Perspektive ist meistens nur der Signalgeber auf der Mittelinsel im Blickfeld, nicht aber die Farbe der Gegenrichtung. So mancher Kraftfahrer meint ja, er könne drum bei rotem Licht auf der Mittelinsel gefahrlos und ohne Schulterblick abbiegen, weil dann ja eh nichts mehr kommen könnte und wenn noch jemand auf der Fahrbahn tritt, wäre er ja bei einem Unfall selbst schuld. Dumm nur, wenn der nicht motorisierte Verkehr aus der Gegenrichtung teilweise noch grünes Licht hat und aufgrund ähnlich kluger Überlegungen gefährdet wird. Da staunt man wieder einmal, dass einige Kraftfahrer offenbar bereits seit Jahrzehnten auf deutschen Straßen unterwegs sind ohne zu merken, dass Fußgängerampeln teilweise unterschiedlich geschaltet werden.

Wenn man so will, war das bis vor wenigen Jahren noch unproblematisch. Obwohl, nein, eigentlich war es noch nie unproblematisch, denn auch wenn man natürlich eigentlich nicht mehr bei rotem Licht mit der Überquerung der Kreuzung beginnt, ist das noch keinen Grund, jemanden vorsätzlich über den Haufen zu fahren. Und es ist sowas von überhaupt gar kein Grund, beim Abbiegen weniger Sorgfalt walten zu lassen, denn tatsächlich ist der Kraftfahrer hinter der Windschutzscheibe nie vollkommen sicher, ob nicht doch noch irgendwo ein grünes Licht zu sehen sein könnte, das abseits seines Aufmerksamkeitbereiches angebracht wurde.

Aber es war bis vor wenigen Jahren noch einigermaßen unproblematisch, weil sich die konflikträchtigen Verkehrsströme in die Augen sehen konnten. Da war in der einen Fahrtrichtung der abbiegende Fahrzeugführer, der wenigstens die Signalgeber in seiner Fahrtrichtung im Blick hatte, also sehen konnte, dass in seiner Fahrtrichtung eigentlich niemand mehr passieren kann. Es kam also nur der Gegenverkehr für Kalamitäten in Frage, denn dessen Signalgeber konnte er nicht einsehen. Aber trotzdem hatte man sich im Blick. Dann wurde zwar gehupt und der sterbende Schwan zum Besten gegeben, aber beide Konfliktparteien kamen noch lebend aus der Sache heraus.

Das hat sich mittlerweile geändert.

Nachdem sich in den deutschen Straßenverkehrsbehörden so langsam herumgesprochen hatte, dass außer Fußgängern und Kraftfahrern auch noch so genannte Radfahrer die Kreuzungen überqueren wollten, wurde schließlich einer lange gepflegten Tradition nachgegeben: Radfahrer bekommen an immer mehr Kreuzungen eigene Signalgeber installiert und brauchen sich nicht mehr an die Fußgängerampel halten. Die Überlegung dahinter ist relativ simpel: Wenn sich Radfahrer etwa drei bis zehn Mal so schnell wie ein Fußgänger bewegen, ein Kraftfahrzeug allerdings nur vier bis zwei Mal so schnell wie ein Radfahrer über die Kreuzung rollt, warum müssen Radfahrer dann eine gefühlte Ewigkeit vor der roten Fußgängerampel warten, wenn sie teilweise noch eine halbe Minute lang Zeit hätten, die Kreuzung locker mehrfach zu überqueren?

Dahinter versteckt sich auch ein Grund für einige Rotlichtverstöße am Fahrradlenker. Wenn man alle paar hundert Meter an der roten Fußgängerampel steht, obwohl der Kraftverkehr noch stellenweise eine ganze Minute länger fließen kann, denkt man sich halt auch irgendwann: Eigentlich warte ich hier nur, weil die Fußgänger länger für die Überquerung der Kreuzung brauchen als ich. Die speziellen Eigenheiten des Radverkehrs fanden, wie an vielen Stellen, keine gesonderte Berücksichtigung, man meinte, das würde schon irgendwie so klappen. Natürlich bleibt ganz unbenommen von dieser Überlegung die rote Ampel eine rote Ampel, die man nicht einfach so überquert und schon gar nicht, wenn für den Kraftverkehr spezielle Ampelphasen eingerichtet wurden, die beispielsweise konfliktfreies Abbiegen nach rechts signalisieren — dummerweise sind ausgerechnet große Differenzen zwischen den Umlaufzeiten für Fußgänger und für Kraftfahrer, die zur Missachtung des Rotlichts animieren, ein Indiz dafür, dass an der Kreuzung solche konfliktfreien Abbiegevorgänge signalisiert werden.

Trotzdem, man kann ja nicht in Abrede stellen, dass der Radverkehr inzwischen mehr Berücksichtigung findet, trotzdem werden an immer mehr Kreuzungen immer häufiger solche kleinen Baby-Ampeln installiert, die für Radfahrer eine separate Signalisierung anbieten. Auf diese Weise lassen sich für alle drei Verkehrsarten, also Fußgänger, Radfahrer und Kraftfahrer, eigene Räumzeiten signalisieren, die auf deren durchschnittlicher Geschwindigkeit basieren. Das ist eigentlich ziemlich cool und eine der wesentlichen Forderungen vieler Radfahrer, um nicht ständig mehr oder weniger grundlos an roten Ampeln warten zu müssen.

Und alles wäre cool und perfekt, wenn, ja, wenn es nicht wieder einige Kraftfahrer mit klugen Überlegungen gäbe. Während Fußgängerampeln in der Regel auf der anderen Seite der zu querenden Fläche stehen, also entweder auf der anderen Straßenseite oder auf der Mittelinsel, werden Fahrradampeln in der Regel vor jener zu querenden Fläche angebracht — und damit meistens abseits des Sichtbereiches des abbiegenden Kraftverkehrs. Wenn die Fußgängerampel auf rotes Licht schaltet, entwickelt sich am Steuer wieder eine Idee, die bereits oben beschrieben wurde: Jetzt könne doch gefahrlos abgebogen werden, jetzt darf ja nichts mehr kommen. Dass an dieser Kreuzung eine separate Fahrradampel existiert, die sogar noch Grün hat, das wird hinter dem Steuerrad einfach wegrationalisiert. Stattdessen wird wütend gehupt und Krawall geschlagen, wenn sich entgegen der Überlegungen noch ein Radfahrer erdreistet, die Kreuzung zu queren.

Kreuzung Dammtor 1

Eines lässt sich vielen Kraftfahrern sicherlich nicht vorwerfen: Sie finden immer wieder einen Weg, Radfahrer in Gefahr zu bringen.

Einige Zeit lang ließ sich dieses gefährliche Abbiegeverhalten auch an vielen Hamburger Kreuzungen beobachten: Die Fußgängerampel schaltet auf rotes Licht um, die Kraftfahrer wähnen sich in der Gewissheit, jetzt gefahrlos abbiegen zu können aber dummerweise gibt’s dann irgendwo noch eine grüne Baby-Ampel. Es gab jetzt verschiedene Möglichkeiten, wie die Behörden auf dieses nicht ungefährliche Problem reagieren konnten: Entweder erklärt man den Radfahrern, sie sollten langsamer auf Kreuzungen zufahren und Rücksicht auf die Kraftfahrer nehmen, die sich mit den Regeln nicht so genau auskennen. Oder man baut die kleinen Signalgeber wieder ab.

Oder: Man baut die Kreuzungen so um, dass es selbst der blödeste Autofahrer kapiert.

In Hamburg wird das erreicht, indem der Signalgeber für Fußgänger mit Abschirmblenden soweit abgedeckt wird, dass er nur von der Fußgängerfurt zu sehen ist. Zusätzlich wird der Signalgeber für Radfahrer auf der Mittelinsel wiederholt. Das sieht dann etwa so aus:

Kreuzung Dammtor 3

Wohlgemerkt sollen sich nicht Radfahrer an der kleinen Fahrrad-Ampel auf der Mittelinsel orientieren, sondern die Kraftfahrern: Die sollen dort ablesen können, dass von hinten rechts noch Radverkehr im Anmarsch sein könnte:

Kreuzung Dammtor 2

Das verlagerte das Problem allerdings nur in ein anderes Gebiet: Nun blieben plötzlich Radfahrer bei roter Fahrradampel auf der Mittelinsel stehen. An einigen Kreuzungen wird offenbar aus diesem Grunde eine andere Bauform der Fahrradampel angeschraubt, bei denen klar ersichtlich ist, dass Radfahrer nicht mitten auf der Kreuzung stehen bleiben sollen:

Kreuzung Ballindamm 1

So richtig weitergeholfen hat dieser neue Signalgeber allerdings auch nicht: Die abbiegenden Kraftfahrzeuge stellen gerade im Feierabendverkehr beinahe bei jeder Ampelphase die Fahrradfurt dicht und schieben sich langsam durch die querenden Radfahrer. Wahrscheinlich hat ein Großteil der Kraftfahrzeugführer den Fahrrad-Signalgeber in der Mitte noch überhaupt nicht bemerkt und stellt erstaunt fest, ach, da kommen noch Radfahrer? Die habe ich ja überhaupt nicht gesehen!

Kreuzung Ballindamm 3

Wie viel Prozent der „Radfahrer fahren eh immer über Rot“-Berichte wohl darauf basieren, dass der Radfahrer bei roter Fußgängerampel noch grünes „Fahrrad-Licht“ hatte, das der Kraftfahrer aber nicht sehen konnte?