Wie akte 20.12 den Krieg auf der Straße inszeniert

Es ist furchtbar. Musste das wirklich sein? Hätte man das nicht besser machen können? Und vor allem: sinnvoller? Hätte man sich nicht Jumbo von Galileo ausleihen und irgendwelche Burger fressen können? Muss es wirklich der Krieg auf der Straße sein?

Der Krieg auf der Straße ist zurück. Dieses Mal inszeniert und dokumentiert von akte 20.12: Krieg auf der Straße!

Der Untertitel lautet ganz verheißungsvoll:

Auto- oder Radfahrer: Wer schert sich weniger um die Verkehrsregeln?

akte 20.12 geht das Thema an, indem zwei Mitarbeiter als Protagonisten auftreten, was schonmal nicht besonders klug gegenüber der eigenen Aufgabenstellung ist, denn wenn zwei eigene Mitarbeiter die Hauptrolle spielen, wird das mit den Verkehrsregeln ja eher so eine Drehbuch-Sache. Mal sehen.

Reporterin Anna fährt ein mit vier GoPro Heros bestücktes Fahrrad. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass die gute Freu zum ersten Mal auf dem Rad sitzt, unter anderem daran erkennbar, dass sie alles besser weiß, aber recht unsicher unterwegs ist. Reporter Manfred fährt mit dem Auto und wirkt deutlich routinierter, unter anderem daran erkennbar, dass er alles besser weiß, vom Schulterblick aber nicht viel hält. Das ist eine ziemlich doofe Kombination, denn beide sollen nun eine mehr oder weniger festgelegte Tour durch Berlin beradeln.

Interessant ist vor allem, wie sich Reporterin Anna verhält. Manfred kann am Steuer nicht allzu viel falsch machen, denn Autofahren, das können in der Automobilnation Deutschland fast alle, vernünftig Radfahren allerdings kaum jemand und auch Anna macht sich ihre Tour durch Berlin unnötig schwer.

Das fängt damit an, dass akte 20.12 den abgegrenzten Radweg als bequem und toll und sicher feiert, dann aber moniert, er verlaufe zu dicht an den Kraftfahrzeugen. So etwas ist leider nicht selten, doch der im Film gezeigte Weg zählt definitiv nicht zu den schmalsten. Trotzdem radelt Anna exakt auf der linken Begrenzungslinie des Radweges und ist — Überraschung! — dem benachbarten Lastkraftwagen natürlich viel zu nah. Auf der folgenden Querungsfurt muss der Zuschauer gar kurz fürchten, die Reporterin schmeiße sich ohne Grund unter die Räder des Lastkraftwagens, denn sie radelt schon beinahe links neben der Furt und kann problemlos das Reifenprofil des Kraftfahrzeuges inspizieren. Kein Wunder, dass der Reporterin mulmig wird, sie den toten Winkel fürchtet, aber keinerlei Anstalten macht, die Gefahrenzone zu verlassen. Sicherlich ist das ein häufiges Problem bei den damit einhergehenden Unfällen, aber dazu verliert der Kommentator aus dem Off kein Wort. Stattdessen betont der Sprecher, es ginge um das Leben der Radfahrer, blendet dazu einen Crashtest zwischen Lastkraftwagen und Radfahrer ein, aber Anna radelt unbeirrt in der Gefahrenzone weiter. Gute Güte: warum bremst sie denn nur nicht?

Manfred nimmt derweil am Alexanderplatz verärgert zur Kenntnis, dass ein Radfahrer nach dem anderen eine rote Ampel passiert. „Ey, gilt rot nicht für Radfahrer?“, brüllt er verägert, man möchte schon beinahe Mitleid haben, denn er brüllt aus dem linken Fenster und wirkt eher hilflos. Aber wehe, ein Autofahrer fahre bei orange, klagt er, dann halte die Polizei sofort die Hand auf. Bei allem Verständnis: das ist gelogen. So ziemlich jeder Autofahrer drückt bei gelbem Licht noch schnell aufs Gas, kassiert wird nur in den allerwenigsten Fällen.

Das macht die potenziellen Rotlichtverstöße der Radfahrer natürlich nicht besser. Allerdings hat sich Manfred die denkbar schlechteste Kreuzung zum Wutbürgern ausgedacht, denn obwohl jener Fahrbahn-Signalgeber höchstwahrscheinlich auch den Radweg sperrt und der geschützte Bereich auch über den Radweg führt, kann bei einem Rotlichtverstoß eigentlich nichts passieren, sofern man auf die möglicherweise querenden Fußgänger achtet, denn andere feindliche Verkehrsströme gibt es auf diesem Radweg nicht. Überhaupt wird man aus der Gestaltung gar nicht so richtig schlau, ob das nun ein Radweg oder eine Radverkehrsanlage auf der Fahrbahn oder irgendein Hybrid sein soll. Trotzdem dürfte die Fahrbahn-Ampel hier gelten.

Die Rotlichtverstöße sind nicht in Ordnung, keine Frage, das braucht nicht schöngeredet zu werden. Anstatt aber mit dem Mikrofon den Radfahrern hinterherzujagen, hätte Manfred in Erfahrung bringen können, warum die Radfahrer denn nicht stehen bleiben. In häufigen Fällen dürfte die ehrliche Antwort mangelnde Regelkenntnis lauten: für Autofahrer ist in der Regel ganz klar, welche Ampel gilt, auf dem Sattel muss man sich zunächst mit einer komplexen Regelung auseinandersetzen und dann eruieren, wo denn wohl der geschützte Bereich verläuft. Das Zusammenspiel von einer recht unglücklich gestalteten Kreuzung im Zusammenspiel mit komplexen und vor allem unbekannten Regelungen führt schon beinahe zwangsläufig dazu, dass Radfahrer leichtfertig über rot fahren. Das ist nicht schön, aber auch nicht unbedingt verwunderlich. Interessant ist jedoch, dass sich akte 20.12 an dieser eigentlich noch recht ungefährlichen Situation so lange aufhält, statt jene Radfahrer auszumachen, die angeblich ständig bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzen. Ja, ob Anna hier gehalten hat, was auch der Sprecher aus dem Off fragt, das wäre interessant — wird aber seltsamerweise nicht aufgeklärt.

Denn Anna fährt momentan in einer Baustelle, in der es, wie akte 20.12 nicht müde wird zu erwähnen, keinen Radweg gibt. Eigentlich wartet man als Zuschauer nur noch darauf, dass nun endlich das Lied der gefährlichen Fahrbahn angestimmt wird, wo Radfahrer in ständiger Lebensgefahr schweben. Für den Eindruck sorgt Anna eigentlich schon selbst, denn eigentlich fährt sie gar nicht, sondern klemmt zwischen Baustellen und Kraftfahrzeugen und macht sich das Leben mit ihrer Fahrweise selber schwer. Mit einem minimalen Abstand zur rechten Betontrennwand hat sie keinerlei Sicherheitsabstand, geschweigedenn Platz zum Ausweichen, lädt aber alle folgenden Kraftfahrzeugführer zu gefährlichen Überholmanövern ein. Das wäre schon wieder ein Thema, dass die Reportage ausführlicher hätte beleuchten können, stattdessen hat Anna ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht vom Lastkraftwagen hinter ihr überholt werden kann und rettet sich schon beinahe keuchend auf den rettenden Radweg. Schon wieder so eine unterschwellige Darstellung: der Radfahrer ist auf der Fahrbahn nur geduldet, muss sich möglichst unsichtbar machen und darf auf gar keinen Fall den Kraftfahrzeugverkehr behindern.

Auf dem Radweg wiederum läuft Anna zur Höchstform auf, bellt Fußgänger an, die gerade den Radweg queren, und muss einen Geisterfahrer lautstark auf sein Fehlverhalten hinweisen. Kann man machen, wirkt aber auch ein bisschen komisch.

Nun kommt Manfred. Manfred hat sichtlich schlechte Laune, denn wegen seiner Ampelaktion hat er mächtig Zeit verloren und steckt nun gerade in der Baustelle fest, die Anna unlängst passiert hat. Und nun ärgert er sich, weil vor ihm ein Radfahrer fährt und ihn nicht überholen lässt. Auf die Idee, einen Spurwechsel zu praktizieren kommt Manfred nicht, ebenso schwer fällt es ihm zu begreifen, dass der schmale Fahrstreifen gar keinen Platz für ein Kraftfahrzeug und ein Fahrrad bietet, selbst wenn der verhasste Radfahrer schon mit dem rechten Pedal an der Betontrennwand schrammt: „Das gibt’s doch gar nicht, er fährt die ganze Zeit vor uns und lässt uns nicht vorbei!“ Man kann die Entrüstung förmlich spüren! Hier hätte akte 20.12 nun wirklich langsam einen Hinweis anbringen müssen, dass Radfahrer in solchen Situationen keineswegs in der Gosse fahren müssen, um jeden wütenden und spurwechselfaulen Autofahrer das Überholen zu ermöglichen.

Anna macht derweil wieder Dummheiten und fährt viel zu dicht an parkenden Autos vorbei, als sich plötzlich eine Tür öffnet — gerade noch mal gutgegangen. Manfred macht sich derweil mit seinem Fahrzeug auf einer Abbiegespur breit — da ist Halten und Parken natürlich verboten, das ergibt sich aus Zeichen 297, stört aber in dieser Reportage niemanden. Auf dem Rückweg zur Redaktion mäht er glatt beim Rechtsabbiegen zwei Radfahrer um und stellt ganz erstaunt fest, dass die Spiegel in solchen Fällen nicht zu gebrauchen sind. Ein Glück, dass diese Situation gestellt ist, ansonsten müsste einem angesichts von Manfreds angeblicher Fahrpraxis schon Angst und Bange werden.

Noch ein paar Kilometer, schon ist alles vorbei. Und was lernt der interessierte Zuschauer daraus?

Nichts.

Nein, wirklich gar nichts, denn eigentlich hat man sich nur über die regeluntreuen Radfahrer aufgeregt. Dass Autofahrer beim Abbiegen nicht über die Schulter schauen, och ja, das ist wohl richtig, aber die Botschaft ist eindeutig: das eigentliche Problem im Straßenverkehr sollen die Radfahrer sein. Man hätte die Sache mit der roten Ampel vertiefen können, den Radfahrer als gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer vor allem in der engen Baustelle darstellen können, den ganzen anderen Problemen auf den Grund gehen können, die sich aus dem Wissensgefälle der Verkehrsteilnehmer bezüglich der Straßenverkehrs-Ordnung ergibt, das hat man sich aber gespart und stattdessen publikumswirksam den Krieg auf der Straße insziniert.

Vernünftige Reportagen gehen anders.