Schildlos im Stockpiper, ahnungslos in Ahlen

Mit den Verkehrszeichen ist es so eine Sache, da blickt auch die Verwaltung nicht immer so ganz durch. Es gibt an deutschen Straßen noch abertausende Zeichen 240, die eine Benutzungspflicht für den gemeinsamen Fuß- und Radweg proklamieren. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass diese gemeinsamen Fuß- und Radwege eigentlich nichts anderes sind als stinknormale Gehwege, auf denen kraft des angehefteten Schildes plötzlich auch Radverkehr stattfinden soll — das ist natürlich eine recht abenteuerliche Idee, denn gemischter Fuß- und Radverkehr führt auf solchen schmalen Flächen definitiv zu Konflikten und unheilbaren Vorurteilen zwischen beiden Gruppen: Radfahrer möchten gerne mit hinreichender Geschwindigkeit vorankommen und klingeln die Fußgänger beiseite, Fußgänger laufen quatschend hin und her und meistens vors Rad. Das klappt nicht, das kann gar nicht klappen.

Es wäre ja nur halb so wild, genügten diese gemeinsamen Fuß- und Radwege wenigstens ansatzweise den Mindestmaßen aus den Verwaltungsvorschriften, aber statt dort einen Blick reinzuwerfen, werden solche Mischwege noch immer so geplant wie vor zwanzig Jahren: Um das, was der Kraftverkehr von der kompletten Breite der Straße übrig lässt, dürfen sich Fußgänger und Radfahrer streiten.

Das schlimmste ist aber beinahe, dass solche gemeinsamen Wege gerade in Mode sind. Wenn eine Straße saniert wird, kommt meistens der Radweg abhanden und wird entweder gegen einen Schutzstreifen getauscht, der dann in Ermangelung des Blickes in die Vorschriften auch nicht den Mindestmaßen genügt, oder es wird ein gemeinsamer Fuß- und Radweg angelegt, der sieht nach Meinung der Verwaltung nämlich besser aus als zwei getrennte Streifen nebeneinander. Und nebenbei glaubt man, auch noch etwas für Radfahrer getan zu haben.

Das allerschlimmste ist, dass man solche Wege auch erst nach dreißig Jahren bei der nächsten Sanierung wieder los wird. Schraubt man das Schild ab, wird aus dem ehemaligen Fuß- und Radweg plötzlich ein reiner Gehweg, der überhaupt nicht befahren werden darf. Radfahrer müssen also auf die Fahrbahn wechseln, wollen dort aber nicht fahren, weil ihnen seit Jahrzehnten erzählt wird, wie gefährlich und tödlich es dort wäre. Platz für einen Schutzstreifen gibt’s auf der Fahrbahn auch keinen, denn der Platz, den vorher der Radweg eingenommen hat, wurde ja wenigstens anteilig dem Gehweg zugeschlagen und nicht der Fahrbahn.

Ganz schön kompliziert, das alles. Und so radeln die Radfahrer weiter auf dem reinen Gehweg, begehen bei jeder Tour eine Ordnungswidrigkeit und in der Zeitung arbeitet sich ein Redakteur dann wieder genüsslich an den so genannten Kampfradlern ab, für die angeblich keine Regeln gelten und die noch nicht einmal einen Helm tragen!

Aber eben weil es so kompliziert ist, kapiert die Sache ja auch kein Mensch. Der Fingerzeig soll gar nicht den Kraftfahrern gelten, die sich mit den Verkehrsregeln für Radfahrer traditionell schwer tun und mit der Hupe klarstellen, wer auf der Fahrbahn das sagen hat, sondern eher auf die Verwaltungen und die örtlichen Medien, die ihr bestes tun, um die Verwirrung zu komplettieren.

Vorsicht, vor dem Lesen am besten einen Fahrradhelm aufsetzen, man kann ja nie wissen: Schildlos im Stockpiper: „Der Schulweg gesichert“

Die Kritik einer Mutter war für die Stadtverwaltung Anlass, die Verkehrsregelung am Stockpiper klarzustellen: Der rotgepflasterte Bereich entlang der Straße ist auch weiterhin für „Drahtesel“ freigegeben. In der Vorwoche hatte die Polizei fälschlicherweise ein Mädchen des Weges verwiesen und auf die Asphaltfläche geschickt, was die Mutter zu gefährlich fand.

Der Artikel ist überschrieben mit „Radweg weiterhin befahrbar“, was natürlich gar nicht stimmt, denn ein Radweg war und ist die Fläche nicht, allenfalls ein gemeinsamer Fuß- und Radweg. Es geht um einen solchen Weg in der Ahlener Straße Am Stockpiper, der sein Zeichen 240 verlor und auf diese Weise eine Verwandlung zum Gehweg erlebte. Insofern ist die Sachlage auch ohne zusätzliches Zeichen 239 klar: Hier haben Radfahrer nichts mehr verloren.

Die Polizei wusste das überraschenderweise auch, das nun plötzlich auf der Fahrbahn pedaliert werden muss und untersagte einer Schülerin die Gehwegradelei. Das wiederum alarmierte deren Mutter, die wiederum über einen Leserbrief die Verwaltung auf den Plan rief. Alles gut, meint Heino Hilbert, es handle sich weiter um einen gemeinsamen Fuß- und Radweg, der Schulweg wäre weiterhin gesichert.

Natürlich irrt die Verwaltung an dieser Stelle: Es gibt ohne Beschilderungen keine gemeinsamen Fuß- und Radwege. Entweder handelt es sich kraft Zeichen 240 um einen gemeinsamen Fuß- und Radweg, oder um einen freigegebenen Fußweg mit Zeichen 239 und dem Zusatz „Radfahrer frei“ oder um einen reinen Gehweg, der zur Klarstellung noch mit dem Zeichen 239 dekoriert werden kann.

Ein gemeinsamer Fuß- und Radweg ohne Zeichen 240 lässt sich schließlich auch gar nicht erkennen: Ist nun dieser Gehweg ein gemeinsamer Fuß- und Radweg? Oder der da drüben? Der der da hinten? Warum ist der Gehweg Am Stockpiper ein gemeinsamer Fuß- und Radweg ohne Beschilderung, aber der Gehweg zwei Straßen weiter nicht? Warum ist hier das Gehwegradeln erlaubt und da vorne nicht? Und vor allem: Wie erkläre ich es den Fußgängern, die mich als Kampfradler beschimpfen?

Nun macht die Straße Am Stockpiper zumindest aus der Luft nicht den Eindruck, als bedeute die Benutzung der Fahrbahn den sicheren Tod. Stattdessen zeigen sich alle erleichtert, dass ihre Kinder weiterhin auf einem Gehweg fahren dürfen, der zwar nicht den allerschlechtesten Eindruck macht, aber beispielsweise nur im Vordergrund von Schnee geräumt wurde und offenbar an einigen Stellen an Problemen krankt: Die Verwaltung musste schließlich nach eigenem Beteuern die Zeichen 240 wegen der Verstöße gegen die Richtlinien abmontieren.

Dass sich die Verwaltung dann auch noch die Polizei zu einem „klärenden Gespräch“ vorknöpft ist schon ziemlich frech. Dann wird in Ahlen die ordnungswidrige Benutzung des Gehweges nicht mehr sanktioniert, in anderen Städten allerdings schon. Es wäre mal interessant, bei der nächsten Fahrradkontrolle mit dem freigegebenen Gehweg ohne Schild zu argumentieren. Wenn es doch um die angebliche Sicherheit geht, kann es doch gar nicht schiefgehen.