„ich fahr dich um du fotze“: Reaktionen auf den Kampfradler

Problematisch scheint zu sein, dass mancher Kraftfahrer nach der Eingabe des Suchbegriffes „Kampfradler“ in einer beliebigen Suchmaschine plötzlich auf dieser Seite herausgestolpert kommt. Obwohl ich mit der gestrigen Stern-TV-Sendung überhaupt nichts zu tun habe, nicht einmal Bernhard heiße und seine Meinungen nur sehr bedingt, mit Marco aber wenigstens die beiden ersten Buchstaben im Vornamen teile, wurden mir einige, naja, bereits bekannte Ansichten unterbreitet.

Interpoliert man die mir zugeschickten Meinungen einmal auf den Kraftfahrer-Anteil der Zuschauer unter der Voraussetzung, dass mir nicht jeder höchst erregte Zuschauer auch gleich eine Hass-E-Mail in den Posteingang tippt, abgesehen davon, dass ich der vollkommen falsche Empfänger bin, stehen dem Radverkehr auf Deutschlands Straßen in den nächsten Wochen wieder einige höchst interessante und vermutlich auch gefährlichere Wochen bevor, bis sich die Aufregung wieder gelegt hat: Manche Kraftfahrer konnten vor Wut kaum noch an sich halten und es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass es mit der Beherrschung am Steuer besser klappt.

Ich überlege, gegen mindestens zwei Absender eine Strafanzeige zu stellen, denn die Grenzen dessen, was bei mir noch als einigermaßen nerviges, aber ungefährliches Gerede durchgeht, ist hier teilweise weit überschritten.

ich kenn jetzt deine adresse.. wenn ich dich auf der straße sehe anstelle auf dem Radweg, dann fahre ich dich über, dann hast du mal einen schönen Film für deine scheiß Helmkamera. komm mir blos nicht unter die augen!!

Ihr habt sie nicht mehr alle!!!
Ihr seid keine Autofahrer, daher habt ihr nicht die gleichen Rechte!
Ihr habt vorausschauend zu fahren!
Und der typ beim stern tv heute provoziert.
Ich würde dem auch eine verpassen, wenn er mein Auto anpacken würde.
Geht zu Fuß, wenn s euch zu gefährlich ist -.-

ich fahr dich um du fotze fahr einmal auf der Straße und ich fahr dich um und dann kannst du dir deinen scheiss radweg in den arsch schieben

Sorry, aber für mich bist du der letzte Idiot Malte. Wenn es einen Fahrradweg gibt, dann sollte dieser, auch benutzt werden es ist schließlich zu deiner Sicherheit. Wir autofahrer zahlen mit unseren Steuern deine Radwege und als ,,Dankeschön“ blockst du uns auf der Straße..

ich fahre auch manchmal rad kenne also beide seiten aber ich bin dankbar für jeden radweg den es gibt und du arschloch fährst mitten au fder straße und blockierst den verkehr. schon mal daran gedacht dass kinder dich sehen und dein verhalten nachmachen? du bestätigst mein vorurteil dass die meisten radfahrer einfach nur hirnlose spasten sind

Wenn´s euch auf dem RAdweg zu gefährlich ist, geht zu fuß oder fahrt mit dem auto…. lol…. aber schön immer die polizei rufen wenns mal knallt

Ihr Radfahrer seit alle Wickser.

„Woher kommt diese Aggression?“

Julia Amberger fragt sich in der taz, was zu dieser Aggression auf der Straße und den spontanen Rollenwechseln beim Verkehrsmittel-Wechsel führt: Weg da, ihr Arschlöcher!

Es ist Frühling – Zeit des Straßenkampfs. Radler brüllen Autofahrer an. Fußgänger beschimpfen Radfahrer. Aber woher kommt diese Aggression?

Ende der Radwegbenutzungspflicht: Es könnte alles so einfach sein

Es könnte alles so einfach sein: Kraftfahrer informierten sich regelmäßig über die Verkehrsregeln, also alle paar Jahre vor Inkrafttreten einer Änderungsverordnung der Straßenverkehrs-Ordnung, verstehen die Verkehrsregeln und wenden die Verkehrsregeln tatsächlich an — gleiches gilt natürlich auch ohne Einschränkungen für Radfahrer und Fußgänger. Und im Straßenverkehr wird auch von unsinnigen Belehrungen abgesehen, es werden keine Rachemanöver gefahren und wird niemand vorsätzlich gefährdet. Ein Traum, nicht wahr?

Die Realität sieht etwas anders aus, denn die meisten Kraftfahrer tun sich schon mit § 2 Abs. 4 StVO schwer, der nämlich schon seit etwa fünfzehn Jahren lautet:

Radfahrer müssen einzeln hintereinander fahren; nebeneinander dürfen sie nur fahren, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird. Eine Benutzungspflicht der Radwege in der jeweiligen Fahrtrichtung besteht nur, wenn Zeichen 237, 240 oder 241 angeordnet ist. Rechte Radwege ohne die Zeichen 237, 240 oder 241 dürfen benutzt werden. Linke Radwege ohne die Zeichen 237, 240 oder 241 dürfen nur benutzt werden, wenn dies durch das Zusatzzeichen „Radverkehr frei“ allein angezeigt ist. Radfahrer dürfen ferner rechte Seitenstreifen benutzen, wenn keine Radwege vorhanden sind und Fußgänger nicht behindert werden. Außerhalb geschlossener Ortschaften dürfen Mofas Radwege benutzen.

Das Problem ist bloß, dass die meisten Verkehrsteilnehmer einen Scheiß auf die Verkehrsregeln geben.

Es wurde in diesem Blog schon häufig beschrieben, dass die genauen Verkehrsregeln kaum jemand kennt. Die meisten Kraftfahrer fahren so, wie sie es in der Fahrschule gelernt haben, bei unbekannten Situationen setzt der Herdentrieb ein und es wird der Vordermann imitiert. Die Fahrschule lehrt allerdings nicht, was in der Straßenverkehrs-Ordnung steht, das wollen die Fahrschüler auch gar nicht wissen, sondern erklärt nur das Basiswissen, mit dem sich die praktische Fahrprüfung bestreiten lässt. Niemand erklärt, welche Vorrangsbeziehungen in Kreisverkehren und abknickenden Vorfahrtstraßen bestehen, niemand erläutert das Rechtsfahrgebot auf Kraftfahrstraßen innerhalb geschlossener Ortschaften, mit viel Glück lernt man noch, beim Auffahren auf die Autobahn keine Vorfahrt zu haben. Und ja, wo ein Radfahrer fahren darf und wo nicht, das wird allenfalls noch zufällig erwähnt: Schließlich geht’s hier doch um den Führerschein, nicht ums Fahrrad.

Der Verkehrsunterricht in der Grundschule oder in der Unterstufe der weiterführenden Schulen ist gar noch schlimmer, dort lernen die Kinder nicht vom Rad zu fallen, aber keineswegs die Verkehrsregeln für Radfahrer. Kein Wunder, die sind für die kleinen Köpfe noch viel zu komplex, denn schon die Polizei tut sich ja schwer mit § 2 Abs. 4 StVO und weiß überhaupt nicht, wo denn bei welcher Schilderkonstellation und welchen verfügbaren Straßenteilen das Rad hingehört. Da das Fahrrad in der Fahrschule komplett ausgespart wird, sofern es denn nicht mit Falschinformationen Erwähnung findet, wundert es doch kaum, dass die meisten Radfahrer sich irgendwie so durch den Verkehr mogeln und viel zu häufig auf der linken Straßenseite oder dem Gehweg landen.

Es wäre ein wahrhaft spannendes Experiment, ein paar Verkehrsteilnehmer vor die Straßenverkehrs-Ordnung zu setzen und die Regeln erklären zu lassen, die sie dort lesen. Man braucht nicht viel Fantasie um sich vorstellen zu können, dass das ganz schön schiefgehen wird.

Ein regelkundiger Fahrbahnradler braucht sich gar nicht die Mühe machen, einem wutschnaubenden Kraftfahrer durch die Beifahrerscheibe etwas von § 2 Abs. 4 StVO oder Zeichen 237 zu erklären: Das kapiert er nämlich nicht. Außerhalb des Elfenbeinturmes, von dem wir hier und in anderen Blogs immer wieder auf die Straßen der deutschen Städte herunterschauen, gilt nämlich das einfache Prinzip „Fahrrad = Radweg, Auto = Fahrbahn“. Wir übersehen viel zu oft, dass die meisten Verkehrsteilnehmer mit einem Studium der Straßenverkehrs-Ordnung vollkommen überfordert sind. Während wir fröhlich vor ebenjenem Kraftfahrer mit Zeichen 237, 240 und 241 jonglieren, weiß der vermutlich noch nicht einmal, dass Verkehrszeichen nummeriert sind und steckt mutmaßlich noch immer fest in dem verbreiteten Glauben, dass Radfahrer doch bitteschön schon zu ihrer eigenen Sicherheit nicht auf der Fahrbahn fahren sollen. Allenfalls kann er § 1 Abs. 1 StVO rezitieren, weil der nämlich tatsächlich in jedem Fahrschulbuch steht.

Geradezu süß mutet es an, während der Fahrt noch einem hupenden Kraftfahrzeug etwas von „Nicht benutzungspflichtig!“ hinterherzurufen, was der Fahrzeugführer einerseits nicht hören wird und andererseits gar nicht verstehen will: Glaubt denn jemand ernsthaft, ein Kraftfahrer schaue bei jeder Kreuzung, bei jeder Einmündung nach, ob denn der Radweg mit blauen Schildern dekoriert sein könnte, um daraufhin zu entscheiden, ob er einen Fahrbahnradler malträtiert oder ihn in Ruhe lässt? Fragt man ein paar Verkehrsteilnehmer höflich nach den blauen Schildern, wird man ganz erstaunt feststellen, dass vielleicht jeder Zehnte etwas kluges dazu sagen kann — und das auch nur, weil Radwegbenutzungspflichten im vergangenen Jahr häufig genug in den Medien zu Gast waren. Für die meisten gilt: „Fahrrad = Radweg, Auto = Fahrbahn“.

Diese Problematik stellt sich plötzlich auch bei freigegebenen Einbahnstraßen, die in den letzten Jahren immer mehr aus den Straßen schießen. Fast jeder Kraftfahrer kann lange Geschichten über Radfahrer erzählen, die falsch herum durch die Einbahnstraße gefahren wären und sich dabei gar fürchterlich betragen hätten — selbst mit viel Überzeugungskraft lässt sich kaum vermitteln, dass der Radfahrer je nach Einbahnstraße eventuell im Recht war. Auch mit dem Zeigefinger auf das Zusatzzeichen 1000-32, das unter dem Schild der Einbahnstraße auf die entgegenkommenden Radlern hinweisen soll, kapieren viele Verkehrsteilnehmer nicht, was das eigentlich bedeuten soll. Überraschend viele vermuten unter der Beschilderung einen Radweg, glauben also, Radfahrer dürften diese Straße in Gegenrichtung passieren, müssten aber den Radweg benutzen, der in Wirklichkeit ein Gehweg ist. Und selbst wenn man einen Kraftfahrer glaubhaft von freigegebenen Einbahnstraßen überzeugen kann, scheint es im gar ungeheuerlich, dass er einem entgegenkommenden Radfahrer an Engstellen möglicherweise Vorrang gewähren müsste, dass Radfahrer auch beim Verlassen der Einbahnstraße Vorfahrt haben könnten. Freigegebene Einbahnstraßen mögen eine tolle Idee sein, wenn sie die Wege für Radfahrer deutlich verkürzen, trotzdem ist es gerade am falschen Ende einer solchen Einbahnstraße immer wieder abenteuerlich, wie die Kraftfahrer dort blind hineinbrettern, weil aus einer Einbahnstraße ja nichts herauskommen dürfte.

Wir halten uns zwar für die besten Autofahrer der Welt und bauen angeblich die besten Autos der Welt, aber so richtig Ahnung von dem, was wir da mit Pedalen und Lenkrad anstellen, so richtig Ahnung davon haben wir nicht.

Schön, dass nach der Krefelder Straße in Köln nun auch in München die Radfahrer auf die Fahrbahn dürfen, aber weder in Köln noch in München werden Kraftfahrer das Erklärbär-Schild verstehen, dass speziell für die regelunkundigen Verkehrsteilnehmer aufgestellt wurde: Unlogisches Logo

Zu klein, zu viel Text: Erst vor drei Wochen hat die Stadt Info-Schilder für Radler und Autofahrer in München aufgestellt. Doch die verwirren offenbar mehr als dass sie aufklären. Nun sollen neue her.

Das sicherlich gut gemeinte Schild hat gleich mehrere Probleme. Vermutlich wird es genügend Kraftfahrer geben, die es einfach übersehen — das liegt gar nicht mal an dessen unzureichender Größe, sondern dass der Mensch als Gewohnheitstier nunmal nicht sofort erkennt, dass sich da etwas geändert hat. Der Text erzählt zwar schön etwas von der Radwegbenutzungspflicht, aber wer kennt den Begriff denn schon? Der Hit ist natürlich das durchgestrichene Zeichen 237, das zwar formal gesehen korrekt ist, denn eine Radwegbenutzungspflicht gibt es nunmal nicht mehr, sie ist hier zu Ende, vermutlich aber eher als Verbot des Fahrradfahrens analog zu Zeichen 254 verstanden werden dürfte, denn, wieder einmal, wer kennt schon die genaue Bedeutung von Zeichen 237?

Bei hamburgize.com gibt’s noch ein paar interessante Fotos: Braucht es ein Zeichen für Radwege ohne Benutzungszwang?

Auch da bleibt allerdings die Elfenbeinturmproblematik bestehen: Wird nun ein eckiges Zeichen für Radwege ohne Benutzungspflicht eingeführt, kapiert das auch wiederum kein normaler Verkehrsteilnehmer. Rund hieße benutzungspflichtig, eckig hieße nicht benutzungspflichtig, okay, für uns kein Problem, aber schaut der normale Kraftfahrer nach, ob das Schild rund oder eckig war, bevor er hinter dem nächsten Fahrbahnradler auf die Hupe prügelt? Überdies krankt der Radweg immer noch an der Überlegung, warum denn ein Radweg nicht benutzt werden sollte, wenn doch einer vorhanden ist — leider sehen sich auch viele Kraftfahrer genötigt, diese Diskussion mit der Hupe zu führen. Meistens kommen dabei noch die fehlenden Kennzeichen und die Kraftfahrzeugsteuern zur Sprache.

Insofern: Ob rund oder eckig, es wäre viel wichtiger, als Verkehrsteilnehmer endlich einmal wenigstens die wichtigsten Straßenverkehrsregeln zu kennen. Es ist sicherlich unnötig, als Normalsterblicher die 53 Paragraphen und fünf Anlagen auswendig rezitieren zu können, es ist aber absolut besorgniserregend, dass die meisten Verkehrsteilnehmer nur den § 1 Abs. 1 StVO benennen können — und von vielen weiteren Regeln leider nicht nur keine Ahnung haben, wo sie denn stehen, sondern von deren Existenz noch nie etwas gehört haben. Denn in Deutschland ist es leider Tradition, fehlendes Wissen mit erhöhter Aggression zu kompensieren. Die wild hupenden Kraftfahrer sind beinahe ausnahmslos jene, die von § 2 Abs. 4 StVO noch nie etwas gehört haben.

Ein Besuch in der motorisierten Welt

Ein kritischer Bericht soll immer mit ein paar netten Worten beginnen, so lernt man es schließlich schon in der Grundschule. Beim MOTOR-TALK-Forum fallen solche Worte gar nicht schwer: Bei autorelevanten Themen gibt es wohl keine bessere Informationsquelle als die in Dutzende Unterbrettern gegliederten Autoforen. Die dortige Fähigkeit, gar aus blinden Kristallkugeln noch eine Ferndiagnose zu lesen, darf wohl getrost legendär genannt werden.

Leider krankt MOTOR-TALK am Willen, sich ein so genanntes „Verkehr & Sicherheit Forum“ leisten zu wollen. Und was in diesem Forum abgeht, hat zwar viel mit Verkehr, aber umso weniger mit Sicherheit zu tun. Womöglich lässt sich die Problematik schon aus dem Klientel des Forums ableiten, denn in der Regel werden Autos nebenan in den übrigen Themen-Foren nicht getunt, um dann unterhalb des Tempolimits über die Autobahn zu zuckeln. Die dortigen Forenmitglieder mögen zwar jede Menge Ahnung von Tuning und Technik zu haben, aber eher weniger von der Straßenverkehrs-Ordnung.

Das ist relativ amüsant, wenn ein Forenmitglied nach einer Geschwindigkeitsübertretung angehalten wurde und anschließend seitenlang im Forum das Abzocklied angestimmt wird. Es sei unzulässig, das Tempolimit an jenen Stellen zu überwachen, an denen sich sowieso niemand an das Tempolimit halte. Parallel dazu wird auf beinahe 130 Seiten mit über 2.000 Antworten diskutiert, ob nicht der so genannte Strichfahrer die Wurzel allen Übels ist. Wer bremst, verliert und wer nicht gerade die obligatorischen „+20“ auf dem Tacho hat, gilt im MOTOR-TALK-Forum als Schleicher. Empirischen Studien der Mitglieder zufolge sind derartige „stur nach Limit“-Fahrer das größte Problem auf deutschen Straßen: Sie seien Schuld an Unfällen, weil kein normaler Verkehrsteilnehmer damit rechne, dass sich jemand ans Tempolimit hält, sie verursachten Staus, weil die „+20“-Fraktion ständig abbremsen müsse, sie gelten als Oberlehrer und deutsche Michel, denen das eigenständige Denken in der Fahrschule ausgetrieben wurde. Freiheit und Selbstständigkeit gibt’s nur mit Bleifuß: Freie Fahrt und Freiheit für freie Bürger.

Drastisch wird es, wenn ein Mitglied einen Fahrradfahrer sieht, denn dann entwickelt jeder Thread ein ausgesprochen dynamisches Eigenleben, dass ihn in unbekannte Höhen katapultiert. Mit Fahrradfahrern können die meisten MOTOR-TALK-Mitglieder offensichtlich weniger gut umgehen. Ein paar Beispiele gefällig?

Es ist vollkommen müßig, einzelne Aussagen aus den beinahe 10.000 Beiträgen dieser Threads zu destillieren, weil sich ohnehin insebsondere Falschbehauptungen ständig wiederholen und spätestens nach einer Viertelstunde der Lektüre das Gehirn aus der Nase tropft. Etwas übertrieben formuliert gehören Radfahrer für den gemeinen MOTOR-TALKER nicht der menschlichen Spezies an und haben sich schon aus moralischen Gründen auf den Radweg zu flüchten. Die meisten Mitglieder scheinen noch eine halbwegs moderate Einstellung gegenüber Radfahrern zu vertreten, bei einigen wenigen wird der Hass auf alles unmotorisierte offen zur Schau getragen. Die Situation wird auf jeder neuen Seite eines Threads verworrener, weil die ständigen Falschinformationen immer wieder mutieren und Seite für Seite erneut zum Vorschein kommen.

Der Klassiker ist erwartungsgemäß, dass Radfahrer jeden Radweg benützen müssten, denn von § 2 Abs. 4 StVO hat hier noch kaum jemand etwas gehört. Falls § 2 Abs. 4 StVO wider Erwarten doch noch ins Gespräch gebracht wird, ignorieren die Forenmitglieder den ungewohnten Erkenntnisgewinn oder holen die moralische Keule heraus: Radfahrer müssten aus moralischen Gründen jeden Radweg und notfalls auch jeden Gehweg befahren, um den Kraftfahrern nicht im Weg zu sein, denn schließlich bezahlten Kraftfahrer Steuern und Radfahrer nicht und Radfahrer seien sowieso nur zum Spaß unterwegs und um Kraftfahrer zu blockieren. Einerseits wird es gemeinhin begrüßt, wenn Radfahrer freiwillig auf dem Gehweg radeln und nicht dem Kraftverkehr auf der Fahrbahn hinderlich sind, andererseits werden Gehwegradler gehasst, sofern sie Fußgänger gefährden oder beim Rechtsabbiegen und beim Ausfahren aus einer unübersichtlichen Grundstückszufahrt plötzlich auf der Motorhaube landen. Ja, Radfahrer dürften natürlich gerne Rad fahren, aber bitte nicht dort, wo gerade ein Kraftfahrer entlang möchte.

Da die Diskussionen im Verkehr-und-Sicherheit-Forum ganz offensichtlich nicht dem Erkenntnisgewinn dienen können, bleibt nur die kollektive Wutbürgerei gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern. Kaum einer der Diskussionsteilnehmer hat jemals einen Radfahrer gesehen, der sich an die Straßenverkehrs-Ordnung hält, was bei bestimmten Fragestellungen stets ganz besondere Ergebnisse treibt. Selbst ein eindeutig von einem Kraftfahrer verursachter Unfall mit einem Radfahrer wird noch schöngeredet, indem penibel nachgeforscht wird, ob der Radfahrer ohne Licht fuhr, keine Warnweste oder keinen Fahrradhelm trug, ob er auf der falschen Straßenseite fuhr oder auf dem Gehweg oder auf der Fahrbahn oder ob die Ampel nicht doch rot war oder der Himmel blau und das Auto grün. Und selbst wenn sich die Schuld des Kraftfahrers nicht in Abrede stellen lässt, kommt wieder die moralische Keule aus dem Untergrund: Der Radfahrer sei doch mindestens teilschuldig, denn er hätte ja nicht im toten Winkel fahren müssen, wenn der Kraftfahrer beim Abbiegen nicht den Hals zum Schulterblick wendet, er hätte ja auf dem Radweg fahren können, wenn jemanden das Kunststück gelang, einen Radfahrer auf der Fahrbahn anzurempeln, er hätte ja auch den Gehweg benutzen können, sollte es keinen Radweg geben, oder aber doch lieber die Fahrbahn, falls sich der Vorfall auf dem Gehweg zugetragen hat. Was die Suche nach möglichen Rechtfertigungen angeht, sind die Forenmitglieder durchaus flexibel.

Derartige Diskussionen finden stets ohne Beteiligung der Straßenverkehrs-Ordnung statt und es ist absolut abenteuerlich, wie Falschinformationen quer durch das Forum getragen und immer wieder rezitiert werden. „Ich habe mal gehört“, „Meines Wissens“ und „Eigentlich“ sind als Prefix für Behauptungen betreffend der Verkehrsregeln sichere Indikatoren, dass gleich Unfug folgt. Fragt man nach der Quelle für eine Behauptung, wird kurzerhand ein anderer Beitrag zitiert, der teilweise in anderen Threads lagert, mitunter aber nur ein paar Seiten vorher geschrieben wurde und ähnlichen Blödsinn enthält. Dieser zirkelschließender Selbstreferenzierung fiel nicht nur vor langer Zeit § 2 Abs. 4 StVO zum Opfer, sondern auch sämtliche anderen Erkenntnisse, die in den letzten Jahrzehnten zum sicheren Radfahren gewonnen wurden. Führt jemand eine Statistik an, die dem Radweg eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit attestiert, kommt er entweder schlecht zu Wort oder wird lediglich ignoriert, weil doch schon der gesunde Menschenverstand sage, dass es auf dem Radweg sicherer sei und solche Statistiken glattweg bloß von velozentrischen Gutmenschen geschrieben würden. Man darf sich überhaupt nicht die Mühe machen, vernünftige Beiträge zu schreiben oder sich an Erklärungen zu versuchen, warum die jahrzehntelange Überlegung bezüglich der Sicherheit von Radwegen eben nur in den seltensten Fällen zutrifft, denn gegen den angeblich gesunden Menschenverstand der Forenteilnehmer kommt niemand an. Einigermaßen witzig erscheint es da noch, dass sich die Diskussionsteilnehmer ständig gegenseitig ihre eigene Unfähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges bescheinigen, wenn es ständig heißt, Radfahren auf der Fahrbahn sei unter anderem gefährlich, weil Kraftfahrer nicht mit Radfahrern rechneten und sie geradewegs überführen — das spricht ja nun nicht gerade für die angeblich übermenschlichen Fähigkeiten der kultivierten Schnellfahrer am Steuerrad.

Leider sehen sich die Moderatoren im Verkehr-und-Sicherheit-Forum nicht in der Lage, gegen die dort versammelte Unwissenheit vorzugehen. Ja, keine Frage, sollen die Leute doch ruhig ihrem eigenen Unwissen huldigen, aber es scheint äußerst fragwürdig, wie weit die Forenleitung den Hass, der dort gegenüber Radfahrern gepredigt wird, tolerieren sollte. Ja, wenn es einem Moderator zu bunt wird und offensichtlich zu Straftaten aufgerufen wird, also beispielsweise den nächsten Fahrbahnradler, der nicht den bestens ausgebauten und breiten Radweg benutzt, geradewegs und mutwillig zu überfahren, dann wird das Thema geschlossen. Trotzdem wird relativ tatenlos zugesehen, wie sich Falschinformationen über Aberhunderte Beiträge im Kreise drehen und sich immer weiter aufschaukeln, bis dann tatsächlich sämtliche Diskussionsteilnehmer der Meinung sind, Radfahrer dürften nie und unter gar keinen Umständen auf der Fahrbahn fahren und seien Freiwild, sofern sie nicht den Radweg benutzen. Es wäre sicherlich nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Regelkenntnis innerhalb des Forums, wenn in solchen Diskussionen ein administrativer Finger auf die entsprechenden Paragraphen der Straßenverkehrs-Ordnung zeigen könnte, wenn die Argumente der wenigen regelkundigen Mitglieder ungehört im Wutgebrüll verpuffen. Stattdessen scheint man dem Treiben relativ hilflos gegenüber zu stehen, ja, es werden noch nicht einmal Diskussionsteilnehmer entfernt, die sich ganz eindeutig nur der Trollerei wegen angemeldet haben und den Hass auf Radfahrer mit immer den gleichen dämlichen Argumenten befeuern.

Man mag sich kaum vorstellen, welch explosiver Cocktail dort nach Diskussionen mit tausenden Beiträgen gärt, in der eigentlich seit der allerersten Seite nicht die Erkenntnis, sondern bloß der Hass gewachsen ist. Es ist erschreckend, mit welch einer Mindestausstattung der Verkehrsregeln in der heutigen Zeit die Fahrerlaubnis erteilt wird, es ist furchtbar, dass sich niemand verpflichtet fühlt, wenigstens die gröbsten Irrtümer bezüglich der Verkehrsregeln aufzuklären. Der Straßenverkehr ist kein Spiel, bei dem es relativ egal ist, ob ein Spieler mit einer Sechs aussetzen muss oder nicht, im Straßenverkehr geht es unter Umständen um Leben und Tod — und da ist weder Platz für gefährliches Halbwissen bezüglich der Verkehrsregeln noch für die Aggressionen, die aus jenem Halbwissen erwachsen.

Vielleicht täte MOTOR-TALK tatsächlich ganz gut daran, dass „Verkehr & Sicherheit Forum“ zu schließen — es ist nicht zu befürchten, dass es bezüglich der Informationsvielfalt bei MOTOR-TALK Verluste zu beklagen gäbe.

Deutsche zählen zu den schlimmsten Verkehrssündern

Traditionell sind die Rollen im deutschen Straßenverkehr längst verteilt: die Radfahrer hielten sich eh nie an die Verkehrsregeln und führen über rote Ampeln aber nicht auf den bestens ausgebauten und breiten Radwegen, wogegen Kraftfahrer vollkommen regelgetreu unterwegs wären und sich strengstens an die Straßenverkehrs-Ordnung hielten. Eine Umfrage unter jungen Autofahrern stellt das allerdings etwas anders dar: Wir sind ein Volk von Rüpeln

Viele junge Autofahrer pfeifen auf die Verkehrsregeln, sie fluchen dabei gern und benehmen sich auch sonst im Fahrzeug oft daneben. Das sind Ergebnisse einer Umfrage, die den ganz normalen Wahnsinn auf den Straßen Europas dokumentiert. Vor allem die Deutschen geben kein gutes Bild ab.

Genau genommen ist das mit den Rotlichtverstößen auch gleich schon wieder so eine Sache, denn:

85 geben noch mal Gas, wenn die Ampel schon auf Gelb steht.

Gelbes Licht heißt nunmal, vor der Kreuzung auf das nächste Zeichen zu warten. Wer dann noch aufs Gaspedal drückt, wie es in Deutschland nunmal ganz offensichtlich Brauch ist, nimmt eine Gefährdung willentlich in Kauf: Aus gelbem Licht wird schnell rotes Licht und nicht selten rollt schon der Querverkehr los, bevor das eigene Fahrzeug die Kreuzung verlassen hat. Oder noch schlimmer: gegenüber bekommen querende Fußgänger ihre Freigabe und betreten schon die Fahrbahn. Und doch wird das alles im Cockpit unter die Begründung eingereiht, dass es ja mutwillig keine grüne Welle gebe und man sich daher selber helfen müsse.

Oder:

Mehr als der Hälfte der Befragten platzt im Auto außerdem der Kragen: 62 Prozent gaben an, während der Fahrt zu schimpfen.

Insofern beeindruckt es gar doppelt, dass am Stammtisch vor allem auf die Radfahrer geschimpft wird, die den bestens ausgebauten und breiten Radweg nicht benutzen.

„30er-Zonen sind eine Verkehrsgefährdung“

Über Tempo 30 innerhalb geschlossener Ortschaften lässt sich gewiss diskutieren. Man braucht auch keineswegs unbedingt ein Freund von einer Absenkung der innerörtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 auf 30 Kilometern pro Stunde sein, man braucht auch von den üblichen Argumentationen, was Lärmemissionen und Kraftstoffverbrauch angeht, nicht zu folgen, doch eines galt sogar auf dem Stammtischniveau als anerkannt: Tempo 30 bedeutet zunächst einmal eine Steigerung der Sicherheit im Straßenverkehr.

Das galt aber nur bis heute, denn ab heute wissen wir: Tempolimitierungen sind eine Verkehrsgefährdung! Das schreibt zumindest die B.Z.: Wie irrsinnig ist Tempo 30 in Berlin?

Auf immer mehr Haupt- und Nebenstraßen werden Tempo-30-Zonen eingerichtet. Nicht alle machen Sinn.

Ja, keine Frage: nicht alle Verkehrsbeschränkungen sind sinnvoll. Das gilt allerdings nicht nur für Geschwindigkeitsbegrenzungen, sondern auch für Radwegbenutzungspflichten. Was soll’s, hier geht’s nun erst einmal um Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Die auf dem Foto dargestellte Situation lässt sich bei Google Streetview noch nicht nachvollziehen, da auf dem vier Jahre alten Bildmaterial noch nicht alle Verkehrsschilder existent sind. Trotzdem ist erkennbar, dass diese Geschwindigkeitsbegrenzungen, anders als im Artikel behauptet, keineswegs lediglich ein paar Meter in der Länge messen, sondern in diesem Fall beispielsweise das Ende der Limitierung von 30 Kilometern pro Stunde aus Lärmschutzgründen zu erkennen ist, die sich vermutlich nach rechts hin eine ganze Weile fortsetzt.

So unscharf das Foto beschrieben wird, so ungenau geht der Artikel weiter. Die Straßenverkehrs-Ordnung unterscheidet explizit zwischen einer Tempo-30-Zone und denen auf einer Strecke wirkenden Geschwindigkeitsbegrenzungen, auch wenn das Netz voll von Klagen ist, in denen jemand „mit 150 in der 120er Zone“ geblitzt wurde. Und dieser Unterschied ist durchaus wichtig: eine Tempo-30-Zone gilt flächendeckend und hüllt beispielsweise ein Wohngebiet ein, während andere Geschwindigkeitsbegrenzungen kraft Zeichen 274 erst einmal bloß auf einer Strecke gelten. Biegt ein Fahrzeug ab, verlässt es die Strecke und somit auch das Tempolimit. Außerdem sind anders als im Artikel angedeutet bei Tempo-30-Zonen keine zeitlichen oder wie auch immer gearteten Einschränkungen der Geltungsdauer möglich.

Ja, man weiß doch, was gemeint ist. Trotzdem ist ein Artikel schwer zu lesen, steckt er von vorne bis hinten voller fachlicher Fehler. Anders als der Artikel suggeriert ist beispielsweise das Aufstellen von solchen Verkehrsschildern durchaus an Anforderungen gebunden, auch wenn das bereits erwähnte Beispiel der Radwegbenutzungspflichten verdeutlicht, dass Anforderungen auch bloß Anforderungen sind, sofern sie denn gelesen werden. Ein umgrenzendes Wohngebiet kann bei einer insgesamt sechsspurigen Straße allerdings schon einen hinreichender Grund für eine wenigstens nächtliche Geschwindigkeitsbegrenzung darstellen.

Die Expertenmeinungen zum Schluss des Artikels sind hingegen wieder ganz interessant. ADAC und CDU sehen einen flüssigen Verkehr lediglich bei Tempo 50 gewährleistet, obwohl mutmaßlich noch nicht beobachtet werden konnte, dass es sich nachts innerhalb der bemängelten Straßen besonders staut. IHK und ein Vertreter der FDP sehen in Geschwindigkeitsbegrenzungen gar eine Verkehrsgefährdung, weil ältere Verkehrsteilnehmer die Zusatzzeichen nicht mehr lesen könnten. Dort ist wenigstens das Argument mit den Zusatzzeichen plausibel, denn mitunter sind diese Zusatzschilder aufgrund ihrer mangelhaften Beschaffenheit tatsächlich erst im letzten Moment zu erkennen. Eine Gefährdung mag daraus durchaus entstehen, wenn der Fahrzeugführer nur noch mit den Zusatzschildern und nicht mehr mit dem restlichen Verkehrsgeschehen beschäftigt ist und ungeduldige Kraftfahrer sich zu gewagten Überholmanövern genötigt sehen.

Das ist aber alles eher ein Problem der mangelnden Regeltreue der Verkehrsteilnehmer und nicht der Tempolimitierungen an sich. Das wird allein schon daran deutlich, dass das Argument der Verkehrsgefährdung zwar angeführt, aber nicht weiter ausgeführt wird: es bleibt bei populistischen Ausrufezeichen. Wer allerdings ein Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde als sichere Reisegeschwindigkeit innerhalb der Stadt oder gar innerhalb von Wohngebieten hält, hat vermutlich noch nie einen Blick in die Unfallstatistiken geworfen.

Hamburg öffnet Einbahnstraßen für Radfahrer und niemand versteht’s

Vor dem Jahreswechsel arbeitet Hamburg noch an etwas Radverkehrsförderung: 195 Einbahnstraßen für Radgegenverkehr geöffnet

Bahn frei für Hamburgs Radfahrer: Die Polizei hat 195 Einbahnstraßen im ganzen Stadtgebiet für den Radgegenverkehr geöffnet. Radler können nun in entgegengesetzter Richtung in die Straße einfahren, ohne sich strafbar zu machen.

Mal abgesehen davon, dass das Fahren gegen eine nicht-freigegebene Einbahnstraße keinen Straftatbestand, sondern lediglich eine 15 Euro teure Ordnungswidrigkeit darstellt: wer kapiert wohl den folgenden Artikel?

Wer es nicht kapiert, ist an den Kommentaren besonders schön zu erkennen: der Kraftfahrer. Zwar wird kräftig auf die Radfahrer geschimpft, von denen sich angeblich nie jemand an die Verkehrsregeln halte und mitten auf der Fahrbahn fahre, obwohl es einen breiten und bestens ausgebauten Radweg gibt und so weiter und so fort, aber offensichtlich ist den tobenden Kraftfahrern vollkommen entgangen, dass die Regelung zur Öffnung von Einbahnstraßen für Radfahrer schon über zehn Jahre alt ist und mit entsprechender Beschilderung schon jahrelang Anwendung findet. Doch anstatt sich einmal kurz hinzusetzen und in der Straßenverkehrs-Ordnung zu blättern wird die Kommentarfunktion ein weiteres Mal missbraucht, um zu Straftaten gegenüber Radfahrern aufzurufen. Ganz egal, ob eine Einbahnstraße freigegeben ist oder nicht: Radfahrer sollen an den Fahrbahnrand gedrängt und nach allen Möglichkeiten gefährdet werden. Dass Radfahrer entgegen der Einbahnstraße durchaus Vorrang und Vorfahrt genießen kommt den Kraftfahrern nicht in den Sinn.

Immerhin erklärt sich auf diese Weise ganz charmant, wer denn nun weniger Ahnung von den Verkehrsregeln hat. Dabei sollten die Verkehrsbehörden nicht unerwähnt bleiben: schließlich gibt es häufig genug Einbahnstraßen, die von Radfahrern in beide Richtungen benutzt werden dürfen, doch von der freigegebenen Seite dürfen Radfahrer dann doch nicht in die Einbahnstraße fahren, weil die entsprechenden Verkehrszeichen das Abbiegen verbieten. Das ist nicht nur eine Hamburger, sondern eine bundesweite Spezialität: Hamburg kann keine Einbahnstraßenfreigabe

Kraftfahrer halten sich für regelkundig

Zu viel Wissen macht bekanntlich depressiv oder wenigstens misslaunig. Das bekommen vor allem jene Radfahrer häufig zu spüren, die sich durchaus etwas besser in der Straßenverkehrs-Ordnung auskennen — und solche Radfahrer, man mag es kaum glauben, trifft der gemeine Kraftfahrer häufiger als er glaubt. Insgesamt ist die Regelkenntnis der Verkehrsteilnehmer, ganz egal ob hinter dem Steuer, auf dem Sattel oder zu Fuß, allerdings eher miserabel.

Kraftfahrer wurden in der Fahrschule unterrichtet, sich irgendwie so durch den Verkehr zu schwurbeln und heil zu Hause anzukommen. Detailliertere Kenntnis der Verkehrsregeln darf da leider nicht erwartet werden: in der Regel wissen Kraftfahrer vor allem § 1 StVO zu zitieren, weitere Regeln, beispielsweise die in den meisten Kraftfahrerköpfen geradezu rätselhaften Vorrangsbeziehungen an Kreisverkehren oder abknickenden Vorfahrtsstraßen, sind nicht einmal sinngemäß gespeichert. Man fährt so wie alle anderen fahren und parkt so, wie alle anderen parken — wenn erst einer auf dem Gehweg parkt, finden sich schnell ein paar Nachahmer und keiner kommt auf die Idee, das könnte verboten sein. Die Fahrerlaubnis und das eigene Kraftfahrzeug befähigen zwar zum Fahren mit Geschwindigkeiten jenseits des gesunden Menschenverstandes, aber nicht zum Selbststudium der Straßenverkehrs-Ordnung.

Als Radfahrer hat man es leider ebenfalls nicht leicht: in der Fahrschule wird zum Thema Fahrrad im besten Fall nichts erklärt, im schlimmsten Fall wird gefährliches Halbwissen über Kampfradler verbreitet. Weil aber auch nur die wenigsten Radfahrer freiwillig in der Straßenverkehrs-Ordnung schmöckern, ziehen sie ihr Wissen wenigstens bruchstückhaft aus dem Verkehrsunterricht an den Schulen, der teilweise leider eher schlecht als recht ist, oder torkeln mit dem Rad quer durch die Stadt, notfalls auf nicht freigegebenen Gehwegen, aber stets abseits der als böse und gefährlich verklärten Fahrbahn.

Beide Gruppen haben eines gemeinsam: fragt man sie nach ihrer Kompetenz hinter dem Steuer oder am Lenker, halten sich alle für geradezu perfekte Verkehrsteilnehmer: Deutsche trauen sich auf der Straße viel zu – zu viel?

96 Prozent der Kfz-Führer halten sich für gute Fahrer. 2011 starben jedoch 4.009 Menschen – Ursache war meist zu hohe Geschwindigkeit.

Der Klassiker dürfte vermutlich fernab aller Geschwindigkeitsrekorde der Kraftfahrer sein, der einen Radfahrer auf der Fahrbahn erspäht, obwohl es den oft gepriesenen, aber selten gesehenen breiten und bestens ausgebauten Radweg neben der Fahrbahn gibt. Während der Radfahrer vermutlich weiß, welche Straßenteile er befahren darf, kennt der vor Wut auf die Hupe eindreschende Kraftfahrer die Straßenverkehrs-Ordnung meistens noch nicht einmal bis zum zweiten Paragraphen, der in § 2 Abs. 4 StVO regelt, auf welchen Straßenteilen sich Radfahrer bewegen dürfen.

Abenteuerliche Fahrt auf Hamburger Radwegen

Über die Hamburger Radwege können Radfahrer viel erzählen — vor allem schlechtes: zu eng, zu steil, zu kurvig, dicht an parkenden Autos, auf Gehwegen, über Baumwurzeln, irgendwas ist immer. Mutmaßlich gibt es kaum mehrere Meter zusammenhängenden Radweg ohne Beanstandungsmöglichkeiten. Abendblatt-Reporter Axel Tiedemann war mit Dirk Lau vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club in der Hansestadt unterwegs — und war offenbar nicht gerade guter Laune: „Radfahren in dieser Stadt macht wütend“

Rüpelzone Straßenverkehr

Thore Schröder beschreibt in der B.Z., warum sich der Straßenverkehr mitunter doch als Kampfzone anfühlt: Die Vorfahrt habe: Ich, ich, ich

Rad gegen Auto, Fußgänger gegen Rad. Jeder gegen jeden. Berlins Verkehr wird immer ruppiger und gefährlicher.