Ja, bitte: Vertragen wir uns endlich

Die B.Z. hat ausgerechnet das Fahrrad zum Thema der Woche erhoben und widmete dem Radverkehr in der Ausgabe des gestrigen Sonntages gleich zwei große Doppelseiten: „Vertragt euch endlich“, heißt es da in großen Lettern. Inhaltlich war zwischen großzügigen Bildern und gespielter Empörung nicht so ganz viel zu reißen: Den meisten Platz nahm etwas ein, was die B.Z. aus unerfindlichen Gründen als „große Vorfahrt Diskussion über Radwege, rote Ampeln, Helm- und Kennzeichenpflicht“ bezeichnete und daraus bestand, dass Taxi-Fahrerin Angelika Warnecke, ADFC-Vertreter Philipp Poll, Fahrlehrer Matthias Preuß und Fahrrad-Kurier Valeriy Leibert zu jedem Thema ein paar Sätze aufsagen durften. Eine Diskussion sieht definitiv anders aus, das war allenfalls die leidliche Bekanntmachung der meist festgefahrenen eigenen Standpunkte.

Und obwohl ein wie auch immer gearteter Erkenntnisgewinn nicht zu verzeichnen war, ergab sich beim Lesen doch der eine oder andere Lacher. Da war beispielsweise Fahrlehrer Preuß, den an der roten Ampel ständig Radfahrer überholen und mit der Tasche den Spiegel abbrechen, was ihn jedes Mal 150 Euro kostet. Soll nun wirklich jemand glauben, der Mann reparierte mehrmals im Monat oder, wie er sagt, „ständig“ seinen rechten Außenspiegel für 150 Euro? Fahrradkurier Leibert spielt ebenfalls mit den Zahlen und beklagt sich über Fahrradkontrollen, von denen an sonnigen Tagen mindestens zehn gleichzeitig stattfänden. Ansonsten? Keine Überraschungen. Die so genannte Diskussion dümpelt eng eingezwängt zwischen Bildern und Großbuchstaben-Überschriften auf zweieinhalb Seiten herum.

Zwischendurch eingestreut wurde so eine Art Ratgeber für den nächsten Fahrradkauf, der mit einer großzügigen Überschrift angekündigt wird („Zu einem sicheren Fahrrad gehört auch die richtige Größe“), während der eigentliche Artikel nur ein paar Zeilen länger als die Einleitung ist. Selbst die Beratung bei Baumarkt-Fahrrädern dürfte umfassender sein. Und dann bildet die B.Z. noch ein altes Holland-Rad ab, um die vorgeschriebenen Einrichtungen am Fahrrad zu erklären, erzählt da was von der „wirkungsvollen Klingel“ und „zwei unabhängig wirkenden Bremsen“, während das Holland-Rad noch so einen verdächtig nach Stempel-Bremse wirkenden Griff am Lenker hat. Das hält man ja im Kopf nicht aus.

Der stimmungsvolle Teil darf ja auch nicht fehlen, irgendwie muss der Blutdruck schließlich auf Kurs gebracht werden, also ging die B.Z. mit der Polizei auf Rotlicht-Radler-Jagd. „In drei Stunden erweichte die Polizei 29 Rot-Radler“ klingt natürlich dramatisch, immer diese Kampfradler, das kennt man ja. Natürlich ist ein Rotlichtverstoß pro sechs Minuten noch immer zuviel, aber wieder einmal wird der Eindruck geschürt, nur diese blöden Radfahrer hielten sich nicht an die Verkehrsregeln. Wie viele Kraftfahrer wohl an der Straße des 17. Juni in dem dreistündigen Zeitraum Probleme mit der Farbwahrnehmung hatten?

Und dann dieser Auszug aus dem Bußgeldkatalog, der bar seiner Unbrauchbarkeit gar nicht groß auffällt. Da gibt’s beispielsweise das „Fahren ohne Licht“ und das ebenso teure „Fahrrad ohne Lampen“, das beliebte „Straße entgegengesetzt befahren“ und, natürlich, der Klassiker darf nicht fehlen, das „Nichtsnutzen des vorhandenen Radweges“. Hmm, gerade eben wurde aufwändig noch die mangelnde Regelkenntnis am Fahrradlenker reklamiert, aber jetzt sorgt die B.Z. mit ihrem tollen Auszug aus dem Bußgeldkatalog gleich noch mal für mehr Verwirrung? Und überhaupt: Wenn man sich doch über diese ganze Kampfradelei echauffiert, warum unternimmt die B.Z. nicht mal was dagegen und druckt einen Auszug mit den wichtigsten Verkehrsregeln für Radfahrer ab? So spiegelt das Thema der Woche nur die allgemeine Mentalität im deutschen Straßenverkehr wider: Verkehrsregeln interessieren nicht, aber wie viel kostet’s denn, wenn’s die Rennleitung sieht?

So wird das nicht mit dem Vertragen.

„Radfahren in Frankfurt generell verbieten!“

Die Frankfurter Rundschau berichtet über Falträder und die Fahrradmitnahme im öffentlichen Nahverkehr: Faltrad zu Sonderkonditionen

Fahrräder in öffentlichen Verkehrsmitteln sind meistens ein Ärgernis: Sperrig und im schlimmsten Fall sogar ein Sicherheitsrisiko. Das Faltrad soll dieses Problem lösen. ADFC und RMV wollen die platzsparende Alternative fördern, denn das Faltrad kann als Handgepäck mitreisen.

In dem lustigen Kasten in der Mitte kommen — leider? — auch einige Leser zu Wort, die dem Rad nicht besonders freundlich eingestellt sind. Das mag freilich auch anderen Erfahrungen liegen, die offenkundig ja alles andere als positiv waren, das Radfahren in Frankfurt allerdings komplett zu verbieten, um damit die Radfahrer als Reinkarnation des Leibhaftigen aus der Stadt zu vertreiben, das dürfte dann doch etwas zuviel des Guten sein.

„Rot heißt vorwärts keine Frage!“

Man kann wohl davon ausgehen, dass Roland Brockmann keine Radfahrer mag. Im stern schreibt er: Der Terror fährt Rad

„Links vor rechts in jeder Lage – Rot heißt vorwärts keine Frage!“ In Berlin bekennen sich nicht nur „Radterroristen“ zur rabiaten Gangart. Seitdem sich durchtrainierte Angestellte auf dem Rad fit für den Konkurrenzkampf im Büro machen, ist Schluss mit der Gemütlichkeit auf dem Hollandrad.

Eilmeldung: Fahrradfahrer haben immer Recht

Wolfgang Büscher hat während der Feiertage offenbar schlechte Erfahrungen mit Radfahrern gemacht, er schreibt in DER WELT: Fahrradfahrer haben immer Recht

Wer unterwegs ist, ob zu Fuß oder mit dem Auto, weiß: Es sind die rabiaten Radler, die sich moralisch überlegen fühlen. Einmal möchte man Rechnungen mit ihnen begleichen!

Warum das laut der Adresse des Artikels nun in der Kategorie „Eilmeldung“ verbucht wurde, erschließt sich nicht direkt. Die Argumentation, der Radfahrer rechtfertige sein Fehlverhalten mit seiner besseren Umweltbilanz, ist zwar besonders beliebt, aber schon hinreichend alt — und wird draußen auf der Straße eigentlich gar nicht so oft verwendet wie behauptet.

#bloodycyclists: Kraftfahrerin kommt mit Geldstrafe davon

Vor etwa einem halben Jahr machte eine Twitter-Nachricht einer jungen Britin die Runde, die sich damit brüstete, einen dieser scheiß Kampfradler, die eh keine Steuern zahlen, angefahren zu haben. Das war nicht unbedingt klug, weil ihr daraufhin die Polizei folgte: Zuerst auf Twitter, dann auch draußen vor ihrer Haustür.

Inzwischen hat ein Gericht entschieden, dass es bei einer Geldstrafe bleibt, der Vorwurf des rücksichtslosen Fahrens, was auch immer genau das drüben auf der Insel bedeutet, wurde fallengelassen: „#Scheißradfahrer vom Sattel geholt“

Emma Way verursachte einen Unfall, beging Fahrerflucht und brüstet sich damit auf Twitter. Von der Netzgemeinde wurde sie danach gegrillt, vielleicht fiel ihre Strafe darum auch milde aus.

„Is It O.K. to Kill Cyclists?“

Leseempfehlung zum Feierabend: Is It O.K. to Kill Cyclists?

EVERYBODY who knows me knows that I love cycling and that I’m also completely freaked out by it. I got into the sport for middle-aged reasons: fat; creaky knees; the delusional vanity of tight shorts. Registering for a triathlon, I took my first ride in decades. Wind in my hair, smile on my face, I decided instantly that I would bike everywhere like all those beautiful hipster kids on fixies. Within minutes, however, I watched an S.U.V. hit another cyclist, and then I got my own front wheel stuck in a streetcar track, sending me to the pavement.

Dazu passend:

  • Shafted Again.

    Cyclists.

    Can we ever get a break?

    Apparently not.

  • NYT: Ist es o.k., Radfahrer zu töten?

    Die New York Times bringt in ihrer letzten Wochenendeausgabe einen Essay mit dem provokanten Titel „Is it o.k. to kill cyclists?“, der sich mit den Gefahren des Radfahrens und mit dem Konflikt zwischen Autolenkerinnen und Radfahrern befasst. Die These: Radfahren ist populärer denn je und weiterhin im Aufwind, aber die Kultur und die Gesetze auf US-amerikanischen Straßen diskriminierten und gefährdeten weiterhin die Radfahrerinnen.

Über Kampfradler und Kampflastkraftwagenfahrer

Einen schier unglaublichen Einsatz beendeten schleswig-holsteinische Polizeibeamte vergangene Woche. Wegen dringender Sanierungsarbeiten war eine Brücke für den Radverkehr gesperrt, weil einerseits wegen zentimeterbreiter Lücken in der Fahrbahnoberfläche die Sicherheit der Radfahrer nicht gewährleistet werden konnte, andererseits sollte der übrige Kraftverkehr nicht noch weiter von Radfahrern beeinträchtigt werden, die bekanntlich ständig nur den Verkehr behindern.

Weil sich die Radfahrer aber nicht an die aufgestellte Beschilderung hielten, waren dreieinhalb Monate lang etwa hundert Beamte abwechselnd im Einsatz, die Radfahrer an den Zufahrten zur Brücke abzufangen. Das war auch dringend nötig, schließlich wurde an den Anfahrtswegen auf deutlich sichtbare Hinweise zur Sperrung der Brücke verzichtet und die Radlinge stattdessen direkt vor der Brücke vor vollendete gesperrte Tatsachen gestellt, stattdessen einen Umweg von je nach Strecke zehn bis sechzig Kilometern in Kauf zu nehmen.

Die Tageszeitungen berichteten täglich über den Fortschritt der Sanierungsarbeiten, in den Online-Ausgaben teilweise gar als Minutenprotokoll, die Brückensanierung war das Gesprächsthema in Schleswig-Holstein. Drei oder vier Absätze pro Artikel wurden dabei für eine Hetzjagd auf Radfahrer reserviert: Täglich wurden die schleswig-holsteinischen Leser über das angebliche Fehlverhalten von Radfahrern informiert, Kraftfahrer durften sich per Leserbrief echauffieren, schließlich zahlten Radfahrer ja keine Steuern und hielten sich eh nie an die Verkehrsregeln und stattdessen ständig den Verkehr auf, obwohl es doch einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gäbe. Und diese Kampfradler, die fahren sogar ohne Helm, aber wenn dann etwas passiert, jaha, dann soll der Kampfradler bitteschön selbst für seine Behandlungskosten aufkommen, er hätte ja schließlich auch mit Helm und auf dem Radweg fahren können.

Auffallend war in den letzten drei Monaten unter anderem die Sprache im Straßenverkehr, genauer gesagt: Die Wortwahl bei Gesprächen über die Brückensanierung. Nicht nur an den Stammtischen wurde geschäumt, sondern auch in den Tageszeitungen: Hielten sich anfangs noch Radfahrer nicht an die Beschilderung, war der Polizeieinsatz schließlich wegen der Kampfradler, Rüpel-Radler, Pedal-Kampfritter und Rad-Rowdys notwendig. Offenbar verwandelte sich jeder Verkehrsteilnehmer beim Berühren eines Fahrradlenkers direkt ins eine wahre Ausgeburt der Hölle.

Wenigstens unterbewusst wird die Botschaft transportiert, dass jeder Radfahrer gleichzeitig ein furchtbarer Mensch wäre, der sich weder an elementare Verkehrsregeln hält noch wenigstens eine Gefährdung unbeteiligter bei seinen helmlosen Stunts ausschließt. Die Auswirkungen lassen sich beispielsweise am Stammtisch oder gemütlich zu Hause am Bildschirm verfolgen, wenn im Netz wieder mit ähnlichem Vokabular über Gehwegradler geschimpft wird und sich plötzlich herausstellt, dass der karikierte Kampfradler, der sich abwechselnd mit einer nagelbewehrten Keule und einer ultramegalauten Klingel den Weg über den Gehweg freiprügelte, eigentlich eine harmlose Senioren war, die auf dem Gehweg zum Einkaufen torkelradelte — und dabei tatsächlich niemanden gefährdete.

Ah, Halt, Stop! Alles gar nicht wahr: Der drei Monate lange Marathoneinsatz war ja gar nicht wegen der Radfahrer notwendig, sondern wegen der Lastkraftwagen-Fahrer. Die Rader Hochbrücke, auf der die Bundesautobahn 7 in Schleswig-Holstein den Nord-Ostsee-Kanal kreuzt, zeigte sich während einer Routineuntersuchung im Juli in einem derart schlechten Zustand, dass sie unmittelbar für alle Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 7,5 Tonnen gesperrt werden musste und die Fahrbahn auf eine jeweils Spur verengt wurde, um die Bausubstanz während der Sanierungsarbeiten zu entlasten.

Dumm nur: Die Lastkraftwagen-Fahrer dachten zur Überraschung der beteiligten Behörden und der Polizei überhaupt nicht daran, freiwillig einen Umweg von teilweise Dutzenden Kilometern mit einem zusätzlichen Zeitaufwand von mindestens einer halben Stunde in Kauf zu nehmen. Die fuhren einfach weiter, trotz einer im Endeffekt doch recht eindeutigen Beschilderung. Nein, solche Kampfberufskraftfahrer! Und die haben noch nicht einmal die laut Meinung einiger Autofahrer für den Lastverkehr vorgesehene rechte Fahrspur den Lastkraftwagen-Weg benutzt, sondern sind mitten auf der Fahrbahn gefahren!

Nachdem man sich die Situation ein paar Tage angesehen hatte, wurde an den Zufahrten zur Brücke insgesamt vier Kontrollstellen installiert, zwei davon direkt auf der Bundesautobahn 7, eine auf der Abfahrt von der Bundesautobahn 210 und eine am Kreisverkehr der Anschlussstelle zur Bundesstraße 203. Eine wahre Stadt wurde dort errichtet mit mehreren Wohncontainern, Toiletten, einer umfangreichen Beleuchtungsinstallation und in der Fahrbahn verankerten Bushaltestellen-Häusschen, so dass die Beamten wenigstens nicht im Regen stehen mussten. Insgesamt sollen während der drei Monate über hundert Beamte wegen des Einsatzes nicht für ihre eigentlichen Aufgaben zur Verfügung gestanden haben, über die Zusatzkosten des Einsatzes lassen sich leider keine Zahlen finden.

Und die Medien? Die blieben erfrischend entspannt. Zwar beklagte man sich täglich über den Stau, der beim Bettenwechsel in Dänemark teilweise auf insgesamt über vierzig Kilometer in beiden Fahrtrichtungen anwuchs und die Fahrt in den Urlaub teilweise um bis zu vier Stunden verzögerte, aber für die Lastkraftwagen-Fahrer wurde generell kumpelhaftes Verständnis geäußert: Man selbst hätte ja auch nicht den Umweg genommen, sondern sich halt so heimlich rübergemogelt. Nicht einmal die äußerst renitenten Berufskraftfahrer, die sich mit dem Drucklufthorn den Weg durch die Polizeikontrolle freipressten und die Beamten beinahe über den Haufen fuhren, wurden negativ erwähnt, schließlich wachsen die Bananen ja nicht im Supermarkt.

Den Vergleich mit den Bananen und dem Supermarkt in allen Ehren, aber diese Ungleichbehandlung ist alles andere als gerecht. Die Lastkraftwagen-Fahrer durften medial ungestraft ihr Ding durchziehen, während bei jeder Fahrradkontrolle in den Kommentarspalten gejault wird, dass die Radfahrer ja die allerschlimmsten wären und die Kosten der Kontrolle doch bitteschön auf die Strafzettel aufgeschlagen werden sollen.

Und indem kaum ein Medienbericht ohne lustige Alliterationen oder den Radverkehr abwertende Begriffe auskommt, werden teilweise so sehr Vorurteile und Aggressionen geschürt, dass sich einige Autoren durchaus eine Form von „Verkehrs-Rassismus“ vorwerfen lassen müssen: Verkehrsteilnehmer zum Abschuss freizugeben, nur weil sie das vermeintlich falsche Fahrzeug einsetzen, und damit die Emotionen hinter der Windschutzscheibe hochkochen zu lassen, ist ungefähr das schlimmste, das der Unfallstatistik passieren kann.

„Alle Macht den Rädern“ hat sich zu dem Sprach-Problem ebenfalls ein paar Gedanken gemacht und wird unter anderem in der Wiener Zeitung erwähnt: Vom Jaywalking zum Kampfradler

Die Extrem-Autofahrer schlagen zurück

Als Radfahrer merkt man ziemlich schnell, wenn etwas nicht stimmt. Der siebte Sinn kündigt unachtsame Kraftfahrer an, die gleich ohne Schulterblick abbiegen wollen, der achte Sinn stellt fest, ob in den Medien schon wieder ein hetzerischer Beitrag über Radfahrer veröffentlicht wurde.

Gleich zwei Kraftfahrzeugführer forderten heute gleichzeitig an der roten Ampel durchs Beifahrerfenster die ordnungswidrige Benutzung des Gehweges und vermutlich bestärkt vom gegenseitigen Zusammenhalt investierte der hintere Fahrzeugführer sogar eine komplette Grünphase, um mir trotz des entnervten Gehupes der übrigen Kraftfahrzeuge ganz in Ruhe zu erklären, dass ich „Hurensohn“ keine Steuern zahle, auf der Straße „hartzende Arschlöcher“, vulgo Radfahrer, nur geduldet werden und er einen wesentlichen Teil eines Gehalts für „bescheuerte Scheißradwege“ ausgäbe, die „solche Wixer“ dann noch nicht einmal „verwenden!!!“ Immerhin kam der Fahrradhelm nicht zur Sprache, der aber wenigstens vor den wild prasselnden Ausrufezeichen geschützt hätte.

Bislang befand ich den Weg von meiner Wohnung zur S-Bahn als so ungefährlich, dass ich keine Kamera mitführte — es hätte sich dieses Mal gelohnt. Und natürlich lag der Verdacht nahe, dass da wieder etwas in der Zeitung oder im Netz stand, was zu dieser Aufregung geführt hatte.

Der vorsichtige Blick in den Posteingang klärte die Sache recht schnell: Es ging um Kampfradler, Steuergelder, Helme, Radfahrer mit Kamera und Köln und es dauerte gar nicht lange, bis ich feststellte, dass Marco Laufenberg wohl im Fernsehen aufgetreten ist.

Letztes Mal fingerte ich allerhand Unappetitlichkeiten aus dem Posteingang, dieses Mal ging’s zum Glück nur ums SAT.1-Frühstücksfernsehen, das einerseits aufgrund der unchristlichen Sendezeit nicht ganz so viele Zuschauer wie sternTV zählt und die Leute am Frühstückstisch wohl auch noch entspannter als am Abend sind, schließlich hat man morgens ja erst die anstrengende Autofahrt mit den vielen Kampfradlern links und rechts und auf der Fahrbahn erst noch vor sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Insofern blieb die Resonanz mit einem knappen Dutzend E-Mails noch relativ verhalten.

Der Beitrag, naja, hieß halt schon komisch, da wusste man schon vor dem Werbeblock, worum es gehen würde: Autofahrer vs. Radfahrer

Marco Laufenberg ist Extrem-Radfahrer und will bessere Verhätnisse für Radfahrer.

Auch wenn sich Marco wieder einmal wacker geschlagen hat, bleibt ja die Frage, warum schon mit der Wortwahl immer gleich suggeriert werden muss, dass mit diesen Radfahrern etwas nicht stimme. Die üblichen Bis-zum-Postkasten- und Bis-zum-Bäcker-Autofahrer sind schließlich auch keine Extrem-Autofahrer und mitnichten wird außerhalb des Radfahrer-Stammtisches jemand, der mit Vorliebe auf dem Radweg parkt, als Kampfparker bezeichnet. Nun mag man zurecht entgegnen, dass jemand wie Marco schon ein bisschen was besonderes ist, aber prinzipiell schwingt nicht nur im Frühstücksfernsehen, sondern auch überall sonst der unterschwellige Vorwurf mit, dass mit jedem, der öfter als fünf Mal pro Jahr auf den Sattel klettert, etwas nicht stimmen könne.

Ich will an dieser Stelle überhaupt nicht aus den E-Mails zitieren, es steht bloß der übliche Kram drin, den man eh nur zur Belustigung liest, weil es wie ein Unfall aussieht. Prinzipiell waren die Wortmeldungen sowieso nicht an mich gerichtet, schließlich ließ sich aus der Besucherstatistik ganz eindeutig ablesen, dass die meisten Leute die üblichen Ramsauer-Buzzwords in die Suchmaske geprügelt hatten und dann dummerweise hier herausgepurzelt kamen, aus unerfindlichen Gründen noch den Weg ins Impressum fanden und im E-Mail-Programm ihrer Wut freien Lauf gelassen haben.

Womöglich muss ich meine Meinung langsam korrigieren: Der Krieg auf der Straße wird mittlerweile so kräftig geschürt, dass er vielleicht doch keine märchenhafte Erfindung der Medien ist.

Hanstedt: Lebensgefährliches Gehweg-Verbot für Radfahrer

Die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht an einigen engen Hanstedter Gehwegen hat die ländliche Idylle offenbar ordentlich durcheinander gebracht: „Radweg-Verbot ist lebensgefährlich“

Neue Verkehrsregelung sorgt in Hanstedt für reichlich Wirbel

Das Wochenblatt unternimmt größte Anstrengungen, den Radverkehr wieder auf die engen Gehwege zu verfrachten. Unter Beschuss ist auch Karin Sager vom ADFC, die als Verantwortliche für den „Unsinn“ genannt wird. Die Verantwortung im ADFC zu verorten ist nun allerdings eine kurvige Argumentation, denn im Prinzip sind auch in Hanstedt die Verwaltungsvorschriften zu beachten. Sager und der ADFC sind sicherlich in der Verantwortung für die Umsetzung dieser Vorschriften, aber nur mittelbar dafür haftbar, dass der Verkehr in Hanstedt bislang über technisch unzureichende Radverkehrsanlagen abgewickelt wurde.

Trotzdem kommen wieder einige Bürger zu Wort, die von der neuen Regelung überhaupt nichts halten. Auf Seite 12 läuft die Kampagne weiter, dort ist aber plötzlich nicht mehr Karin Sager die Böse, sondern die Autofahrer ohne Rücksicht:

Fußweg-Verbot für Radfahrer sorgt für großen Ärger / „Regelung sollte zurückgenommen werden“

In dem zweiten Artikel wird nun eine empirische Untersuchung angesetzt, deren Ergebnis allerdings schon determiniert ist. Ein Trupp aus zwanzig Radfahrern im Rentenalter traut sich auf die Fahrbahn und befindet die Maßnahme als unsinnig und gefährlich. Im Gegensatz zur Oldesloer Straße im nördlichen Hamburg wäre die Fahrbahn allerdings breit genug, um einen oder mehrere Radfahrer problemlos zu überholen. Ohne den älteren Radfahrern zu nahe treten zu wollen: Wenn man gleich zu Anfang mit zwanzig Radfahrern im gemächlichen Tempo die Fahrbahn okkupiert, wird das mit dem Überholen natürlich etwas schwieriger, auch die aggressiven Kraftfahrer überraschen dann nur mäßig. In kleineren Gruppen oder alleine dürfte es dagegen sehr viel weniger Probleme geben.

Es kommt allerdings auch niemand auf die Idee, das Verhalten der Kraftfahrer in Frage zu stellen. Dass hinter der Windschutzscheibe beinahe die romantische Ader auf der Stirn platzt scheint geradezu als gottgegeben akzeptiert und nicht hinterfragt zu werden. Der pulsierenden Ader könnte allerdings mit mehr Aufklärung und Gewöhnung entgegengewirkt werden. Pedaliert aber ein Schwung von zwanzig Radfahrern auf der Fahrbahn, obwohl jahrzehntelang die Benutzung der Gehwege vorgeschrieben war, wird natürlich im Cockpit das Ende der Welt ausgerufen.

Leider weigert sich das Wochenblatt weiterhin beharrlich, auf den Sicherheitsaspekt des Fahrbahnradelns einzugehen. In Hanstedt wurde bislang mit Ruhe und Rücksicht den unzulässig angeordneten Zeichen 240 entsprochen, was wohl soviel wie ständige Aufmerksamkeit auf abbiegende Kraftfahrer bedeuten soll. Natürlich wird es weiterhin am Verständnis für diese Maßnahme mangeln, wenn sie einzig und allein als gefährliche Schikane verkauft wird.

Das Kampfradler-Virus greift weiter um sich

Knapp ein Jahr ist es her, dass in einem bayerischen Dienstwagen das Kampfradler-Virus ausbrach. Gefährdet sind vor allem Kraftfahrer, die Symptome eindeutig: Jeder nicht-motorisierte Zweiradfahrer gleicht plötzlich einem furchterregenden Kampfradler, der locker das Bügelschloss in der Hand schwingend die Außenspiegel von parkenden Kraftfahrzeugen schlägt, über rote Ampeln mitten durch den rollenden Querverkehr fährt und auf Gehwegen vorzugsweise Senioren verklingelt.

Besonders ansteckend ist dieses Virus in Zeitungs- oder Online-Nachrichten: Wurden Radfahrer noch vor einigen Monaten als solche bezeichnet, gibt es heutzutage nur noch rabiate Rüpel-Radler, kämpfende Kampf-Radler oder pedalierende Pedal-Ritter. Der einfache Radfahrer, der sich womöglich auch noch an die Verkehrsregeln hält, ist weder ausgestorben noch plattgefahren, sondern einfach bloß der Wahrnehmung des Autors und seiner zitierten Quellen entwichen.

Und das ist lästig.

Es lässt sich kaum verleugnen, dass es im deutschen Straßenverkehr Probleme gibt und insbesondere die Beziehung zwischen Kraft- und Radfahrern nicht gerade harmonisch verläuft. Aber indem Radfahrer pauschal zu marodierenden Minderbemittelten mit bemitleidenswerter Kenntnis der Verkehrsregeln stilisiert werden, wird eine unvoreingenommene Diskussion gar unmöglich. Und spätestens wenn geradezu zwanghaft versucht wird, einem unschuldigen Unfallopfer etwas anzuhängen, sei es der fehlende Helm oder lustige Kriegs-Attribute, sind die Resultate mehr als unverschämt.

Nun ist eigentlich eine Analyse der Unfallstatistik eine recht nüchterne Sache, gerade wenn sie im offiziellen Internetportal einer Stadt stattfindet — man sollte meinen, dass wenigstens dort noch behördliche Sachlichkeit herrscht. Von wegen, schon die Schlagzeile kachelt los: Rabiate Radler und erheblich mehr Diebstähle

Polizei Wedel stellte Jahresstatistik 2012 vor

Hier ist nicht klar, wer den Rüpel-Radler eingesetzt hat: Schon direkt der zitierte Beamte? Oder später die schmückende Feder des Autors?

Nach Angaben der Polizei haben Unfallbeteiligungen von Radfahren ein „erschreckend hohes Niveau“ (Timm) erreicht. Aus diesem Grund werden Radler in nächster Zeit unter besonderer Beobachtung stehen.

Das ist erst einmal nichts neues, denn Repressalien gegen Radfahrer sind die ganz normale Reaktion der Polizei auf eine gestiegene Unfallbeteiligung von Zweiradfahrern. Da wird plötzlich an Unfallschwerpunkten die vorgeschriebene Ausstattung der Fahrräder kontrolliert, obwohl nur drei Meter entfernt unfallursächlich eher mangelnde Schulterblicke der abbiegenden Kraftfahrer in Kombination mit einer schlechten Radverkehrsinfrastruktur waren.

„Leider ist es so, dass Fahrradfahrer nicht oft genug verzichten, auch wenn sie mal Vorrecht haben. Defensives Fahren wäre manchmal besser.“

Ja: Bevor es denn kracht, sollte der Radfahrer lieber abbremsen. Und wenn er merkt, der Radfahrer, dass der von links anrollende Kraftfahrer nichts von Vorfahrtsregeln hält, stürzt man sich nicht mutig vor die Motorhaube. Aber wenn doch Radfahrer über den Haufen gefahren werden, wenn sie ihre Vorrechte wahrnehmen: Sollte dann nicht statt der Fahrradbeleuchtung eher das Verhalten der Kraftfahrer kontrolliert werden, die offenbar ja ein ganz großes Problem mit der Präsenz von Radfahrern im Straßenverkehr haben, wenn Radfahrer so häufig auf ihre Rechte verzichten müssen?

Er berichtete von Radfahrern, die ihre Vorfahrt erzwingen und dann im Vorbeifahren auch schon mal mit der Faust auf Motorhauben von Autos hauen.

Hier stellt schon wieder die Frage nach dem direkten Zusammenhang: Schlagen die Radfahrer aus Spaß an der Kampfradelei auf die Motorhauben? Oder erst nachdem in Ermangelung eines Schulterblickes am Steuerrad eine gefährliche Situation beim Abbiegen entstanden ist? Schade, dass hier noch einmal versucht wird, den Radfahrer als das potenzielle Opfer des Abbiegeunfalls in Misskredit zu reden. Natürlich ist die Frage, ob Schläge auf die Motorhaube sein müssen, andersherum gefragt: Ist das denn nicht wenigstens eine halbwegs nachvollziehbare Reaktion auf eine Gefährdungssituation in Form von einer Tonne Metall beim unkontrollierten Abbiegen?

Und einer geht noch:

Timm nannte Beispiel aus der Uetersener Klosterkoppel, wo es öfter zu beobachten sei, dass Fahrradfahrer Autos dann noch umkurven, die bereits mit der Fahrzeugfront schon an der Fahrbahnkante stehen. „Sie weichen sogar auf die Fahrbahn aus, um noch vorbeizukommen“, so Timm.

Es ist vollkommen sinnlos, sich an solchen Sätzen abzuarbeiten. Wie wäre es denn andersherum: Nicht nur in Uetersen, sondern in der gesamten Bundesrepublik fahren Kraftfahrzeuge über den Radweg bis zur Fahrbahnkante, obwohl sich von links auf dem Radweg ein vorfahrtsberechtigtes Fahrrad nähert.

Und noch viel schlimmer: In dieser Situation kann man es auf dem Sattel kaum jemandem Recht machen. Fährt man vorne oder hinten um das Fahrzeug herum, landet man als Kampfradler im nächsten Artikel über die Unfallstatistik. Bleibt man stehen, kostet das nicht nur mehrmals pro Kilometer Zeit, sondern provoziert entsprechende Reaktionen aus dem Cockpit: Der Kraftfahrer fühlt sich dann nämlich plötzlich unter Druck gesetzt, versucht dann entweder nach vorne oder hinten auszuweichen, was ja erstmal sehr nett ist, aber insbesondere beim Rangieren nach hinten schon mal schiefgeht, wenn da schon ein Wagen steht oder sich ein Radfahrer vorbeischleicht, oder es werden plötzlich als letzter Versuch, diesen Schauplatz als Sieger zu verlassen, Mittelfinger durchs Fenster gezeigt.

Die Empörung sollte doch eigentlich eher darauf zielen, warum denn ständig Kraftfahrzeuge auf dem Radweg herumstehen. Aber so wie sich das liest, müsste wohl als nächstes Beispiel der Kampfradler erwähnt werden, der in Notwehr einen Angreifer abwehrt, der ihm nach einem Unfall mehrmals mit der Faust auf die Nase geben wollte. Unerhört, sowas!

Zum Glück habe Timm das so nicht gesagt, oder wenigstens nicht in diesem Zusammenhang. Und zwar nicht nur das konstruierte Beispiel aus dem letzten Satz, sondern den gesamten Abschnitt über die Kampfradler. Ein paar Tage später fand sich ein weiterer Artikel auf der Internetseite der Stadt Wedel: Der Radfahrer das agressive Wesen?

Dort heißt es:

Die Bemerkung „Radfahrer würden auch schon mal mit der Faust auf die Motorhaube hauen“ sein nie gefallen, so Revierleiter Reino Timm. Der Bericht über die Unfallstatistik mit Radfahrerbeteiligung sei weitgehend aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Die Frage ist natürlich, warum solche Einlassungen trotzdem den Weg in einen Artikel finden, der immerhin nicht bloß in irgendeiner Lokalzeitung auf der vorletzten Seite, sondern unter anderem auf der Startseite der Webseite der Stadt Wedel veröffentlicht wird. Was tatsächlich von der Pressekonferenz übrig bleibt, lässt sich auch sehr viel objektiver beschreiben: Wedel: Radunfälle auf hohem Niveau

Verkehrsteilnehmer lebten 2012 offenkundig gefährlicher als noch im Jahr zuvor: Sowohl bei der Gesamtzahl der Verkehrsunfälle mit Verletzten als auch bei Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern musste Wedels Polizei eine Zunahme verzeichnen. Dies zeigt die Unfallstatistik für die Rolandstadt, die Marcel Kretschmer, Leiter des Ermittlungsdienstes, und Wedels stellvertretender Revierleiter Reino Timm vorgestellt haben.

Und der Artikel kommt erfrischenderweise ganz ohne Kampfradler aus.