„Radwege statt Umweltzonen“

Die ZEIT hat wieder einmal ein fahrradbezogenes Interview veröffentlicht, dieses mal mit Dirk Lau vom Hamburger ADFC: „Radwege statt Umweltzonen“

(…) ZEIT Wissen: Der ADFC hat kürzlich gefordert, statt in Umweltzonen in den Innenstädten lieber in den Radverkehr zu investieren. Was heißt das konkret?

Lau: Da gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen: Bau von genügend modernen Radabstellanlagen, Stärkung des Umweltverbunds aus öffentlichem Nahverkehr und Fahrrad, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es reicht nicht, hier und da mal einen neuen Radstreifen anzulegen. Wir müssen den motorisierten Individualverkehr in den Städten drastisch reduzieren. (…)

Amüsant ist wie immer der obligatorische Schlagabtausch zwischen Rad- und Autofahrern in den Kommentaren.

ADFC-Podiumsdiskussionen zum Fahrbahnradeln

Der Hamburger ADFC veranstaltet zum Jahresende vier Podiumsdiskussionen als Abschluss der Kampagne „Ab auf die Straße“:

Der ADFC und seine Verkehrswende

Schade, dass der ADFC in Deutschland so unbekannt ist, dass seine neuste Forderung in den einschlägigen Autofahrer-Foren noch nicht zu beißendem Spott und den üblichen Diskussionen über „diese Fahrradfahrer“ führen konnte. Der ADFC fordert nämlich eine Verkehrswende:

(…) „Es muss mehr Verkehrsfläche weg vom Auto und hin zum Menschen umverteilt werden“, so der Bundesvorsitzende Ulrich Syberg. „Eine Regelgeschwindigkeit innerorts von 30 Kilometern pro Stunde sorgt für mehr Sicherheit und schafft ein angenehmeres Verkehrsklima, in dem es leichter fällt, auf andere Verkehrsteilnehmer Rücksicht zu nehmen“, sagte Syberg weiter. Außerdem fordert der ADFC elektronische Fahrassistenten für Kraftfahrzeuge, die Unfälle beim Rechtsabbiegen und beim Öffnen von Autotüren vermeiden helfen. (…)

Das Konzept ist durchaus interessant, denn momentan treten nach Jahrzehnten wieder vermehrt Bemühungen an den Tag, wenigstens in den Innenstädten den Autoverkehr deutlich zu reduzieren. Bislang wird damit die Aufenthaltsqualität deutlich gesteigert, auch wenn manch einer seine Einkäufe mehrere hundert Meter weit bis zum Parkhaus schleppen muss anstatt direkt vor der Tür zu parken, sofern er denn überhaupt einen Parkplatz vor ebenjener Tür gefunden hätte. Und zumindest subjektiv gesehen scheinen sich die Menschen eher in dem vergleichsweise verkehrsarmen Gebiet zwischen dem Hamburger Hauptbahnhof und dem Rathaus aufzuhalten als in engen Einkaufsstraßen anderer Stadtviertel mit starkem Autoverkehr.

Leicht paradox scheint es natürlich auch, dass man am liebsten mit dem Auto vom Wohnzimmer bis ins Büro fahren möchte, das Eigenheim aber im Neubaugebiet mit geringem Verkehrsaufkommen am Rande der Stadt gebaut wird, dann aber die nächste Schnellstraße nicht allzu weit entfernt sein darf und gleichzeitig mit Hecken, Zäunen und mehrfach verglasten Fenstern der Straßenlärm bekämpft wird. Beinahe gegen null dürfte die Aufenthaltsqualität hingegen in innerstädtischen Wohngebieten gehen, die nach dem Krieg hochgezogen wurden und außer einem recht unterschiedlich gestalteten Gehweg, auf dem meistens noch das Parken erlaubt ist, keinerlei Aufenthaltsfläche existiert. Manch einer mag an dem leicht schmutzigen Flair zwischen Straßen und Häuserwänden gefallen finden, aber in der Regel wollen selbst eingefleischte Autofahrer zwar überall mit dem Auto hinfahren können, sich aber nach Feierabend mehr oder weniger weit weg vom Straßenverkehr in der Wohnung einbunkern.

Soll heißen: den motorisierten Individualverkehr zwecks einer Stadt mit mehr Aufenthalts- und Lebensqualität zu reduzieren ist sicherlich ein nettes Ziel, dürfte aber in Deutschland kaum umzusetzen sein. Außer der Bequemlichkeit würde im Ernstfall zur Not mit den Arbeitsplätzen argumentiert, die bei nachlassendem Interesse am Automobil verloren gingen.

Ein innerorts flächendeckendes Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde dürfte hingegen gar keinem Autofahrer zu vermitteln sein, hat man auf vier Rädern momentan eher Sorge, ob — aus welchen Gründen auch immer — auf den Autobahnen ein generelles Tempolimit eingeführt werden könnte. Immerhin brauchen sich Autofahrer wenigstens innerorts keine Gedanken zu machen: die Lobby der Autofahrer ist summiert mit Automobilindustrie und ADAC deutlich größer und wichtiger als der vergleichsweise uninteressante ADFC.

Und Deutschland ist ohnehin noch längst nicht reif für eine wie auch immer geartete Verkehrswende, diskutiert man hierzulande lieber über Helm- und Warnwestenpflichten oder möchte am liebsten den Radfahrer auf den Gehweg verbannen.

Rollende Bürgersprechstunde mit Henrik Strate

Die rollende Bürgersprechstunde des Hamburger ADFC führt am Sonntag, den 9. Oktober, quer durch Altona. Mit dabei ist Henrik Strate, Fachsprecher Verkehr in der SPD-Fraktion der Bezirksversammlung Altona. Treffpunkt ist am S-Bahnhof Holstenstraße, Ausgang Stresemannstraße, um 15 Uhr.