Kein Verständnis bei ADAC-Mitgliedern für § 2 Abs. 4 StVO

Schon häufiger kursierte im Fahrrad-Teil des Internets die Forderung, der ADAC möge doch bitte einmal in der Motorwelt über den § 2 Abs. 4 StVO aufklären. Der findet zwar etwa einmal im Jahr Erwähnung, allerdings nur so beiläufig, dass die Regelungen auf dem Weg vom Frühstückstisch bis zum Lenkrad wieder aus dem Gedächtnis gerollt sind.

Wenigstens auf der Seite des ADAC auf facebook wird nun das interessierte Publikum angesprochen. Unter einem großen Zeichen 237 ist unter einem auf 17 Uhr datierten Beitrag dort zu lesen:

Immer wieder Grund für Meinungsverschiedenheiten: Fahrradfahrer, die auf der Straße unterwegs sind, obwohl es einen Radweg gibt. Dabei ist das rechtlich klar geregelt: Der Radfahrer darf zwischen Fahrbahn und Radweg wählen. Ausnahme: Wenn ein blaues Verkehrsschild 237 (siehe Foto), 240 oder 241 den Radweg anzeigt, muss dieser – wegen besonderer Gefahren – auch benutzt werden.

Das ist immerhin schon mal nicht grundsätzlich falsch. Grundsätzlich ist es ja nicht so, dass man beim ADAC beim Blick in die Straßenverkehrs-Ordnung vollkommen überrascht wäre, was sich da im zweiten Paragraphen so alles offenbart. Man erwähnt es eben nur nicht jeden Tag, gibt aber in der Regel auf Nachfrage auch keine falschen Informationen heraus. Keine intensive Propaganda für den § 2 Abs. 4 StVO zu betreiben darf man dem ADAC allerdings auch gar nicht so richtig vorwerfen, denn wenn gleich die Erhöhung der Regelkenntnis noch in sein Aufgabengebiet fallen dürfte, dürfte für Radverkehrsregelungen eher der ADFC der richtige Ansprechpartner sein.

Wie auch immer, nun hat der ADAC das auf seiner Seite auf facebook stehen und es ist ja eigentlich nicht vollkommen verkehrt, das was da steht. Meinungsverschiedenheiten ist zwar noch milde ausgedrückt, mancher Kraftfahrer rückt einem Radfahrer schließlich gleich mit der kompletten Beifahrer-Breitseite auf die Pelle, genaugenommen wird nicht nur die Straße, sondern vor allem die Fahrbahn befahren und es muss vermutlich auch nicht längst jeder Radweg benutzt werden, auf dem irgendwo ein blaues Verkehrszeichen herumsteht. Eine Interpretation der Rechtslage lautet nämlich, dass der Radweg auch zumutbar und vor allem benutzbar sein muss: Ist er das nicht, weil da jemand seine Karre parkt oder sich eine Arbeitsstelle auf dem Radweg ausbreitet, dann darf eben auch auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Und die Fahrbahnradelei ist dann nicht nur für ein paar Meter neben der blockierten Strecke erlaubt, sondern gar von einer geeigneten Möglichkeit zum Wechsel auf die Fahrbahn bis zu einer geeigneten Möglichkeit zum Wechsel auf den Radweg. Man muss weder eine buckelige Auffahrt hochkraxeln noch sein Rad den Kantstein emporstemmen, schließlich ist ein Fahrrad ein Fahrzeug und kein Tragzeug.

Nun muss man als eingefleischter Kraftfahrer den § 2 Abs. 4 StVO nicht toll finden und sich stattdessen die glücksseeligen Zeiten von vor 1998 zurücksehnen, in denen jeder Radweg per Existenz beradelt werden musste. Nein, man braucht die Regelung nicht toll finden, man kann der Meinung sein, Radfahrer hielten den Verkehr auf und darf auch behaupten, Radwege wären ja viel sicherer als die Fahrbahn. Das ist vollkommen legitim und ein wichtiger Baustein in der Meinungsfreiheit, auch wenn es deutliche Untersuchungen und Studien gibt, die recht eindeutig das Gegenteil belegen. Nicht ohne Grund wurde zum 1. Januar 1998 die allgemeine Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gestrichen.

In den Kommentaren zu dem ADAC-Beitrag wird allerdings weniger über die Rechtslage diskutiert als viel mehr darüber, was in Deutschland alles schief geht. Die einen empören sich, offenbar vollkommen überrascht von einer letalen Dosis der Straßenverkehrs-Ordnung, darüber, dass Radfahrer auf der Fahrbahn fahren dürfen, obwohl sie a) keine Steuern zahlen, b) keine Kennzeichen brauchen und sich c) noch nicht einmal an die Verkehrsregeln halten, die anderen streuen ihre Erfahrungen mit Gehwegradlern ein und dann irgendjemand droht dann mit Auswanderung. Naja. Was man vermeiden sollte wären Aufrufe zu Straftaten, also beispielsweise dervon Interpretationsschwierigkeiten der ADAC-Erklärung zeugende Aufruf, am besten alle auf der Fahrbahn rollenden Radfahrer auf die Motorhaube zu nehmen oder mit Scheibenwaschwasser nasszuspritzen. Schließlich leben wir nicht mehr in den glücksseeligen Zeiten von vor 1998, heutzutage ist die Polizei auch auf facebook präsent und heutzutage interessiert sich die Polizei auch durchaus für gegen Radfahrer gerichtete Straftaten.

Das erschreckenste an diesem Beispiel: Die mangelnde Kenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung wird offensichtlich tatsächlich besonders gerne mit starken Aggressionen kompensiert.

ADAC: „Autoklub mit vielen Geschäftszweigen“

Malte Buhse wundert sich in der ZEIT darüber, wo der ADAC das Geld für den Kauf des Nürburgrings hernimmt: Großkonzern im Kleid eines Autoklubs

Der ADAC ist längst mehr als nur ein Verein für Autofahrer. Er hat politischen Einfluss und ist bald vielleicht Besitzer des Nürburgrings. Woher kommt das Geld dafür?

Hanseatische Verkehrspolitik bei Hamburg1

Kurzer Progammhinweis: Bei Herbert Schalthoff diskutieren Till Steffen (Bündnis 90/Grüne), Ole Thorben Buschhüter (SPD), Merja Spott (ADFC Hamburg) und Carsten Willms (ADAC) über Hamburgs Verkehrspolitik

Abbiegeunfälle: Radfahrer sollen aufpassen

Die Berliner Morgenpost berichtet über die Unfallzahlen aus der Bundeshauptstadt: 684 Radler in Berlin verunglückt und schwer verletzt

In Berlin vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Radfahrer im Straßenverkehr verunglückt. Die Zahl der Unfälle ist nach ADAC-Angaben im Jahr 2012 deutlich gestiegen.

Die Zahlen stimmen zwar traurig, aber das eigentlich interessante folgt am Ende des Artikels:

Radler sollten besonders an Kreuzungen vorsichtig fahren, sagte der Verkehrsvorstand des ADAC Berlin-Brandenburg, Volker Krane. (…) Es gebe Situationen, in denen Lkw-Fahrer zudem einfach keine Chance hätten, einen Radfahrer zu sehen.

Es verwundert nicht, dass der ADAC die Problematik aus der Kraftfahrer-Perspektive betrachtet: Der Lastkraftwagen-Fahrer habe mitunter gar keine Chance, einen Radfahrer zu sehen. Und überhaupt sollen Radfahrer gerade an Kreuzungen vorsichtig fahren. Es wäre zu schön, hätte Krane seine eigenen Mitglieder adressiert und darauf hingewiesen, den Abbiegevorgang mit dem Schulterblick abzusichern, denn der wird auch heutzutage noch recht spärlich eingesetzt. Und auch wenn so ein Vorschlag immer radikal klingt: Wenn ein Lastkraftwagen-Fahrer seinen Abbiegevorgang nicht optisch kontrollieren kann, sollte er womöglich lieber woanders abbiegen, sofern man nicht sagt, hmm, okay, alle zwei Wochen ein getöteter Radfahrer ist noch im Rahmen, das ist uns der reibungslose Lastverkehr wert.

Vielleicht hätte eine Nachfrage beim ADFC den Sachverhalt aus einem gesünderen Blickwinkel beleuchtet.

„Schon gecheckt“ erreicht keine Kraftfahrer

Die Pressemitteilung der Polizei ist voll des Lobes auf die vergangene Hamburger Fahrrad-Sicherheitskampagne „schon gecheckt“. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wird der Erfolg bereits in der Überschrift angepriesen: Fahrrad-Sicherheitsaktion „Schon gecheckt“ – ein voller Erfolg

Allerdings lässt schon die Einleitung Zweifel an der Aktion aufkommen:

Die diesjährige Fahrrad-Sicherheitsaktion „Schon gecheckt“ war ein voller Erfolg. Es wurden insgesamt 6.426 Fahrräder überprüft.

Da kommt schnell die Vermutung auf, es würden lediglich Fahrradfahrer kontrolliert, wie es die Polizei gerne macht, um die Verkehrssicherheit der Radfahrer zu erhöhen. Frei nach dem Motto: Die funktionierende Klingel wird schon irgendwie vor dem Rechtsabbiegerunfall schützen. Und tatsächlich:

Die Aktion verfolgt das Ziel, die Verkehrsunfallzahlen mit Radfahrerbeteiligung zu senken. Die Initiatoren der Aktion möchten erreichen, dass Fahrräder in einem verkehrssicheren Zustand sind und werben außerdem für noch mehr Verständnis und gegenseitige Rücksicht im Straßenverkehr. Weiterhin suchen Polizeibeamte gezielt das Gespräch mit Fahrradfahrern.

Die Verkehrsunfallzahlen mit Radfahrerbeteiligung werden mit solchen repressiven Aktionen sicherlich gesenkt, weil dadurch die Radfahrer aus dem Verkehr vergrämt werden. Das soll nicht heißen, die Fahrt mit einem nicht verkehrssicheren Rad wäre in irgendeiner Art gutzuheißen, nein, auf keinen Fall, aber das nicht verkehrssichere Rad ist wenigstens laut der Unfallstatistik eher selten Unfallursache. Tatsächlich sind nur wenige Unfälle das Resultat nicht zupackender Bremsen und sogar die nicht leuchtende Beleuchtung, die untrennbar mit dem Begriff des Kampfradlers verschmolzen scheint, ist selten unfallursächlich. Das Problem ist eher das Verhalten des Menschen, der das Fahrrad lenkt — nicht zu vergessen das Verhalten des Menschen, der womöglich nebenan ein Kraftfahrzeug führt.

Insofern schrammt die Hamburger Polizei jedenfalls nicht komplett am Ziel vorbei, wenn sie das Gespräch mit Radfahrern sucht. Bleibt nur die Frage, welche Art von Rücksicht von Radfahrern denn eingefordert werden soll. Als klassische rücksichtslose Aktionen des Radfahrers gilt unter anderem das Fahrbahnradeln links eines Radweges oder das Gehwegradeln. Da hilft’s dem Radfahrer allerdings kaum mit Rücksicht, denn ersteres ist erlaubt und letzteres verboten. Wenn schon Gehwegradeln, dann wenigstens mit Rücksicht, das wird kaum die Botschaft sein, die die Hamburger Polizei an den Mann bringen wollte. Vorstellbar wäre eher, man möge doch bitte aus Rücksicht auf die Kraftfahrer den Radweg befahren, aber das scheint in Hamburg, das mittlerweile die Unzulänglichkeiten seiner Radwege erkannt hat, auch eher unwahrscheinlich.

Und sonst so? Rücksicht auf den Geisterradler, der ohne Beleuchtung auf der falschen Straßenseite radelt? Rücksicht auf die parkenden Kraftfahrzeuge auf Radverkehrsanlagen, die ja unbestritten auch irgendwo parken müssen? Rücksicht auf die abbiegenden Kraftfahrzeugführer, die sich nicht zum Schulterblick hinreißen können? Es wäre tatsächlich interessant zu wissen, welche konkreten Beispiele der Rücksichtnahme sich die Polizei hier vorstellt.

Immerhin wurde auch an die Kraftfahrer gedacht — allerdings offenbar nur in der Pressemitteilung:

Die Polizei Hamburg appelliert erneut an Autofahrer und Radfahrer, gegenseitig aufeinander Rücksicht zu nehmen und sich über die geltenden Vorschriften bei der Benutzung des Radweges bzw. der Fahrbahn zu informieren. Dazu gehört unter anderem, dass es Radfahrern auf der Fahrbahn erlaubt ist, rechts an stehenden Fahrzeugen vorbeizufahren.

Viel interessanter als das Vorbeifahren rechts stehender Fahrzeuge ist doch eher § 2 Abs. 4 StVO, der in der Fahrgastzelle meistens unbekannt ist und zumindest am Stammtisch für die größte Empörung sorgt. Allerdings ist das sowieso schon fast egal: Die Kraftfahrer, die an knapp der Hälfte der Fahrradunfälle nicht unschuldig sind, blieben bei dieser Sicherheitsaktion zumindest von der Polizei unbehelligt und mussten ihre Informationen aus Pressemitteilungen und vereinzelten Zeitungsberichten zusammensuchen. Nicht einmal der ADAC Hansa als Mitinitiator dieser Kampagne konnte in der ADAC motorwelt etwas Platz für die Verkehrsregeln freischaufeln — schade eigentlich. Die schon-gecheckt-Plakate am Straßenrand dürften durch die Windschutzscheibe kaum aufgefallen sein.

Unbenommen von dieser Bewertung sollen die übrigen Aktionen sein, die während der letzten zwei Wochen veranstaltet wurden — allerdings bleibt auch da zweifelhaft, dass dem Kraftfahrer verständlich wurde, die Radfahrer auf seiner Fahrbahn neben dem nunmehr nicht mehr benutzungspflichtigen Radweg zu tolerieren. Es scheint beinahe so, als müsste die nächste Verkehrssicherheitsaktion für Radfahrer erst einmal die Kraftfahrer ansprechen.

Rauf aufs Gas und rüber

Normalerweise heißt es ja immer, Radfahrer hielten sich nicht an die Verkehrsregeln. Ausgerechnet der ADAC zeigt, dass insbesondere Kraftfahrer nicht gerade regeltreuer sind: Hamburg – die Stadt der Rotlicht-Sünder

Der ADAC machte den Test an sechs Hamburger Kreuzungen. Tausende Fußgänger, Rad- und Autofahrer überqueren die Straßen bei Rot.

ADAC will Abbiegeassistenten für Lastkraftwagen

ADAC fordert verbindliche Einführung von Abbiegeassistenten in Lkw

Gefahr für Radfahrer durch abbiegende Lkw soll reduziert werden

Schade, dass der ADFC, der diese Forderung vermutlich deutlich länger vertritt, es kaum in die Medien schafft.

Velo 2010: die Keksrunde bröckelt

„Wer vom Auto auf das Fahrrad umsteigt, fördert nicht nur die eigene Gesundheit, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag für die Umwelt und für die Entlastung des innerstädtischen Verkehrs“, begrüßt der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers die Besucher der Velo-2010-Webseite und man mag sich gar nicht so richtig vorstellen, dass der Präsident, der auf dem Foto doch recht ernst schaut, selbst regelmäßig auf dem Rad sitzt.

Eigentlich war Velo 2010 gar keine schlechte Idee: verschiedene Institutionen berieten miteinander, wie der Radverkehr in Köln gesichert und gefördert werden könne. So richtig funktioniert hat das allerdings nie, präsent war innerhalb der Runde vor allem die Polizei, die Velo 2010 offenbar mehr als Sprachrohr verstand, um geradezu gebetsmühlenartig für Fahrradhelme zu werben und Radfahrer indirekt in die Opferrolle zu drängen. Die Unfallberichte, mittlerweile zwangsläufig von der Polizei geschrieben, denn Fahrradvertreter finden sich kaum noch in der Runde, sind für den radfahrenden Leser schwer zu verdauen, weniger wegen der dort dargestellten Unfallhergänge als viel mehr der Schlüsse wegen, die die Autoren aus dem Unfallgeschehen ziehen.

Trägt der Radfahrer einen Helm, so heißt es:

Dank des getragenen Fahrradhelmes konnten schwerere Verletzungen vermieden werden.

Wenn der Helm fehlt, steht stattdessen dort:

Das Kind trug zum Unfallzeitpunkt keinen Fahrradhelm.

Manchmal gibt es auch kluge Ratschläge wie:

Fahrzeugführer sind vor Einfahrt in Kreisverkehre verpflichtet, die Vorfahrt zu beachten.

Oder allgemeiner:

Fahrzeugführer sind verpflichtet, vorfahrtberechtigte Radfahrer zu beachten.

Schön — wer das bislang nicht wusste, sollte wohl keinesfalls am Straßenverkehr teilnehmen. Fährt ein Radfahrer nicht auf dem Radweg um einen Kreisverkehrs herum, weil Radwege an Kreisverkehren fast immer eine außerordentliche Gefahrenstelle darstellen, heißt es lapidar:

Vollständig um den Kreisverkehr herum befindet sich ein benutzungspflichtiger und entsprechend ausgeschilderter Radweg. Gleichwohl gilt die Vorfahrtregel unabhängig von der eventuellen Benutzung eines vorhandenen Radweges.

Und immer wieder der Klassiker:

Auch Radfahrer sollten an Kreuzungen auf abbiegende Fahrzeuge achten und zu ihrer eigenen Sicherheit auf ihren Vorrang verzichten!

Natürlich sind die Unfallberichte samt der Schlussfolgerungen nicht vollkommener Unsinn, allein schon weil sich dank des umfangreichen Archives ganz objektiv erkennen lässt, welche Unfallursachen in Köln dominieren. Augenschmerzen bereitet hingegen die Aufbereitung der Unfallmeldungen, denn allzu oft steht dort zwischen den Zeilen: Selber Schuld! Velo 2010 ist kein ehrliches Bündnis. Wäre Velo 2010 ehrlich, hieße es Auto 2010. Den Unfallberichten mangelt es an der Erfassung der eigentlichen Komplexität der Situationen. Es bringt nichts, sich neben den verwundeten Fahrbahnradler zu stellen, der wegen eines misslungenen Überholmanövers eines Kraftfahrzeugführers auf dem Asphalt liegt und mit dem Zeigefinger auf den Radweg zu zeigen, auf dem das angeblich alles nicht passiert wäre; denn schließlich sind nicht nur in Köln Radwege in der Regel nicht unbedingt ungefährlicher als das Radfahren auf der Fahrbahn. Das weiß der Gesetzgeber spätestens seit 1997, das weiß die Wissenschaft schon sehr viel länger und engagierte Radfahrer ohnehin schon immer, nur Velo 2010 weiß das noch nicht. So ist es nicht verwunderlich, dass in den zehn goldenen Regeln die Benutzungspflicht zwar Erwähnung findet, aber keine weiteren Details preisgegeben werden, warum ein Radweg denn nicht benutzt werden muss — für viele Radfahrer gilt der Radweg nunmal als lebensrettendes Bollwerk gegenüber der lebensgefährlichen Fahrbahn, da wäre es angebracht gewesen, den Sachverhalt etwas zu verdeutlichen.

Auch ansonsten gibt die Homepage des Bündnisses nicht gerade viel her. Ein paar goldene Regeln, ein paar bauchpinselnde Worte über große Pläne und wie toll und wichtig das Radfahren ist, dafür aber seitenweise Unfallberichte und das in Massen. Nach einem ausführlichen Studium der Homepage bleibt im Kopf vor allem eines hängen: Radfahren in Köln muss ganz schön gefährlich sein, dass lassen wir mal lieber bleiben.

Velo 2010 trägt seinen Namen allerdings spätestens jetzt zu Unrecht, denn Fahrradvertreter finden sich in der Runde kaum noch. Die Studentenvertretung ist schon vor Ewigkeiten ausgetreten, die Mülheimer Fahrradgruppe ebenfalls, der ADFC hat seine Mitgliedschaft ausgesetzt, der VCD hat ebenfalls keine große Lust mehr. Anstatt Unfallstellen zu analysieren und gegebenenfalls umzubauen habe sich das Bündnis zu lange auf einen unentschlossenen Meinungsaustausch bei Kaffee und Kuchen beschränkt, der obendrein noch von der autofreundlichen Polizei dominiert worden sei.

Theoretisch mag man drüber traurig sein, denn wenigstens in der Theorie ist ein solches Bündnis zwischen den Institutionen keine schlechte Idee. Praktisch hingegen wird man Velo 2010 nicht allzu sehr vermissen.

Mehr dazu:

Wolf Wegener argumentiert das Auto kaputt

Von Automobilen hat Dr. Wolf Wegener sicherlich Ahnung: von 1978 bis 2008 war er Vorsitzender des ADAC Berlin-Brandenburg, vor ein paar Jahren zurückgetreten, aber immer noch als Ehrenmitglied verkehrspolitisch aktiv. Das Auto ist ihm wichtig, so wichtig, dass er sogar ein Buch geschrieben hat. Man möchte fast meinen, er hätte das lieber lassen sollen.

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Der ADAC testet sein Alltagswissen in Sachen Verkehr

Wenn sich die Presse an Verkehrsregeln versucht, geht meistens etwas schief und es gibt sehr viel zu lachen. Man kann dem ADAC nicht verübeln, dass er sich eher für die Rechte des motorisierten Individualverkehrs einsetzt, doch bleibt die Verwunderung, dass der Club, genau wie ein Großteil seiner Millionen Mitglieder, nur den Teil der Straßenverkehrsordnung kennt, der für das Auto relevant ist.

In der Februar-Ausgabe der ADAC Motorwelt findet der Leser zwischen Eigenlob und Treppenliften die zweite Ausgabe des Verkehrsquiz’ — es geht um blinkende Busse in Bushaltestellen, das Rechtsfahrgebot auf dreispurigen Autobahnen und: Fahrradfahrern auf Fußgängerüberwegen, immer wieder ein gern genommenes Reizthema.

Die Frage lautet also:

Der Radfahrer möchte den Zebrastreifen überqueren. Was muss er tun?

  1. Der Radfahrer muss absteigen und sein Rad über den Zebrastreifen auf die andere Straßenseite schieben
  2. Er darf langsam über den Zebrastreifen fahren, hat dabei aber eine besondere Sorgfaltspflicht
  3. Er darf den Zebrastreifen gar nicht benutzen

Laut dem ADAC lautet die richtige Antwort:

Antwort A. Der Vorrang an einem Fußgängerüberweg mit Zebrastreifen (Zeichen 293) gilt nach § 26 StVO nur für Fußgänger und Rollstuhlfahrer. Radfahrer müssen deshalb absteigen und das Fahrrad schieben. Wer mit dem Rad fährt, gilt als Fahrzeugführer. Kommt es dann zum Unfall, hat der Radfahrer ein erhebliches Mitverschulden.

Das Problem ist, dass der kausale Schluss in dieser Art nicht gilt, wie der Blick in die Straßenverkehrsordnung zeigt:

§ 26 Fußgängerüberwege

(1) An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge mit Ausnahme von Schienenfahrzeugen den Fußgängern sowie Fahrern von Krankenfahrstühlen oder Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten.
(2) Stockt der Verkehr, so dürfen Fahrzeuge nicht auf den Überweg fahren, wenn sie auf ihm warten müßten.
(3) An Überwegen darf nicht überholt werden.
(4) Führt die Markierung über einen Radweg oder einen anderen Straßenteil, so gelten diese Vorschriften entsprechend.

Aus § 26 Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung sagt also aus, dass Fußgänger auf Fußgängerüberwegen Vorrang genießen, solange sie sich nicht mit einem Schienenfahrzeug anlegen. Es ist allerdings kein Verbot enthalten, den Fußgängerüberweg auch mit dem Fahrrad zu benutzen, sofern der Fußgängerüberweg auf dem Rad erreicht werden kann, also etwa nicht der Gehweg beradelt werden muss. Auf dem Rad gibt es lediglich keinen Vorrang.

Noch unglücklicher als Fragestellung und Antwort ist die dazugehörige Grafik. Dort hätte der Fußgängerüberweg in Gestalt von Zeichen 293 auch auf dem Radweg markiert werden, denn sonst hätten Fußgänger dort wiederum keinen Vorrang gegenüber den auf dem Radweg fahrenden Radfahrern. Auf dem dort abgebildeten Fußgängerüberweg dürften Radfahrer allerdings ganz im Sinne der Straßenverkehrsordnung den abgesenkten Bordstein nutzen, um die Straßenseite zu wechseln — nur eben ohne Vorrang. Sobald aber der Radfahrer sich etwa am Pfosten des Zeichens 350 festhält und einen Fuß abstellt, ist er wieder Fußgänger mit dem damit einhergehenden Vorrang.

Falls der ADAC noch weitere Fragen für die nächsten Ausgaben des Verkehrsquiz’ sucht:

  • Welche Vorrangsregelungen gelten innerhalb einer abknickenden Vorfahrt?
  • Wie lauten die Vorrangs- und Vorfahrtsbeziehungen zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern in einem Kreisverkehr, wenn Radfahrer auf einem Radweg um den Kreisverkehr geführt und mit Verkehrszeichen 205 wartepflichtig werden?
  • Darf man innerorts auf der Kraftfahrstraße rechts überholen und welches Tempolimit gilt zunächst?
  • Welche Regelungen gelten im Verkehrsberuhigten Bereich?
  • Wie lauten die Verkehrsregeln für Radfahrer, wenn Einbahnstraßen gegen die Fahrtrichtung freigegeben sind?
  • Wer hat nach der aktuellen Straßenverkehrsordnung an einer Engstelle Vorrang?
  • Und vor allem: welche Straßenverkehrsordnung gilt denn überhaupt momentan?
  • Und ganz zum Schluss: Was passiert, wenn entgegen der Verwaltungsvorschriften ein Radweg an einer Kreuzung direkt über den Fußgängerüberweg geführt wird?

Das wären mal wirklich interessante Fragen, nicht solch ein Pipifax wie blinkende Busse in Bushaltestellen. Vermutlich sind die Antworten allerdings für den normalen Verkehrsteilnehmer zu komplex, gerade was Kreisverkehre und abknickende Vorfahren angeht — deshalb gelten solche Konstrukte eigentlich auch als besonders problematisch und funktionieren nur, weil Fußgänger gar nicht auf die Idee kommen, ihren Vorrang dort wahrzunehmen.