SUV: Lass deine Mitmenschen in Ruhe

Es gibt aus rationaler Sicht nur wenige Gründe, direkt in der Stadt ein überdimensioniertes Kraftfahrzeug wie ein SUV spazieren zu fahren. Philipp Simon von der Hamburger Morgenpost bekennt sich zum dicken SUV und möchte sich für seinen Lieblingswagen rechtfertigen, verfährt sich aber ganz gehörig in der eigenen Argumentationskette. Im Endeffekt läuft alles ganz unverhohlen auf die bereits bekannte Erkenntnis hinaus: Wer im SUV sitzt, denkt vor allem an sich selbst.

Andere Verkehrsteilnehmer, deren Gesundheit oder gar der Umweltschutz gehen einem ganz locker am von zwei Tonnen Stahl geschützten Arsch vorbei.

Ich  möchte zu Beginn dieses Artikels beinahe wieder die Metapher mit dem Anschnallen bemühen, aber weil andere Verkehrsteilnehmer gegen SUVs eh schlechte Karten haben, stürzen wir uns ganz ungeschützt in den von der Morgenpost so sehr gehypten Krieg auf der Straße. Philipp Simon fordert:

Lasst die SUV-Fahrer in Ruhe!

Manchmal kommt es eben doch auf die Größe an. Was gibt es denn Komfortableres, als in einem großzügigen Fahrzeug über die Straßen zu gleiten, sich sicher zu fühlen und dabei noch genügend Platz für einen Ikea-Schrank, die Wocheneinkäufe und die Kindersitze zu haben? Dieses Gefühl erleben Fahrer eines SUV („Sport Utility Vehicle“) jeden Tag. Nörgler schauen meist von außen zu. Denen kann ich nur raten: Setzt euch doch mal rein und dreht eine Runde!

Eigentlich scheitert alles schon an diesem ersten einleitendem Absatz, der wie eine Nacherzählung eines Werbevideos der Automobilindustrie um die Ecke biegt. Zumindest in Hamburg, durch das sich Herr Simon zu den üblichen Tageszeiten kämpfen darf, wird nicht geglitten, sondern gelitten, und zwar im Stau zusammen mit aberhunderten anderen Kraftfahrern, die es für eine besonders gute Idee hielten, ihre Wege mit dem eigenen beräderten Wohnzimmer zurückzulegen.

Und dieses Leid dürfen Fahrer eines SUVs in Hamburg gleich zwei Mal am Tag erleben, einmal morgens, einmal abends, als Bonus gibt’s dann noch die Ärgernisse der Parkplatzsuche dazu: Selbst bei einem gemieteten Tiefgaragenstellplatz ist man auf die unbedingte Nächstenliebe der Nachbarn angewiesen, um die breite Karre in die enge Lücke zu manövrieren und anschließend nicht aus dem Kofferraum klettern zu müssen.

Vermeintliche Nörgler sehen in der Tat von außen zu, radeln fröhlich winkend am Stau vorbei oder amüsieren sich prächtig über die vergeblichen Einpark- und Ausstiegsversuche.

Protzig sollen sie sein, Parkplätze verschwenden und umweltschädlich obendrein. Doch bei so viel Kritik ist am Ende eben doch eines verwunderlich: der weiterhin rasante Anstieg von zugelassenen Geländewagen in Deutschland. Das kann am Ende auch nur mit den praktischen Vorzügen eines solchen Fahrzeugs zusammenhängen, oder?

Vielleicht liegt es auch daran, dass der Kauf eines Automobils, wie so viele andere Dinge im Leben, nicht unbedingt von Vernunft gesteuert wird. Sonst käme womöglich niemand auf die Idee, sich in einer ohnehin täglich zwei Mal im Verkehrskollaps befindlichen Stadt wie Hamburg noch ein dickes Auto zuzulegen, gerade im Jahr 2018 des Herrn, in dem tagtäglich von Klimawandel und Mobilitätswandel die Rede ist.

Im Jahr 2017 waren in der Bundesrepublik laut Angaben des Kraftfahrtbundesamtes 2,21 Millionen SUV zugelassen –Tendenz steigend. In den Statistiken der Neuzulassungen lässt sich ablesen, dass im vergangenen Jahr insgesamt 820552 neue SUV zugelassen wurden oder anders ausgedrückt: Rund jeder vierte Neuwagen war 2017 ein Offroader. Wer soll es den Käufern auch verdenken, für mich liegen die zahlreichen Vorteile der oftmals despektierlich als „Hausfrauen-Panzer“ bezeichneten Fahrzeuge auf der Hand.

Nun, dann schieß mal los mit den Vorteilen:

Massig Stauraum und trotzdem ausreichend Freiraum im Fond kann eben nur ein „Sport Utility Vehicle“ bieten. So lassen sich der Familienhund, Fahrräder und anderes Gepäck wie Zelte getrost in den Urlaub mitnehmen – die rückenfreundliche Höhe lässt jeden Besitzer beim Einladen mit einem zufriedenen Grinsen zurück. Zudem lassen sich die oftmals gut motorisierten Geländewagen auch als Zugmaschinen einsetzen, sollte der Platz im Innenraum mal nicht ausreichen.

Das Problem in der Argumentation steckt vor allem in den drei Buchstaben „nur“: Alles, was Simon aufzählt, geht auch irgendwie anders, sei es mit einem Nicht-SUV oder, ganz radikal gedacht, ohne eigenes Auto.

Der abgebildete Q3 überzeugt mit seinem Stauraum übrigens nicht so richtig, von den angegebenen 460 Litern Ladevolumen bleibt offenbar gar nicht mehr so viel übrig, wenn man die übliche Zusatzausstattung bestellt — und bei der schrägen Heckscheibe fällt im schlimmsten Fall nicht nur das Grinsen aus dem Gesicht, sondern auch das Fensterglas in Splittern zu Boden beim Versuch, den Wocheneinkauf inklusive zwei Getränkenkisten zu verladen.

Nun ist es natürlich ein durchaus legitimes Argument, die Fahrzeuggröße daran zu bemessen, möglichst viel Gepäck mit in den Urlaub nehmen zu wollen — dann ist die Karre aber schnell zu groß für den alltäglichen Gebrauch in der Großstadt. Im Endeffekt ist das vor allem eine Frage der Einstellung: Der sonnabendliche Wocheneinkauf bedingt sicherlich einen großen Kofferraum, allerdings leben die meisten Großstadtbewohner im mittelbaren Einzugsbereich eines Supermarktes, so dass der Wocheneinkauf nicht bei bürgerkriegsähnlichen Zuständen am Sonnabend stattfinden muss, sondern sich womöglich auf zwei oder drei kleine Einkäufe pro Woche mit geringerem Ladevolumen verteilt auf dem Heimweg erledigen ließe.

Und natürlich ist es toll, wenn man den IKEA-Einkauf oder die neue Waschmaschine formschlüssig in den Kofferraum laden kann. Nur: Wer kauft so oft Möbel oder Elektrogroßgeräte ein, dass er dazu ein SUV braucht? Sofern man nicht jedes Wochenende einen Billy aus dem blaugelben Großraumlager nach Hause karrt, kommt man für die zwei bis drei „ernsteren“ IKEA-Besuche pro Jahr auch mit einem geliehenen Transporter, einem Anhänger oder gar einem Lieferdienst zurande.

Ähnliches gilt auch für den Urlaub: Natürlich ist der Stauraum eines SUVs praktisch — aber sogar der Urlaub einer vierköpfigen Familie lässt sich mit einem kleineren Fahrzeug bestreiten, ohne die Insassen im Fond platzsparend zusammenfalten zu müssen. Und ja, man mag es kaum glauben, auch Kraftfahrzeuge unterhalb der SUV-Klasse sind mit Anhängerkupplungen und genügend Pferdestärken ausgestattet, um einen Anhänger oder Wohnwagen ziehen zu können.

Will sagen: Natürlich ist ein SUV in solchen Fällen praktisch, aber keinesfalls unabdingbar. Es geht auch mit kleineren Fahrzeugen, sei es ein Kombi oder gar ein Kleinwagen, dem je nach Einsatzzweck ein gemietetes Fahrzeug oder, Pardon, ein Lastenrad für die größeren Erledigungen zur Seite gestellt wird. Denn den Vorteil eines SUVs kauft man sich auf jeden Fall mit all den Nachteilen ein, die mit der Größe und dem Verbrauch einhergehen.

Das fängt an bei Parkplätzen, die für SUVs so großzügig ausgelegt sein müssen, dass in SUV-Hochburgen wie Düsseldorf oder Sylt die Stellflächen verbreitert werden, geht weiter mit den geänderten Regelbreiten von Fahrstreifen im Bereich von Autobahnbaustellen und endet mit dem ganz konsequenten Vorschlag aus der Schweiz, angesichts der immer breiten SUVs die Straßen grundsätzlich zu verbreitern — was natürlich im Endeffekt zu Lasten von nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmern gehen wird, weil der Platz im innerstädtischen Straßenquerschnitt in der Regel von unverrückbaren Häuserwänden begrenzt wird.

Und dann? Als nächstes schwappt in ein paar Jahren der Pick-up-Trend aus den Vereinigten Staaten herüber. VW hat schon mal eine Studie namens Tanoak vorgestellt, gegen dessen 5,44 Meter Länge die Insassen wie kleine Zwerge wirken. Das Ding ist auch total praktisch, fasst fünf Personen mit endlos langen Beinen und kann beim Umzug den kompletten Haushalt auf der großzügige Ladefläche transportieren. In diesem Sinne: Unheimlich praktisch — bis zu jenem Punkt, an dem dieser riesige Kasten irgendwo abgestellt werden muss.

Ich bin mir aber sicher, dass die Marketingspezialisten der Automobilindustrie schon einen Weg finden werden, diese Fahrzeugklasse dem Endverbraucher schmackhaft zu machen. Schließlich ist man in der 206 kW starken Trutzburg ganz gut geschützt, wenn die übrigen Verkehrsteilnehmer alle vom Kleinwagen aufs SUV aufgerüstet haben, da merkt man’s gar nicht im Lenkrad zittern, wenn ein Q3 unter den vier angetriebenen Rädern zerbröselt.

Doch damit nicht genug! Die Sitzposition ist deutlich höher als in einem herkömmlichen Fahrzeug, dadurch haben Fahrer nicht nur einen optimalen Blick auf die Straße und erhalten einen guten Überblick über das Verkehrsgeschehen, sondern sind bei Unfällen deutlich besser geschützt. Das attestiert auch der Crashtest des ADAC.

So toll ist es um die bessere Übersicht aus der hohen Sitzposition aber nicht bestellt, wenn das Verkehrsgeschehen aus dem automobilen Schlachtschiff insbesondere zu den Seiten und nach hinten nur durch schmale Schießscharten beobachtet werden kann. Größere Fenster und bessere Sichtwinkel fielen bei den meisten Modellen leider dem gewünscht bulligen Auftreten zum Opfer.

Und wenn ich mich in meinem fahrradaffinen Umfeld so umhöre, sind es ausgerechnet jene überdimensionierten SUVs, mit denen man sich als schwächerer Verkehrsteilnehmer am meisten Ärger einhandelt. So toll kann es um die berühmte Übersichtlichkeit im SUV-Cockpit nicht bestellt sein — gerade wenn der Fahrzeughalter den Aufpreis für die Freisprecheinrichtung gespart hat und darum während der Fahrt das Handy ans Ohr gedrückt wird.

Durch die deutlich größere Knautschzone der SUV entstehen durch heftige Zusammenstöße deutlich weniger Verletzungen als bei herkömmlichen Fahrzeugen. „Die höhere Sitzposition hebt einen bei einem Unfall mit einem anderen Auto ein wenig aus der Gefahrenzone“, erklärt ADAC-Sicherheitsexperte Volker Sandner.

Schon richtig — aber auch andere Fahrzeugarten bekommen auch ohne riesige SUV-Knautschzonen oder hohe Sitzpositionen vier oder fünf Sterne im ADAC-Crashtest. Es geht also auch anders und gesellschaftsadäquater als mit einem panzerähnlichen SUV.

Die Kehrseite der Medaille: Für Unfallgegner – egal ob im „normalen“ Auto, als Fußgänger oder Radfahrer – birgt der Zusammenstoß mit einem schweren Offroader aufgrund der unterschiedlichen Gewichtsklassen enorme Risiken. Eine amerikanische Studie kam zum Ergebnis, dass bei einem Frontalcrash zwischen einem normalen Fahrzeug und einem SUV die Pkw-Insassen ein siebenmal höheres Todesrisiko tragen als die Passagiere des SUV.

Allein diese Erkenntnis sollte bei jedem rational denkenden SUV-Interessenten doch die Alarmglocken schrillen lassen. Man ist zwar selbst „ein wenig aus der Gefahrenzone“, kauft sich diesen kleinen Vorteil aber mit einem drastisch gesteigerten Verletzungs- und Todesrisiko der anderen Verkehrsteilnehmer ein. Insassen eines „normalen Personenkraftwagens“ haben ein siebenfach (!) gesteigertes Todesrisiko, Fußgänger und Radfahrer haben bei einem Frontalzusammenstoß kaum eine Überlebenschance, sind bei anderen Zusammenstoßen mit SUVs immerhin ein bisschen besser dran als bei anderen Fahrzeugarten. Da helfen aber auch keine passiven Sicherheitssysteme wie die aufstellende Motorhaube, weil der Kopf die hohe Motorhaube gar nicht mehr trifft, oder Außenairbags, wenn beim seitlichen Aufprall der Kopf gegen den harten Dachholm prallt.

Und vielleicht könnte Simon mal aufhören, sein Fahrzeug als „Offroader“ zu bezeichnen. „Offroad“ dürften die meisten SUVs nur unterwegs sein, wenn ordnungswidrig auf Geh- und Radwegen geparkt wird, weil sich das Hochbord dank der großen Reifen und großzügigen Bodenfreiheit problemlos erkraxeln lässt. Und da stehen diese Kisten schon wieder im Weg, beeinträchtigten elementare Sichtbeziehungen zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmern und lassen im problematischen Kreuzungsbereich nicht nur verkehrsunerfahrene Kinder, sondern auch Erwachsene, ja sogar ganze Lastkraftwagen oder Omnibusse hinter ihren Konturen verschwinden. Über einen Kleinwagen kann man noch rübergucken beziehungsweise hindurchsehen, bei einem SUV ist das sehr viel schwieriger.

Spätestens hier sollte Simon merken, dass seine Karre vielleicht doch nicht so die reine Geilheit auf Rädern ist. Stört ihn aber nicht sonderlich:

Ich bin trotzdem SUV-Fan. Dass es in Hamburg keine Berge und unwegsamen Strecken gibt, wo die Geländewagen so richtig zur Geltung kommen könnten, ist dabei ebenso ein sinnloses wie falsches Argument, das von SUV-Hassern gerne bemüht wird. Wenn im Winter mal wieder alle Autos feststecken und mit zehn Kilometern pro Stunde über die Straßen rutschen, fahren die Geländewagenbesitzer dank komfortablem Allradantrieb wie auf Schienen gemütlich über den verschneiten Asphalt in der Elbmetropole.

Hier legt Simon los, Kritiker seines Fahrzeuges pauschal als „SUV-Hasser“ zu verunglimpfen, um deren Argumente zu diskreditieren — Sprache ist eben ein mächtiges Werkzeug. So zieht er den Leser direkt auf seine Seite, denn mit SUV-Hassern — Gott bewahe! — will sich doch niemand gemein machen.

Tatsächlich gibt es zwischen Hass und Kritik noch ein paar feinere Nuancen. Das seiner Meinung nach falsche Argument der fehlenden Berge und Matschwege innerhalb des Hamburger Stadtgebietes kontert er mit dem ebenso sinnlosen und falschen Argument, im Winter wie auf Schienen in die Morgenpost-Tiefgarage fahren zu können. Ist halt nur blöd, dass im Winter nicht einmal die Bodenfreiheit eines SUVs ausreicht, um über den mit zehn Kilometer pro Stunde herumrutschenden Vordermann problemlos drüberfahren zu können. Im Endeffekt stehen entweder alle im Stau — oder auch nicht, wenn denn der Winterdienst rechtzeitig ausrückt.

Was Simon interessanterweise verschweigt oder nicht weiß: Nicht unter jedem SUV ist automatisch ein Allradantrieb am werkeln. Die meisten Vehikel sind mit Zweiradantrieb unterwegs, weil für die zusätzlich angetriebenen Räder ein Mehrpreis von drei- bis achttausend Euro fällig wird, die ausgerechnet in einer Stadt mit traditionell doch recht überschaubarem Schneefall vielleicht doch lieber anderweitig ausgegeben werden.

Übrigens: Wer mal wirklich wie auf Schienen fahren möchte, sollte mal Spike-Reifen ausprobieren. Die sind allerdings, ganz blöde Sache, in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern nur für Fahrräder zugelassen. An den drei oder fünf verschneiten Hamburger Wintertagen kann man damit ganz elegant und fröhlich winkend am Stau mit den darin enthaltenen am Lenkrad kauenden SUV-Piloten vorbeirollen und ist längst am Ziel angekommen, bevor bei denen die Parkplatzsuche losgeht (die haben dann allerdings den Vorteil, dass der Schnee die Parkplatzmarkierungen verdeckt und sich endlich Platz für die ausladenden SUVs findet). Und wenn’s nicht unbedingt das Fahrrad sein muss, gibt’s den Allradantrieb gegen Aufpreis auch für so manchen Kombi.

Und wer mal ganz, ganz wirklich wie auf Schienen fahren möchte: U- und S-Bahnen fahren in Hamburg auch im Winter, wir sind ja schließlich nicht in Berlin.

Ach, und Hamburg kann durchaus mit unwegsamen Strecken aufwarten. In Hamburg-Eppendorf, dem Stadtteil mit der angeblich höchsten SUV-Dichte, ficht das natürlich niemanden an, dort kommen in den engen, von Altbauten begrenzten Straßen kaum zwei SUVs aneinander vorbei. Dem lokalen SUV-Boom tut dieser Makel freilich keinen Abbruch, denn in einem vollausgestatteten Wohnzimmer auf vier Rädern inklusive Bordentertainment kann man auch mal eine Viertelstunde einem entgegenkommenden SUV-Kontrahenten mit verschränkten Armen gegenüberstehen, Pardon, gegenübersitzen und gelegentlich die Hupe malträtieren.

Und am Ende ist für mich auch die wunderbare Optik ein Argument für einen Geländewagen. Mit breiter Brust tritt der SUV in den Straßen auf, verkörpert Dynamik gepaart mit Kraft. Was will das Design-Herz also mehr?

Puh, pocht hier wirklich das Design-Herz vor Glück oder doch der Hodensack, der vor einer Testosteron-Überproduktion beinahe platzt? Über die optischen Qualitäten eines SUVs lässt sich Gottseidank streiten — im Endeffekt unterliegt das Design eines SUV nur dem seit Jahren üblichen Trend in der Automobilindustrie, Autos möglichst mächtig, Pardon, breitbrustig auftreten, die Front möglichst grimmig dreinschauen zu lassen, während die Fenster immer kleiner werden, um den verletzlichen Fahrer vor lästigen Umwelteinflüssen zu schützen.

Die Nörgler kommen natürlich mit Themen wie Verbrauch und Klimaschutz um die Ecke.

„SUV-Hasser“, „Nörgler“, puh, der Herr Simon verkraftet anderslautende Meinungen offenbar ganz schlecht. Man kann auch einfach der Meinung sein, dass ein SUV beim Verbrauch und Klimaschutz mit katastrophalen Werten in der Statistik auftritt, ohne gleich ein Nörgler zu sein. Aber mit seiner Wortwahl vergiftet Simon zielgerichtet jede Diskussion — Polemik ist fast so wirkungsvoll wie ein SUV, um Andersdenkende fernzuhalten.

Das ist fast so unsinnig als schriebe ich, es wäre ja kein Wunder, dass ein zartes Schneeflöckchen wie Simon nur durch sein SUV geschützt im Leben bestehen kann. Damit diskreditiere ich ihn, ich stelle ihn als motorisierten Vollidioten dar. Das ist zwar geil für Klicks und Reichweite, aber absolut respektlos, nichtssagend und spaltend (und vielleicht sogar ein bisschen strafbar). So führt man keine Diskussion. Natürlich ist es legitim, einen als „Meinung“ betitelten Artikel mit diesen Stilmitteln zu bestreiten, allein ob es sinnvoll ist bleibt zu bezweifeln.

(Wobei ich mich bei dieser ganzen Polemik unwillkürlich fragen muss, ob Simon wohl auch im Straßenverkehr seinen Mitmenschen so arrogant gegenübertritt. Kann ja sein, dass Vorfahrtsregelnungen auch nur was für StVO-Faschisten sind und sich nur Fahrradterroristen über das Parken auf Radwegen aufregen und so, nä?)

Dabei werden fast quartalsweise neue, sparsamere Verbrennungsmotoren vorgestellt, das Gewicht der Geländewagen von Modellreihe zu Modellreihe verringert und mit Hybrid-Aggregaten sowie elektrischen Antrieben der nächste Schritt in die emissionsfreie Zukunft eingeläutet. Diverse Hersteller haben bereits die ersten Elektro-SUV auf den Markt gebracht. Das dürfte bei eingefleischten CO2-Nörglern direkt für Schnappatmung sorgen.

Für Schnappatmung reicht’s nicht ganz, wohl aber für ein gewisses Unverständnis. Denn neuen, sparsameren Verbrennungsmotoren leiden momentan an einer offenbar chronischen Erkrankung namens Dieselgate, an dem sich dummerweise auch die Dieselaggregate des heißgeliebten Audi Q3 angesteckt haben. Das hat zwar nur mittelbar Auswirkungen auf den Verbrauch und den damit einhergehenden CO2-Ausstoß, zeigt aber ganz deutlich auf, dass der Zeitstrahl der technischen Entwicklung in der deutschen Automobilindustrie momentan eher zu einer Zeitschleife verkümmert ist.

Und selbst wenn: Die effizientesten und sparsamsten Motoren werden zur schnaufenden Mehrarbeit getrieben, wenn sie überdimensionierten Ballast in Form eines SUVs bewegen müssen: Das zusätzliche Gewicht, das sich mitnichten von Modellreihe zu Modellreihe verringert, frisst die Sparsamkeit des Motors längst wieder auf. Die deutschen Klimaziele stehen übrigens unter anderem zur Disposition, weil die Deutschen so gerne SUVs fahren, anstatt sich für tatsächlich sparsamere Autos zu entscheiden.

Geradezu lächerlich erscheint unter diesem Aspekt der Nutzen Hybrid- oder Elektro-SUVs, die aus vermeintlichen Umweltschutzgründen steuerlich begünstigt werden und sogar die eigentlich für den öffentlichen Personennahverkehr und Taxis exklusiv vorgesehenen Bussonderfahrstreifen nutzen dürfen. Zu einem rein elektrisch betriebenen SUV kann man ohnehin nur gratulieren: Das zusätzliche Gewicht drückt die Reichweite nach unten, so dass der verbleibende Aktionsradius womöglich noch nicht einmal für den IKEA-Besuch ausreicht — und dann Billy keinen Platz im verkleinerten Kofferraum findet, weil die zusätzliche Akkukapazität ebenjenes Gewicht kompensieren muss.

Um es noch mal ganz klar zu betonen: Ein SUV ist schon per Definition nicht umweltfreundlich, ganz egal, welches Aggregat unter der Motorhaube kurbelt, wenn ein Quader mit der Windschnittigkeit des Kölner Doms in Fahrt gebracht werden soll. In jedem Fall lässt sich mit einem kleineren Wagen ein besseres ökologisches Ergebnis erzielen, das für die meisten Nutzer noch nicht einmal große Abstriche im Komfort bedeutet.

Sich nur einen der zahlreichen Vorzüge zu eigen zu machen, wird dennoch von den Geländewagen-Hassern wie ein rotes Tuch empfunden. Dabei sind es oftmals genau diese Querulanten, die bei den großen Konzernen als Erstes in der Schlange stehen, wenn beispielsweise das neue iPhone auf den Markt kommt, die neue Jeanskollektion in den Regalen liegt oder es Rabatte auf Flugreisen gibt.

Über die daraus resultierende Umweltbelastung bei Herstellung und Nutzung wird dann natürlich nie ein Wort verloren – „aber die bösen SUV…“

Doch, natürlich wird darüber diskutiert. In meinem von, naja, eher SUV-kritischen Umfeld beispielsweise sind die meisten Menschen längst davon abgerückt, sich alle 24 oder gar 12 Monate das neuste iPhone anzuschaffen oder mit Billigfliegern um die Welt zu jetten. Und Jeanskollektionen? Puh, in welchem Jahr leben wir denn, dass man sich was auf Jeanskollektionen einbildet?

Und außerhalb der Fahrrad-Filterblase wird es zunehmend schwer, sich des grünen Nudgings zu entziehen. Abseits der Clickbait-orientierten Publikationen wie der Hamburger Morgenpost werden ganz regelmäßig Artikel über Nachhaltigkeit und Umweltschutz veröffentlich, sei es über den Klimawandel, über Plastikmüll, über die Verkehrswende oder über unseren zerstörerischen Lebensstil. Auf der anderen Seite der Bundesrepublik trommelt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung für eine Sondersteuer für dicke Autos, um die grassierende SUV-Epidemie eindämmen zu können.

Davon bekommt man freilich wenig mit, wenn man sich der Polemik als Argumentationstechnik bedient und keine Recherche benötigt, um die eigene Argumentation zu untermauern. Und überhaupt ist dieser Pars-pro-toto-Ansatz ungefähr so sinnvoll wie das kraftvolle Herumprotzen mit Polemik: Ich kann auch durchaus gerne Fleisch essen, dennoch Massentierhaltung blöd finden, ich kann auch gerne um die Welt reisen, aber die ökologischen Auswirkungen von Flugreisen bemängeln.

Vielleicht liegt es auch daran, dass der ein oder andere Miesepeter noch nie eine Runde um den Block mit einem Geländewagen gedreht hat. Mein Tipp an alle: Einfach mal reinsetzen und genießen.

Ich habe schon mal eine Runde um den Block gedreht zu einer Zeit, in der das SUV noch nicht SUV hieß, sondern noch Geländewagen, und in einer Stadt, in der man tatsächlich um den Block fahren kann, ohne zwischendurch im Stau zu stehen und anschließend keinen Parkplatz mehr zu finden.

Ich habe für mich beschlossen: So ein Fahrzeug ist eine Zumutung für meine Mitmenschen. Und ich lasse meine Mitmenschen in Ruhe.

Das wäre auch ein ganz netter Titel für einen erfrischenden Morgenpost-Standpunkt gewesen.

13 Gedanken zu „SUV: Lass deine Mitmenschen in Ruhe“

  1. Naja. Die Mopo musste nach der autofreien Innenstadt halt mal eine Gegenposition beziehen, damit sie auch bloß die Autofahrer weiter bei der Stange hält und kein Verdacht aufkommt, sie könnte sich zu sehr für nachhaltige Mobilität einsetzen. Der arme Redakteur fährt ja nicht mal so einen Panzer, sondern tut nur so, als ob er gerne mal würde.

    Das Thema mit den SUVs wurde im großen Stil von der Regierung und von der Gesellschaft verkackt.

    In Zeiten des Klimawandels wäre es sinnvoll und einfach, kleine und effiziente Autos zu fördern und große, unsinnige mit Steuern zu belegen. Das aber will die „Klimakanzlerin“ nicht und der deutsche Wirtschaftsminister macht mit dem Autominister weiter bescheuerte Verkehrspolitik (pun intended). Dazu kommt noch die Gesellschaft: Im agressiven Hamburger Verkehrsklima, wo weiterhin das Recht des Stärkeren gilt, fährt die Hausfrau eben lieber ein großes Auto, da wird sie weniger angehupt. Sie ist ja größer und hat mehr Masse. Das größere Auto kostet im Betrieb glücklicherweise kaum mehr (steht ja fast immer nutzlos rum) und das Parkplatzproblem löst man beim Blechpanzer einfach mit rücksichtsloserem Falschparken. Das eigene Ego ist ja durch 2.5 Tonnen Blech verstärkt. Wozu hat man schon so einen Geländewagen, damit kommt man überall drauf und Grünanlagen sind ja eigentlich das Hauptrevier des Fahrzeugs.

    Die Gesellschaft bekommt mal wieder, was sie verdient.

  2. Wunderbar in Worte gefasst! Erst neulich bin ich mit meinem Smart Richtung Autobahn unterwegs gewesen, als ein Porsche Cayenne Fahrer hinter mir durch die 30er Zone schleichen musste. Als ich in den Rückspiegel blickte, bekam ich fast Mitleid: in alter, offenbar verbitterter Mann, mit grauen Haaren im Poloshirt, der doch nur mit seinem SUV durch Hamburg gleiten wollte… vielleicht Herr Simon!? ;- D
    Danke für diesen (auch sprachlich) grandiosen Beitrag!!!

  3. Wer sowas wie den ersten Satz produziert, ist selbst schon von der Autolobby infiziert. Zu streichen wären „rationaler Sicht“, „direkt“, „überdimensioniertes“, „wie ein SUV“, „spazieren“.

  4. Ebenso „Wer im SUV sitzt, denkt vor allem an sich selbst.“, aus dem „SUV“ gestrichen gehört und „vor allem“ durch „ausschließlich“ ersetzt werden muß.
    Das Simon schlimmer ist als der übliche asoziale* Autofahrer, sollte man auch so formulieren.

    * Im Sinne von Verhaltensweisen, die die Gesellschaft schädigen.

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