SPIEGEL: Helmpflicht macht das Radfahren unpopulär

Im aktuellen SPIEGEL findet sich ab Seite 114 ein erfrischend objektiver Artikel über die Auswirkungen einer Helmpflicht auf den Radverkehr, der ohne das sonst übliche Säbelrasseln über Kampfradler und Rotlichtrowdys auskommt. Da wird sogar die oft zitierte, aber von der Politik wenig beachtete Situation in Australien erwähnt, wo der Radverkehrsanteil nach der Einführung einer Helmpflicht vor 21 Jahren drastisch zurückging. Es sank zwar auch die Anzahl der Kopfverletzungen, doch berechnet auf den Anteil der Radfahrer war die Gefahr für den einzelnen Radler nun gestiegen:

Die Studie offenbart die bittere Logik einer Vorschrift, die das Gute will und das Böse schafft. Laut Vereinschef Syberg zeugt die Debatte von einem fundamentalen politischen Denkfehler: „Wer eine Helmpflicht fordert, verkennt Ursache und Wirkung, er signalisiert dem Radfahrer: Wenn du schon so leichtsinnig bist, in einer Autowelt mit dem Fahrrad zu fahren, dann panzere dich gefälligst.“

Und dass die folgenden Zeilen tatsächlich einmal in der Presse erscheinen würden, hätte wohl auch kein Helmpflicht-Gegner mehr geglaubt:

Wer aber trotz all solcher Bedenken eine Helmpflicht fordert, müsste sie unbedingt auch für Fußgänger vorschreiben, denn von diesen werden im Straßenverkehr noch deutlich mehr getötet — und das ja nicht durch andere Fußgänger, sondern im Wesentlichen durch Autos. Eine Verkehrspolitik, die weiter gestattet, dass Autos mit todbringendem Tempo durch Städte fahren dürfen, kann allen, die nicht im Auto sitzen, nur eines raten: Helm auf zum Gefecht!

Einziger richtiger Kritikpunkt am Artikel: die Schutzwirkung eines Helmes ist längst nicht so gigantisch wie in der Einleitung dargestellt.

Die amtliche Prüfung von Schutzhelmen ist ein simpler Vorgang. Eine Kopfattrappe mit der Schädeldecke nach unten und aufgeschnalltem Helm wird an einem Seilzug emporgezogen und fallen gelassen. Fahrradhelme müssen für die europäische Zulassung unter anderem einen Fall aus anderthalb Meter Höhe auf harten, ebenen Boden überstehen, ohne dass die Aufprallsensoren ein kritisches Verletzungsrisiko melden. Derselbe Impuls auf den ungeschützten Schädel wäre kaum zu überleben. Niemand, der halbwegs klar im Kopf ist, wird die hohe Schutzwirkung von Fahrradhelmen bezweifeln.

Gerade weil die Prüfung so simpel ist, scheinen die Ergebnisse kaum brauchbar zu sein. Der stumpfe Fall über 150 Zentimeter auf harten Boden tritt in der Realität nunmal eher selten auf. Offenbar sind die Stürze gar derart kompliziert, dass die Schutzwirkung der Fahrradhelme, je nach Quelle, schon zwischen zehn und 25 Kilometern pro Stunde endet. Sogar der Verkehrsgerichtstag hat vor kurzem indirekt zugegeben, dass die Schutzwirkung momentaner Fahrradhelme inakzeptabel ist. Problematisch ist natürlich auch, dass insbesondere Jugendliche und Kinder ihren Helm kaum richtig tragen, gerade in der Winterzeit, in der zwischen Kopf und Helm noch eine Mütze eingezwängt wird. Der entstehende Turm auf dem Kinderkopf verschiebt den Helm so weit nach oben, dass Gesicht und Stirn beinahe ungeschützt sind und aufgrund der Hebelwirkung eher kontraproduktive Auswirkungen anzunehmen sind. Davon abgesehen spielen natürlich auch noch weitere Aspekte wie die berühmte Risikokompensation eine Rolle: Wer angesichts der momentanen Lobpreisungen auf den Helm von phänomenalen Schutzwirkungen ausgeht, verhält sich im Straßenverkehr womöglich leichtsinniger und kommt dadurch eher zu Schaden als ein aufgeklärter Radfahrer ohne Helm.

11 Gedanken zu „SPIEGEL: Helmpflicht macht das Radfahren unpopulär“

  1. Behelmte Biker fahren wie ’ne besengte Sau!
    Spreche aus eigener Erfahrung da ich auch mal eine Zeitlang mit Helm unterwegs war… eben noch bei Dunkelgelb ueber die Ampel? Scheißegal, trage ja ein Helm da kann ja nix passieren! Oh, eine Treppe? Scheißegal, trag‘ ja Helm! Vorfahrt nehmen? Scheißegal, trag‘ ja Helm! Aggro und immer volles Brett durch die City? Scheißegal, trag‘ ja Helm… Es wird eine trügerische Sicherheit vorgegaukelt die das Stück Plastik & ’nen büschen Styropor garnicht halten können. Gerade bei Geschwindigkeiten ab 25 KM/h + x mit denen ich inner Stadt unterwegs bin.
    Mein Kollege mit seinem gedrosselten Roller (Vmax. 25km/h) muß allerdings Integralhelm tragen, da passt doch irgendwas nicht zusammen, oder täusche ich mich da gerade?

  2. Werde da auch irgendwie den Eindruck nicht los als warte da ein gigantischer Absatzmarkt darauf, das er endlich gekauft werden MUSS!
    Aber ein Schelm wer böses denkt… 😉

  3. Vollkommen unabhängig von der Wertung zur Helmpflichtfrage, fällt der (gesamte) Artikel (in der Printausgabe) vor allem dadurch auf, dass er zu 60% aus Zitaten eines ADFC Vorsitzenden besteht – aus welchen Gründen auch immer. Insofern mag man den Aussagen vielleicht vollkommen begeistert beipflichten, aber darin eine journalistische Glanzleistung zu vermuten, ist doch reichlich kurzsichtig und naiv.

    1. Insofern mag man den Aussagen vielleicht vollkommen begeistert beipflichten, aber darin eine journalistische Glanzleistung zu vermuten, ist doch reichlich kurzsichtig und naiv.

      Meine Begeisterung war sicherlich etwas übertrieben, aber im Vergleich zu den übrigen Artikeln, die man sonst so bezüglich des Radverkehres liest, ist das tatsächlich schon ein bemerkenswert positives Beispiel.

      Hier kommt der ADFC sicherlich über Gebühr zu Wort, sonst reden immer nur ADAC und die Hannelore-Kohl-Stiftung und erzählen, welch physikalischen Wunderwerke Fahrradhelme doch eigentlich seien.

  4. ich sag immer zu den radfahrern…. ,,wer was im kopf hat trägt einen Helm, wer nichts im kopf hat braucht keinen helm“

    denkt mal drüber nach…..

    1. Sie tragen als Konsequenz dieser strikten Haltung daher auch einen Helm beim Baden, Fensterputzen, Treppensteigen und Autofahren, nehme ich an? Oder wollten Sie nur trollen?

      1. Sorry für die Antwort – habe erst jetzt die anderen Statements von „werner schmidt“ gelesen und es handelt sich hierbei zweifelsfrei um einen Troll, den man einfach ignorieren sollte. Leider zu spät gesehen…wieder 2min Lebenszeit verschwendet. 🙁

  5. Ich erinnere mich, daß vor längerer Zeit die Stiftung Warentest nach einem der Realität offenbar näher (vielleicht sogar „nahe“) kommenden Test alle damals getesteten Helme für mangelhaft erklärte. Das gab dann aber mächtig Ärger, obwohl die Tester alles richtig gemacht hatten. Die für schnelle Radfahrer nötigen Helme heißen Integralhelme, werden auch von Motorradfahrern verwendet und sind leider bei entsprechender körperlicher Dauerbelastung nahezu untragbar. Langsame Radfahrer haben hingegen mit dem Schädel genügend Schutz, wasdurch ein wenig in der Sommesonne gebratenes Plastik kaum verbessert wird. Nur hatten die Tester vergessen, daß sie damit eine leider mächtige Lobby und obendrein „den gesunden Menschenverstand“ gegen sich aufbringen würden, die jeglichen Schutz für ausreichend erklärten, wenn Helm draufsteht (obwohl das im Ergebnis erschreckend mittelalterlich von Emotionen statt von Wissen und Prüfen geprägt ist).

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