Schleswig-Holstein: Repressionen gegen den Fahrrad-Boom

Schleswig-Holstein tut sich offensichtlich schwer mit dem Fahrrad als Verkehrsmittel. Es ist allerdings nicht so richtig klar, ob Eckard Gehm in seinem Artikel oder die Schleswig-Holsteinische Polizei die Sache durcheinanderbringt: Radfahrer sind Sorgenkind im Verkehr

2012 registrierte die Polizei mehr Unfälle aber weniger Verletzte auf den Straßen in Schleswig-Holstein

Schon der allererste Satz kündigt härtere Kontrollen gegen Radfahrer an und dummerweise erwecken die restlichen Sätze des ersten Absatzes die Vermutung, dass diese Kontrollen dem gestiegenen Radverkehrsanteil entgegenwirken sollen. Anschließend folgt die Auflösung: Jener gestiegene Radverkehrsanteil sei auch in den Unfallzahlen zu erkennen.

Der nächste Absatz führt dann jene Unfallzahlen genauer aus, bezieht sich dabei aber nicht auf den gesamten vorigen Satz, sondern lediglich auf dessen Wort „Unfallzahlen“. Es gab keineswegs 71.422 Verkehrsunfälle mit Radfahrern, 14.921 verletzte und 109 getötete Radfahrer — diese Zahlen beziehen sich auf alle Verkehrsteilnehmer.

Soweit, so gut, wir blicken durch. Weiter geht’s im dritten Absatz, der dann endlich die lang ersehnte Fortführung des ersten Absatzes darstellt und erklärt, dass Radfahrer mit strengeren Kontrollen rechnen müssten, weil jeder vierte Verunglückte und jeder achte Unfalltote auf dem Rad saß. Sorge hat die Polizei offenbar auch wegen der superklugen Verkehrsteilnehmer, die aus Angst um ihre Fahrerlaubnis mit Rad statt mit dem Auto nicht nur zur Kneipe, sondern auch wieder nach Hause fahren: „Das Auto wird bewusst stehen gelassen, stattdessen betrunken aufs Rad gestiegen“, beklagt Landesinnenminister Andreas Breitner, „das Unrechtsbewusstsein ist in diesem Punkt nur schwach ausgeprägt.“

Nur: Im ganzen Artikel geht’s nicht einmal mit einem Wort um Kraftfahrer, die — auf welche Weise auch immer — Radfahrer gefährden, obschon nicht einmal die Hälfte der Unfälle zwischen Rad- und Autofahrern vom Radfahrer verursacht wird. Gerade das berühmte Rechtsabbiegen ohne Schulterblick gehört vermutlich zu einer der Hauptunfallursachen, eine Kontrolle deren strikter Einhaltung könnte womöglich tatsächlich einen wertvollen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.

Stattdessen müssen sich Radfahrer an Unfallschwerpunkten an Kontrollen einstellen, die Landesverkehrswacht will Jugendlichen die Gefahr des Toten Winkels verinnerlichen. Letzteres ist sicherlich keine schlechte Idee, aber ohne eine entgegengesetzte Kontrolle unachtsam abbiegender Kraftfahrer recht witzlos.

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