Scheel: „Es gibt keinen Krieg auf der Straße“

Es gibt viele Zeitungsartikel zum so genannten Krieg auf der Straße und bei den allermeisten kann man sich die Lektüre sparen, ohne etwas zu verpassen. Claudius Prösser und Bert Schulz sprachen für die taz mit ADFC-Chefin Eva-Maria Scheel: „Es gibt keinen Krieg auf der Straße“

Weniger Aggression und mehr Miteinander im Straßenverkehr wünscht sich die neue ADFC-Vorsitzende Eva-Maria Scheel. Sie gibt aber zu: Man muss ein sicherer Radfahrer sein in Berlin.

Einer der wenigen gelungenen Texte und vermutlich mit das erste sinnvolle Interview zu diesem Thema: es bringt nichts, als Bundesverkehrsminister die einzelnen Verkehrsteilnehmer über mangelnde Kenntnis und populistische Bezeichnungen gegeneinander auszuspielen, um sich vernünftige Lösungsansätze zu sparen — unbedingt lesenswert!

6 Gedanken zu „Scheel: „Es gibt keinen Krieg auf der Straße““

  1. Nun ja, also eine neue ADFC-Vorsitzende. Sie schafft es leider nicht, mich mit diesem Interview zu überzeugen; im Gegenteil:

    | Was ist denn nötig – ganz konkret?
    |
    | Kurzfristig: die Freigabe von Einbahnstraßen in beide Richtungen
    | für Radler. Dann: mehr Fahrradstraßen, auf denen Radler bevorzugt
    | behandelt werden. Und vor allem: Die Radler sollen runter von den
    | Radwegen auf die Straße. Wir brauchen mehr Radspuren auf der Fahrbahn.

    Der erste Vorschlag ist diskussionswürdig, könnte oft helfen, hat aber auch oft weitergehende Maßnahmn zur Folge (Parkverbote u. ä.; sonst ist es einfach zu eng).
    Radspuren auf der Fahrbahn sind in meinen Augen (ich wiederhole mich) der größte Unsinn. Falls für ausreichend breite Spuren(!) genug Platz auf der Fahrbahn ist, sind sie schlicht überflüssig; ist nicht genug Platz dafür, sind sie gefährlich. Sie schaffen ein subjektives Gefühl der Sicherheit bei Radfahrern, verärgern Kraftfahrer und sind durch enge Überholvorgänge usw. tatsächlich Radfahrer gefährdend! Ich verstehe auch nicht, wie Radspuren damit vereinbar sind, dass benutzungspflichtige Radwege laut StVO die Ausnahme(!) sein sollen. Seltsame Forderung.

    | Radspuren haben den Vorteil, dass die Radler auf der Straße von
    | Autofahrern gesehen werden.

    Ach was! Ohne Radspuren ist man als Radfahrer also unsichtbar? Ohne Radspuren kann ich auf der Fahrbahn dort fahren, wo ich tatsächlich gesehen werde, auch z. B. vom rechts einmündenden Verkehr usw.

    | Es gibt keine Kampfradler. Es gibt auch keinen Krieg auf der Straße.
    | Dieser Ansatz ist falsch, er polarisiert, spielt Verkehrsteilnehmer
    | gegeneinander aus. Das bringt uns nicht weiter.

    So sehr ich dem zweiten Teil dieser Aussage zustimme, so kritisch sehe ich vor allem das „Es gibt keinen Krieg auf der Straße.“ Insbesondere aufgrund der Polarisierungen findet der ja leider doch statt. Vgl. z. B. die (sicherlich bekannten) Erfahrungen von Horst Basler.

    | Es gibt Radler, die auf dem Bürgersteig unterwegs sind.
    | Aber häufig ist es so, dass diese Radler schlicht gefährlichen
    | Situationen auf der Straße aus dem Weg gehen wollen. Deswegen
    | fordern wir ja auch den Umbau großer Kreuzungen. Ich kenne viele
    | Radfahrer, die einfach sehr ängstlich sind. Die sagen: Ich traue
    | mich nicht, auf der Straße zu fahren. Und die auf den Bürgersteig
    | ausweichen. Dann entstehen diese Konfrontationen.

    Ich wohne in einer Kleinstadt, in der es (glücklicherweise) kaum Radverkehrsanlagen gibt. Das Fahren auf der Fahrbahn ist in meinen Augen unproblematisch. Dennoch fährt (grobe Schätzung meinerseits) die Hälfte der Radfahrer in dieser Stadt auf dem Gehweg. Genauso wie in der Großstadt, in der ich täglich zur Arbeit fahre. Das Argument mit den gefährlichen Verhältnissen zieht meiner Meinung nach nicht. Wer unsicher ist, fährt auf dem Gehweg. Fahren unsichere Kraftfahrer auch auf dem Gehweg?? Warum nimmt man als unsicherer Fahrer überhaupt am Verkehr teil? Warum unternimmt man nicht einmal etwas gegen die Unsicherheit? Hier wird mit einem Personenkreis argumentiert, der endlich einmal richtig Radfahren lernen sollte. Als Kraftfahrer wäre so etwas unhaltbar.

    | Wenn Sie Prioritäten setzen dürften: Müssten zuerst die Radwege
    | in miserablem Zustand repariert werden, oder sollten besser neue Radspuren
    | angelegt werden?

    | Es gibt tatsächlich jede Menge sanierungsbedürftige Radwege. Viele
    | sind durch Wurzelwerk stark beschädigt, aber trotzdem freigegeben.

    In typischer Politikermanier nicht klar auf die gestellte Frage geantwortet. Außerdem: „Freigegeben“ bedeutet ja nicht „benutzungspflichtig“. Wo also ist das Problem? Oder anders gefragt: Was will uns diese Nichtantwort sagen?

    | Wenn man aber schlechte, nicht benutzungspflichtige Radwege meidet
    | und auf der Fahrbahn fährt, wird man von manchen Autofahrern regelrecht
    | gemobbt: Sie überholen auf Tuchfühlung, hupen … Müsste man nicht eine
    | Kampagne machen, um diese Autofahrer zu erziehen?

    |
    | […] Ich persönlich fahre nur Rad und merke oft, dass die
    | Straßenverkehrsordnung nicht bekannt ist, dass viele einfach
    | die Regeln nicht kennen. Auch ich werde jeden Morgen angehupt oder
    | abgedrängelt, man zeigt mir den Vogel, alles Mögliche.

    Siehe oben. Kein Krieg auf der Straße, soso.

    | Aber die Autofahrer wissen einfach nicht Bescheid.

    Viele Radfahrer eben auch nicht.

    | Es geht darum, dass viele neue Regeln zu wenig bekannt sind.

    „Neu“? Was meint sie denn damit? Wenn man ‚mal die nur hin und wieder geltenden Regeln der letzten Änderung (laut Ramsauer ja sowieso nicht gültig) ‚mal außer Acht lässt, sind die neuesten Regeln mittlerweile 15 Jahre alt. Die Mehrzahl der KFZ sind neuer.

    | Man muss ein sicherer Fahrer sein in Berlin.

    Das muss man überall sein, oder man gehört nicht in den Verkehr. Gilt übrigens auch für Kraftfahrer. S. o.

    Ein enttäuschender Einstand für die neue Vorsitzende. Wo ist der Verein, der mich als Radfahrer anständig vertritt?

    1. Der erste Vorschlag ist diskussionswürdig, könnte oft helfen, hat aber auch oft weitergehende Maßnahmn zur Folge (Parkverbote u. ä.; sonst ist es einfach zu eng).
      Radspuren auf der Fahrbahn sind in meinen Augen (ich wiederhole mich) der größte Unsinn. Falls für ausreichend breite Spuren(!) genug Platz auf der Fahrbahn ist, sind sie schlicht überflüssig; ist nicht genug Platz dafür, sind sie gefährlich. Sie schaffen ein subjektives Gefühl der Sicherheit bei Radfahrern, verärgern Kraftfahrer und sind durch enge Überholvorgänge usw. tatsächlich Radfahrer gefährdend! Ich verstehe auch nicht, wie Radspuren damit vereinbar sind, dass benutzungspflichtige Radwege laut StVO die Ausnahme(!) sein sollen. Seltsame Forderung.

      (…)

      Ach was! Ohne Radspuren ist man als Radfahrer also unsichtbar? Ohne Radspuren kann ich auf der Fahrbahn dort fahren, wo ich tatsächlich gesehen werde, auch z. B. vom rechts einmündenden Verkehr usw.

      Ich kann Fahrrad- oder Schutzstreifen auch nicht so richtig leiden, was auch wieder daran liegt, dass so manche Straßenverkehrsbehörde da übereifrig den Pinsel schwingen lässt, ohne mal genauer nachzudenken. Drei Ecken weiter kann ich den Schutzstreifen nur mit Fahrrädern ohne Fahrradkorb benutzen, sonst breche ich an jedem parkenden Auto den linken Außenspiegel ab, in Dreieich sieht das ganz ähnlich aus, da sind solche engen Streifen aber nicht nur fünfzig Meter lang, sondern mehrere Kilometer. Da drückt dann von rechts das parkende Auto und von links wird gänzlich ohne Sicherheitsabstand überholt, weil ja offenbar jeder auf seiner Fahrspur bleibt.

      Trotzdem haben solche Streifen den Vorteil, die Radfahrer wenigstens zum Fahren auf der Fahrbahn zu animieren. Ich kenne genügend Strecken, an denen vorher beinahe ausnahmslos auf dem Gehweg gefahren wurde, während nach der Applikation solcher Streifen kaum noch ein Gehwegradler zu sehen ist, ausgenommen natürlich solche Verschwörungstheoretiker, die noch immer an die gefährliche Fahrbahn glauben und sich dort in Todesgefahr sehen. Insofern bräuchte man derartige Streifen aber auch nur solange sich die Erkenntnis nicht durchgesetzt hat, dass es auf der Fahrbahn eben so schlimm nicht ist. Viele Radfahrer fühlen sich nunmal auf der Fahrbahn nicht sicher und dads wird sich bei so genannten Ausflugs- oder Sonntagsradlern vermutlich in absehbarer Zeit auch nicht ändern.

      Ich wohne in einer Kleinstadt, in der es (glücklicherweise) kaum Radverkehrsanlagen gibt. Das Fahren auf der Fahrbahn ist in meinen Augen unproblematisch. Dennoch fährt (grobe Schätzung meinerseits) die Hälfte der Radfahrer in dieser Stadt auf dem Gehweg. Genauso wie in der Großstadt, in der ich täglich zur Arbeit fahre. Das Argument mit den gefährlichen Verhältnissen zieht meiner Meinung nach nicht. Wer unsicher ist, fährt auf dem Gehweg. Fahren unsichere Kraftfahrer auch auf dem Gehweg?? Warum nimmt man als unsicherer Fahrer überhaupt am Verkehr teil? Warum unternimmt man nicht einmal etwas gegen die Unsicherheit? Hier wird mit einem Personenkreis argumentiert, der endlich einmal richtig Radfahren lernen sollte. Als Kraftfahrer wäre so etwas unhaltbar.

      Unsichere Autofahrer trauen sich aber möglicherweise nicht auf die Autobahn oder besonders komplizierte Straßen. Das Problem liegt meines Erachtens etwas tiefer: im Gegensatz zum Autofahren gilt das Radfahren eher als gefährliches Unterfangen, weil man sich auf dem Rad in Ermangelung von Airbags und Sicherheitsgurten und dem ganzen Kram eben doch verletzlicher fühlt. Radfahrer lieben ja auch die trügerische Sicherheit auf Radwegen, weil es sie von der vermeintlich gefährlichen Fahrbahn fernhält. Und wenn es keinen Raddweg gibt, denkt sich dann so mancher, dann fahre ich doch lieber auf dem Gehweg weiter, als mich auf der Fahrbahn in Gefahr zu bringen.

      Ich bin ja durchaus ein ultra-nerviger Typ, der draußen auf der Straße ganz schmerzlos jeden anquatschen kann. Wenn ich mich da mit Gehwegradlern unterhalte, dann argumentieren eben die meisten mit der vermeintlich gefährlichen Fahrbahn, während ein relativ kleiner Teil gar nicht weiß, dass sie auf der Fahrbahn radeln dürften, während wiederum andere durcheinanderkommen, dass sie zwei Straßen vorher wegen Zeichen 240 noch auf dem Gehweg fahren mussten und nun plötzlich nicht mehr. Da blickt eben niemand durch.

      Früher, im Verkehrsunterricht auf dem Gymnasium, hat uns der Polizeibeamte auch empfohlen, unbedingt auf dem Gehweg zu fahren, wenn es keinen Radweg gibt. Das ist natürlich toll, wenn knappe zehn Jahre später die Hand aufgehalten wird, weil man sich an diesen Ratschlag erinnert hat.

      Ja, man müsste etwas gegem solch unsicheren Radfahrer unternehmen, aber momentan beschäftigt man sich ja lieber damit, von den Gehwegradlern ganz stumpf Bußgelder einzutreiben oder mit Kampfradler- und Helmpflicht-Debatten das Radfahren als noch gefährlicher darzustellen.

      Siehe oben. Kein Krieg auf der Straße, soso.

      Der Krieg auf der Straße, den Ramsauer und diverse Medien immer wieder zu inszinieren versuchten, der findet aber in dieser Form nicht statt. Ich werde auch hin und wieder angehupt, klar, obwohl ich mich streng an die Straßenverkehrs-Ordnung halte, aber es ist meiner Meinung nach noch ein Unterschied zwischen ein oder zwei oder drei Mal hupen pro Woche, also pro 150 bis 400 Kilometern, oder zu den Verhältnissen, die laut diversen Medienberichten auf unseren Straßen angeblich herrschen.

      Viele Radfahrer eben auch nicht.

      Viele Verkehrsteilnehmer wissen eben gerenell kaum sinnvolles mit der Straßenverkehrs-Ordnung anzufangen. Die fahren so, wie sie es irgendwo gelernt oder gesehen oder gehört haben, ohne überhaupt konkret zu wissen, was in der Straßenverkehrs-Ordnung steht.

      “Neu”? Was meint sie denn damit? Wenn man ‘mal die nur hin und wieder geltenden Regeln der letzten Änderung (laut Ramsauer ja sowieso nicht gültig) ‘mal außer Acht lässt, sind die neuesten Regeln mittlerweile 15 Jahre alt. Die Mehrzahl der KFZ sind neuer.

      Naja, da gibt’s zum Beispiel die hier schon hinlänglich bekannte Regelung zur für den Radverkehr gültigen Ampel, die von Änderungsverordnung zu Änderungsverordnung varriiert und den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Schrittgeschwindigkeit und angepassten Geschwindigkeit auf freigegebenen Gehwegen. Der Knaller mit der generellen Radwegbenutzungspflicht ist hingegen tatsächlich fünfzehn Jahre alt, das hat sich in der Vergangenheit wenig rumgesprochen.

      Damit nun kein falscher Eindruck entsteht, der womöglich mein eigentlich kritisches Image beschädigt 😉 Ich habe den Artikel heute Nacht auf einem Autobahnrastplatz gelesen und war davon angetan, dass es bezüglich des Krieges auf der Straße eben keine allzu stumpfen Aussagen gibt, wie ich sie in den letzten Monaten lesen musste. Tatsächlich wäre eine etwas deutlichere Auseinandersetzung mit dem Text notwendig, aber dazu fehlt mir momentan leider die Zeit — in den nächsten zwei Wochen werde ich kaum mehr schreiben können als kurze Verlinkungen mit ein oder zwei kommentierenden Sätzen.

      1. > Da drückt dann von rechts das parkende Auto
        > und von links wird gänzlich ohne Sicherheitsabstand
        > überholt, weil ja offenbar jeder auf seiner Fahrspur
        > bleibt.

        Genau das ist ein großes Problem bei diesen Streifen. Ich kenne sie in verschiedenen Städten sowohl aus Radfahrer- als auch aus Kraftfahrer-Perspektive. Als Radfahrer fühle ich mich viel zu oft bei diesen Streifen zu eng überholt; der Streifen selbst verhindert aber, dass ich so fahre, dass ich an kritischen Stellen nicht überholt werde. Als Autofahrer fühle ich mich oft gezwungen, entsprechend dicht zu überholen; speziell auf Straßen mit zwei Fahrspuren in jeder Richtung wäre eigentlich ein Spurwechsel erforderlich, der aber oft nicht „gestattet“ wird. Sowohl Spurwechsel als auch langsames Hinterherfahren ohne Überholen stoßen bei anderen Autofahrern auf absolutes Unverständnis. Gerade die Suggestivwirkung dieser Streifen empfinde ich als fatal; ohne Radfahrstreifen ist es viel selbstverständlicher, mit ausreichend Abstand zu überholen (und auch, als Radfahrer so zu fahren, dass zum Überholen ein Spurwechsel erforderlich ist).

        > Trotzdem haben solche Streifen den Vorteil,
        > die Radfahrer wenigstens zum Fahren auf der
        > Fahrbahn zu animieren. Ich kenne genügend
        > Strecken, an denen vorher beinahe ausnahmslos
        > auf dem Gehweg gefahren wurde, während nach
        > der Applikation solcher Streifen kaum noch
        > ein Gehwegradler zu sehen ist,

        Verkehrseinschränkung statt Aufklärung? Ich werde auf einen benutzungspflichtigen (und gefährlichen) Sonderweg gezwungen, weil sich einige Verkehrsteilnehmer nicht an die Regeln halten? Ich halte das für die falsche Maßnahme.

        > Viele Radfahrer fühlen sich nunmal auf der Fahrbahn
        > nicht sicher und dads wird sich bei so genannten Ausflugs-
        > oder Sonntagsradlern vermutlich in absehbarer Zeit auch
        > nicht ändern.

        Mein Eindruck seit dem 1. Mai (seitdem sind bei schönem Wetter verstärkt diese Leute unterwegs) ist sowieso, dass die vielgescholtenen „Kampfradler“ eigentlich Autofahrer sind, die ausnahmsweise ‚mal auf dem Fahrrad sitzen …

        Auch hier wieder meine Frage: Wegen Ausflugs- und Sonntagsradlern solch gravierende Eingriffe in die Verkehrsführung? Gibt es da keine sinnvolleren und zielführenden Maßnahmen?

        >> Wer unsicher ist, fährt auf dem Gehweg. Fahren unsichere
        >> Kraftfahrer auch auf dem Gehweg?? Warum nimmt man als
        >> unsicherer Fahrer überhaupt am Verkehr teil? Warum unternimmt
        >> man nicht einmal etwas gegen die Unsicherheit? Hier wird mit
        >> einem Personenkreis argumentiert, der endlich einmal richtig
        >> Radfahren lernen sollte. Als Kraftfahrer wäre so etwas unhaltbar.
        >
        > Unsichere Autofahrer trauen sich aber möglicherweise nicht auf
        > die Autobahn oder besonders komplizierte Straßen.

        1. Die Beobachtung ist richtig. Und ein genauso irrationales Verhalten, wie die Bevorzugung von Radwegen. Autobahn fahren ist vergleichweise einfach und ungefährlich; Landstraßen und Stadtverkehr sind ungleich unfallträchtiger und fordernder. Trotzdem meiden unsichere Fahrer Autobahnen.

        2. Auch wenn unsicherere Autofahrer als unsicher empfundene Strecken meiden, so weichen sie doch nicht auf für sie nicht vorgesehene Straßen(teile) aus. Sie bleiben auf der Fahrbahn und fahren nicht auf dem Gehweg.

        Unsichere Autofahrer meiden Autobahnen, obwohl sie sicherer sind. Unsichere Radfahrer weichen auf Radwege aus, obwohl sie unsicherer sind. Das ist alles so absurd …

        > Das Problem liegt meines Erachtens etwas tiefer: im Gegensatz
        > zum Autofahren gilt das Radfahren eher als gefährliches Unterfangen,

        Das ist eines der größten Phänomene: dass das Autofahren immer als so ungefährlich angesehen wird. Heute wieder noch mit jemandem diskutiert, der partout nicht in ein Flugzeig steigen will, weil das so gefährlich sei. Aber jeden Tag Auto fahren …

        > Ich bin ja durchaus ein ultra-nerviger Typ, der draußen
        > auf der Straße ganz schmerzlos jeden anquatschen kann.

        Mache ich prinzipiell auch gerne, auf dem Weg zur Arbeit fehlt dafür leider oft die Zeit. Sollte man viel öfter machen. 🙂

        > während wiederum andere durcheinanderkommen, dass sie
        > zwei Straßen vorher wegen Zeichen 240 noch auf dem
        > Gehweg fahren mussten und nun plötzlich nicht mehr.
        > Da blickt eben niemand durch.

        Jupp, das ist ein großes Problem. Fehlverhalten ist oft anerzogen sowie durch Konfusion verursacht.

        > Früher, im Verkehrsunterricht auf dem Gymnasium, hat uns
        > der Polizeibeamte auch empfohlen, unbedingt auf dem Gehweg
        > zu fahren, wenn es keinen Radweg gibt. Das ist natürlich toll,
        > wenn knappe zehn Jahre später die Hand aufgehalten wird,
        > weil man sich an diesen Ratschlag erinnert hat.

        Eigentlich war dieser Ratschlag ja immer schon rechtswidrig. Im Gegensatz zur Änderung der StVO im Hinblick auf die Radwegbenutzungspflicht war das Fahren auf dem Gehweg immer schon unzulässig.
        Ich wohnte damals vor 30 Jahren (bei mir war Verkehrsunterricht mit Radfahrprüfung in der 4. Klasse Grundschule) in einer mittelgroßen Stadt ganz ohne Radwege usw. Man hat uns das korrekte Fahren auf der Fahrbahn beigebracht, mit Linksabbiegen und allem Schnick und Schnack. Und danach wurden wir in den Verkehr geschickt. Diese Ausbildung war wirklich gut, und hat mir später noch beim Erwerb des Führerscheins genutzt.

        > Tatsächlich wäre eine etwas deutlichere Auseinandersetzung
        > mit dem Text notwendig, aber dazu fehlt mir momentan leider
        > die Zeit

        Auch bei mir derzeit knappe Zeit. Aber falls ich die Zeit finde, möchte ich die neue ADFC-Vorsitzende gerne ‚mal anschreiben.

    2. Auf alles eingehen kann ich kaum, daher nur kurz zwei Punkte:

      Mein erster Punkt betrifft die Strategie bei der Kommunikation, und da erscheint es mir manchmal sinnvoll, die eigene Botschaft etwas abzuschwächen, um nicht sofort das Publikum zu verlieren.

      Was die Verkehrsunfallforschung sagt, und was die Leute glauben, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Es hat in meinen Augen keinen Sinn, Forderungen zu stellen, die komplett an der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen vorbeigehen. Wenn man mit Leuten bei einer Straßenverkehrsbehörde spricht, dann kann man natürlich Tacheles reden, das sollten ja Fachleute sein, und denen kann man zumindest mal eine BASt-Studie unter die Nase halten.

      Wenn man ein Interview für die breite Öffentlichkeit gibt, dann sieht die Sache anders aus, und man sollte schon im Blick behalten, dass man möglichst viele Leute mit seinen Argumenten erreicht. Hier erscheint es mir einfach sinnvoll, die Leute etwas langsamer daran zu gewöhnen, dass Radverkehr auf die Straße gehört. Im Gegensatz zu baulich angelegten Radwegen, die mindestens 30 Jahre halten, kann man markierte Radfahrstreifen auch wieder einfach entfernen, wenn die Leute sich wieder ans Fahren auf der Fahrbahn gewöhnt haben.

      Der zweite Punkt betrifft die bestehenden (und oft nicht benutzungspflichtigen) Radwege: Hier erscheint es mir ganz klar sinnvoll, solche Wege in einen möglichst anforderungsgerechten (im Sinne der ERA) Zustand zu versetzen, wenn man sie nicht komplett zu entfernen kann. Es ist nun einmal einfach so, dass über 90 % der Radfahrerinnen und Radfahrer nicht-benutzungspflcihtgie Radwege benutzen, und gerade hier besonders viele Unfälle geschehen, gerade weil die Dinger nicht den Anforderungen entsprechen und daher gefährlich sind. In meinen Augen hat es keinen Sinn, die Tatsache zu ignorieren, dass ein Grossteil der Radfahrer die Dinger nutzt, egal wie schlecht der Zustand und wie hoch der Leidensdruck.

      Daher ist es im Sinne der Unfallprävention für Radfahrer in meinen Augen auch sinnvoll, wenn man sich für eine Instandsetzung (oder halt kompletten Rückbau) einsetzt, bei der Gefahrenstellen so gut wie möglich entschärft werden. Einfach Anlagen zu ignorieren, über die ein Großteil des Radverkehrs abgewickelt wird, erscheint mit nicht sinnvoll.

      Zusammenfassend: Ich bin selber auch Gegner von Radverkehrsanlagen, aber ich habe Verständnis für *politische* Aussagen von Verbandsvertretern, die ja für ihr Gegenüber auch glaubwürdig rüberkommen müssen und ernstgenommen werden wollen von Leuten, die sich noch nie wirklich mit der Materie auseinandergesetzt haben. Ausserdem kann man doch nicht wie Wirklichkeit des Radverkehrs und der Straßenbenutzung von 90% der Radfahrer ignorieren und muss irgendwie sehen, wie man für alle die Sicherheit erhöht. Wenn es anders nicht geht, muss man dann halt auch Kompromisse eingehen, wie sie Radfahrstreifen darstellen.

      1. > Mein erster Punkt betrifft die Strategie bei der Kommunikation,
        > und da erscheint es mir manchmal sinnvoll, die eigene Botschaft
        > etwas abzuschwächen, um nicht sofort das Publikum zu verlieren.

        Da bin ich im Prinzip d’accord; der Ton macht oft die Musik, und auch ich halte nicht viel von überzogenen Forderungen. Aber komischerweise stellen andere Interessensvertretungen immer Maximalforderungen und fordern Extreme. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, hier besonderes zahm zu sein.

        > Was die Verkehrsunfallforschung sagt, und was die Leute
        > glauben, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Es hat
        > in meinen Augen keinen Sinn, Forderungen zu stellen,
        > die komplett an der Lebenswirklichkeit der meisten
        > Menschen vorbeigehen. […]
        >
        > Wenn man ein Interview für die breite Öffentlichkeit gibt,
        > dann sieht die Sache anders aus, und man sollte schon im
        > Blick behalten, dass man möglichst viele Leute mit seinen
        > Argumenten erreicht.

        Man muss aber doch die rationalen Argumente ‚rüberbringen und mit Fakten argumentieren. Eben weil die Leute das anders sehen, muss man es immer wieder verdeutlichen. Und immer wieder den Finger in die Wunden legen. Genau das ist der Auftrag: Mit Fakten überzeugen; nicht die subjektiven Ängste unterstützen und ihnen sogar noch folgen!

        > [Langsame Gewöhnung]
        > Im Gegensatz zu baulich angelegten Radwegen, die mindestens
        > 30 Jahre halten, kann man markierte Radfahrstreifen auch
        > wieder einfach entfernen, wenn die Leute sich wieder ans
        > Fahren auf der Fahrbahn gewöhnt haben.

        Im Gegenteil. Ich sehe hier eine große Gefahr: Diese Streifen suggerieren, dass nur mit solchen Markierungen das Fahren auf der Fahrbahn zulässig ist. Man gewöhnt sich daran, dass es Markierungen gibt, wenn Radfahrer auf der Fahrbahn zu erwarten sind. Es wird hier erst recht die „Unnormalität“ eines eigentlich als normal anzusehenden Zustandes suggeriert: Achtung, Fahrräder auf der Straße!

        > Ausserdem kann man doch nicht wie Wirklichkeit des Radverkehrs
        > und der Straßenbenutzung von 90% der Radfahrer ignorieren

        Keinesfalls. Aber man sollte schnellstmöglich daran arbeiten, diese Verhältnisse zu ändern; nicht noch, sie zu fördern.

        > und muss irgendwie sehen, wie man für alle die Sicherheit
        > erhöht. Wenn es anders nicht geht, muss man dann halt auch
        > Kompromisse eingehen, wie sie Radfahrstreifen darstellen.

        Das verstehe ich jetzt nicht. Wie ich versuchte darzustellen, erhöhen Radfahrstreifen nicht die Sicherheit, sondern stellen eine Gefährdung dar. Und solche Kompromisse sollte man nicht eingehen.

        1. Sicherheit von Radfahrstreifen: Kommt halt darauf an, mit was man vergleicht, sie schneiden ja leicht besser ab als bauliche Radwege (wenn auch in der BASt-Studie der Unterschied zu baulichen Radwegen gering ist), und darum ging es mir. Man erhöht die Sicherheit für alle, wenn man sie von ungeeigneten Radwegen auf Radfahrstreifen auf der Fahrbahn bringt. Das ist nicht die Ideallösung, aber es ist eine Verbesserung!

          Was ich meine ist folgendes: Oft hat man ja die Situation, dass partout Straßenverkehrsbehörden, Anwohner und Politiker eine Radverkehrsanlage wollen. Wenn dann ein baulicher Radweg kommt, ist der für die nächsten 30 Jahre da, mit all seinen inhärenten Problemen, und 90% der Radler fahren drauf. Wenn man eine Radverkehrsanlage in einer solchen Situation nicht verhindern kann, *dann* ist ein Radfahrstreifen ein Kompromiss, der besser als ein baulicher Radweg ist. Vor allem kann man ihn auch einfach wieder entfernen, wenn er hoffentlich in ein paar Jahren von *mehr* Leuten als unnötig gesehen wird.

          Das große Problem ist doch, dass die Leute Radverkehrsanlagen *wollen*, und sich tatsächlich durch Infrastrukturmaßnahmen die Zahl der Radfahrer erhöht, auch wenn objektiv das Unfallrisiko dadurch steigt. Natürlich muss man aufklären und die Fakten darlegen, aber das ist eine langfristige Strategie. Für Dinge, die *jetzt* geplant und gebaut werden, lassen sich Kompromisse nicht vermeiden.

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