„Rücksicht und Besonnenheit im Straßenverkehr“

W wie Wissen versucht sich ebenfalls an einer Interpretation des Krieges auf der Straße, obwohl man doch hoffen und meinen sollte, mit der Fahrradsaison endete auch der angebliche Kriegszustand auf der Straße: Kampfzone Verkehr

Mehr Radfahrer, mehr Autos – immer weniger Platz. Das wachsende Verkehrsaufkommen wird für alle Teilnehmer immer anstrengender: Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, jeder pocht auf seine Rechte. Die Stimmung ist aggressiv geworden: Radfahrer fühlen sich von Autofahrern drangsaliert und umgekehrt, alle kritisieren die zunehmende Rücksichtslosigkeit. Von „Radler-Rambos“, „Krieg auf der Straße“ und „gnadenloser Verdrängung“ ist die Rede. Aber geraten wir auf der Straße tatsächlich in einen Kampfmodus? Psychologen warnen: je dichter der Verkehr, desto angespannter die Menschen.
Doch wann – und vor allem warum – verwandeln sich gemütliche Spaziergänger, brave Radler und verantwortungsvolle Familien-Papas in „Streetfighter“? „W wie Wissen“ sucht im Asphaltdschungel nach der Lösung.

Na, nach der Lösung wird gesucht. Das ist doch erst vor einer Woche gründlich schiefgegangen? Egal, denn dem Thema kann sich ja trotzdem, wie sagt man so schön, ergebnisoffen genähert werden. Das fällt allerdings schwer, denn der Beitrag beginnt mit Filmen aus der Konserve: sowohl die warnwestenbewehrte Radfahrerin aus Hamburg, den einigermaßen aggressiven Taxifahrer aus Kiel und Dieter Beck aus Osnabrück, der als Vorzeige-Fußgänger in keiner Kriegsberichterstattung fehlen darf, die kennt man doch schon vom Norddeutschen Rundfunk aus einer misslungenen Reportage.

Immerhin: es gibt inzwischen einen Verkehrspsychologen, der die bereits bekannten Sequenzen etwas auflockert. Viel mehr aus dem vorhandenen Material gemacht wurde allerdings nicht: Dieter Beck, inzwischen Vorsitzender einer Bürgerinitiative mit dem wohlklingenden Namen Fußgängerschutz gegen Falschradler. Auch unter dem neuen Namen findet er weiterhin die Kraft, jedem Radfahrer hinterher zu rennen, um ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen und ihn leicht oberlehrerhaft zu belehren, aber auch diese Reportage bleibt die angekündigte Lösung schuldig: warum denn nun Radfahrer auf dem Gehweg mitten durch die Eisdiele radeln wird nicht weiter ausgeführt.

Beck darf sich weiterhin in teuren Sendeminuten über die bösen Radfahrer echauffieren, es wird nicht hinterfragt, ob Radfahrer denn nun aus purer Boshaftigkeit auf dem Gehweg radeln, um dort möglichst viele Fußgänger zu gefährden und zur Seite zu klingeln, oder ob, was eigentlich viel wahrscheinlicher ist, der Grund nicht doch eine Mischung aus Unkenntnis der Verkehrsregeln, der jahrzehntelangen Propaganda, Radfahren auf der Fahrbahn sei tödlich, und vor allem schlechten Angewohnheiten ist. Denn auch fünfzehn Jahre nach Aufhebung der generellen Radwegbenutzungspflicht gilt in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer die Fahrbahn immer noch als ein absolut tödlicher Straßenteil. Und weil den Radfahrern weiterhin erklärt wird, es sei auf dem Radweg so viel sicherer als auf der Fahrbahn, was im Übrigen mittlerweile als widerlegt gilt, landen viele Radfahrer aus reinem Sicherheitsbedürfnis plötzlich auf dem Gehweg, wenn es keinen Radweg gibt. Man sagt nicht umsonst: wer Radwege säht, wird Gehwegradler ernten.

Die Verwaltung tut derweil ihr übriges, um die Situation möglichst unscharf wirken zu lassen. Mal muss der rechte Radweg benutzt werden, mal der linke, mal darf auf dem Gehweg geradelt werden, mal wird die Gehwegradelei kraft Zeichen 240 vorgeschrieben, dann endet sie plötzlich an der nächsten Kreuzung, obwohl der folgende Gehweg genauso aussieht wie der vorige und die Verkehrsbelastung auf der Fahrbahn nicht nennenswert gesunken ist. Klar, informierte Radfahrer blicken da durch, aber wer nur hin und wieder unbehelligt vom Studium der Straßenverkehrs-Ordnung auf dem Sattel sitzt, wird sich die Sache möglichst einfach und vermeintlich sicher machen: er befährt einfach alles, was nicht der Fahrbahn angehört. Tatsächlich sind es empirischen Untersuchungen gemäß vor allem so genannte „Nur-Autofahrer“, die zwei oder drei Sonntage im Sommer für eine kleine Radtour auf dem Sattel sitzen, sonst aber nur im Auto unterwegs sind, die eine besonders lockere Auslegung der Verkehrsregeln beherzigen und links und rechts der Fahrbahn und über rot und entgegen der Einbahnstraße holpern, weil sie das Fahrradfahren überhaupt nicht gewohnt sind und tatsächlich überhaupt gar keine Ahnung haben, welche Verkehrsregeln ungefähr gelten könnten.

Ja, man hätte schon aus diesem kleinen Thema herausarbeiten können, dass die ständige Hetze auf Fahrradfahrer als Wurzel allen Übels verfehlt, ungerecht und nur mittelbar zutreffend ist, aber entweder mangelte es dazu an Lust oder Sendezeit oder beidem, jedenfalls bleibt der Radfahrer zurück als das, was er angeblich ist: der schlimmste aller Verkehrsteilnehmer.

Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn bringt nun die Ellenbogenmentalität ins Spiel. Seine Erklärung ist einleuchtend: die Interaktionen im Straßenverkehr sind nicht vom Miteinander, sondern vom Gegeneinander geprägt. Man fährt nicht mehr zusammen mit anderen Verkehrsteilnehmern auf der Straße, sondern gegen sie. Und gerade andersartige Verkehrsteilnehmer, die sich etwa in der Anzahl der Räder unterscheiden, gelten da ganz schnell als Konkurrenz.

Schade, dass Sohn nur ein paar Sekunden reden darf, denn gleich drängt Otto Stark, der Taxifahrer, der weiß nämlich, wie unvernünftig die Radfahrer sind. Aha, schon wieder diese Differenzierung: es gibt also Radfahrer, die sind tendenziell ganz böse, und es gibt Autofahrer, die bekanntlich die Melkkühe der Nation sind, die unter den bösen Radfahrern zu leiden haben. Stark weiß auch, wie man als Radfahrer am sichersten ans Ziel kommt: einfach mal auf die Vorfahrt verzichten und Rücksicht gegenüber dem Autofahrer walten lassen. Denn bei einem Unfall habe der Radfahrer den größeren Schaden, der Kraftfahrer nur eine Delle im Fahrzeug. Ja, so ganz verkehrt ist diese Aussage gar nicht, doch führt so etwas unweigerlich dazu, dass Autofahrer allenfalls noch unbekümmerter ihre Schiffe durch die engen Gassen lenken: wenn’s brenzlig wird, dann werden die anderen Verkehrsteilnehmer schon im reinen Eigeninteresse beiseite springen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass diese Denkweise auch einigen Radfahrern anheim fiel: die fahren auch recht unbekümmert hier und dort lang, der Autofahrer wird schon aufpassen, der will schließlich niemanden totfahren.

Trotzdem war schon damals beim Norddeutschen Rundfunk diese Aussage ein ziemlicher Aufreger.

Und nun dass: „Der Stärkere hat Vorfahrt“, tönt es aus dem Off, „der Klügere sollte besser bremsen. Diese Egozentrik zeigen nicht nur Autofahrer, aber sie sind besonders anfällig dafür.“ Das klingt ganz ungewöhnlich, ein totaler Gegensatz zu Stark, der damals die Reportage des Norddeutschen Rundfunks mit seiner eigenwilligen Interpretation des Verkehrsgeschehens dominierte. Glatt möchte man hoffen, diese noch einmal aufgekochte Sendung nähme einen anderen Verlauf. Sohn erklärt, wie sich Autofahrer eigentlich in einem abgeschotteten Raum bewegen, der keinerlei Kommunikation mit der Außenwelt zulässt. Man muss das erst einmal sacken lassen: das Automobil gilt als Meisterleistung der Ingenieurskunst, als Quintessenz von Millionen Jahren der Evolution, aber im Kraftwagen ist der Mensch all seiner Kommunikationsfähigkeiten beraubt und kann sich mit zweideutigen Gesten, Hupe und Lichthupe kaum mehr ausdrücken als ein Kleinkind von vier Monaten.

Taxifahrer Stark behauptet, von sich aus häufig Kommunikation zu suchen. Sofern das in der Regel so geschickt abläuft wie im Intro, wo Stark aus dem Beifahrerfenster brüllt, braucht er sich über den ausbleibenden Erfolg seiner Kommunikationskünste eigentlich nicht zu wundern. Und wenn das Ignorieren der roten Ampel eines Radfahrers, der eigentlich nur einen Haltlinienverstoß begeht, um auf dem Radweg weiterzuradeln, als „ganz heiße Sache“ bezeichnet, lässt das gleichzeitig den Maßstab erahnen, mit denen er das Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer misst.

Gleich darauf kommen erstmals bislang unveröffentlichte Szenen in die Leitung. Vor Stark biegt ein schwer beladener Radfahrer links ab, während ein anderer Kraftfahrer Starks Taxi überholt. Dumme Situation, keine Frage, da hätte auch der Radfahrer besser aufpassen müssen, aber interessant, dass das eigentlich viel gefährlichere Fehlverhalten des überholenden Kraftfahrers überhaupt nicht zur Sprache kommt. Das ist offensichtlich ganz normal — genau wie die ablehnende Reaktion des Radfahrers, als Stark doch recht freundlich das Gespräch sucht. Wieder einmal blitzt das übliche Vorurteil der bösen Radfahrer durch, die nicht einmal zu ihrem Fehlverhalten stehen wollen. Man denke da an die vielen Autofahrer, die auf Knien rutschend gegenüber der Bußgeldstelle Besserung schwören, wenn sie beim Falschparken oder kultivierten Schnellfahren erwischt wurden. Nein: auch alle anderen Verkehrsteilnehmer lassen sich ungern auf ihr Fehlverhalten hinweisen. Schafft es ein Radfahrer, einen Autofahrer einzuholen, der ihm gerade die Vorfahrt nahm, dicht überholte oder sonst irgendwie beinahe über den Haufen fuhr, muss er schon froh sein, nicht direkt aufs Maul zu bekommen. Von Einsicht ist da ebenso wenig zu sehen.

Aber wie großartig die Neuauflage des alten Materials ist, zeigt wieder Verkehrspsychologe Sohn, der erklärt, warum es in der überhitzten Welt des Straßenverkehrs so schwer fällt, vernünftig mit seinen Mitmenschen zu agieren. Man muss Stark schon fast bemitleiden, weil er als Figur des offenbar typischen Autofahrers herhalten muss, der mit den Verkehrsregeln nur halbwegs klarkommt und sich berufen fühlt, im Verkehr für Recht und Ordnung zu sorgen, aber jedes Mal von Sohn belehrt wird. Allzu viel sollte man sich von dieser Reportage nicht versprechen, aber ein bisschen großartig ist das alles schon. Vor allem, weil mit dem bereits bekannten Material, das sich bloß am Krieg auf der Straße versuchte, eine gänzlich andere Reportage zusammengeschnitten wird.

7 Gedanken zu „„Rücksicht und Besonnenheit im Straßenverkehr““

  1. Der Film ist ein typisches Beispiel, wie von Seiten der Kfz-Lobby angesichts steigender Radverkehrszahlen einerseits Angstpropaganda gegen das Fahrradfahren betrieben wird.

    Dazu kommt die Feindpropaganda. Der Radfahrer wird als „natürlicher Feind“ des Fußgängers wie des Autofahrers dargestellt. Das soll eine „gemeinsame Front“ in der Bevölkerung gegen den nichtsdestotrotz zunehmenden Fahrradverkehr schaffen.

    Die grausame Wirklichkeit, dass nämlich nur der Autoverkehr Fußgänger wie Radfahrer tötet und mit dem Tod bedroht, bleibt außen vor.

    Schade, dass auch der Autor meint, die Mär von den angeblich notorisch die Regeln missachtenden Radlern wiederholen zu müssen. Die weitaus meisten Rotlichtverstöße werden nachweislich von Autofahrern begangen ( Verhältnis der Rotlichtfahrer Autos:Radler etwa wie 2:1). Zudem hält sich kaum ein Autofahrer an die erlaubte Geschwindigkeit.
    Ich sehe an manchen Tagen sogar mehr Autofahrer Gehwege, selbst Strecken von 10-30m, befahren, als Radler, die das tun.

    Ich bin selbst gelegentlicher, allerdings sehr rücksichtsvoller, Gehwegradler. Nicht aus Unkenntnis. Nicht weil ich die Fahrbahn für unsicherer halte. Sondern weil mir oft das Verhalten nicht weniger Automobilisten auf der Strasse zu sehr zuwider ist. Es gibt Tage, da kann ich das einfach nicht mehr ertragen, asozial angehupt und weggedrängelt zu werden und Tage, da habe ich keinen Bock, zwischen lauter Asozialen immer den starken Max zu machen.
    Das ist nach meiner Erfahrung aus meinem Bekanntenkreis der weitaus häufigste Grund für Gehwegradeln – die fehlende Fahrradinfrastruktur.

      1. Ja, du. Ich bin hier aber mal wieder hängengeblieben und habe einiges durcheinandergebracht. Ich meinte mehr dies hier aus dem Beitrag:
        Wie akte 20.12 den Krieg auf der Straße inszeniert:

        „Aber wehe, ein Autofahrer fahre bei orange, klagt er, dann halte die Polizei sofort die Hand auf. Bei allem Verständnis: das ist gelogen. So ziemlich jeder Autofahrer drückt bei gelbem Licht noch schnell aufs Gas, kassiert wird nur in den allerwenigsten Fällen.

        Das macht die potenziellen Rotlichtverstöße der Radfahrer natürlich nicht besser.“

        Hier wird meiner Meinung nach die Mär, Radler = Rotlicht, kolportiert.

        Es wird angebliches orange (Auto) gegen rot (Radfahrer) gestellt.
        Fakt ist, viele Autos, etwa doppelt so viele wie Radler, fahren nach Erhebungen des ADAC („Rotlichtwahnsinn“) bei Vollrot (= ca 0,5sec und mehr nach dem Umschalten von orange auf rot).

        1. So tiefsinnig waren die von dir bemängelten Sätze gar nicht gemeint 😉

          Ich bin allerdings kein Freund davon, die verschiedenen Verstöße von Auto- und Radfahrern gegeneinander aufzurechnen. Meiner Meinung nach sind das alles erst einmal Verkehrsteilnehmer mit verschiedenen Verkehrsmitteln, die sich aus unterschiedlichen Gründen unterschiedlich verhalten.

          Du wirst mir sicher zustimmen, dass es Radfahrer gibt, die eine rote Ampel gerne ignorieren. Das geschieht meiner Meinung aus unterschiedlichen Gründen, die ich hier um diese Uhrzeit nicht mehr alle aufzählen möchte. Ich finde es aber ungeschickt, andersherum nun zu sagen, ja, die Radfahrer fahren über rote Ampeln, aaaaber die Autofahrer sind ja auch nicht viel besser, die machen schließlich dies und das und jenes. Das ist eine Argumentation, die niemanden weiterbringt, denn unbestritten bedeutet gelbes Licht an der Ampel seit jeher für Autofahrer, jetzt noch mal Gas zu geben und in Hamburg brauche ich mich nur an die nächstbeste Kreuzung stellen, um zur Hauptverkehrszeit qualifizierte Rotlichtverstöße von Kraftfahrern geradezu im Dutzend zu zählen.

  2. Ich bin auch eher kein Erbsenzähler. Trotzdem ist es manchmal nützlich, sich die Fakten etwas genauer anzuschauen.

    Nach einer Untersuchung des ADAC mit versteckten Kameras an 4 HHer Kreuzungen verstießen innert 12 Stunden ca 3600 Fußgänger, 1300 Kfz-Führer und 700 Radler gegn das Rotlichtgebot.

    Ich merke hierzu an, das die resultierende Verkehrsgefährdung nicht durch Prozentzahlen der jeweiligen Teilnehmergruppen, sondern durch den jeweils einzelnen Verstoss, d.h. insgesamt durch die absoluten Zahlen der Verstösse herrührt.

    Daraus wird klar, dass das Problem der Verkehrsgefährdung durch Rotlichtverstösse von Radlern, (… so beklagenswert jeder einzelne, blah, blah …), noch das kleinste ist.

    In krassem Gegensatz dazu steht die (ver-)öffentlich(t)e Wahrnehmung. In jeder kontroversen Radverkehrsdiskussion taucht der bei Rot radelnde Radfahrer auf. Auch in jedem Zeitungsartikel, Filmbeitrag. Nun hat er es sogar in deinen Blog geschafft.;-)

    Die Zahlen machen klar, mit Realität hat das nichts zu tun. Es handelt sich um eine kommunikative Metaebene (es findet eine Übertragung statt).

    Ausgedrückt werden soll: Viele Autofahrer, und vornweg die Kfz-Lobby, sehen Rot, wenn sie einen Radfahrer sehen. Deshalb ist für die der Radler = Rotlicht + Sünder.
    Ein gar zu schönes Propagandabild, auf das man nicht verzichten kann.

    Desgleichen viele Fussgänger, die sich auf den verbliebenen Resträumen mit Radlern um den Platz zanken müssen. Und die deshalb oft von, von hinten nahezu lautlos sich nähernden, Radlern erschreckt werden. Deshalb sehen die auch Rot, wenn sie über Radfahrer reden.

    Das hat aber nun wirklich nichts, gar nichts, mit Verkehrssicherheit und realen roten Ampeln zu tun. Die werden am weitaus meisten von ebendiesen Autofahrern und Fußgängern missachtet.

    1. Ja, das sehe ich doch eigentlich ganz ähnlich?!? Ich wollte nur darauf hinaus, dass ich es für ungeschickt halte hier und jetzt zu sagen, dass Rotlichtverstöße von Radfahrern nicht so schlimm seien, weil Kraftfahrer und Fußgänger noch viel weniger vom roten Licht halten. Das ist meines Erachtens eine blöde Argumentation. Jeder Rotlichtverstoß ist einer zu viel, ob auf dem Rad oder am Steuer oder zu Fuß ist doch erst einmal nebensächlich.

  3. Ich bin auch eher kein Erbsenzähler. Trotzdem ist es manchmal nützlich, sich die Fakten etwas genauer anzuschauen.

    Nach einer Untersuchung des ADAC mit versteckten Kameras an 4 HHer Kreuzungen verstießen innert 12 Stunden ca 3600 Fußgänger, 1300 Kfz-Führer und 700 Radler gegn das Rotlichtgebot.

    Ich merke hierzu an, das die resultierende Verkehrsgefährdung nicht durch Prozentzahlen der jeweiligen Teilnehmergruppen, sondern durch den jeweils einzelnen Verstoss, d.h. insgesamt durch die absoluten Zahlen der Verstösse herrührt.

    Daraus wird klar, dass das Problem der Verkehrsgefährdung durch Rotlichtverstösse von Radlern, (… so beklagenswert jeder einzelne, blah, blah …), noch das kleinste ist.

    In krassem Gegensatz dazu steht die (ver-)öffentlich(t)e Wahrnehmung. In jeder kontroversen Radverkehrsdiskussion taucht der bei Rot radelnde Radfahrer auf. Auch in jedem Zeitungsartikel, Filmbeitrag. Nun hat er es sogar in deinen Blog geschafft.;-)

    Die Zahlen machen klar, mit Realität hat das nichts zu tun. Es handelt sich um eine kommunikative Metaebene (es findet eine Übertragung statt).

    Ausgedrückt werden soll: Viele Autofahrer, und vornweg die Kfz-Lobby, sehen Rot, wenn sie einen Radfahrer sehen. Deshalb ist für die der Radler = Rotlicht + Sünder.
    Ein gar zu schönes Propagandabild, auf das man nicht verzichten kann.

    Desgleichen viele Fussgänger, die sich auf den knappen, verbliebenen Restflächen mit Radlern um den Platz zanken müssen. Und die deshalb oft von, von hinten nahezu lautlos sich nähernden, Radlern erschreckt werden. Deshalb sehen die auch Rot, wenn sie über Radfahrer reden.

    Das hat aber nun wirklich nichts, gar nichts, mit Verkehrssicherheit und realen roten Ampeln zu tun. Die werden am weitaus häufigsten von eben diesen Autofahrern und Fußgängern missachtet.

    Sehr schön machen die hier im Blog kommentierten Kommentare in der Bergedorfer Zeitung zum totgefahrenen Radler in Vierlande die vom „Radfahrer = Rotlicht-Sünder“ ausgehende, archaische Assoziationskette deutlich.
    Radfahrer -> Sünder -> zur Hölle (den Tod mehr oder minder selbst verdient)

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