Radwege: Ab durch die Mitte

Es ist geradezu eine rasante Entwicklung: Jahrelang, nein, jahrzehntelang wurden Radwege entlang der Fahrbahnen gebaut. Dann wurde vor knapp 15 Jahren die Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gestrichen, so dass der damals ein kleines bisschen gestiegene Radverkehrsanteil nicht automatisch auf teilweise miserablen Radwegen rollen musste. Den üblichen Nebensatz mit der Aufzählung der Gefahren möge sich der Leser an dieser Stelle selbst denken. Dann merkte man vor einiger Zeit, hmm, enge Radwege direkt neben parkenden Kraftfahrzeugen sind gar nicht mal so ungefährlich — und verlegte die Radwege auf die andere Seite der parkenden Autos. Dort kommen diese Radwege als so genannte Schutz- oder Fahrradstreifen daher, die sich dadurch unterscheiden, dass die einen immer unzulänglich sind und die anderen nur meistens. Dadurch, dass genau wie in den vorigen Jahrzehnten beim Bau von Radwegen auch beim Aufmalen von Schutz- oder Radfahrstreifen die Mindestmaße oder die Abstände zu parkenden Fahrzeugen nicht eingehalten werden, sind die Radverkehrsanlagen auf der Fahrbahnseite nicht wesentlich besser als die Radwege auf der anderen Seite der parkenden Autos. Zusätzlich droht bei den Streifen Ungemach von links, wenn Kraftfahrzeuge ohne jeglichen Sicherheitsabstand überholen und sich Radfahrer geradezu eingeklemmt zwischen Blech wiederfinden, denn aus der Windschutzscheibe scheint alles in bester Ordnung, schließlich bleiben beide Verkehrsteilnehmer auf ihrer „Fahrspur“, selbst wenn nur ein paar Zentimeter den Lenker vom Außenspiegel trennen.

In Berlin geht man nun einen Schritt weiter, denn der Senat will Radwege auf Straßenmitte verlegen:

Rand-Radwege seien viel zu gefährlich. Mittige Fahrstreifen sollen Unfallzahlen reduzieren. Experten loben Plan.

Das klingt nun erstmal drastisch und sieht auch so aus, denn das Bild, mit dem der Artikel eingeläutet wird, wird unterschrieben mit „Radler und Bus behindern sich“. Bei der gezeigten Situation handelt es sich allerdings um einen Kreuzungsbereich, bei dem es so neumodisch nun auch nicht mehr ist, den Radverkehr zwischen den Fahrspuren zu führen, meistens zwischen der Geradeaus- und Rechtsabbiegespur. Das wird sogar schon in der in Belangen des Fahrrades alles andere als fortschrittlichen Hansestadt Hamburg praktiziert. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass in Berlin Radfahrstreifen nun über mehrere Kilometer mitten zwischen zwei Fahrspuren auf der Fahrbahn geführt werden, weil das im Artikel zwar suggeriert wird, bezüglich der Verkehrssicherheit aber auch längst nicht nur mit Vorteilen einhergeht. Vermutlich ist eher gemeint, dass künftige Radfahrstreifen weiter in Richtung Fahrbahnmitte verschoben werden, hoffentlich mit einem großzügigen Abstand nach rechts zu parkenden Kraftfahrzeugen. Diese Lösung passt wenigstens zu den genannten Symptomen der zugeparkten Radverkehrsanlagen. Und schließlich verstehen die meisten Verkehrsteilnehmer unter einer Fahrradfahrweise mit hinreichendem Sicherheitsabstand nach rechts das gleiche wie „mitten auf der Straße“. Mal sehen, ob sich mit den Maßnahmen die Sicherheit des großzügige Berliner Radverkehrsanteils noch weiter steigern lässt.

Die Polizei findet die ganze Idee jetzt nicht so toll:

Die Berliner Polizei hält Fahrradwege auf der Straße generell für problematisch. „Radfahrer und Autos gemeinsam auf der Straße ist oft ein Unfallrisiko“, erklärt Polizeisprecher Stefan Petersen. „Wir kontrollieren Schutzstreifen und verteilen Bußgelder, wenn Pkw diese nutzen.“

Im Straßenverkehr geht mit Radfahrer und Autos immer ein Unfallrisiko einher, auf getrennten Anlagen, die in übersichtlichen Kreuzungsbereichen aufeinandertreffen genau wie gemeinsam im Mischverkehr oder auf eigenen Fahrspuren. Die Frage ist doch eher, mit welcher Infrastruktur das geringere Risiko einhergeht — und da sieht es für die herkömmlichen Radwege, die bei der Straßenplanung noch irgendwie so zwischen Fahrbahn und Gehweg gequetscht werden, nicht besonders gut aus. Es steht auch außer Frage, dass die Polizei Schutzstreifen kontrolliert und gegebenenfalls Kraftfahrzeuge beknollt, aber offenbar längst nicht in einem Umfang, der für einigermaßen freie Fahrt auf Schutz- und Radfahrstreifen sorgen könnte.

4 Gedanken zu „Radwege: Ab durch die Mitte“

  1. Wenn sowas dort flächendeckend umgesetzt wird, zieh ich nach Berlin!
    Dann kann „die schönste Stadt der Welt“ (pfffffffft!) mich mal schön am Arsche lecken.

    Ich hasse diese Todesstreifen hier in Hamburg auch wie die Pest und nutze sie nur in Ausnahmefällen (Ampelstau -> dann in Schrittgeschwindigkeit auf dem Todesstreifen rechts vorbei). Aber wie geil wäre es bitteschön, den Radfahrstreifen in der Mitte der Fahrbahn abzumarkieren, damit auch der letzte Heckenpenner hinter dem Lenkrad endlich realisiert: „Der Radfahrer darf auf der Fahrbahn fahren.“

    Schöne Traumwelt. Bevor hier in HH auch nur ein vernünftiger Radfahrstreifen aufgepinselt wird – von einem mittigen Streifen auf der Fahrbahn mal nicht zu reden – müssen noch einige alte Säcke in der Verwaltung endlich mal in den Ruhestand gehen.

  2. In der Altstadt von Soest (alte kleine Hansestadt in Westfalen, direkt am alten Hellweg, der B1) hat man solche Radwege bereits. ich weiß aber nicht ob auf mehr als nur einer Straße. Die Straße an die ich mich erinnern kann, ist allerdings ohnehin seeehr schmal und mit der Maßnahme ist jegliches Überholen dann tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit. So gesehen eine sehr feine Sache!

    Mal den Andreas fragen, der hat davon nen Foto.

    1. Andreas hat das Foto Online gestellt. Hier ist es: http://www.go-mango.de/pigs/RadStreifenSoest.jpg

      Natürlich kann und muss(?) man sich in dem Fall fragen, wofür da überhaupt noch einen Streifen aufmalen, wenn die Straße ohnehin so schmal ist? Ich denke das ist den psychologischen Aspekten geschuldet.
      Einmal werden Radfahrer dazu angehalten sich nicht mehr extrem an den Rand zu ducken und schön dicht an Autotüren vorbei zu fahren, wodurch Autofahrer ja denken könnten, sie dürften sich dann doch noch irgendwie am Radfahrer vorbei quetschen. Und den Autofahrern wird mit dem Streifen klar gesagt: „Jawohl, die Radfahrer gehören dort hin, mitten auf die Straße, also hört auf zu hupen!“

      1. Umpf! Hätte ich mal zuerst auch mal die andere Seite, die Andreas mir verlinkt hat, gelesen, dann würde der Hinweis auf den Preisträger des Deutschen Fahrradpreises 2013, über den Hamburgize geschrieben hat, auch im vorherigen Beitrag drin stehen. 😉
        http://hamburgize.blogspot.de/2013/07/deutscher-fahrradpreis-2013-geht-soest.html

        Ich orakel mal, wenn diese der Auszeichnung würdige Idee nun schlandweit gut und ausführlich breitgetreten wird – die Öffentlich Rechtlichen schaffen das vermutlich nicht – kommt in manchen Köpfen von Stadtverwaltungen auch mal wieder etwas an.

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