Radfahren in Baden-Württemberg: Lieber oben ohne?

Statistiken sind so eine Sache. Mit etwas Geschick kann man locker herumargumentieren, wie es gerade passt und wenn es morgen nicht mehr passt, dreht man die Statistik einfach um. So leicht kann’s gehen. Winfried Hermann, Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg und erklärter Fan von Fahrradhelmen und Fahrradhelmpflichten, wird wohl ein bisschen gestaunt haben angesichts der Unfallbilanz, die sein Kollege Reinhold Gall aus dem Innenministerium vorlegte: Unfallbilanz 2013: Weniger Verkehrstote und Verletzte – Innenminister Reinhold Gall: „Leider mehr Radfahrer ohne Helm auf den Straßen ums Leben gekommen“

Dort heißt es:

Auf den Straßen in Baden-Württemberg verunglückten 2013 insgesamt zwar weniger Menschen als im Vorjahr. Aber die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer ist von 44 auf 52 gestiegen – also um mehr als 18 Prozent. „Erschreckend finde ich, dass 70 Prozent der getöteten Fahrradfahrer keinen Helm trugen“, beklagte Innenminister Reinhold Gall bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz für 2013 am Freitag, 21. Februar 2014, in Stuttgart.

Es gibt noch ein paar andere Aspekte, die angesichts der Zahlen erschreckend sind. Zum Beispiel, dass vermutlich ein wesentlicher Teil von Kraftfahrzeugen übersehen, Pardon, getötet wurde — das geht zwar aus der Pressemitteilung nicht hervor, wohl aber aus einem groben Überblick über die Unfallberichte aus dem letzten Jahr. Man wird allerdings auch nicht so richtig aus der Aussage des Innenmisters schlau: Offenbar zielt er mit seiner Aussage auf die Wirksamkeit des Fahrradhelmes ab und möchte suggerieren, dass ein wesentlicher Teil der getöteten Radfahrer ihren Unfall mit Kopfschutz überlebt hätte.

Nun beträgt die ungefähre Tragequote des Fahrradhelmes bundesweit insgesamt etwa zehn Prozent. Wenn siebzig Prozent der getöteten Radfahrer keinen Helm trugen, waren also umgekehrt dreißig Prozent der getöteten Radfahrer mit einem Fahrradhelm unterwegs. Dieser Unterschied von immerhin zwanzig Prozentpunkten ist deutlich mehr als eine statistische Ungenauigkeit, das muss etwas zu bedeuten haben. Wenn ein Fahrradhelm tatsächlich lebensrettend eingreift, dürften doch eigentlich nur grob geschätzte fünf Prozent der tödlich verunglückten Radfahrer einen Helm getragen haben, dann wäre immerhin jeder zweite dank seines Kopfschutzes noch am Leben.

Vielleicht ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm tödlich zu verunglücken, deutlich höher als ohne Fahrradhelm; angesichts der so genannten Risikokompensation wäre das eine mögliche Erklärung. So richtig passt das aber auch nicht: Ein Fahrradhelm mag tatsächlich zu einer riskanteren Fahrweise animieren, weil ja genau wie bei einem modernen Kraftfahrzeug mit seinen fünfzig elektronischen Sicherheitsassistenten subjektiv gesehen gar nichts mehr passieren kann. Aber tritt diese riskantere Fahrweise tatsächlich so drastisch hervor, dass über drei bis sechs Mal so viele Radfahrer tödlich verunglücken? Vor allem spielt die Risikokompensation bei dem üblichen Unfall-Klassiker nur eine untergeordnete Rolle: Kein einigermaßen klar denkender Radfahrer fährt vor ein unachtsam abbiegendes Kraftfahrzeug und riskiert einen Unfall, den er mit einem Helm einfacher zu überleben glaubt.

Angesichts dieser Zahlen wird man allerdings auch weiterhin nur spekulativ im Trüben fischen, ohne Details über die eigentlichen Unfallursachen kommt man da zahlenmäßig nicht weiter. Hier greift ja noch nicht einmal die so genannte Dunkelziffer, denn im Gegensatz zu „kleineren“ Unfällen, bei denen die Sache mit einem Pflaster oder einem Verband aus dem Erste-Hilfe-Kasten ohne Gegenwart der Polizei geregelt wird, werden Todesfälle zwangsläufig in der Unfallstatistik registriert.

Das nackte Zahlenmaterial aus der Pressemitteilung hingegen hinterlässt zwangsläufig den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt. Was genau da nicht stimmt, das kann ja Winfried Hermann in seiner Helmstudie untersuchen lassen.

13 Gedanken zu „Radfahren in Baden-Württemberg: Lieber oben ohne?“

  1. Eine Erklärung wäre, dass die Gruppe der sportlichen, zügigen und eiligen Fahrer eine höhere Helmtragequote hat. Dass entspricht durchaus auch meiner Beobachtung. Die Ursache des erhöhten Unfallanteils ist dann nicht der Helm, sondern die ohnehin praktizierte Fahrweise mit oftmals unangepasster Geschwindigkeit.

    1. Wenn ich Unfallberichte lese, sind es meist ältere dann frauen, die in Unfälle verwickelt werden. Und die Unfälle oft etwas mit Radverkehrsanlagen zu, wo man ja gar nicht wirklich schnell fahren kann. Ernsthafte auf Sicherheit bedachte RAdfahrer fahren ohne Helm auf der Fahrbahn, und das mit den vorgeschriebenen seitlichen Sicherheitsabständen und oft auch sehr zügig. Von daher Stimmt der erste Teil Deiner These eher nicht. Der zweite Teil ist allerdings richtig und ein Teil der behelmten Undfahllopfer scheint das obig skizzierte sichere Radfahren zu vermeiden, auf Nebenanlagen herum zu heizen und potenziellen Folgen von Gefahren die dort systematisch vorhanden sind durch das Tragen eines Polystyrolhutes abzumilder zu versuchen…
      Risikokompensation ist ja gerade das Phänomen, das man sich risikoreicher verhält, wenn man sich geschützt und sicher fühlt; oder risikoreicher gegenüber anderen verhält, wenn man diese als geschützt und professionell einschätzt.
      Unterstützend für diese Fehlinterpretaion und dieses Verhalten wirk die ständige Wiederholung von Mantras, wie Helme schütze, Radwege sind sicherer und vieles mehr, in den Medien und in persönlichen Gesprächen – was schlicht nicht der FAktenlage entspricht und damit den religiösen Charakter eines Glaubens haben.

      1. Der Hinweis auf ältere Radfahrer widerspricht meiner These nicht wirklich. Ich muss mich nur etwas allgemeiner fassen. In Risikogruppen wie Schnellfahrern, Alten und Kindern ist die Helmtragequote vermutlich höher als beim Durchschnitt. Somit wird die hohe Helmtragequote von 30 Prozent der Verunglückten plausibel. Phänomene der Risikokompensation tragen natürlich auch noch dazu bei.

        1. Unter Kindern ist die Helmtragequote deutlich höher, allerdings spielen Kinder bei der Zahl der getöteten Radfahrer (glückelicherweise) nur eine untergeordnete Rolle. Bei Senioren ist die Helmtragequote nicht überdurchschnittlich (zumindest laut der Bast-Erhebung „Gurte, Kindersitze, Helme und Schutzkleidung“ von 2010).

          Interessant wäre, wie sich die Unfallopfer mit/ohne Helm auf inner-/außerorts aufteilen. 2012 kamen 37% der in BaWü getöteten Radfahrer außerorts ums Leben, dieser Anteil dürfte deutlich höher liegen als der Anteil der per Fahrrad gefahren Kilometer, die außerorts zurückgelegt werden. So genau weiß man das natürlich nicht, in Sachen Statistiken zum Radverkehr ist Deutschland Entwicklungsland. Wäre aber eine Erklärung für den hohen Anteil an Helmträgern. Wenn ein Radfahrer von einem PKW mit 80 km/h umgelegt wird hilft der Helm halt auch nichts mehr.

      2. „Ernsthafte auf Sicherheit bedachte Radfahrer…“
        Will sagen, alle die nicht fahren wie du, sind unernsthaft, also mehr Karneval, und nicht auf Sicherheit bedacht.
        Hast du schon einmal überlegt, dass Menschen unterschiedlich sind? Und unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse haben? Dass sich Fähigkeiten und Bedürfnisse z.B. je nach Lebensphase, auch ändern?
        Mit der Sicherheit ist es z.B. so, dass das Bedürfnis danach ab einem bestimmten Lebensalter stark zunimmt. Gleichzeitig ändern sich die Anforderungen an Sicherheit.
        Ist z.B. ein Höhenwanderweg für einen unbegleiteten12jährigen zu unsicher, kann er für diesselbe Person, nun 30, sehr sicher, und wiederum für dieselbe Person, nun 65 geworden, verdammt unsicher sein.
        That’s life.

  2. Zu viele Spekulationen für meinen Geschmack. Unfälle mit tödlichem Ausgang, an denen Radfahrer beteiligt waren, werden in der Unfallstatistik erfasst, richtig? Die Ursache für den tödlichen Ausgang (z. B. Radfahrer fährt geradeaus und wird von rechtsabbiegendem Lkw überfahren) wird nicht erfasst und somit nicht ausgewertet. Auch richtig?
    Bei einem solchen Unfall mit einem Lkw, wo der Radfahrer einfach überrollt wird, ist der Helm einfach irrelevant.

  3. Ich spekuliere mal mit:
    Der Helm schränkt durch Winderäusche möglicherweise das Hörvermögen ein.
    – Er erschwert es schnell den Kopf zu drehen.
    – Unter Umständen schränkt er sogar das Gesichtsfeld ein (er soll ja so sitzen das seine Vorderkante genau dort zu sehen ist wo man bei zügiger Fahrweise hinguckt wenn man vorausschauend fahren will)
    – Seine Masse verstärkt die Vibrationen durch den Radwegbelag, was der Konzentrationsfähigkeit abträglich ist (http://lustaufzukunft.de/pivit/comfort/default.html zum weiterlesen. Einige Radwege sind so gebaut das man nach 5 Minuten fahrt nicht mehr eigenständig am Straßenverkehr teilnehmen sollte)
    – Er erhöht die Temperatur, auch eher konzentrationssenkend.
    um nur zu nennen was mir spontan einfällt und mich davon abhält einen aufzusetzen

    1. Ein Helm schränkt auch die sensorische Empfindung ein. Mir hat einmal ein durch einen schweren herabfallenden Gegenstand erzeugter Luftstau, den ich am Kopfhaar spürte, das Leben gerettet. Außerdem ist der vergrößerte Kopfquerschnitt problematisch, weil er ein größeres Ziel bietet, die Hebelwirkung auf die Halswirbelsäule verstärkt und etwa ein Abrollen nahezu unmöglich macht. Es lassen sich noch mehr Nachteile finden. Alles in allem ist der Radhelm eine Nullnummer, weil er manchmal nützt, manchmal schadet und meistens überhaupt nichts bewirkt. Anders kann ich mir die Statistiken aus Australien, Kanada und Neuseeland nicht erklären. Traurig ist nur, dass man das Thema ständig neu diskutieren muss, weil sonst die Liga der Helmpflichtbefürworter die Oberhand gewinnt.

  4. “Leider mehr Radfahrer ohne Helm auf den Straßen ums Leben gekommen”

    Als ob es besser gewesen wäre wenn mehr Radfahrer mit Helm ums Leben gekommen wären!

    Prioritäten haben die Leute manchmal, ts!

    Demonstriert aber sehr gut worum es dem Herren geht: Hauptsache die Toten hatten einen Helm auf.

    Bei der Einstellung muss man eigentlich zu einer reißfesten Ganzkörpermülltüte anstelle Helm als Unfallausstattung raten. Nur noch oben zubinden und gut is.

  5. Nicht, das meine Beobachtungen irgendwie wissenschaftlich belastbar wären,
    aber ich habe schon den Eindruck, daß es deutliche Unterschiede zwischen
    den beiden Gruppen Helmträger/Unbehelmte gibt, was ja schon die
    Merkwürdigkeiten erklären könnte.
    So scheinen mir bei den Helmträgern überproportional häufig ängstliche
    und unsichere Radfahrer darunter zu sein. Ich finde es eh schon ziemlich
    befremdlich, daß man sich bei einer so alltäglichen und relativ ungefährlichen
    Tätigkeit wie Radfahren einen Helm aufsetzt.
    Es ist ja nun aus anderen Lebensbereichen schon bekannt, daß Leute, die sich
    schon wie Opfer benehmen, dann auch häufiger Opfer werden. Und wenn ich
    mich mit Helmträgern unterhalte, dann hatten die auch oft schon bereits
    einen oder mehrere Unfälle. So kommen die ja auch auf die Idee, daß
    Radfahren gefährlich wäre und man einen Helm tragen müßte, der dann
    natürlich auch schon bei einem weiteren Unfall das Leben gerettet haben soll.
    Und wenn man die mal beobachtet, dann wundert es mich auch nicht,
    daß die weit überproportional häufig in Unfälle verwickelt sind
    Wenn ich zum Beispiel extrem defensiv oder gar langsamer werdend
    an einen Knotenpunkt heranfahre und schon von meiner Fahrweise her
    signalisiere „Ich werde bestimmt bremsen!“, dann steigt auch die Gefahr,
    daß man mir den Vorrang auch nimmt. Sehr häufig beobachte ich auch
    die Kombination Helm und Müllmannweste. Die denken anscheinend sie
    würden übersehen. Also ich werde eigentlich nie übersehen, aber wenn ich
    mich ängstlich in irgendwelchen Seitenräumen rum drücke, dann wird man
    sicher leicht mal übersehen.
    Sichere und selbsbewußte Radfahrer mit Helm sehe ich sehr selten und wenn,
    dann am ehesten noch bei Radspochtlern.
    Ich hab hier so eine Art Beobachtungsstrecke, da hat Radfahrer die Wahl
    zwischen einem hinter Längsparkern verstecktem Uralt-Handtuch-Hochbord
    und einem ungewöhlich breitem (2.20 m) Schutzstreifen, dreimal darf geraten
    werden wo ich anteilsmäßig die meisten Helmträger zählen kann…

    Auch wenn ich das Thema aus wissenschaftlicher und Verkehrspsychologischer
    Sicht durchaus interessant finde, bin ich das Thema doch auch leid, denn es
    lenkt vom Wesentlichen Punkt ab:
    Nicht ich, das potentielle Opfer von Rüpeln und Trantüten ,muß mich mit einem
    Helm zweifelhafter Wirkung schützen, sondern die Rüpel und Trantüten müssen
    ihr gefährdendes Tun abstellen! Es verlangt ja von mir auch niemand, daß ich
    des nächtens am Bahnhof eine stichfeste Weste tragen müßte, weil sich da
    Messerstecher rumtreiben.

    1. Der Bahnhofsvergleich hinkt insofern, als dass Stichverletzungen in Bahnhofsunterführungen meistens einen Täter voraussetzen, während Fahrradhelme auch vor Verletzungen schützen können, die ich mir ganz alleine zuziehe.
      Diese Verletzungen sind eigentlich auch der Hauptgrund, warum ich ab und an einen Helm trage.

  6. Es wäre interessant zuwissen,wieviele Radsportler unter den Opfern waren. Bei Radssportlernliegt die Helmtragequote ja deutlichhöher als bei Alltagsfahrern, wenn da also ein paar Rennradler und Mountainbiker unter den Getöteten waren, macht sich das natürlich bemerkbar. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass in BW die Helmtragequote deutlich höher ist als 10 Prozent, immerhin gibt es da einen helmgeilen Minister, der für diese „Vernunft“ ordentlich trommelt. Aber selbst wenn man die genannten Aspekte großzügig einberechnet, bleibt der Helm eine sicherheitstechnische Nullnummer, wie es scheint.

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