Polizeikontrollen: München wird endlich wieder autofreundlich

Zugegebenermaßen ist es relativ kompliziert, die Ankündigung einer Fahrradkontrolle derart zu formulieren, dass bei Radverkehrspolitik nicht sofort wieder die Empörungsmaschinerie auf Betriebstemperatur getreten wird. Allerdings konnte in den letzten beiden Jahren kaum eine Kontrollaktion auch nur ansatzweise überzeugen — meistens war es Augenzeugenberichten zufolge eher eine Qual.

In München ist es angesichts der sommerlichen Temperaturen endlich wieder einmal an der Zeit: Radler-Polizei soll Unfallzahlen senken

In den vergangenen Tagen ist die Zahl der verunglückten Radfahrer deutlich gestiegen. Von Montag an kontrollieren mehr Beamte als sonst, ob alle Verkehrsteilnehmer die Regeln beachten. Bei Verstößen wird ein Bußgeld fällig.

Immerhin hat sich die Sprache mittlerweile etwas verbessert: Früher wurden quasi automatisch angesichts der Tabellen in der Unfallstatistik repressive Maßnahmen angekündigt. Das trieb mitunter ganz witzig anzusehende Blüten, wenn an einem Unfallschwerpunkt die Beleuchtung und Bremsanlage der Radlinge kontrolliert wurde, zwei Meter weiter nebenan auf der Fahrbahn ganz in Ruhe und unbehelligt ohne Schulterblick abgebogen werden konnte. Vielleicht ging man davon aus, die am Tage meistens vorschriftsmäßig ausgeschaltete Beleuchtung am Fahrrad wäre ursächlich dafür, hinter parkenden Kraftfahrzeugen, Hecken, Liftfaßsäulen und ähnlichen Straßenimmobilien pedalierende Kampfradler beim Abbiegen zu übersehen (womöglich schlugen die beinahe angefahrenden Radfahrer dann auch noch auf die Motorhaube!).

Nun hat sich die Wortwahl etwas geändert, aber leider wirklich nur etwas:

Die Polizei wird sich zum Beispiel an Ampeln entlang der Leopoldstraße postieren und dort Bußgeld verlangen, wenn Radler das Rotlicht missachten. Aber auch Autofahrer, die zum Beispiel beim Abbiegen nicht auf Radler achten, werde man ansprechen und gegebenenfalls verwarnen oder auch Anzeigen schreiben. Die Polizei werde dabei aber „mit Augenmaß“ vorgehen, kündigte Kopp an.

Unabhängig über die Diskussion über das womöglich sicherere Queren von Kreuzungen bei rotem Licht, die auch hier schon hinlänglich geführt wurde, ist das ja ganz okay, bei rotem Licht fahrende Radfahrer anzuhalten. Die große Frage in den nächsten Wochen wird dann wohl tatsächlich sein, ob die Münchener Polizei sich tatsächlich dazu durchringen kann, auch verträumte Kraftfahrer anzuhalten und wie sich das angekündigte Augenmaß auswirken wird, also ob tatsächlich nach Ende des Aktionszeitraumes einige Verwarnungen von Kraftfahrern zu verbuchen sind.

Tatsächlich ist das unachtsame Abbiegen in der Unfallstatistik viel weiter oben vertreten als die radfahrende Missachtung einer roten Lichtzeichenanlage. Da täuscht auch gerne der Eindruck im Verkehrsalltag, denn Rotlichtverstöße auf zwei Rädern werden hinter der Windschutzscheibe gerne zur Kenntnis genommen und in jeglichen Diskussionen über Sicherheit im Straßenverkehr gleich zuerst angeführt. Das unachtsame Abbiegen hingegen lässt sich aus dem Kraftfahrzeug heraus nur schwer erkennen und ist bei derartigen Diskussionen selten präsent.

Theoretisch wäre die Frage angebracht, ob die Polizei denn nicht auch mit soviel Augenmaß vorgehen müsste, sämtliche Rotlichtverstöße ohne Gefährdungspotenzial überhaupt nicht zu verfolgen. Radfahrer sind trotz vieler Radverkehrsförderungsmaßnahmen noch oft genug gehalten, die Lichtzeichen für Fußgänger zu Fuß Gehende zu beachten, so dass mitunter eine halbe Minute lang am Pfosten gewartet wird, während der parallel fließende Kraftverkehr noch grünes Licht bekommt und die Querung mit dem Rad durchaus innerhalb des Möglichen liegt.

Allerdings würde damit auch die Kampfradler-Quote sinken. Man kann es eben nicht jedem Recht machen.

9 Gedanken zu „Polizeikontrollen: München wird endlich wieder autofreundlich“

  1. Nach einem kurzen Streifzug mit Streetview scheint die Hauptursache für Unfälle in erster Linie in der äußerst gefährlichen Infrastruktur zu liegen. Unübersichtliche und schmale Pflichtradwege zwischen geparkten Autos und gut frequentierten Fußwegen. Statt Kontrollen empfehle ich, einen Bautrupp loszuschicken, der die Radweg-Gebotsschilder entfernt. Das Übel an der Wurzel packen.

  2. >> Die Polizei werde dabei aber “mit Augenmaß” vorgehen, kündigte Kopp an.

    Ahjaaaa…

    Was können wir nun aus jenem „Aber“-Satz so alles heraussublimieren?
    Hab da nen paar Vorschläge:
    – Aus den Augen, aus dem Sinn, also einfach nicht so genau hinschauen, dann passt’s schon.
    – Bei Radfahrern nicht hingegen nicht mit Augenmaß vorgegangen.
    – Och, aber eigentlich gehts mir quer am Popöchen vorbei.
    – Autofahrer sind das Opfer der bösen Radfahrer, die ihr Vorfahrtsrecht durchsetzen wollen, da muss man Nachsicht üben.
    – Was? Sollen wir den Autorüpeln direkt den Lappen wegnehmen? Dann steht die Karre aber im Weg rum und wer bezahlt den Abschleppwagen?
    – Eigentlich haben Radfahrer eh nichts auf der Straße verloren, weshalb sollen wir also bei den wirklichen Unfallursachen durchgreifen? Das schürt nur eine falsche Erwartungshaltung.

    Vielleicht mal ein Thema für die Münchener Lach und Schiess?

  3. Ich stimme „faxe“ voll und ganz zu! Was fehlt, ist eine Kampagne quer durch alle Medien, in der erstens klar darauf hingewiesen wird, dass der Radverkehr auf die Fahrbahn gehört und zweitens die 90 Prozent (!) der Radler, die trotz nicht vorhandener Benutzungspflicht weiterhin auf den Radwegen fahren, davon zu überzeugen, dass die Fahrbahn sicherer ist, als sog. „Radwege“. Gut wäre es auch, die Fußgänger mit ins Boot zu holen. Die wären auch sehr froh, endlich den Gehweg angstfrei benutzen zu können. Am lässt man alle Radwege gleich ganz verschwinden.

  4. Also, die Polizei in München ist zumindest in der Führungsetage inzwischen schon recht sensibilisiert, was eine ausgewogene Durchsetzung der Regeln für Radfahrer und zum Schutz der Radfahrer angeht. Die Frage ist immer, wie das dann im Endeffekt auf der Straße umgesetzt wird.

    Bezüglich der Abbiegeunfälle: Die Polizei kontrolliert durchaus den Schulterblick, aber nach eigener Aussage der Polizei in München ist es halt deutlich schwieriger, einen fehlenden Schulterblick beim Abbiegen so zu dokumentieren, dass sich das auch verwarnen lässt, als bei Radfahrern einen Rotlichtverstoss. Das Ergebnis war dann im letzten Jahr, dass deutlich mehr Radfahrer als Autofahrer verwarnt worden waren, als die Aktion abgeschlossen war.

    Die Polizei liess im letzten Jahr verlauten, dass bei gleichen Personaleinsatz einfach mehr Radfahrer verwarnt werden als Autofahrer, einfach weil in der gleichen Zeit mehr sicher nachweisbare (!) Ordnungswidrigkeiten bei Radfahrern bearbeitet werden können. Sie hätten sich auch beim Autoverkehr angestrengt, aber da wäre es einfach aufwändiger, und das zeige sich auch in den Zahlen der ausgesprochenen Verwarnungen.

    Ich glaube ihnen auch, dass sie sich da redlich Mühe geben. Angekommen sind sie noch nicht (die Kontrollaktion an diesen Ampeln über wenig befahrene Nebenstraßen der Leopoldstraße ist wieder mal total sinnlos), aber es hat sich schon etwas bewegt, und sie versuchen, deutlich ausgewogener vorzugehen. Ich buche es mal als einen Teilerfolg.

    1. Was den Willen – auch der Führungsetage – der Münchner Polizei zu „neutralen“ Kontrollen betrifft habe ich arge Zweifel… Zum einen wäre der fehlende Schulterblick durchaus in vielen (wenn auch nicht allen) Fällen feststellbar (auch Rotlichtverstöße werden nicht per Video dokumentiert, sondern nur per „Augenschein“), zum anderen mangelt es bereits an der Sanktionierung derartiger Verstöße, wenn es zu einem Konflikt mit einem Radfahrer kommt. Selbst bei krassen Fällen bleibt es oft bei einigen mahnenden Worten, von den zahlreichen Fällen, bei denen ein Radfahrer „nur“ abbremsen oder ausweichen muss ganz zu schweigen (die – was ich mehr als einmal erlebt habe – noch nicht einmal in jene „mahnenden Worte“ münden). Auch an auf Fahrradwegen parkenden Autos vorbeizufahren ist für Münchner Polizisten völlig selbstverständlich, scheinbar ist die Idee, dass Polizisten in solchen Fällen einschreiten können, abwegig.

      Außerdem liegt der größte Effekt solcher Kontrollen sowieso weniger in den konkret festgestellten Verstößen, denn in der Erhöhung der gefühlten Überachungsintensität und der Sensibilisierung der Verkehrsteilnehmer für (gefährliche) Verkehrsverstöße (weshalb die Kontrollen auch angekündigt werden und die Warnung vor Blitzern im Radio erlaubt ist). Außerhalb der Ankündigung solcher Kontrollen hat die Polizei kaum eine Möglichkeit, medienwirksam auf Verkehrsteilnehmer einzuwirken. Deshalb sollten solche Gelegenheiten genutzt werden, auf wirklich gefährliche Verstöße aufmerksam zu machen. Und wenn man sich die Äußerungen der Polizei im Zusammenhang mit ihren Kampagnen der letzten Jahre anschaut, dann bekommt man den Eindruck, dass a) die Fahrradfahrer die rücksichtlosesten Verkehrsteilnehmer wären, diese b) das regelwidrigste Verhalten hätten und dass c) die Fahrradfahrer an den meisten ihrer Unfälle schuld wären. All das ist (schon rein statistisch) nicht der Fall, sorgt aber für eine aggresive (Anti-Fahrrad-)Stimmung und für ständige Belehrungen seitens der Autofahrer gegenüber sich vermeintlich falsch verhaltenen Fahrradfahrern (welche sehr häufig auf die mangelnde Regelkenntnis der Autofahrer zurückzuführen ist, wogegen die Münchner Polizei im Rahmen ihrer Kampagnen praktisch nichts tut).

  5. Hätten alle Autos einen Fahrtenschreiber, so wie Flugzeuge, wären solche Polizeikontrollen sehr einfach. Sämtliche wichtigen Daten des Fahrzeugs für ein paar Stunden zu speichern, ist heute kein Problem. Die Blackbox müsste auch festhalten, wann mit dem Handy telefoniert wird. Bisher habe ich noch kein wirkliches Argument gehört, das gegen eine solche Blackbox spricht.

    1. Vielleicht, dass ein fehlender Schulterblick nur mit einer Videoüberwachung des Fahrers zu dokumentieren wäre? Werden in Flugzeugen nicht auch die Gespräche aufgezeichnet? Ob es da nicht doch bessere Lösungen gäbe?

  6. Also, wenn ein Autofahrer einen Radfahrer beim Abbiegen gefährdet, ist es doch 100% unerheblich ob dies mit oder ohne Schulterblick geschehen ist. Allein entscheidend ist, DASS die Gefährdung stattgefunden hat!
    Wenn die Polizei bei allen Vergehen so wollte, wie sie bei gewissen Vergehen ganz offenbar sehr wohl kann, dann bräuchte es diese Diskussionen nicht.

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