Peter Hahne: Der natürliche Feind des Radfahrers

„Geht es Ihnen auch so wie mir, dass sie empört darüber sind“, fragt Peter Hahne, als ihm die langsame Internetverbindung ins Wort fällt. „Fülle Puffer“, dreht sich gefühlte fünf Minuten im Kreis, während denen man schreiend vor dem Rechner sitzt und brüllt: „Nein! Ich bin nicht empört, dass Fahrradfahrer auf der Fahrbahn fahren dürfen, obwohl es nebenan einen breiten und perfekt ausgebauten Radweg gibt! Nein, ich bin nicht empört!“

Schlussendlich ging es aber gar nicht um Radfahrer, sondern um ältere Mitbürger, die auf dem Arbeitsmarkt keine Verwendung mehr finden.

Tatsächlich aber ist man etwas arg verstimmt und durchaus empört, wenn man die Textversion des kleinen Vorschaufilmchens zuvor lesen musste: Radfahrer: der natürliche Feind des Autofahrers. Den hat Michael Kramers aus der „Redaktion Hahne“ geschrieben und aus der Kombination von Überschrift und Untertitel „Rücksicht – im eigenen Interesse“ weiß man ja gleich, woher der Wind weht.

Nur — sowas hätte man selbst als leidgeplagter Radfahrer nicht erwartet:

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich jetzt im Auto beim Abbiegen wieder ganz besonders zusammenreißen müssen? Nämlich um den rechten Außenspiegel zu benutzen und/oder den Kopf zu drehen, wie es in der Fahrschule gelehrt wird?

Zwei Sätze, die einem schon die Fassungslosigkeit ins Gesicht treiben: worauf soll denn das nun hinauslaufen? Sind jetzt alle Radfahrer böse, weil Autofahrer beim Abbiegen aufpassen müssen, keinem Zweirad die Vorfahrt zu nehmen? Fällt Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer so schwer, dass sich Autofahrer zusammenreißen müssen? Heißt „den Kopf zu drehen, wie es in der Fahrschule gelehrt wird“, dass man in der Regel beim Abbiegen nicht den Kopf dreht, oder wenigstens nicht so weit, wie man es mal gelernt haben sollte? Und wer ist denn eigentlich die Person, die da ihren reichhaltigen Erfahrungsschatz teilt? Peter Hahne? Oder doch nur Michael Kramers? Oder Michael Kramers, der für Peter Hahne spricht? Und was soll das alles nun heißen? Alle Radfahrer sind die Feinde des Autofahrers, weil Autofahrer beim Abbiegen aufpassen müssen? Radfahrer sind die Feinde des Autofahrers, weil Autofahrer sich an die Verkehrsregeln halten müssen? Sehr abenteuerlich. Hoffentlich platzt dem Autofahrer nicht jedes Mal der Kragen, wenn er am Fußgängerüberweg Vorrang gewähren muss oder es vor ihm an der Supermarktkasse etwas länger mit dem Bezahlen dauert.

Denn:

Aber in den Großstädten ist die Saison eröffnet. Und die Straßen werden zunehmend zur Kampfzone. Das hat auch Bundesverkehrsminister Ramsauer erkannt, der den „Kampf-Radlern“ ein härteres Vorgehen angedroht hat. In der Tat: Viele Radfahrer halten sich für Fußgänger und befolgen bestenfalls die eher laxen Regeln, die für diese gelten.

Auch hier könnte man ja hinterfragen, warum sich denn viele Radfahrer für beräderte Fußgänger halten. Womöglich ist die massenhafte Zusammenlegung von Rad- und Gehwegen ein Grund dafür: Radfahrer und Fußgänger werden auf den selben Straßenteil gezwungen, sollen die selben Ampeln beachten und wenn es mal enger wird, dann sollen Radfahrer absteigen und sich wie Fußgänger verhalten. In Deutschland gilt das Fahrrad nicht als Verkehrsmittel, sondern allenfalls als Freizeitgerät. Ein wahrlich unausschöpfliches Thema, über das sich stundenlang diskutieren ließe — oder man holt eben Peter Ramsauers Kampfradler raus, das macht mehr Laune, da kann man Stammtischwissen auf den Tisch hauen bis es nur so kracht.

Auf diesem Niveau geht es noch anderthalb Absätze weiter, dann werden die Rollen getauscht, aber leider nicht vorbehaltlos:

Wie anders aber stellt sich die Welt dar, wenn man selbst auf einem Fahrrad sitzt. Dann nämlich nimmt man sehr schnell für sich in Anspruch, die Lage zu überblicken und zu beherrschen.

Der Leser hat nun langsam kapiert, dass der Radfahrer der böse ist und sich nur in Sicherheit wähnt, tatsächlich aber alle drei Meter mit seinem Leben spielt und nur lebendig am Fahrtziel vom Sattel steigt, weil die Autofahrer trotz reihenweise platzender Kragen den schon in der Fahrschule verhassten Schulterblick praktizieren, obwohl der Hals schon ganz schön wundgescheuert ist von den vielen Schulterblicken und den ständig platzenden Kragen, eieiei. Die armen Autofahrer, die können einem richtig leid tun.

Zum Schluss verrät uns der Autor noch ein paar Weisheiten:

Bis auf Weiteres hilft nur der Appell: Nehmt Rücksicht! Und zwar auch im eigenen Interesse. Denn wer gegen Regeln verstößt, darf im Nachhinein nicht auf Mitleid hoffen.

Ja, ihr schlimmen Kampfradler, nehmt Rücksicht auf die armen Autofahrer, die euretwegen beim Abbiegen den furchtbaren Schulterblick praktizieren müssen!

Obwohl man es nicht erkennt, ist das ganze eine Vorschau für Peter Hahnes Sendung, die heute um 12.58 Uhr im Zweiten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. Anhand der Vorschau kann man sich denken, dass die halbe Stunde mit anderen Aktivitäten sinnvoller gestaltet wird.

Ein Gedanke zu „Peter Hahne: Der natürliche Feind des Radfahrers“

  1. Toller Artikel, danke dafür! Und für die anderen bereits von mir gelesenen Artikel.
    Du sprichst (vermutlich nicht nur) mir aus der Seele.
    Sichere Fahrt!

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