Ohne Helm jetzt tot

Die Badische Zeitung sprach mit Thomas Zipfel über Fahrradhelme und Fahrradhelmpflichten. Und das resultierende Interview ist sicherlich diskussionswürdig, denn schon die Überschrift lautet recht eindeutig: „Ohne Helm wäre ich nicht mehr“

Vor wenigen Tagen kam aus der Landeshauptstadt die Meldung, dass Verkehrsminister Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen) ein Gutachten zu einer möglichen Helmpflicht für Radfahrer auf den Weg bringen will. BZ-Mitarbeiter Gerhard Lück sprach über das Thema Helmpflicht mit Thomas Zipfel aus Kirchzarten, einem sportlichen Allrounder mit Erfahrungen sowohl im Skilanglauf als auch im Mountainbike- und Rennradsport.

Es ist eigentlich eines dieser Interviews, die man als Alltagsradler gar nicht lesen will, weil man ja eh schon weiß, was drinsteht. Okay, auf los geht’s los:

BZ: Das Land Baden-Württemberg will ein Gutachten in Auftrag geben, um zu prüfen, wie gut ein Helm bei Fahrradunfällen schützt. Steht die Antwort auf diese Frage nicht schon fest?

Zipfel: Ja, auf jeden Fall. Diese Gutachterkosten könnten sie sich eigentlich sparen. Es ist eindeutig erwiesen, dass der Fahrradhelm schützt und bei Unfällen lebensnotwendig ist.

Schon die Frage ist ja jetzt nicht gerade der Eisbrecher für eine ausdifferenzierte Antwort. Dazu später noch mehr im Zusammenhang mit dem Stichwort „Vernunft“. Aber von Eindeutigkeit bei der Wirksamkeit von Fahrradhelmen kann nun wirklich keine Rede sein. Und auch wenn man sich denken kann, woraus Zipfel hinaus will, stimmt das mit der Lebensnotwendigkeit nun auch nur bedingt. Überraschend viele Fahrrad-Unfälle laufen relativ glimpflich ab, da geht der Radfahrer noch nicht einmal zu Boden oder der Kopf berührt nicht den Asphalt oder den Unfallgegner. Den Zusammenhang zwischen Unfällen und dem angeblich lebensnotwendigen Tragen eines Helmes herzustellen, lässt das Radfahren wiederum deutlich gefährlicher aussehen als es in Wirklichkeit ist.

BZ: Die Gutachter sollen auch herausfinden, ob eine Helmpflicht dazu führt, dass weniger Menschen mit dem Rad fahren. Was vermuten Sie als Gutachterergebnis?

Zipfel: Radfahren ist eine gute Sache, um seine Gesundheit zu erhalten und sich sportlich zu betätigen. Wir leben in einer tollen Landschaft, die sich fürs Radfahren anbietet. Ich meine, Radfahrer fahren nicht Rad, weil sie keinen Helm tragen müssen, sondern weil sie Sport in der Natur betreiben möchten oder sich umweltfreundlich vorwärts bewegen wollen.

Wenn doch beim Radfahren das Radfahren im Vordergrund steht und der Helm gar nicht weiter stört, müsste Zipfel die Frage beantworten, warum denn trotzdem verhältnismäßig wenig Radfahrer mit Kopfschutz auf den Sattel steigen. Irgendeinen Haken an der Sache muss es ja geben — und jener Haken könnte später die Ursache für einen Rückgang des Radverkehrsanteils nach der Einführung einer Helmpflicht sein. Auch wenn die Untersuchungen aus anderen Ländern nicht immer eindeutig sein mögen, so lässt sich doch gerade im so genannten Autoland Deutschland vermuten, dass eine Helmpflicht dem Radverkehrsanteil nicht gerade gut tun wird.

BZ: Die SPD im Ländle kritisiert die Grünen, weil sie es mit der Reglementierung zu weit treibt. Dabei geht es doch um Menschenleben.

Zipfel: Nun, ich bin auch gegen Reglementierung. Es muss jeder selbst wissen, dass ihn ein Helm schützt, wenn er bei Unfällen großen Gefahren ausgeliefert ist. Deshalb wünsche ich keine Helmpflicht per Gesetz, sondern appelliere an die eigene Vernunft. Und außerdem: Wer soll all das, was irgendwo verordnet wird, denn noch kontrollieren?

Dabei geht es doch um Menschenleben! Und überhaupt, denkt denn niemand an die Kinder?!? Spätestens an dieser Stelle ist zu erkennen, dass sich die Badische Zeitung und Zipfel zum Großteil einig über das Thema der Helmpflicht sind. Man sollte meinen, dass in einem Interview, das dem Leser einen gewissen Mehrwert bieten soll, schon ein bisschen kritischer nachgefragt wird. Man kann die Frage natürlich auch um hundertachtzig Grad drehen und andersherum die Argumentation mit den Menschenleben der SPD aus dem Ländle zurechnen, aber so wie es da steht, macht der hintendran geklatschte Satz eher den Eindruck als handle es sich um die Meinung des Redakteurs.

Zipfels Argumentation entspricht dabei dem Konzept des freiwilligen Zwangs, das der ehemalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer perfektioniert hatte: Wenn die Helm-Tragequote nicht binnen eines festgelegten Zeitraumes auf mindestens fünfzig Prozent steigt, müssten die Köpfe der Radfahrer mit einer gesetzlichen Helmpflicht geschützt werden.

Mit der Vernunft ist das bei diesem Thema leider so eine Sache: Ja, sicherlich darf man wohl davon ausgehen, dass ein Fahrradhelm insgesamt mehr nützt als schadet. Trotzdem ist dieses Bild, das in den Medien gerne gezeichnet werden, laut dem man beim unbehelmten Radfahren früher oder später qualvoll unter einem Lastkraftwagen endet, mindestens ein bisschen übertrieben: So unappetitlich endet nicht einmal annähernd ein wesentlicher Teil der Radtouren.

Ja, Fahrradhelme können schützen. Beispielsweise bei kleineren Zusammenstößen, vor allem bei Kindern, die ohne rechten Grund einfach seitwärts vom Rad kippen, oder beinahe schon kuriosen Zwischenfällen: Der Autor dieses Weblogs wurde im Herbst dieses Jahres von einem herunterfallenden Apfel getroffen, der ohne Helm sicherlich nicht einmal eine Beule verursacht hätte, aufgrund der Schmerzen und des Schreckens aber sicherlich für einen Moment die Aufmerksamkeit von der Straße abgelenkt hätte, was wiederum indirekt in einen Unfall hätte enden können. Und bei der Oktober-Tour der Critical Mass Hamburg rutschten zwei Teilnehmer nach einem aus Unachtsamkeit verursachten Zusammenstoß auf einer Brücke noch mehrere Meter weit mit dem Kopf voran über den Asphalt das Gefälle herab: Auch vor solchen Verletzungen hätte ein Helm geschützt, wenngleich er den eigentlichen Sturz weder verhindert noch vermindert hätte.

Um solche „kleinen“ Unfälle und die damit einhergehenden Auswirkungen geht es in der Pro-Helmpflicht-Argumentation aber gar nicht. Dort müssen als Beispiel immer besonders drastische Unfälle herhalten, die zum Glück relativ unwahrscheinlich sind. Wenn ein Radfahrer auf einer Landstraße von einem Kraftfahrzeug bei vollem Galopp auf die Hörner genommen wird, dürfte die Schutzwirkung eines Fahrradhelmes in etwa vergleichbar sein mit jener, die beim Überfahren eines helmgeschützten Kopfes von einem Lastkraftwagen gegeben ist. Und wenn man erst einmal mit knapp dreißig Kilometern pro Stunde gegen ein aus einer Ausfahrt direkt auf den Radweg stoßendes Kraftfahrzeug prallt, dürfte die Schutzwirkung auch eher gering sein, zumal bei solchen Unfällen auch die Möglichkeit gegeben ist, dass der Kopf mit dem ungeschützten Gesicht zuerst auf den harten Metallkäfig aufschlägt und der Fahrradhelm bei der Beschleunigung des Gehirns überhaupt nicht regelnd eingreifen kann.

Zwischen der Kollision mit einem Apfel und der Kollision mit einem stehenden Kraftfahrzeug gibt es natürlich noch viele weitere Unfallszenarien, bei denen ein Helm eventuell schützt, eventuell aber nicht. Auch wenn die Polizei in ihren Unfallberichten gerne den fehlenden Helm bemängelt, heißt das noch lange nicht, dass der Radfahrer mit Helm überhaupt gar keine Verletzungen erlitten hätte oder andersherum ein behelmter Radfahrer ohne Helm auf jeden Fall gestorben wäre. So einfach laufen Unfälle nunmal nicht ab und so simpel ist der menschliche Körper auch gar nicht entworfen, als dass sich solche Grundsätze formulieren ließen.

Im Endeffekt könnte ein verständiger Mensch auf die Idee kommen, dass ein Fahrradhelm womöglich schützt, aber man auch ohne recht akzeptable Überlebenschancen hat — und aus dem gleichen Grunde, und jetzt kommt wieder der eigentlich recht unsinnige Vergleich heraus, trägt auch niemand beim Fensterputzen oder beim Treppensteigen einen Sturzhelm.

BZ: Bekommt die Helmpflicht durch die Zunahme der E-Bike-Fahrer eine zusätzliche Dimension?

Zipfel: Aber sicher. E-Bike-Fahrer sind meistens ältere Leute, die oft überrascht sind, wenn sie mit der möglichen höheren Geschwindigkeit in eine kritische Situation kommen. Sie reagieren dann falsch und kommen in eine Situation, die das Tragen eines Helms unbedingt erfordert.

Sicher: Die mit elektrisch unterstützten Rädern erreichbaren Geschwindigkeiten sind nicht jedermanns Sache. Wer zuvor mit eher gemächlichen zehn bis 15 Kilometern pro Stunde durch die Gegend gerollt ist, wird sicherlich überrascht sein, wie sich der Bremsweg bei 25 Kilometern pro Stunde verlängert und wie sich im Allgemeinen das Fahrverhalten ändert. Das muss man auch trainieren oder sich wenigstens daran gewöhnen.

Ob dadurch automatisch Situationen folgen, in denen das Tragen eines Helmes unbedingt erforderlich ist, sei mal dahingestellt. Es gibt nicht wenige Aufsätze im Internet, die bei Unfällen mit dieser Geschwindigkeit den Schutzeffekt eines Fahrradhelmes als relativ gering berechnet haben. Das lässt sich natürlich auch von der anderen Seite aus argumentieren: Wer sich mit im Zweifelsfall tödlicher Geschwindkeitkeit bewegt, sollte einen Helm dazu tragen, um wenigstens eine gewisse Überlebenschance zu haben.

BZ: Wie ist Ihre persönliche Erfahrung mit dem Tragen eines Fahrradhelmes?

Zipfel: Ohne Helm wäre ich nicht mehr hier, könnte das Interview mit Ihnen nicht mehr führen. Bei einem Mountainbikerennen fuhr ein anderer Fahrer von hinten in mich hinein, und es kam zu einem schweren Sturz, den ich nicht verschuldet hatte. Der Helm war dreifach gebrochen, außerdem vier Rippen – aber mein Kopf war unverletzt. Der Arzt im Krankenhaus bestätigte mir, dass ich ohne Helm nicht mehr leben würde. Ich hatte noch eine weitere wichtige Erfahrung bei einem Unfall mit geringer Geschwindigkeit. Die hat mir gezeigt, wie wichtig auch das Tragen eines Helms in der Stadt ist. Wir Biker haben im Gegensatz zum Auto keine Knautschzone.

Es wurde hier im Blog schon mehrfach erwähnt, dass eigentlich weder Ärzte noch Polizisten hinreichend qualifiziert sind, um beurteilen zu können, ein Unfall wäre mit oder ohne Helm schlimmer oder weniger schlimm verlaufen.

Natürlich neigt man nach einem Unfall mit Helm zur Feststellung, man wäre wohl ohne Helm jetzt tot — eben das liest man ja auch hinreichend häufig in den Unfallberichten der Polizei. Nun kann man allerdings kaum in Abrede stellen, dass Zipfel wohl tatsächlich an einem etwas schweren Unfall beteiligt war, bei dem der Helm wohl durchaus seine Berechtigung hatte. Ob er ohne Helm das Interview nicht führen könnte, weil er tot oder schwerbehindert wäre, sei mal dahingestellt.

BZ: Sie sind auch im Mountainbikeverein SV Kirchzarten engagiert. Für Ihre vielen aktiven Radler ist das Thema Helmpflicht kein Thema, oder?

Zipfel: Nein, es ist vorbildlich, wie das beim SV Kirchzarten gehandhabt wird. Schon ganz früh werden die Kinder dort ans Tragen eines Helms herangeführt. Übrigens: Mit Helm Rad fahren, sieht gut aus, ist cool. Wer ohne fährt, ist für mich Laie. Und bei Bikewettkämpfen ist das Tragen eines Helms immer vorgeschrieben. Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen.

Ein Wettkampf ist nun auch nicht unbedingt vergleichbar mit dem Radfahren in der Stadt. Es soll gar nicht in Abrede gestellt werden, dass es auch in der Stadt ungemütlich werden kann, gerade angesichts des von den Medien immer wieder beschworenen Krieges auf der Straße, aber ein Wettkampf, und sei es ein bloßes Einzelzeitfahren, ist nun doch noch eine andere Hausnummer. Auch bei Autorennen wird, obwohl das Fahrzeug speziell mit zusätzlichen Schutzfunktionen hergerichtet wird, häufig ein Helm getragen, ohne dass auch nur irgendjemand auf die Idee käme, einen Vergleich zum alltäglichen Autofahren zu konstruieren.

Und diese Phrase „Mit Helm Rad fahren, sieht gut aus, ist cool“ mag sich ja gut in der Argumentation machen, aber das sehen insbesondere Schulkinder, obwohl ihnen immer wieder das Gegenteil beteuert wird, etwas anders. Ob deren jugendliche Einschätzung der Qualität eines Fahrradhelmes nun unbedingt auf objektiven Beurteilungen fußt, sei mal in Frage gestellt.

3 Gedanken zu „Ohne Helm jetzt tot“

  1. Radsportler wie dieser Zipfel taugen nicht als Vorbild für Alltagsfahrer. Genauso wenig wie Motorsportler ein geeignetes Vorbild für gewöhnliche Autofahrer sind. Das sind Protagonisten des allgemeinen Geschwindigkeits- und Konkurrenzwahns, der sich auf die Verkehrskultur ganz überwiegend negativ auswirkt. Wenn nun so einer daherkommt und meint, andere Vernunft lehren zu müssen, soll er sich erst einmal an die eigene Nase fassen. Denn selbstverständlich ist ein Risikosportler, der MTB-Rennen fährt, viel unvernünftiger und weniger sicherheitsbewusst als jeder beliebige und unbehelmte Alltagsfahrer. Nun will ich jetzt nicht noch damit kommen, dass die Kosten durch risikobedingte Sportverletzungen letztendlich wieder von der Solidargemeinschaft zu zahlen sind. Lassen wir den Risikosportlern doch die Freiheit zur Unvernunft. Solange sie die Schnauze halten und Otto Normalfahrer nicht ihrerseits der Unvernunft bezichtigen, soll mir das egal sein.

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