Niemand versteht Bettelampeln

So genannte Bettelampeln sind eine äußerst schräge Sache. Gemeint sind hierbei nicht reine Fußgängerampeln mit Tastenanforderung, die einfach nur abseits einer Kreuzung quer über die Fahrbahn führen, sondern in die Signalisierung einer Kreuzung integrierte Ampeln für den Fußgänger- und Radverkehr. Das hat mitunter äußerst lästige Auswirkungen: während Kraftfahrzeuge vom programmierten Umlauf der Lichtzeichenanlage berücksichtigt werden oder wenigstens mit einer Induktionsschleife ihr Signal anfordern können, müssen Fußgänger und Radfahrer einen so genannten Bettelknopf drücken. Verkauft wurde diese Maßnahme den nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmern als eine Art Beschleunigung, die Ampel schaltete angeblich früher um, sobald die Taste gedrückt würde. Tatsächlich macht es sich die Lichtzeichenanlage viel einfacher: nur wenn die Taste gedrückt wurde, finden nicht-motorisierte Verkehrsteilnehmer im nächsten Umlauf Berücksichtigung. Das kann ganz komische Auswirkungen haben, denn mitunter muss so eine Taste schon sehr viel früher gedrückt werden, bevor der nächste Umlauf ansteht, ansonsten bleibt die Fußgängerampel rot und der Tastendrücker darf einen weiteren Umlauf von teilweise mehreren Minuten vor der roten Ampel warten. Das ist sowohl für den Rad- als auch für den Fußgängerverkehr äußerst lästig: während Autofahrer wie gewohnt nach mehr oder weniger kurzer Zeit ihre grüne Ampel bekommen, müssen Fußgänger und Radfahrer ihr Signal an jeder Anlage neu anfordern und werden damit deutlich ausgebremst — und zwar deutlich länger, sobald es nicht nach rechts geht, sondern geradeaus oder gar nach links.

Die Sache wäre aber nur halb so spektakulär, wenn nicht auch hier ein Sicherheitsrisiko versteckt wäre. Autofahrer neigen dazu, sich die Signalisierung der Fußgänger- und Fahrradfurten zu merken. Steht jeden morgen deren Signalgeber auf rot, weil kein Fußgänger oder Radfahrer die Taste gedrückt hat, biegen Autofahrer nach einer Weile relativ sorglos ab. Fordert sich dann doch ein Fußgänger oder ein Radfahrer ein grünes Signal an, so wird er mitunter ganz ungerührt über den Haufen gefahren: schließlich kam dort gestern und letzte Woche und das ganze Jahr lang noch niemand und die Ampel war doch immer rot, wird der Kraftfahrzeugführer anschließend beteuern. Solche Zusammenhänge begreift allerdings niemand, stattdessen betreiben die Verantwortlichen so genanntes Victim Blaming und suchen die Schuld beim Radfahrer, dessen Beleuchtung angeblich nicht funktioniert haben soll — bei einem Unfall bei Tageslicht.

Ändern solle sich an solchen Regelungen offenbar nichts, denn verfahren wird weiterhin nach dem Motto: „Das haben wir schon immer so gemacht, das ändern wir jetzt nicht, das funktioniert, wenn die Radfahrer und Fußgänger ein bisschen aufpassen“. Und Geduld, die müssen Radfahrer und Fußgänger wohl auch mitbringen. Hinter der möglicherweise fehlenden Geduld mag allerdings auch ein Grund für die Rotlichtverstöße von Radfahrern und Fußgängern stecken: wer auf einem Weg von wenigen Kilometern die Hälfte der Zeit an Lichtzeichenanlagen verbringt, die nicht-motorisierte Verkehrsteilnehmer grob benachteiligen, latscht oder fährt spätestens am dritten Tage bei rotem Licht über die Fahrbahn.

Der ADFC will das schon seit längerer Zeit ändern, so richtig fruchten die Bemühungen allerdings auch außerhalb von Hamburg nicht. Mitunter werden Änderungen angedacht, dann aber wieder gleich verworfen, weil Benachteiligungen für den Kraftfahrzeugverkehr befürchtet werden.

Wie der normale Verkehrsteilnehmer denkt, lässt sich in den Kommentaren zu folgendem Artikel nachlesen: Hamburg: Streit um „Bettelampeln“

Wie in den meisten anderen deutschen Großstädten gibt es auch in Hamburg seit geraumer Zeit so genannte „Bedarfsampeln“. Bei ihnen wechselt das Signal nicht nach einem Zeitplan oder auf Signale von Induktionsschleifen hin, sondern erst dann, wenn ein Fußgänger oder ein Radfahrer einen am Ampelmasten befestigten Taster drückt.

Die meisten Kommentatoren haben offensichtlich noch nicht einmal begriffen, was eigentlich eine im Artikel kritisierte Bettelampel ist. Es geht nämlich eben nicht um die üblichen Querungsampeln für Fußgänger, sondern um große Kreuzungen mit tatsächlichen Benachteiligungen für den Radverkehr. Die Problematik lässt sich kaum beschönigen, schon gar nicht mit den üblichen Argumenten, der Radfahrer könne häufiger als der Autofahrer anfahren, weil letzterer mehr Kraftstoff verbrauche. Für ihre Linux-gegen-Windows-Diskussionen sind die Heise-Foren berüchtigt, aber es war bislang unbekannt, dass sich dort sogar in den Fahrradthemen die Trolle herumschlagen. Tatsächlich ist das Thema in der Öffentlichkeit größtenteils unbekannt: es war eben schon immer so und es funktioniert, wenn die Radfahrer ein bisschen aufpassen, warum sollte sich daran etwas ändern?

Zum Schluss noch ein kleines Video:

Geradeaus wird drei Mal gebettelt (oder gar ein viertes Mal, wenn man sich nicht rasch über die Fahrbahn rettet), nach links sind es sogar fünf Anforderungen: Radverkehrsförderung im dritten Jahrtausend.

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