Münchner Radwege sind sicher

Radwege sind sicher — das glauben immer noch viele Verkehrsteilnehmer und außerdem behauptet das die Polizei und die muss das ja wissen. Vor allem müsste sie es besser wissen: Radwege sind keinesfalls so sicher, wie überall behauptet wird, und längst nicht der Schlüssel zu einer fahrradfreundlichen und attraktiven Stadt.

Vor knapp einer Woche wurde ein 58-jähriger Fahrradfahrer in München von einem überholenden Lastkraftwagen erfasst worden. Daraufhin schreibt die Münchener Polizei in ihrem Pressebericht: 1784. Münchner Polizei rät Radfahrern, vorhandene Radwege zu nutzen

Dort heißt es dann:

(…) Auch wenn der Lkw-Fahrer hier den Unfall verursacht hat, wäre der Unfall unter Umständen auch vermeidbar gewesen. Parallel zur Fahrbahn verlief ein gekennzeichneter Radweg, welchen der Radfahrer nicht benutzt hatte. (…)

Der Unfall wäre sicherlich auch vermeidbar gewesen, hätte der Lastkraftwagenfahrer größere Vorsicht beim Überholen walten lassen. Freilich ist das Lenken eines solch großen Fahrzeuges in einer Großstadt kein Vergnügen, entbindet aber sicherlich nicht von den üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Tatsächlich dürfte das Risiko, auf der Fahrbahn von einem anderen Fahrzeug erfasst zu werden sehr viel geringer sein als auf dem parallelen Radweg an der nächsten Kreuzung mit ebenjenem Rechtsabbiegendem Fahrzeug zu kollidieren; auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Anteile des Radverkehrs auf Fahrbahn und Radweg.

Dem Radfahrer obliegt es nicht, eigenständig zu bewerten, ob die Anordnung der Beschilderung eines Radweges rechtmäßig ist oder nicht. Die Radwegebenutzungspflicht bleibt in diesen Fällen bestehen.

Tatsächlich obliegt es dem Radfahrer nicht, die Anordnung hier und jetzt auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen. Es obliegt dem Radfahrer aber sehr wohl zu überprüfen, ob er die Benutzungspflicht überhaupt wahrnehmen kann oder ob gar die „üblichen Verdächtigen“ in Form von Baustellen, Mülltonnen oder parkenden Autos den Radweg versperren. Und schließlich gibt es noch genügend der aufgezählten Verkehrsschilder, die seit Jahrzehnten vergessen an der Straße herumstehen, bei denen teilweise eine Beachtung der Benutzungspflicht schwierig bis unmöglich ist, weil die dazugehörigen Sonderwege mittlerweile womöglich nicht mehr existieren.

Die Münchner Verkehrspolizei empfiehlt jedoch allen Radfahrern selbst bei der Aufhebung der Benutzungspflicht bestimmter Radwege, die „unbeschilderten“ Radwege dennoch zu benutzen. Radfahrer zählen neben den Fußgängern zu den am meisten gefährdeten Verkehrsteilnehmern auf Deutschlands Straßen. Gerade der einleitend beschriebene Unfall zeigt, dass Radwege, egal ob die Benutzungspflicht vorgeschrieben ist oder nicht, grundsätzlich mehr Schutz bieten als der Straßenraum des motorisierten Verkehrs.

„Grundsätzlich mehr Schutz“ dürfte eine sehr optimistische Formulierung angesichts der Verhältnisse im Straßenverkehr sein. „Grundsätzlich“ ist die Fahrbahn für einen Radfahrer die richtige Wahl, wenngleich es tatsächlich Stellen gibt, an denen ein Aufenthalt auf der Fahrbahn nicht zu empfehlen ist. Theoretisch müsste die Straßenverkehrsbehörde an derartigen Stellen zunächst ein reduziertes Tempolimit installieren, bevor eine Radwegbenutzungspflicht erwirkt wird.

Und die Fahrbahn wäre ein wirklich sicherer Straßenteil für Radfahrer, wenn die motorisierten Verkehrsteilnehmer von Selbstjustiz Abstand nähmen. Noch immer ist die Ansicht verbreitet, Radfahrer müssten auf jeden Fall einen vorhandenen Radweg benutzen und noch immer fällt es manchem Verkehrsteilnehmer schwer, die einzelnen Straßenteile korrekt zu benennen. So wurden schon mehrmals Radfahrer genötigt, bedroht oder gar verprügelt, weil sie nicht auf dem Gehweg fuhren, den ein vorbeikommender Autofahrer versehentlich für einen Radweg hielt. Die Gefährdung auf der Fahrbahn entsteht in der Regel erst, wenn aus Ungeduld, Unwissenheit oder ebenjener Selbstjustiz eng überholt oder gar anschließend geschnitten wird.

Das Spektrum der Gefahren auf dem parallel verlaufenden Radweg ist jedoch ungleich breiter und beginnt bereits mit den ungenügenden baulichen Vorraussetzungen: der Radweg ist in der Regel zu schmal und die Oberfläche vom Zahn der Zeit zerstört. Fußgänger treten plötzlich auf den Radweg, der Radweg senkt sich an jeder Auffahrt ab, führt an Wurzelaufbrüchen vorbei und wird an jeder Kreuzung verschwenkt, womit mögliche Sichtbeziehungen zum Fahrbahnverkehr zerstört werden. Der Radweg wird nicht vom Schnee geräumt, vom Laub oder Sand befreit, von Geisterradlern, Mülltonnen und parkenden Autos freigehalten, er wird nicht einmal instandgesetzt, wenn die Fahrbahn nebenan repariert wird. Dann gibt’s Fahrzeugführer, die plötzlich mit ihrem Auto aus der Ausfahrt hervorstoßen oder die Vorfahrt an der nächsten Kreuzung nicht beachten und beim Aussteigen die Beifahrertür unachtsam öffnen. Es ist ganz utopisch anzunehmen, dass es in der Hamburger Innenstadt auch nur einen einzigen Radweg gäbe, auf dem Radfahrer sicherer unterwegs sein könnten als auf der Fahrbahn. Die besten Beispiele sind sicherlich der berühmte Design-Radweg am Jungfernstieg, der vor lauter Fußgängern und Außengastronomie kaum erkennbar ist.

Es ist eben nur ein Radweg und Radverkehr wird in Deutschland leider immer noch nicht ernstgenommen.

7 Gedanken zu „Münchner Radwege sind sicher“

  1. Die Polizei Bayern fordert also den Bürger auf sich in Lebensgefahr zu begeben? Das ist aber schon ein starkes Stück für eine Behörde die dem Innenministerium in Bayern untersteht.

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