München erklärt Radverkehrsregeln

Erinnert sich noch jemand an die Münchner Polizei, die auch das Beradeln nicht-benutzungspflichtiger Radwege empfahl, weil ein jeder Radweg sicherer als die Fahrbahn sei? Nun gibt es einen achtseitigen Flyer, unter anderem herausgegeben vom Polizeipräsidium München: Entspannt mobil — sicher unterwegs

Es gibt sogar einen Abschnitt „Welche Ampel gilt für mich?“ — da hat man sich ja was getraut. Die dargestellten Regeln sind nicht nur unvollständig, sondern auch falsch und überdies in knapp einem Monat schon veraltet. Klar kann man nicht die vollständige Tabelle abdrucken, die schon viel zu groß für einen solchen Flyer wäre, doch Sätze wie „Grundsätzlich gelten für den Radverkehr dieselben Lichtsignale wie für den Autoverkehr“ sind Unfug, gerade in einer Stadt mit aberhunderten Kilometern Fahrradwegen, gleich darauf heißt es: „Nur wenn keine besonderen Lichtzeichen für Radfahrer vorhan- den sind, erfolgt eine gemeinsame Signalisierung mit dem Fußverkehr.“ Und was ist nun mit der Fahrbahnampel? Und die Erklärungen mit einem Bild zu illustrieren, auf dem eine Radfahrerin offenbar einem unachtsam abbiegenden Autofahrer ausweichen muss, während sich gleich dahinter schon der nächste Lastkraftwagen nähert, darf wohl getrost als unglücklich bezeichnet werden.

Der Abschnitt zur Benutzungspflicht ist zwar grundsätzlich nicht verkehrt, allerdings bleibt es vermutlich für den normalen Radfahrer ein Rätsel, warum denn nicht jeder Radweg nicht benutzt werden muss. Die übliche Argumentation mit Sicherheitsbedenken und ähnlichem Argumenten findet sich erst in den häufig gestellten Fragen: „Wussten Sie schon, dass Radfahrer auf der Fahrbahn oft sicherer fahren, weil die Autofahrer sie dort am Besten sehen können?“ In die ganze Sache grätscht dann noch der Auszug aus dem Bußgeldkatalog, der sehr schwammig 15 Euro für „Nicht den vorhandenen, beschilderten Radweg oder Radfahrstreifen benutzt“ haben möchte. Das lässt sich auch lesen als „Nicht den vorhandenen Radweg, den beschilderten Radweg oder den Radfahrstreifen benutzt“.

Naja, und wozu man überhaupt in so einem Flyer einen Bußgeldkatalog braucht, bleibt ja auch ein Rätsel. Da soll doch eigentlich den Radfahrern näher gebracht werden, wie es richtig geht, und nicht, oh, so viel kostet’s, wenn ihr es verkackt.

7 Gedanken zu „München erklärt Radverkehrsregeln“

  1. „Grundsätzlich gelten für den Radverkehr dieselben Lichtsignale wie für den Autoverkehr“

    Hach, das ist herrliches Juristendeutsch… Besonders das Wort „Grundsätzlich“ wird von Juristen etwas anders benutzt. Tatsächlich liest ein Jurist diesen Satz in die deutsche Stansardsprach etwa so:

    „Zunächst gelten für Radfahrer die selben Ampeln wie für die Autos. Es gibt jedoch Ausnahmen.“

    Ärgerlich ist hier also eher, dass die Polente hier keinen Übersetzer rangelassen hat, der die Texte nochmal für Normalbürger herunterbricht.

    1. Das mit dem Übersetzer ist ein wenig gemein, da sie durchaus für die Broschüre eine Kommunikationsagentur mit im Boot haben und den Versuch gemacht haben, das ganze möglichst verständlich zu machen… (und nochmal der disclaimer, ich arbeite nicht bei der Stadt München und habe auch sonst nicht wirklich was damit zu tun, nicht, dass ich hier als interessierte Partei erscheine.)

  2. Hmm, Deine ziemlich kritische Reaktion kann ich nicht wirklich nachvollziehen (und nein, ich arbeite nicht bei der Stadt München).

    Ich finde, der flyer ist ein unglaublicher Fortschritt gegenüber dem, was die Münchner Polizei bisher so erzählt hat.

    Zu den Ampelregelungen: Ich habe das konditional gelesen, und so ist es denke ich auch gemeint, und dann halte ich es nicht für falsch. Aber anscheinend ist es nicht so klar, wie ich dachte. Also im folgenden Sinne: Grundsätzlich gilt die Autoampel, aber wenn man auf der Radverkehrsanlage ist, dann gibt es Ausnahmen: Dann gilt die Radampel, und wenn es keine reine Radampel gibt, dann gilt die Signalisierung zusammen mit dem Fußgängerverkehr mit einer gemischten Streuscheibe – wohlgemerkt, ich habe das so verstanden, dass sich beide Fälle auf RVA beziehen, und so ist es wohl auch gemeint. Wenn ich auch nach Deinen Anmerkungen sehe, dass man das anders verstehen kann.

    Ich verstehe auch nicht, warum Du meinst, die Regeln seien in einem Monat schon veraltet. Es heisst ja ausdrücklich „Signalisierung zusammen mit dem Fußgängerverkehr“, nicht „Signalisierung mit einer Fußgängerampel“, d.h. hier geht es um die gemischten Streuscheiben, und die bleiben doch zweifelsohne gültig, da sie „besondere Lichtzeichen für den Radverkehr“ sind. „Signalisierung zusammen mit dem Fußgängerverkehr“ heisst ja erst einmal nicht anderes, als dass die Grünphasen die gleichen sind.

    Und die Illustration mit dem Bild *mit spezifischem Fehlverhalten des Autofahrers, das direkt darüber angesprochen wird*, finde ich super. Die Zeile über dem Bild ist doch „Autofahrer müssen also auch bei rotem Signal für den Fußverkehr noch mit Radfahrern rechnen!“ – und genau das ist darunter gezeigt, ein Autofahrer, der genau dadurch eine gefährliche Situation herbeigeführt hat! Das ist doch gewollt, und nicht „unglücklich“. Bin ich da zu sehr sensibilisert, oder ist das wirklich so unklar? Ich finde, das illustriert doch ideal eine Situation, bei der vielen Autofahrern nicht klar ist, dass sie etwas falsch machen, und genau das können sie hier lernen!

    Dass nicht bei der Radwegbenutzungspflicht sofort steht, was das Problem bei Radwegen ist, halte ich auch für absolut verschmerzbar, schliesslich sollen hier die Regeln dargestellt werden, nicht die Philosophie von Radstreifen oder dem Verzicht auf eine Benutzungspflicht. Immerhin taucht es überhaupt auf dem Flyer auf.

    Und eine so vorsichtig formulierte Empfehlung von Helmen („Wussten Sie schon, dass ein richtig sitzender Fahrradhelm bei Stürzen helfen kann, schwere Kopfverletzungen zu verhindern?“) habe ich von der Münchner Polizei bisher noch nie gehört – in der Form kann man das ja fast unterschreiben (klar, bei Stürzen *kann* ein Helm sicherlich in bestimmten Situationen helfen).

    Vor allem aber muss man vielleicht noch einmal sagen, warum da ein Bussgeldkatalog drauf ist und wozu das Ding dienen soll – eine ausführliche Broschüre der Stadt München zu den Radverkehrsregeln gibt es nämlich schon lange.

    Dieser flyer wird von der Polizei und dem Ordnungsamt bei Kontrollaktionen verteilt, deshalb auch der Bussgeldkatalog.
    Und nochmal: Im Vergleich zu dem, was man hier bisher von der Polizei gehört hat, ist das echt ein meilenweiter Schritt nach vorn!

    1. Ich verstehe auch nicht, warum Du meinst, die Regeln seien in einem Monat schon veraltet. Es heisst ja ausdrücklich “Signalisierung zusammen mit dem Fußgängerverkehr”, nicht “Signalisierung mit einer Fußgängerampel”, d.h. hier geht es um die gemischten Streuscheiben, und die bleiben doch zweifelsohne gültig, da sie “besondere Lichtzeichen für den Radverkehr” sind. “Signalisierung zusammen mit dem Fußgängerverkehr” heisst ja erst einmal nicht anderes, als dass die Grünphasen die gleichen sind.

      Okay, das ergibt dann auch einen Sinn, das hatte ich anders aufgefasst. Für mich klang das so, als sollten tatsächlich die Fußgänger-Signalgeber weiter gelten und das hätte sich ja Anfang September geändert.

      Bin ich da zu sehr sensibilisert, oder ist das wirklich so unklar? Ich finde, das illustriert doch ideal eine Situation, bei der vielen Autofahrern nicht klar ist, dass sie etwas falsch machen, und genau das können sie hier lernen!

      Vielleicht bin ich da auch andersherum zu sensibilisiert, weil ich erst vor kurzem mit so genannten „Angstradlern“ zu tun hatte. Aber wenn ich zum Beispiel zu der angesprochenen Zielgruppe gehörte und diesen Flyer mit just jenem Bild sähe, naja, ich fände das nicht so toll. Da wird erst was vom sicheren Radweg erzählt und als Illustration greift man just zu einem Foto, das eine potenziell immerhin lebensgefährliche Situation aufzeigt. Jenen „Angstradlern“ wollte ich eigentlcih erklären, warum es denn auf der Fahrbahn sicherer sei als auf dem Radweg, aber als ich dummerweise ein Foto gewählt hatte, auf dem ein Radfahrer von einem Lastkraftwagen überholt wurde, da war die Sache ja gegessen. Insofern kann ich mir vorstellen, dass gerade diese eine Abbildung dort ähnliches verursacht.

      Dass nicht bei der Radwegbenutzungspflicht sofort steht, was das Problem bei Radwegen ist, halte ich auch für absolut verschmerzbar, schliesslich sollen hier die Regeln dargestellt werden, nicht die Philosophie von Radstreifen oder dem Verzicht auf eine Benutzungspflicht. Immerhin taucht es überhaupt auf dem Flyer auf.

      Ja, schon, aber auch da finde ich, dass man dieses Thema eben weiter ausführen muss. Der normale Radfahrer stolpert doch allenfalls über die Formulierung, dass bestimmte Radwege benutzt werden müssen, der hält es doch für ein Privileg und ein Sicherheitsmerkmal, nicht zusammen mit den Kraftfahrzeugen auf der Fahrbahn fahren zu müssen. Wenn man wirklich diese unnötigen Unfälle beim Abbiegen vermeiden möchte, muss eben tatsächlich eingestanden werden, dass Radwege wenigstens innerorts nicht zwangsläufig sicher sind, ganz im Gegenteil. Und dementsprechend ist auch ein Radfahrer, der neben einem Radweg fährt, auch kein Verkehrshindernis, sondern eher regelkundig und auf seine Sicherheit bedacht. Aber das müssen nicht nur Radfahrer, sondern auch Autofahrer verstehen.

      1. Danke für Deine ausführliche Antwort.

        Gerade für die „Angstradler“ erscheint mir das Bild mit dem Rechtsabbieger ideal, da im Bild ja genau die Gefahren des Radwegs gezeigt werden. Es wird insoweit ja gerade *nicht* vom „sicheren Radweg“ erzählt. Ich würde also hoffen, dass das genau das Gegenteil bewirkt wie das Bild mit dem überholenden Lkw in Deinem Beispiel, dass also die Leute gegenüber der Gefahr sensibilisiert werden.

        Das Bild zur Benutzungspflicht zeigt doch zumindest Radfahrer sowohl auf dem Radweg, als auch auf der Fahrbahn… und das Bild der Hackerbrücke auf der Rückseite zeigt Radverkehr im Mischverkehr ganz ohne Radverkehrsanlage, und da geht es auch gut und da fährt viel Radverkehr….

        Ich gebe Dir recht, dass da noch ziemlich viel Aufklärungsbedarf besteht. Nur finde ich es unfair, das von diesem kleinen flyer zu verlangen. Dass die Polizei hier in München das überhaupt so mitträgt, ist meiner Meinung nach schon ein Riesenfortschritt. Ich zumindest habe vor, die Broschüre hier zu nutzen, wenn sich das ergibt und ich mal wieder auf der Fahrbahn angehupt werde.

        1. [quote]Gerade für die “Angstradler” erscheint mir das Bild mit dem Rechtsabbieger ideal, da im Bild ja genau die Gefahren des Radwegs gezeigt werden. Es wird insoweit ja gerade *nicht* vom “sicheren Radweg” erzählt. Ich würde also hoffen, dass das genau das Gegenteil bewirkt wie das Bild mit dem überholenden Lkw in Deinem Beispiel, dass also die Leute gegenüber der Gefahr sensibilisiert werden.[/quote]

          Leider werden die Leute ja überhaupt nicht sensibilisiert und fahren ja auch nach Ende der Benutzungspflicht weiter auf krummen Buckelpisten oder Gehwegen umher. Man sagt ja nicht umsonst, allenfalls zwei Prozent der Radfahrer nähmen anschließend das Recht wahr, auf der Fahrbahn zu kurbeln.

          Bei dem Thema greife ich immer als Beispiel meinen früheren Schulweg auf. Der führte etwa siebenhundert Meter lang durch eine relativ schwach befahrene Einkaufsstraße mit Radwegen links und rechts, die — ganz unüblich für meine Heimatstadt — nicht benutzungspflichtig waren. Trotzdem fuhren natürlich alle Radfahrer brav auf dem Radweg, natürlich in beide Richtungen, natürlich auch zu dritt nebeneinander unter Nutzung des Gehweges. Zwischendurch warteten dann Mülleimer, Laternenpfähle, Plakate, öffnende Autotüren, Fußgänger und ähnliche Hindernisse, natürlich passten die Autofahrer beim Abbiegen nicht auf und enge Ecken und parkende Autos taten ihr übrigens für die schlechten Sichtbedingungen. Will sagen: ich muss wohl schon froh sein, neun Jahre lang ohne einen einzigen Unfall dort verkehrt zu haben.

          Andere hatten nicht das Glück, zwar gab es wenigstens keine Toten oder Schwerverletzen, aber es kam doch relativ regelmäßig zu Unfällen, in der Regel mit öffenden Autotüren und abbiegenden Fahrzeugen. Tja. Und nun soll während einer Sanierung der Radweg gestrichen werden und Schutzstreifen auf der Fahrbahn angelegt werden. Schutzstreifen finde ich ja eigentlich nicht so toll, aber die Dinger sind vernünftig breit und wurden vom örtlichen ADFC abgesegnet, der eigentlich eher auf Krawall aus ist und so ziemlich das Gegenteil von den Ortliebtaschen-Warnwesten-ADFCs ist. Aber nun schlagen natürlich die Eltern Alarm, denn „mitten auf der Straße fahren“ geht ja für Gymnasiasten nunmal gar nicht. Radwege müssen sein und selbst ein Radweg, der von Autos zugeparkt wird, ist offensichtlich noch besser als ein Schutzstreifen vernünftiger Größe auf der Fahrbahn. Die Eltern sind leider auch für überhaupt gar keine Argumente zugänglich, bei denen hat sich nunmal eingebrannt, dass mit dem Fahrrad auf dem Fahrradweg gefahren wird und das lässt sich nicht aus den Köpfen kloppen. Wenn man denen mit Statistiken oder Erfahrungen aus anderen Städten kommt, dann bricht ein Sturm der Entrüstung los, das ist unvorstellbar.

          Und solche Leute sind es eben, die sich gerade mit solchen Fotos abschrecken lassen. Das Konzept Radweg wird dabei überhaupt nicht in Frage gestellt, denn die Leute sind überhaupt nicht in der Lage, sich auch nur vorzustellen, auf der Fahrbahn zu radeln. Das geht einfach nicht.

          Ich gebe Dir recht, dass da noch ziemlich viel Aufklärungsbedarf besteht. Nur finde ich es unfair, das von diesem kleinen flyer zu verlangen. Dass die Polizei hier in München das überhaupt so mitträgt, ist meiner Meinung nach schon ein Riesenfortschritt.

          Naja, wenn man den Hintergrund kennt, dann ergibt das alles auch schon eher Sinn. Ich kannte ihn leider bis zu deinem Kommentar nicht und habe mich erst einmal geärgert, warum so ein Info-Flyer gleich wieder mit dem Bußgeldkatalog und diesen Fotos daherkommen muss, denn wenn ich eben Aufklärung betreiben möchte, dann verzichte ich doch darauf, gleich im nächsten Satz darüber zu informieren, wie viel Regelverstöße kosten. Das Ergebnis sieht man ja im Straßenverkehr: auf dem Gehweg zu radeln kostet eben kaum etwas und wird daher teilweise auch bewusst betrieben, mit dem Auto „+20“ zu fahren wird vom Gesetzgeber ebenfalls nicht sonderlich sanktioniert.

          1. Ja, ich kenne die Probleme und stimme Dir da zu. Es braucht wirklich noch sehr viel Aufklärungsarbeit, und es ist ja schon immer ein Kampf, wenn hier die (natürlich längst nicht mehr benutzungspflichtigen) Radwege in Tempo-30-Zonen entfernt werden.

            Aber wie und über welche Medien man das am besten schafft, weiss ich wirklich nicht. Es hat sich allerdings schon einiges geändert, und die Darstellung in der Presse und auch hier im Fernsehen (BR) ist grundsätzlich schon viel radlerfreundlicher und radwegkritischer geworden. Bewegung sieht man schon, aber es geht sehr langsam…

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