Lustiges Regel-Raten mit Cornelia Zieseniß

Alles, was der regelkundige Radfahrer braucht, findet sich im Internet. Gesetze im Internet gehört zum Beispiel zu den interessanteren Seiten: dort gibt es die Straßenverkehrs-Ordnung und Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung. Natürlich spricht nichts gegen das Studium weiterer Quellen, etwa der Verwaltungsvorschriften, der ERA, der PLAST 9 und so weiter und so fort. Aber prinzipiell sind Straßenverkehrs-Ordnung und Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung alles, was man wissen muss. In letzterer steht in Teil 3, wie das verkehrssichere Fahrrad aussehen muss.

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung schreibt nun: Cornelia Zieseniß: „Fahrradhelme können Leben retten“

Cornelia Zieseniß, Geschäftsführerin der Landesverkehrswacht Niedersachsen, spricht im Interview über verkehrssichere Fahrräder und Helme.

Der Artikel ist eigentlich mehr ein kleiner Fragenkatalog — und nun gucken wir mal, wie viele der Antworten von Frau Zieseniß denn wenigstens einigermaßen richtig sind. Es geht los mit:

Was gehört zu einem verkehrssicheren Fahrrad?

Zu einem verkehrssicheren Rad gehören eine Handbremse für das Vorderrad und eine Rücktrittbremse, eine Klingel sowie je eine dynamobetriebene Leuchte. Elektrische Lampen sind zwar eine hilfreiche Ergänzung, sie ersetzen die dynamobetriebenen Lampen aber rein rechtlich nicht.

Uiuiui, nicht so schnell, da steht ja schon viel Blödsinn drin. Das geht schon mit der Handbremse für das Vorderrad und der Rücktrittbremse los: die sind natürlich nicht gefordert. § 65 Abs. 1 StVZO verlangt einem Fahrrad zwei voneinander unabhängige Bremsen ab. Eine davon wird in der Regel eine Handbremse für das Vorderrad sein, eine zweite wird in der Regel das Hinterrad bremsen. Ob die zweite Bremse eine Rücktrittbremse ist, wie sie bei Nabenschaltungen häufig anzutreffen ist, oder ebenfalls vorne am Lenker betätigt wird oder sogar beides kombiniert das Hinterrad zu bremsen vermag ist dabei egal: Vorgeschrieben sind zwei voneinander unabhängige Bremsen. Eine vorgeschriebene Rücktrittbremse wäre auch zu witzig, denn dann wäre über die Hälfte der Fahrräder in Deutschland nicht verkehrssicher, schließlich bieten die weit verbreiteten Kettenschaltungen in der Regel keine Rücktrittbremse.

„Die Klingel“ ist eigentlich die einzige Phrase, die der Rotstift in diesem Satz überspringen darf, denn schon die dynamobetriebene Beleuchtung verunglückt schon wieder phänomenal: im nächsten Satz werden elektrische Lampen als hilfreiche, aber rechtlich unzulängliche Ergänzung genannt und obwohl schon klar ist, was sich dahinter verbergen soll — sind denn dynamobetriebene Leuchten nicht elektrisch?

Weiter geht es:

Ein funktionstüchtiges Licht am Rad ist enorm wichtig – viele Fahrradunfälle entstehen dadurch, dass Autofahrer Radler im Dunkeln nicht sehen können.

Vielleicht könnte der Autofahrer an dieser Stelle an das so genannte Sichtfahrgebot aus § 3 Abs. 1 StVO erinnert werden, wonach ein Fahrzeug nur so schnell bewegt werden darf, dass es rechtzeitig gebremst werden kann. Natürlich sind unbeleuchtete Fahrzeuge im Verkehr eine sowohl ärgerliche als auch gefährliche Angelegenheit, aber trotzdem offenbart jeder Autofahrer, der sich über unbeleuchtete Radfahrer aufregt, zunächst einmal, dass er gegen § 3 Abs. 1 StVO verstößt. Das verwundert nicht, denn ein wesentlicher Teil der Kraftfahrzeugführer ist nachts in der Stadt und auf den Landstraßen viel zu schnell unterwegs. Das geht so lange gut, bis plötzlich der Wildunfall, das Pannenfahrzeug oder ein langsamerer Radfahrer hinter der nächsten Kurve auftauchen — eine funktionierende Beleuchtung spielt in solchen Fällen, die in der Regel entweder unter oder auf dem Auto enden, keine Rolle mehr.

Nicht fehlen darf natürlich der Fahrradhelm:

Besonders wichtig für Kinder, aber auch für Erwachsene ist es, einen Helm zu tragen.

Warum ist das so wichtig?

Bei Fahrradunfällen, bei denen es zu Stürzen kommt, schlägt der Radfahrer meistens mit dem Kopf auf. Dabei kann er sterben oder aber Verletzungen davontragen, die ihn ein Leben lang begleiten. Trägt er jedoch einen Helm, fungiert dieser als Schutzhaube, die den gesamten Aufprall abfängt. Wem die Sicherheit seines Kindes am Herzen liegt, der sollte es also nur mit einem Helm Fahrrad fahren lassen. Zur eigenen Sicherheit und als Vorbild sollten aber auch die Eltern einen Fahrradhelm tragen. Leider sind Radfahrer noch viel zu häufig ohne Helm unterwegs, weil sie beispielsweise Angst um ihre Frisur haben. Dabei retten Helme Leben!

Ja, womöglich retten Fahrradhelme Leben. Und womöglich wird die Schutzwirkung eines Fahrradhelmes gnadenlos überzeichnet. Der momentane Stand der Diskussion unter Radfahrern lautet in etwa, dass Helme wohl durchaus einen Schutz bieten, der allerdings nur minimal ausfällt und jenseits einer bestimmten Geschwindigkeit zwischen 15 und 25 Kilometern pro Stunde bei einem Unfall nicht mehr schützend wirkt. Das spielt allerdings keine Rolle, denn in der Gesellschaft sind Fahrradhelme als geradezu ultimatives Schutzwerkzeug akzeptiert. Der Glaube an den Helm führt einerseits so weit, dass die Wirksamkeit überhaupt nicht in Frage gestellt wird und der Helm andererseits teilweise enorme Risiken kompensieren muss. Da gibt es zum Beispiel den Bundesverkehrsminister, der eine Helmpflicht etablieren will, anstatt sich um die Beseitigung gefährlicher Radverkehrsanlagen zu kümmern und somit Unfälle tatsächlich zu verhindern, anstatt nur potenzielle Folgen zu verringern, und es gibt Radfahrer, die angesichts ihres Helmes problemlos ohne vernünftige Bremsen und Beleuchtungen unterwegs sind, denn schließlich tragen sie ja einen Helm, da könne doch gar nichts passieren. Das ist natürlich Unfug von vorne bis hinten. Wird dann noch wie bei Frau Zieseniß so unheimlich emotional argumentiert, fällt es schon ein wenig schwer, die Diskussion überhaupt sachlich zu führen, wenn wieder das unsägliche Argument mit der kaputten Frisur angeführt wird.

Das war es allerdings noch nicht mit dem Unfug:

Ab wann darf ein Kind denn überhaupt alleine Rad fahren?

Erst wenn es die Fahrradprüfung in der vierten Klasse bestanden hat. Vorher kann man noch nicht davon ausgehen, dass es kognitiv in der Lage ist, mit den komplexen Anforderungen im Straßenverkehr zurechtzukommen, also etwa gleichzeitig die Geschwindigkeit der Fahrzeuge und ihre Entfernung einzuschätzen. Denn Kinder sind spontan, verspielt, unberechenbar – auch wenn sie motorisch schon in der Lage sind, Fahrrad zu fahren. Vor dem achten Lebensjahr sollten Kinder nach Möglichkeit auch nicht in Begleitung ihrer Eltern mit dem Rad im Straßenverkehr unterwegs sein, denn bis zu diesem Alter müssen sie noch auf dem Fußweg fahren, die Eltern aber auf der Straße. Da fällt die Kontrolle und das Eingreifen im Ernstfall schwer. Um den Gleichgewichtssinn schon im frühen Kindesalter zu trainieren, empfehlen wir kleineren Kindern das Fahren mit dem Tretroller.

Ein Kind darf auch schon vor der Fahrradprüfung alleine Fahrrad fahren — ob das im Sinne des Kindes sinnvoll ist, sei mal dahingestellt. Im Gegensatz zu der praktischen Führerscheinprüfung ist die Fahrradprüfung in der Regel ein Service, der unter anderem von der Deutschen Verkehrswacht angeboten wird, ohne rechtliche Bedeutung. Es gibt keine rechtliche Grundlage, einem Kind ohne bestandene Fahrradprüfung die Radelei zu untersagen und es gibt keine rechtliche Grundlage, Kindern den Schulweg mit dem Fahrrad zu verbieten, auch wenn die Schulleitungen und insbesondere die Verkehrswacht das gerne anders hätten. Es ist allerdings verwegen zu glauben, ein Kind hätte nach ein paar Stunden Verkehrsunterricht in der vierten Klasse plötzlich einen Evolutionssprung erfahren von einem Kind, das nach drei Metern vom Rad fällt, hin zu einem vollwertigen Verkehrsteilnehmer, der jederzeit Herr der Lage ist.

Schön, dass die relativ sinnlose Regelung aus § 2 Abs. 5 StVO Erwähnung findet, die Kinder unter acht Jahren auf den Gehweg verbannt. Die Reaktion von Cornelia Zieseniß ist allerdings in doppelter Hinsicht unverständlich: einerseits sollen Kinder nach Möglichkeit nicht einmal in Begleitung ihrer Eltern im Straßenverkehr radeln, andererseits sollen sie plötzlich nach der Fahrradprüfung brauchbare Verkehrsteilnehmer sein, obschon sie bis dahin kaum Erfahrung auf dem Sattel sammeln konnten — wo kann man denn schon außerhalb des Straßenverkehres radeln? Im Stadtpark vielleicht, oder im Wald, oder irgendwo draußen auf dem Land. Auf diese Weise werden Kinder allerdings eher zu begeisterten Kraftfahrzeugnutzern erzogen, für die es anschließend ganz selbstverständlich ist, dass der Weg zur Schule, zum Einkaufen, zum Sportverein und zu Freunden komplett im so genannten Mamataxi zurückgelegt wird. Obschon § 2 Abs. 5 StVO definitiv einer Überarbeitung bedarf ist die Sache längst nicht so schlimm: sofern nicht gerade ein breiter Grünstreifen zwischen Kind und den Eltern verläuft, ist die Einflussnahme durchaus möglich. Die Eltern müssen schließlich nicht ständig die Hand am Lenker halten und fahren in der Regel nicht weiter als ein oder zwei Meter vom Kind entfernt auf dem Radweg oder auf der Fahrbahn.

Es ist aber wirklich haarsträubend, stattdessen vom Fahrradfahren abzuraten. Die Deutsche Verkehrswacht tritt ja relativ häufig mit seltsamen Forderungen auf, aber die Vergrämung von Radfahrern von der Fahrbahn ist selbst für einen Verein, dessen Mitglieder zum Großteil aus dem Automobilbereich stammen, nicht mehr zeitgemäß.

Wer jetzt noch nicht genug hat, kann ja einen Blick in das dazugehörige Forum werfen, wo sich ein Kraftfahrzeugführer beschwert, dass Radfahrer auf ihre „eingebaute Vorfahrt“ bestünden, wenn er an einer Kreuzung ohne Schulterblick nach rechts abbiegen möchte.

5 Gedanken zu „Lustiges Regel-Raten mit Cornelia Zieseniß“

  1. Bzgl. dem Sichtfahrgebot muss ich widersprechen:

    Wenn ein Auto rechts abbiegen will und ein Radweg dort verläuft, hat der Autofahrer auch bei Beachtung des Sichtfahrgebots in einer dunklen Nacht keine Chance mit einem unbeleuchtetem Radfahrer einen Unfall zu verhindern. Er sieht den Radfahrer nicht und wird ihm die Vorfahrt nehmen.

    Als Vater vertrete ich aber auch sonst die Meinung, die Kinder möglichst früh an den Verkehr zu gewöhnen. Fernhalten und nach ein paar Stunden Unterricht in der Schule sollen sie dann ganz alleine am Verkehr teilnehmen? Das geht gar nicht. Lieber mehrere Jahre an meiner Seite, dann kann ich auch die Entwicklung beobachten und sehe, wann sie es auch alleine könnten.

    1. Wenn ein Auto rechts abbiegen will und ein Radweg dort verläuft, hat der Autofahrer auch bei Beachtung des Sichtfahrgebots in einer dunklen Nacht keine Chance mit einem unbeleuchtetem Radfahrer einen Unfall zu verhindern. Er sieht den Radfahrer nicht und wird ihm die Vorfahrt nehmen.

      Solche Situationen kenne ich auch, besonders toll wird es dann bei Regen, wenn zusätzlich noch Leuchtreklame ins Spiel kommt. Aber auch hier gilt eben: ich darf als Autofahrer nicht abbiegen, wenn ich nicht zweifelsfrei feststellen kann, dass dort niemand im Anmarsch ist. Auf dem Radweg niemanden zu sehen genügt insofern nicht, es muss zwingend festgestellt werden, dass auf dem Radweg niemand ist — das ist ein wesentlicher Unterschied. Ich persönlich biege teilweise dann eben nur mit Schrittgeschwindigkeit ab, auch wenn das den Kraftfahrzeugführern hinter mir gleich wieder zu langsam geht. Aber in der Tat: ohne Beleuchtung zu fahren ist eine sehr schlechte Idee.

    2. > Wenn ein Auto rechts abbiegen will
      > und ein Radweg dort verläuft

      Das Problem ist die Verkehrsführung. Wer Radwege baut, stellt Fallen auf.
      Ansonsten stimme ich überein; Licht am Fahrrad ist sehr wichtig. Befremdlich finde ich allerdings, dass immer wieder auf die vorschriftsmäßige Ausstattung der Fahrräder verwiesen wird, andererseits aber die Vorschriften nur ziemlich mickrige Beleuchtungen zulassen. Ein Auto hat (vorne) vorgeschrieben 2 Abblendlichter à 55 W, zusätzliche Fern- und Nebelscheinwerfer sind gestattet. Am Fahrrad darf sich vorne nur eine einzige Funzel à 2, 4 W befinden. Da kann man sich solche Hinweise wie die von Frau Zieseniß irgendwo hinschmieren; ich komme mir bei so etwas nur ver…. vor.

  2. > In letzterer steht in Teil 3, wie das verkehrssichere Fahrrad aussehen muss.

    Beweise das! Nein, es handelt sich weitgehend um Formalien.

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