Lübecks rätselhafte Fahrradstraße

In Lübeck gibt es seit einigen Jahren eine Fahrradstraße — allerdings sind seit deren Einrichtung die Unfallzahlen dermaßen in die Höhe geschnellt, dass wohl tatsächlich davon ausgegangen werden muss, dass mit der Straße etwas nicht stimmt: Fünfmal so viele Unfälle: Streit um Fahrradstraße zur Uni

Seit 2010 haben Radler in der Dorfstraße Vorfahrt. Seitdem steigen die Unfallzahlen. Die Polizei möchte zur alten Regelung zurückkehren, die Stadt hält an dem Projekt fest.

Das geht schon in der Einleitung schief: „Seit 2010 haben Radler in der Dorfstraße Vorfahrt.“ Wie soll man sich das vorstellen? Wurden dort überall Vorfahrt-Schilder aufgestellt, die kraft Zusatzzeichen nur für Radfahrer gelten, und gleich darunter Vorfahrt-gewähren-Schilder, die für alle Kraftfahrzeuge zu beachten sind? Das wäre ein lustiger Schilderwald, der rechtlich mit Sicherheit unzulässig ist.

Stattdessen liegt hier offenbar ein Missverständnis mit dem Begriff der Fahrradstraße vor, zumindest ist die häufige synonyme Verwendung von „Vorfahrt“ und „Vorrang“ ein Zeichen dafür, dass hier die Verkehrsregeln falsch interpretiert wurden. Mitnichten haben Radfahrer in einer Fahrradstraße per Definition Vorfahrt oder Vorrang — die Anlage 2 der Straßenverkehrs-Ordnung sagt dazu:

  1. Anderer Fahrzeugverkehr als Radverkehr darf Fahrradstraßen nicht benutzen, es sei denn, dies ist durch Zusatzzeichen erlaubt.
  2. Für den Fahrverkehr gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h. Der Radverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Kraftfahrzeugverkehr die Geschwindigkeit weiter verringern.
  3. Das Nebeneinanderfahren mit Fahrrädern ist erlaubt.
  4. Im Übrigen gelten die Vorschriften über die Fahrbahnbenutzung und über die Vorfahrt.

Insbesondere Nummer 4 ist doch recht eindeutig: Die Vorfahrt wird von der Fahrradstraße nicht beeinflusst. Es gilt also im Fall der Lübecker Dorfstraße weiterhin rechts vor links — warum es dennoch so viele Unfälle gab, müsste sich ja aus den einzelnen Unfallberichten herauslesen lassen. Zumindest deutet die Sammlung von Unfallschwerpunkten darauf hin, dass es dort keine generellen Probleme gibt.

Bleibt die interessante Frage, wer wohl zuerst mit diesen Falschinformationen über die Vorfahrts- und Vorrangsregelungen um sich geworfen hat. Ob das auch so gegenüber der Bevölkerung kommuniziert wurde?

2 Gedanken zu „Lübecks rätselhafte Fahrradstraße“

  1. Danke! Das waren auch meine Gedanken, als ich den Bericht gelesen habe. Interessant wäre es natürlich trotzdem, genau zu erfahren, was zu den steigenden Unfallzahlen geführt hat.

  2. Dort gibt’s nicht nur Probleme mit der Kenntnis der Verkehrsregeln, sondern auch mit den Grundrechenarten.

    Von 2008 bis September 2010 waren es 33 Monate; von Oktober 2010 bis Ende 2013 nochmal 39 Monate. Bei ansonsten gleichbleibenden Bedingungen läge die Unfallzahl nach 2010 also schon aufgrund der betrachteten Zeiträume um 18% höher. Nun ist aber gleichzeitig laut Artikel die Zahl der Radfahrer auf das 4,85-fache gestiegen. Die Zahl der Unfälle ist von 4 auf 18 gestiegen (mal 4,5), die Zahl der Verletzten von 2 auf 12 (mal sechs). Damit ist die Wahrscheinlichkeit für einen Radfahrer, in einen Unfall verwickelt zu werden, real um 21 % gesunken, die Wahrscheinlickeit, verletzt zu werden, um 5 % gestiegen. Und deswegen die ganze Aufregung?

    (von der aussagekraft solch geringer Fallzahlen mal ganz zu schweigen)

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