Kraftfahrer brauchen keine Ausrede

Es ist müßig, sich die Presseberichte zu Unfällen im Straßenverkehr durchzulesen. Meistens regt man sich auf, weil die Berichte etwas, naja, einseitig zugunsten der Kraftfahrer geschrieben werden — selbst wenn der Unfallverursacher hinter dem Steuer saß. Womöglich fehlt es tatsächlich am Bewusstsein, auch neutrale Berichte schreiben zu können, die ohne die üblichen Phrasen auskommen — ein Kraftfahrer kann einen Radfahrer schließlich nicht nur übersehen, sondern auch unaufmerksam gewesen sein oder gar die Vorfahrt grob fahrlässig missachtet haben: Der Radfahrer wird ja schon bremsen. Wenn der Unfallverursacher auf dem Rad saß, wird ausführlich und detailliert dessen Fehlverhalten beschrieben, auf den womöglich nicht getragenen Fahrradhelm eingegangen und in einem abschließenden Fazit bemängelt, dass sich Radfahrer eh nie an die Verkehrsregeln hielten. Wenn der Kraftfahrer den Unfall verursacht hat, wird ausführlich und detailliert das Fehlverhalten des Radfahrers beschrieben, auf den womöglich nicht von einem Helm geschützten Kopf des Radfahrers eingegangen und in einem abschließenden Fazit bemängelt, dass Radfahrer ja zu selten auf ihre Vorfahrt verzichteten.

Bei diesem Verkehrsunfall in der Hamburger Fruchtallee war der unfallverursachende Kraftfahrer nicht unaufmerksam, nicht zu schnell oder sonstwas, sondern wurde eventuell von der tiefstehenden Sonne geblendet, so dass er seine rote Ampel nicht wahrnehmen könnte.

Das ist für Kraftfahrzeugführer eine äußerst komfortable Situation: Um Ausreden muss er sich keine Sorgen machen, das übernehmen die Medien und womöglich bereits der Unfallbericht der Polizei.

Davon abgesehen, auch wenn das in den anklagenden Beitragen dieses Weblogs nicht immer hervortritt, dürfte der Kraftfahrer den Unfall längst nicht so locker weggesteckt zu haben, wie es die Begründung mit der tiefstehenden Sonne vermuten lässt — eigentlich noch ein Grund mehr, auf derart einfache Begründungen zu verzichten.

Ein Gedanke zu „Kraftfahrer brauchen keine Ausrede“

  1. Ist mir eigentlich relativ wumpe, ob die Kraftfahrerin das „locker weggesteckt“ hat. Die Opfer haben sie auf jeden Fall nicht „locker weggesteckt“.

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