Karin Sagers ideologischer Feldzug gegen Radwegbenutzungspflichten

Es heißt, Radfahren verlerne man nie. Selbst nach jahrelanger Fahrrad-Abstinenz braucht es so gut wie keine Eingewöhnungszeit, um die physikalischen Effekte des Radfahrens sofort in den Griff zu bekommen.

Nur die Presse, die tut sich mit dem Radfahren immer etwas schwer. Auch zu Zeiten des so genannten Fahrrad-Boomes beschränkt sich die Berichterstattung über Fahrräder meistens auf Unfallberichte, bei denen dann das beliebte Ohne-Helm-wäre-er-jetzt-tot-Spiel begonnen wird. Klar, es gibt vereinzelt auch auffallende Gegenbeispiele, beispielsweise die durchaus den Radfahrern wohlgesonnene Berichterstattung über den sagenhaften Kreisverkehr am Ochsenzoll-Kreisverkehr. Aber dann kommt plötzlich wieder sowas auf den Frühstückstisch: Fußweg-Verbot für Radfahrer in Brackel

Nur 26 dünne Zeilen zählt der Bericht auf Seite 8 in der oberen rechten Ecke und man weiß nicht so richtig, ob man froh darüber sein sollte, dass für dieses Thema offenbar nicht mehr Platz veranschlagt worden ist oder ob nicht doch ein paar mehr aufklärende Sätze dem Artikel ganz gut gestanden hätten.

Andererseits scheint das Wochenblatt ohnehin kein großes Interesse an einer sachlichen Abarbeitung an einem komplexen Thema wie benutzungspflichtigen Radwegen zu haben. Als Karin Sager vor einigen Monaten gegen unzulässige benutzungspflichtige Fuß- und Radwege in Hanstedt vorging, schäumte das Wochenblatt vor Wut, ließ Statistiken nicht gelten und wollte die Radfahrer um jeden Preis wieder auf die unbrauchbaren Gehwege verbannen, schließlich wäre es ja nur dort sicher, jedenfalls gefühlt, denn was zählen schon Unfallstatistiken, wenn sich nichts ändern darf, weil es schon immer so war?

In Brackel sieht die Sache nicht besser aus, dort sollen einige blaubeschilderte Gehwege gar so schmal und zugewachsen sein, dass noch nicht einmal ein Fahrradreifen den Weg durch das Straßenbegleitgrün finden will. Im Wochenblatt klingt das dann so:

Sager stellte beim Landkreis einen Antrag, der nun auch alle Radfahrer in Brackel auf die Straße zwingt.

Das klingt noch verhältnismäßig nüchtern, aber neutral geht auch anders. Man hat beim Lesen sofort dieses Bild von Sager im Kopf, die mit einem Lorbeerkranz auf der Tribüne des Kolosseums steht und den Daumen hebt oder senkt und bestimmt, ob Radfahrer leben, also auf den Gehwegen fahren dürfen, oder ob sie den Kraftfahrern zum Fraß vorgeworfen auf die tödliche Straße geschickt werden.

Tatsächlich dürfte sich Sagers Korrespondenz deutlich nüchterner lesen: Sie bat lediglich die Behörden um eine Überprüfung, inwiefern die Radwegbenutzungspflichten notwendig sind und den einschlägigen Vorschriften entsprechen — schließlich braucht es für ein paar blaue Schilder nicht nur einen Rad- oder Gehweg, sondern auch eine konkrete Gefahrensituation, die das Radfahren auf der Fahrbahn aus Sicherheitsgründen verbietet. Wenn man noch nicht einmal den Weg eines Widerspruchsverfahrens einschlagen muss und die Behörde sofort bei der bloßen Androhung einer Klage die Radwegbenutzungspflicht einknickt, scheinen die blauen Schilder ja tatsächlich nicht besonders fest am Pfahl zu hängen. Vielleicht wäre das der eigentliche Skandal an der Sache, die man mit Sager besprechen könnte.

Gesprochen hat man Sager allerdings durchaus, schließlich wird sie zitiert mit:

„Ich bin davon überzeugt, dass wir Radfahrer auf der Straße sicherer sind, als auf dem Gehweg“, so Karin Sager.

Auch hier hätte man beispielsweise einen kurzen Ausflug zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Unfallstatistik machen oder wenigstens in einen oder zwei Absätzen die gar nicht mal mehr so neuesten verkehrspolitischen Erkenntnisse fallen lassen können. Zum Beispiel, dass das Radfahren auf der Fahrbahn zwar gewöhnungsbedürftig sein mag und sich bestimmt nicht jeder sofort damit anfreunden mag, enge, buckelige und gegen jegliche Regeln der Verkehrssicherheit verstoßende benutzungspflichtige Fuß- und Radwege, die aus reiner Gewohnheit sämtlichen Verwaltungsvorschriften trotzen, bestimmt keine Alternative sind. Womöglich hätte man noch erklären können, was man denn als Kraftfahrer so tut, wenn ein Radfahrer auf der Fahrbahn unterwegs ist (nicht hupen, sondern mit Sicherheitsabstand überholen).

Stattdessen hat sich der Autor für dieses Ende entschieden:

In Hanstedt formierte sich großer Widerstand gegen das Fußweg-Verbot; mehr als 1.000 Unterschriften kamen zusammen. Allerdings ohne Erfolg. Das Verbot bleibt.

Sicherlich sollte es dem örtlichen ADFC zu denken geben, warum er die Bedenken der Radfahrer nicht ausräumen konnte, die um jeden Preis weiter auf den engen Gehwegen radeln wollten. Dass vermutlich ein beachtlicher Teil der Unterschriften von Einwohnern stammt, die sich vorm dem angeblichen Stau auf der Fahrbahn fürchteten, lässt sich dem ADFC nunmal nicht vorwerfen, diese Befürchtungen werden schließlich mit bestem Bestreben von Medien und Stammtischen wiederholt.

Leider schweigt sich der Artikel auch aus, warum denn nun die Unterschriften von über eintausend Hanstedtern nicht für eine Wiedereinführung der Radwegbenutzungspflichten oder freigegebene Gehwege gelangt haben. Das liegt nämlich nicht an Karin Sager, die auf die blauen Schilder einfach keinen Bock hatte, sondern die einschlägigen Vorschriften nunmal absolut keinen Spielraum für eine weitere blaue Beschilderung ließen. Wenn die Anordnungen zur Radwegbenutzungspflicht sogar die absoluten Mindestmaße dauerhaft unterschreiten, dann kann sich die Straßenverkehrsbehörde nicht einfach darüber hinwegsetzen. Okay, genaugenommen könnte sie schon, schließlich werden Radfahrer bundesweit noch immer auf abertausende Kilometer absolut unzulässiger und gefährlicher Radwege gezwungen, aber man war sich wohl im Klaren, dass der ADFC dann den Rechtsweg einschreiten würde.

Auch das hätte man schreiben können. Dafür mangelte es aber entweder am Platz oder an der Lust — schließlich lässt bereits die Einleitung des Artikels keine Unklarheiten darüber, in welche Richtung es hier geht:

Der ideologische Feldzug von Karin Sager (Asendorf) geht weiter. Nachdem die Vize-Kreisverbands-Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) bereits in Hanstedt den Zorn der Bürger heraufbeschwor, zettelt sie nun in Brackel die nächste „Radfahrer-Revolte“ an.

Immerhin haben diese Artikel im Wochenblatt doch noch einen gewissen Vorteil: Die normalerweise in der Presse üblichen Radfahrer-halten-sich-nie-an-die-Regeln-und-zahlen-nicht-mal-Steuern-Berichte sind absolut nicht parallel zu dieser Argumentationslinie.

Ein Gedanke zu „Karin Sagers ideologischer Feldzug gegen Radwegbenutzungspflichten“

  1. Unabhängig vom unsäglich tendenziösen Artikel in dem Werbeblatt (Zeitung mag ich das Ding nicht nennen), frag ich mich, wieviel Verkehr in Brackel mit 1767 Einwohnern wohl hat, dass die Leute meinen, man sei mit dem Fahrrad auf der Fahrbahn so dermaßen gefährdet?

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