Kampfzone Journalismus

Warum müssen in diesem Jahr etwa 80 Prozent aller Artikel über Fahrradfahrer den Begriff „Kampf“ im Titel tragen, unabhängig davon, ob es um „Kampfradler“ oder „Kampfzonen“ geht?

Katharina Lehmann schreibt in der Berliner Morgenpost: Wenn die Straße zur Kampfzone wird

Häufigstes Fehlverhalten bei Radfahrern ist das Fahren auf der falschen Seite und die Ignoranz von Vorfahrtsregeln. Junge Männer riskieren dabei am meisten

Nun gut, es folgt die übliche Analyse der Statistiken, verziert mit den üblichen Zitaten. Nachdem die häufigsten Ursachen für Unfälle mit Fahrradbeteiligung erwähnt wurden, nämlich unaufmerksame, aber trotzdem abbiegende Kraftfahrzeugführer und Radfahrer, die entgegen der Fahrtrichtung unterwegs sind, geht’s dann aber doch lieber um die Radfahrer, denn dort scheint bekanntlich weder die Regelakzeptanz noch die Verkehrsmoral besonders repräsentiert zu sein.

Das geht allerdings in die falsche Richtung. Während Kraftfahrzeugführer in der Regel wissen, dass eine gelbe Ampel eigentlich nicht zum Gasgeben animieren sollte und „+20“ vom Gesetzgeber zwar bußgeldtechnisch toleriert werden, aber trotzdem nicht in Ordnung sind, ist Radfahrern ihr Fehlverhalten größtenteils unbekannt, sofern es nicht das Resultat einer bemühten Lösung eines Problemes darstellt, wenn etwa permanent auf dem Gehweg geradelt wird, um auf der radweglosen Straße dem vermeintlich gefährlichen Kraftfahrzeugverkehr zu meiden.

Es ist zwar richtig, wenn Bettina Cibulski vom ADFC meint, Verkehrserziehung müsse schon in der Grundschule beginnen, doch stellt sich gerade jene Verkehrserziehung teilweise als unzureichend dar, wenn es mitunter vor allem um helmbewehrte Melonen anstatt um das sichere Verhalten im Straßenverkehr geht. Selbst auf weiterführenden Schulen sieht sich die Schulleitung häufig außer Stande, einen vernünftigen Verkehrsunterricht zu organisieren und setzt eher auf Fahrradvergrämung und Abschreckung, wenn wieder der Melonentest zusammen mit freilich furchtbaren Aufnahmen des letzten Unfalles zwischen Fahrrad und Lastkraftwagen präsentiert wird. Man könnte wenigstens einen Teil der Zeit für vernünftige Erklärungen aufwenden, doch stattdessen werden sowohl Radwege als auch für den Notfall Gehwege als sichere Burg vor dem gefährlichen Kraftfahrzeugverkehr propagiert — und das vor Schülern, die teilweise zwei Jahre später ihre ersten Fahrstunden nehmen. Nicht einmal dieser Altersgruppe scheint man das sichere Radfahren zuzutrauen.

Und dann meint Cibulski:

Sie sieht einen Grund für die Verhaltensfehler der Fahrradfahrer auch darin, dass viele keinen Führerschein haben und somit nicht so eng mit den Verhaltensregeln im Straßenverkehr vertraut sind.

Huch? Nun gut, es mag sicherlich zutreffen, dass gerade die eben angesprochenen Grundschüler noch keine Fahrerlaubnis in der Tasche haben, aber ein wesentlicher Teil der älteren Radfahrer hat in der Regel schon einmal eine Fahrschule besucht. Genutzt hat es natürlich nicht: das Ziel des Fahrschulunterrichtes ist die Fahrerlaubnis für Kraftfahrzeuge, die Fahrschüler zahlen nicht hunderte Euro, um mit Regeln für ein Verkehrsmittel konfrontiert zu werden, das nach der bestandenen praktischen Prüfung eigentlich für immer im Keller verschwinden soll. Tatsächlich wird in der Fahrschule das Fahrrad allenfalls erwähnt, weil es nicht überfahren werden soll — über Radwege und damit einhergehende Benutzungspflichten oder sonstige Besonderheiten, die maßgeblich für das Fehlverhalten der Radfahrer sind, wird dort nichts erwähnt.

Und wo ist nun die eingangs im Titel erwähnte Kampfzone?

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