Kampfautor trifft Kampfradler

Über den Kampfradler ist in letzter Zeit genauso viel gesagt worden wie über Peter Ramsauer: nämlich ungefähr alles. Trotzdem hat Johannes Maletz auf Telepolis noch einen weiteren Artikel veröffentlicht: Das Anrollen

Beim Thema Straßenverkehr kochen die Gemüter bekanntlich hoch, und die Internet-Foren werden gefüllt mit Kommentaren hoch emotionaler Menschen, die Ihre Sicht der Dinge ausführlich darstellen müssen. (…)

Es geht eigentlich ganz manierlich los und Maletz erzählt, wie die beiden Gruppen aufeinander losgegangen sind. Die Autofahrer empörten sich über diese Radfahrer, denn Autofahrer empören sich immer, sobald es um Fahrradfahrer geht und stellten Einzelfälle als den täglichen oder gar stündlichen Regelfall dar. Die Fahrradfahrer hingegen wiesen alle Schuld von sich und zeigten mit dem Finger auf die bösen Autofahrer, die sich ja auch nicht an die Verkehrsregeln hielten.

Damit wären die ersten beiden Absätze aus Maletz’ Werk abgearbeitet, das in der Rubrik Meinung erschien, weswegen Maletz auch nicht zögert, sich nun eine Meinung zu bilden, die allerdings ganz klar für den Autofahrer und gegen den Radfahrer lautet. Es schwingt schon einiges an Verachtung mit, wenn der Autor sich auf zwei ADFC-Mitglieder einschießt, deren Meinung, deren Auseinandersetzung aber gar nicht gelten lässt, weil es ja schließlich Radfahrer sind. Man kann sich der gesamten Problematik auf verschiedene Weise nähern, man kann nach den Ursachen suchen, man kann feststellen, dass der Fahrradfahrer eben noch immer kein ernstgenommener Verkehrsteilnehmer im deutschen Straßenverkehr ist, man kann feststellen, dass die von Maletz präferierte starre Unterteilung der Verkehrsteilnehmer in gute Autofahrer und böse Radfahrer unbrauchbar ist, weil sich die meisten Verkehrsteilnehmer mit mehreren Verkehrsmitteln fortbewegen und mitunter als Autofahrer einen ähnlich schlechten Fahrstil zeigen wie als Radfahrer, ja, man hätte viel machen können aus einem solchen Text, man hätte das liefern können, was die Einleitung verspricht, sich tatsächlich mit Radfahrern beschäftigen können, mit Peter Ramsauer, mit den ganzen Ursachen, die hinter diesem gesamten Phänomen stecken, aber Maletz hat einen ganz einfachen Weg gefunden:

Was ist denn ein Kampfradler überhaupt ? Eine wissenschaftliche Definition existiert nicht, deshalb hier ein erster Versuch: Ein Kampfradler ist ein Fahrradfahrer, welcher v.a. im Stadtgebiet seine Wegstrecke und seine Geschwindigkeit rein egoistisch und fahrzeitoptimierend wählt, ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer sehr häufig die Verkehrsregeln, insbesondere Vorfahrtsregeln, Ampelschaltungen, Nutzungsge- und Verbote missachtet, und dabei fahrlässig, grob fahrlässig oder gar vorsätzlich das Unfallrisiko für sich und für andere Verkehrsteilnehmer unnötig erhöht und im Fall verbaler Äußerungen anderer Verkehrsteilnehmer äußerst aggressiv und schwer beleidigend regiert.

Man kann tatsächlich nicht verleugnen, dass es solche Verkehrsteilnehmer geben mag. Es sei auch hier das Wort „Verkehrsteilnehmer“ betont, denn tauscht man in Maletz’ Definition das Fahrrad gegen das Auto ein, erhält man eine ebenso zutreffende Definition einiger Verkehrsteilnehmer, die sich motorisiert, aber keinesfalls zivilisiert durch den Straßenverkehr bewegen. Soll heißen: es sind tatsächlich nicht immer nur die Radfahrer. Wenn allerdings nur die Regelverstöße der Radfahrer beachtet werden, dann fallen natürlich auch nur die Regelverstöße der Radfahrer auf. Den Autofahrer als vollkommen harmlosen Verkehrsteilnehmer freizusprechen scheint allerdings falsch.

Und nun zählt Maletz tatsächlich das auf, was man wohl bei aller Objektivität als Einzelfälle bezeichnen darf: ein Radfahrer schlägt einem Fußgänger ins Gesicht, der ihm nicht schnell genug auf dem Gehweg ausweicht, ein anderer Radfahrer mit Schlittenhunden auf dem Gehweg kollidiert mit einem Auto, wobei weder die Erwähnung des nicht getragenen Fahrradhelmes noch das obligatorische Kind fehlen dürfen. Dann fährt ein martialisch aussehender Radfahrer mit Glatze und Totenkopfventilen durch eine Fußgängerzone, ein anderer schlägt mit einem Teleskopschlagstock um sich, wieder ein anderer zerschlägt einen Blindenstock.

Und nun? Empört wurden Einzelfälle dargestellt, als wären teleskopschlagstöckbewehrte Radfahrer auf dem Gehweg alltäglich und in jeder zweiten Straße anzutreffen. Das ist nichts mehr als die übliche Empörerei, in der sich Rad- und Autofahrer nichts geben, die es aber ungleich schwerer macht, sich einigermaßen objektiv dem Thema zu nähern. Nicht einmal in Großstädten wie Berlin fahren pro Ampelphase noch dutzende Radfahrer bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr, nicht einmal in den radfeindlichen Städten des Ruhrgebietes schweben Radfahrer beim Fahrbahnradeln in ständiger Todesgefahr. Eine solche Herangehensweise taugt der Stimmungsmache, aber nicht einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Da wirkt es doch seltsam, wenn Maletz anschließend auf Neutralität pocht, obwohl er seinen Autofahrer-Standpunkt in den vorigen Absätzen überdeutlich vertreten hat:

Niemand hat pauschal etwas gegen Radfahrer – auch Herr Ramsauer nicht.

Immerhin hat Maletz recht, als er erhöhte Bußgelder als den falschen Weg erkennt — nur sind die üblichen Nehmt-doch-bitte-Rücksicht-Kampagnen auch nicht unbedingt sinnvoll. Sollen Fußgänger auf Radfahrer Rücksicht nehmen, die marodierend mit der Klingel auf dem Gehweg zugange sind? Sollen Radfahrer auf Autofahrer Rücksicht nehmen, die in ihrer Not auf dem Radweg parken, weil sie ihr Fahrzeug ja irgendwo abstellen müssen? Sollen Autofahrer auf Radfahrer Rücksicht nehmen, die sich noch bei roter Ampel in den Querverkehr werfen? Rücksicht fällt schon allein aus technischer Sicht schwer bei Verkehrsteilnehmern, die sich im Vollbesitz ihres Verstandes nicht an die Verkehrsregeln halten wollen.

Und schon ist Maletz fertig mit seinem Werk und lässt den Leser ratlos zurück: was sollte das denn nun? Wieder mal auf allerniedrigstem Niveau auf den Radfahrer eingedroschen? Wozu? Warum?

Und vor allem: was soll eigentlich die vielversprechende Einleitung ganz zu Beginn des Artikels?

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