Ist das schon Satire oder ist das noch Ernst?

Simon Lorenz hat im Kölner Stadt-Anzeiger etwas geschrieben, das sich nur schwer einordnen lässt. Handelt es sich um den verunglückten Versuch eines Kommentares? Oder sollte das nur eine lustige Glosse werden? Satire? Oder doch ein falsches Verständnis des Straßenverkehrs? „Fataler Irrtum“ und es gab wohl noch nie eine Überschrift, die besser zu einem Artikel passte.

Denn mit fataler Irrtum ist leider nicht das Werk an sich gemeint, sondern die Straßenverkehrs-Ordnung:

Das Fahrrad ist ein Fahrzeug, sagt die Straßenverkehrsordnung. Doch sie irrt damit auf fatale Weise. Denn dadurch gibt sie dem Radfahrer das Gefühl, ein dem Auto gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer zu sein. Die Folgen werden im Straßenverkehr deutlich.

Oh je, mag man sich denken, was kommt denn nun? Erst lernt sogar der normale Verkehrsteilnehmer, er steuere mit den Händen den Fahrradlenker umgriffen ein Fahrzeug und nehme als vollwertiger und gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer im Verkehr teil, müsse sich also an rote Ampeln halten und die übrigen Verkehrsregeln und dann kommt Lorenz und erklärt, ha, alles Unfug, alles ein großer Fehler im System.

Allerdings nimmt der Artikel eine ungewohnte Wendung, denn eigentlich müsste der Leser nun erwarten, es folgte nun das übliche Gejammer über Radfahrer, die auf der Fahrbahn fahren und freigegebene Einbahnstraßen nutzen und noch immer gibt es keine Helmpflicht und ein Kennzeichen haben sie auch nicht, diese Radfahrer, diese Rowdys, allesamt.

Stattdessen kommt es viel schlimmer: furchtbar genug, dass die Straßenverkehrs-Ordnung das Fahrrad als Fahrzeug definiert, nein, die Radlinge sind auch noch verwegen genug, ihre Rechte im Straßenverkehr wahrzunehmen! Und die armen Autofahrer, bekanntlich die Melkkühe der Nation, die müssen beim Abbiegen sogar aufpassen, weil die Radfahrer nicht freiwillig auf ihre Vorfahrt verzichten.

Nicht selten sieht man Fahrradfahrer, die auf ihrem Vorfahrts- oder Abbiegerecht beharren und sich damit in Gefahr bringen. Sie vergessen, das Fahrrad ist eben kein Fahrzeug. Es hat keine Knautschzone, keine Airbags, keinen stabilen Stahlrahmen, der sie schützt. Macht der Fahrer einen Fehler, sind nicht Blechschäden, sondern schwerste Verletzungen die Folge.

Ist das Niveau eigentlich schon reif für den obligatorischen Hitler-Vergleich?

Fangen wir mal von hinten an: es ist ja nicht verkehrt, dass ein Radfahrer bei einem Unfall tendenziell eher der Dumme ist. Und obschon es an Knautschzonen, Airbags und stabilen Stahlrahmen mangelt, ist das Fahrrad immer noch ein Fahrzeug: man kann nämlich damit fahren. Fahren kann man mit einem Roller zwar auch, aber den sieht die Straßenverkehrs-Ordnung nun doch nicht als Fahrzeug an. Das Fahrrad schon.

Der erste Satz ist allerdings schon recht frech. Eigentlich müsste es heißen: „Nicht selten sieht man Autofahrer, die nicht auf vorfahrtberechtigte Radfahrer achten und sie damit in Gefahr bringen.“ Die Gefahr geht nämlich immer noch vom Autofahrer aus, der sich zu fein ist für den Schulterblick oder seine Aufmerksamkeit während des Abbiegevorganges eher dem Radio oder dem Handy oder dem Navigationsgerät oder der Oberweite seiner Beifahrerin schenkt anstatt auf den Verkehr zu achten. Ja, es soll tatsächlich Kraftfahrzeugführer geben, die ihre Hand erst aus dem Dekolleté ihrer Beifahrerin befreien mussten, bevor sie den Radfahrer von der Beifahrertür kratzen konnten.

Tief innen drin steckt allerdings durchaus ein diskussionswürdiger Ansatz. Wenn absehbar ist, dass ein Kraftfahrzeugführer den Abbiegevorgang nicht ohne Fremdgefährdung geregelt bekommt, dann ist es selbstverständlich sicherer und unbedingt anzuraten, kräftig die Bremsen zu ziehen anstatt maulend und schimpfend auszuweichen.

Andererseits ist das Fahrrad nunmal ein Fahrzeug und somit ein gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer und das in Zeiten des Fahrradboomes sowieso. Autofahrer müssen lernen, nicht wie noch vor fünf Jahren täglich an der Kreuzung ohne Schulterblick abbiegen zu können, weil die Wahrscheinlichkeit, dass einer der drei Radfahrer der Stadt gerade in der Nähe war, naja, doch recht gering war.

Drum kann es durchaus sinnvoll sein, eben nicht ständig automatisch auf die eigene Vorfahrt zu verzichten und brav zu warten, bis der Autofahrer ungestört seines Weges gerollt ist. Mit moderater Geschwindigkeit am Kreuzungsbereich lassen sich Gefahrensituationen unterbinden und doch wacht manch Kraftfahrzeugführer plötzlich erschrocken auf, wenn nach dem verpassten Schulterblick plötzlich ein — bremsbereiter! — Radfahrer im Sichtfeld auftaucht. Dann rappelt’s halt kurz im Bremspedal, das ist immer noch besser als ein Rappeln unterm Auto resultierend aus der Kombination von fehlendem Schulterblick und einem Radfahrer, der seine Vorfahrt wahrgenommen hat. Vielleicht merkt sich der Kraftfahrzeugführer den Schulterblick fürs nächste Mal.

Nebenbei erwähnt: ohne Radwege wäre diese Problematik kaum der Rede wert.

Im Schlusswort wird’s noch mal ganz doll:

Der Radfahrer ist der schwächste Verkehrsteilnehmer. Und diesen Fakt sollte jeder Radler im Kopf haben, der sich auf die Straße wagt. Man sollte nicht den Autofahrern, die mitunter gefährlich dicht an Radfahrern vorbeifahren, sein Leben in die Hand geben, sondern ihnen, wo es geht, aus dem Weg gehen – auch wenn man eigentlich Vorfahrt hätte.

Eieiei. Warum wirkt der ganze Absatz so, als seien die Radfahrer doch alle selbst an ihren Unfällen schuld, weil sie nicht den Autofahrern aus dem Weg gegangen sind? Natürlich muss man sich auf dem Sattel seiner Verwundbarkeit bewusst sein, aber das sollte auch hinter dem Steuerrad gelten — eine Tonne Blech garantieren nunmal keine körperliche Unversehrtheit bei einem Unfall, ganz im Gegenteil. Trotzdem käme niemand auf die Idee, derartige Phrasen durchs Autofenster zu schleudern, denn wenigstens nach der gesellschaftlichen Meinung garantieren Airbag und Sicherheitsgurt doch vollkommene Unversehrtheit, als könne man sich gar nicht dumm genug anstellen, bei einen Unfall ein Bein zu verlieren.

Aber die Radfahrer, die sind tatsächlich doppelt die doofen. Die müssen sich nicht nur den Kram anhören, die sind bei einem Unfall wirklich gefährdet. Nur: wie soll denn das Aus-dem-Weg-gehen funktionieren? Steckt da drin der übliche Aufruf, um Himmels Willen doch überall den Radweg zu benutzen und notfalls auf dem Gehweg weiter zu rollen?

Natürlich darf man sein eigenes Leben nicht einem anderen Verkehrsteilnehmer in die Hand geben, das gilt sowohl als Auto-, als Radfahrer und als Fußgänger. Und dennoch gibt es ein gewisses Mindestvertrauen im Straßenverkehr, nach dem sich eigentlich niemand allzu blöde anstellen sollte. Die eigenen Rechte im Straßenverkehr wahrzunehmen ist völlig legitim und hinreichend ungefährlich, sofern die mittelbare Umgebung nicht aus den Augen und die Hand nicht vom Bremshebel gelassen wird.

Mit Fehlern anderer muss man rechnen — aber die Konsequenzen, die Lorenz hier aufzeichnet, sind einer Gleichberechtigung im Straßenverkehr nicht angemessen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob er überhaupt an einer Gleichberechtigung interessiert ist, denn wenigstens seine Einleitung macht nicht gerade diesen Eindruck.

Die Bildauswahl unterstreicht die Qualität des Artikels: ein Kraftfahrzeug steht vor einem zerfetzten Fahrrad und die Bildunterschrift betont, die Radfahrer hätten keinen Helm getragen.

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