Irgendwie muss Käthe doch mitschuldig sein

Ghostbike Critical Mass Hamburg 1

Am Donnerstagmorgen wurde in Hamburg die 18-jährige Käthe auf dem Weg zur Schule von einem abbiegenden Lastkraftwagen getötet: Käthe (18) von Laster überrollt – tot

Vom Mundsburger Damm will ein Lkw-Fahrer (45) in die Armgartstraße (Hohenfelde) abbiegen – übersieht dabei die Schülerin Käthe W. Der tonnenschwere Laster überrollt die 18-jährige Radfahrerin.

Nach einem solchen Unfall stellen sich meistens mehrere Fragen, unter anderem: Wie ist das passiert und was kann man unternehmen, damit das nicht noch mal passiert? Diskutiert wird meistens leider nur: Wer ist eigentlich Schuld daran?

Bei den Hamburger Radfahrern ist wenigstens in den einschlägigen Diskussionsforen der Fall bereits klar: Lastkraftwagen hätten in der Stadt nichts verloren, ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde muss her, ohne Radwege und auf der Fahrbahn wäre das nicht passiert, alle Lastkraftwagen müssten mit Spiegeln ausgerüstet werden, bis die rechte Fahrzeugseite einem Spiegelkabinett gleicht. Ob das nun sinnvoll ist, sei mal dahingestellt: Auch die heutigen Spiegel decken eigentlich einen recht großen Bereich neben der Fahrbahn ab, helfen aber nur, wenn der Fahrer auch reinguckt und vor allem im richtigen Moment reinguckt. Eine Radfahrerin, die auf dem Radweg an einem abbremsenden Lastkraftwagen vorbeifährt, dürfte nur für ein oder zwei Sekunden den Wahrnehmungsbereich des Fahrers berühren und während der Zeit ist der Kraftfahrzeugführer während eines Abbremsvorganges auch noch mit anderen Dingen beschäftigt, etwa dem Abstand zum Vordermann. Zudem ist es an der Hamburger Unglücksstelle nicht unwahrscheinlich, dass die Radfahrerin nicht auf dem Radweg, sondern zwei Meter weiter rechts auf dem Gehweg radelte und damit den durch die Spiegel sichtbaren Bereich bereits verlassen hatte — gestern Abend ließ sich noch erkennen, dass der Radweg am Tag des Unglücks im Gegensatz zum benachbarten Gehweg vermutlich nicht geräumt gewesen war.

Richtig ist allerdings: Ohne Radwege hätte sich der Unfall sicherlich nicht in dieser Form ereignet. Ohne Radwege wäre Käthe vermutlich nicht dem Rad zur Schule gekommen, sondern hätte den öffentlichen Nahverkehr oder die eigene Fahrerlaubnis genutzt: Die wenigsten Schülerinnen in dem Alter trauen sich mit einem Fahrrad auf eine derart stark befahrene Straße wie den Mundsburger Damm.

Während man bei den Radfahrer-Diskussionen auf facebook, Twitter oder anderswo im Internet nur hin und wieder den Kopf schütteln muss, geht’s im Lager der Kraftfahrer deutlich härter, geradezu menschenverachtender zu. Ein Teil der Kommentare und Meinungen reduziert sich auf das relativ anteilnahmelose „R.I.P. und alles gute für die family“ und die Bestürzung, wie denn so etwas passieren konnte, während andere Kommentatoren sofort die Generalabrechnung mit dem Radverkehr einläuten. Überraschend unverblümt wird bemängelt, dass es immer noch zu viele Radfahrer gäbe, wenngleich das eigentliche Highlight die Kommentare auf der Seite der Hamburger Morgenpost auf facebook sind. Addiert man die restlichen Wortmeldungen aus anderen facebook-Gruppen oder Internetforen dort drauf, die teilweise nicht öffentlich zugänglich oder bereits gelöscht sind, packt einen glatt die Wut, wie viele Verkehrsteilnehmer einfach drauflos schwurbeln, ohne wenigstens die mit drei kurzen Absätzen doch recht leicht zu verarbeitende Meldung zum Unfallhergang zu lesen. Da wird beispielsweise folgendes reklamiert:

  • Das wäre nicht passiert, wäre die Schülerin auf der richtigen Straßenseite gefahren. Man kennt ja diese Radfahrer, die fahren immer falsch. (Die Schülerin war in der richtigen Fahrtrichtung unterwegs.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Man lernt doch schon in der Grundschule, nur bei Grün zu fahren. Fazit: Selbst schuld. (Es gab an dieser Stelle keine Lichtzeichenanlage, die Schülerin hatte Vorrecht gegenüber dem abbiegenden Kraftfahrzeug.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, gäbe es ein Verbot für iPhones am Lenker. (Es gibt keine Hinweise, dass die Schülerin mit einem Telefon beschäftigt war — und das wäre übrigens genauso verboten wie die Handy-Nutzung am Steuerrad.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, hätte sie nicht ihre Vorfahrt erzwungen. (Gut, darüber kann man diskutieren. Viel wichtiger wäre allerdings, warum denn der abbiegende Lastkraftwagen nicht angehalten hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Mit Helm wäre sie noch am Leben. (Standardargument, angesichts der Zwillingsreifen und der beeindruckenden Masse des Lastkraftwagens ist das aber eher unwahrscheinlich. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Hamburger Morgenpost erst noch prominent zu berichten wusste, dass die Radfahrerin keinen Helm trug, den Satz dann allerdings nach Beschwerden der Leser gestrichen hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das kommt davon, mitten auf der Straße anstatt auf dem sicheren Radweg zu fahren. (Die Schülerin fuhr auf dem Radweg.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Sie war bestimmt in den modischen Trendfarben Schwarz, Dunkelgrau und Grau gekleidet. (Darüber schweigt sich die Polizei aus.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß aus eigener Erfahrung zu berichten, dass Schülerinnen in dem Alter meistens betrunken zur Schule fahren. (Auch dafür gibt es keine Indizien — abgesehen davon kann sich auch nüchtern totfahren lassen.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das Fahrrad hatte bestimmt keine funktionierende Lichtanlage. (Man darf davon ausgesehen, dass die Polizei so etwas erwähnt hätte. Außerdem war es zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht „tageshell“, aber schon „hell“.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß zwar nicht genau, gegen welche Regeln die Schülerin verstoßen hat, aber irgendetwas wird sie sich ja zu Schulden kommen lassen haben, sonst wäre sie ja nicht überfahren worden. (Alles klar.)

Man mag diesen menschenverachtenden Unfug überhaupt nicht mehr lesen. Wenn auch nur die zehn Prozent, die solchen Schwachsinn schreiben, mit diesem Selbstbewusstsein im Straßenverkehr unterwegs sind, wundert man sich gar, warum nicht noch mehr tote Radfahrer und Fußgänger in der Unfallstatistik auftauchen. Das ist ja kaum noch zum Aushalten. Ganz krude wird’s dann, wenn das Beileid nicht den Verwandten und Freunden der Schülerin ausgesprochen wird, sondern dem Lastkraftwagenfahrer. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der ist definitiv alles andere als froh über seinen Unfall am Donnerstag und man kann auch ihm nur jegliche Kräfte bei der Verarbeitung der Geschehnisse wünschen. Aber sich jetzt mit ihm zu solidarisieren, weil er womöglich wegen einer „scheiss radfahrerin“ seine Arbeitsstelle los ist und „wgen dieser Scheiß Kampf Radler“ für den Rest seines Lebens traumarisiert sein könnte, deutet doch auf eine arg komplizierte Interpretation des Unfallherganges. Bei einigen Kommentaren fragt man sich ernsthaft, ob das nicht schon für § 189 StGB reichen könnte.

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Am gestrigen Freitag stellen die Teilnehmer der Critical Mass Hamburg ein so genanntes Ghost-Bike am Unfallort auf: Radfahrer trauern: Ein „Ghostbike“ für Käthe (†18)

Mahnmal für Käthe: Ein weißes Fahrrad steht seit Freitagabend in der Armgartstraße, umringt von brennenden Kerzen. Das „Ghostbike“ soll an die Schülerin erinnern, die nur 18 Jahre alt wurde.

Erwähnenswert, weil besonders bitter ist der folgende Absatz:

Die Idee der „Ghostbikes“ stammt aus den USA. Die weiß gestrichenen Räder sollen als Mahnmale für verunglückte Radfahrer dienen – und gleichzeitg auf mögliche Gefahrenpunkte hinweisen.

Damit sich solch schrecklicke Unfälle nicht wiederholen.

Der Treffpunkt der Critical Mass Hamburg im Januar lag nur etwa fünfhundert Meter entfernt vom Unfallort an einer Wiese an der Außenalster. Zwischen 19 Uhr und 19.40 Uhr, die Critical Mass braucht traditionell etwa eine halbe Stunde, bis sich die Masse zum Losfahren entscheidet, während noch einige Nachzügler an der Unfallstelle vorbei bis zum Treffpunkt sausten, gab es insgesamt neun Zwischenfälle an dieser Einmündung, die schon in die Kategorie „gerade noch mal gutgegangen“ fallen. Drei Mal wurden Radfahrer, die ordnungswidrig, aber angesichts des Unfalls wohl vernünftigerweise auf der Fahrbahn radelten, äußerst dicht überholt, vier Mal stoppte ein abbiegendes Kraftfahrzeug gerade noch rechtzeitig, um geradeaus fahrende Radfahrer nicht auf die Hörner zu nehmen, zwei Mal konnte ein Unfall nur noch mit einer Gefahrenbremsung der Radfahrer vermieden werden.

Ghostbike Critical Mass Hamburg 4

Das Schlimme daran: Trotz der Dunkelheit ließ sich erkennen, dass einige Kraftfahrer beim Abbiegen im Begriff waren, den Schulterblick zu praktizieren, dann aber von den leuchtenden Kerzen abgelenkt wurden und erst Momente später auffiel, ob denn nicht vielleicht Radfahrer im Anmarsch sein könnten. Problematisch in dem Zusammenhang ist auch sicherlich die Verkehrsführung: Der Radweg wird zwar nicht vom Straßenbegleitgrün oder parkenden Kraftfahrzeugen verdeckt, sondern nur mit einem Gitter von der Fahrbahn abgetrennt, doch sind die meisten Kraftfahrer auf der benachbarten Kreuzung noch mit Spurwechseln oder Abbiegevorgängen beschäftigt und finden nur wenig Zeit, um den konfliktträchtigen Verkehr auf dem Radweg in Augenschein zu nehmen.

Siehe auch:

  • Fahrraddemo zum Gedenken an verstorbene 18-Jährige

    Trauer und Bestürzung herrscht nach dem Tod der erst 18 Jahre alten Käthe W. unter den Mitschülern und Lehrern. Schulgemeinschaft kündigt Trauergottesdienst im „Kleinen Michel“ an.

  • So gefährlich sind Hamburgs Radwege

    Todesfalle Radweg: Immer wieder übersehen Autofahrer beim Abbiegen an Kreuzungen oder Einmündungen Radfahrer. Oft mit fatalen Folgen – wie beim schrecklichen Unfall am Mundsburger Damm (Hohenfelde), als ein Lkw Schülerin Käthe W. (✝18) überrollte. Die MOPO erklärt, warum Radwege so riskant sind.

  • Radfahrer warnte vor der Gefahr

    Der Tod der Schülerin Käthe W. (✝18) – hätte er verhindert werden können? Ein 40-Jähriger aus Altona kritisiert Verkehrsbehörde und Polizei.

23 Gedanken zu „Irgendwie muss Käthe doch mitschuldig sein“

  1. Wie stehen die Chancen für regelmäßige (Donnerstags-)Demos im Gedenken an Käthe?
    Ziel:
    – „Tempo 30 sofort!“
    – „Tempo 30 rettet Leben“
    – „Tempo 30 @ganz Hamburg“
    Während wir Radler selten mehrheitskompatibel sind, nimmt Käthes trauriger Fall viele mit.

  2. Deine 40 Minuten an der Unfallstelle zeigen die bestürzende Realität noch deutlicher.

    Seit 2009 sind etwa 15 Radfahrer in Hamburg direkt an den Folgen von Verkehrsunfällen gestorben.

    7 x Abbiegefehler, davon 5 x LKW

    3 x Andere Gründe

    5 x finde ich noch heraus

    Ich gehe davon aus das jeder halbwegs aktive Radfahrer in Hamburg täglich mehrfach genötigt wird auf sein „Vorrecht“ zugunsten seiner Gesundheit zu verzichten.

    1. Versteht mich bitte nicht falsch, ich fahre auch mit dem Rad, kenne also beide Seiten. Wenn ich sehe, wie einige selbsternannte Pedalritter in Hamburg unterwegs sind, wundert es mich dass nicht noch mehr Radfahrer zu beklagen sind. Rücksicht ist keine Einbahnstraße und gilt auch für Radfahrer. An solchen gefährlcihen Kreuzungen steige ich im zweifelsfall ab und schiebe.

      1. Woran erkannte man vor dem Unfall dass es sich bei der konkreten Unfallstelle um eine „gefährliche“ Kreuzung handelte?
        Das einzig gefährliche das mir da auffiel waren die vielen Geisterradler (vermutlich weil man von der Alster kommend vor der Mundsburger Brücke schlecht auf die richtige Straßenseite kommt).

      2. Versteh mich bitte nicht falsch, ich auch mit dem Auto. Ich mag die kleine Smart-Knutschkugel recht gern. Wenn ich so sehe, wie dicht an meiner Heckklappe einige Autos und LKW kleben, wenn ich in einer 30er-Zone auch 30 fahre oder bei Schneematsch mit angemessenen 40km/h unterwegs bin, wundert es mich, dass nicht täglich mehr Unfälle passieren.
        Bei solch gefährlichen Stellen steige ich im Zweifelsfall aus und schiebe das Auto.

        An grünen Ampeln ähnlich. Auch da fahre ich – auf meinen Vorrang nicht vertrauend – mit dem Auto nur noch im Schritttempo über die Kreuzung. An vorfahrtberechtigen Straßen halte ich zur Sicherheit vor jeder Einmündung einer Seitenstraße an und vergewissere mich, dass kein Kfz kommt und mir die Vorfahrt nehmen könnte. Viele Leute in den Autos hinter mir beschweren sich dann lautstark. Es kam auch schon mehrfach zu brenzligen Situationen, da die Kfz-Führer hinter mir wohl so blauäugig sind und immer auf ihr Vorfahrtsrecht bei grünen Ampeln/vorfahrtsberechtigen Straßen vertrauen und nicht damit rechnen, dass ich in Weiser Voraussicht abbremse.

        Mich hat sogar schonmal die Polizei angehalten und einen Drogentest angeordnet. Mein Verhalten kam ihnen seltsam vor. Auf meine Erwiderung, dass ich Radfahrer bin und jetzt hinter dem Steuer auch so fahre, wie es häufig propagiert wird, haben sie mich mitgenommen.

        1. @DMHH: Danke für diesen Kommentar!
          @Günter: In devoter Manier an jeder Kreuzung absteigen und „im Zweifelsfall“ jedes Kfz vorzulassen hat nichts, aber auch gar nichts(!), mit Rücksicht zu tun, sondern einzig und allein mit jahrzehntelanger Dominanz von Autos im Straßenverkehr und dem kolportierten Vorrang ebenjener. Aber schön, dass du „auch mit dem Rad“ fährst…

          1. @Malte: Danke für deinen Bericht. Die Kommentare auf Facebook sind – vor allem angesichts der aktuellen Tragödie um Käthes Tod – unerträglich.

  3. In der Tat ist das ein kleine Seitenstrasse in die auch noch mit einem Winkel von über 90° nur langsam eingebogen werden kann.

    Der Fahrradweg ist von der Strasse aus klar einsehbar. Selbst Bäume gibt es erst nach der Einmündung.

    Das mit den Geisterradlern ist dort allerdings wirklich heftig.

  4. Heute, also nur wenige Tage nachdem die Radlerin starb, weil sie sich an die Verkehrsregeln gehalten und das gemacht hatte, wozu StVO und die Behörden mit ihrer Beschilderung sie zwangen, erlebe ich drei Autofahrer hintereinander auf einer Straße mit „anderem Radweg“ (Neubergerweg): Ich fahre gemäß § 2 (1) StVO auf der Fahrbahn, was ich selbst bei Schild 237/240/241 gedurft hätte, denn ich wollte links in meine Garageneinfahrt abbiegen, und vom Radweg jenseits der Bordsteinkante gibt es keine Auffädelung oder Absenkung. PKW 1 überholt mich mit 50 cm Abstand, schert vor mir ein, bremst, blinkt rechts und rummst mit den rechten Rädern über die Bordsteinkante, um dort – verbotenerweise – zu parken. Ich muss bremsen, um nicht aufzufahren. In diesem Moment überholt mich PKW 2 mit etwa 30 cm, schert vor mir ein, bremst, ich zeige den Abbiegewunsch an, da werde ich angepöbelt: „Da rechts ist ein Radweg!“ Ich kläre auf: „Ohne Benutzungspflicht!“ Da pöbelt der Fahrer von PKW 3, der beim Abbiegen hinter mir warten musste: „Fahr da oben!“
    Ohne Zeugen und ohne Kamera ist eine Anzeige natürlich zwecklos, aber diese mittelalten Herren in ihren rasenden Kisten zeigen sehr deutlich, wohin es führt, wenn jahrzehntelang Radfahrer auf den Bürgersteig verbannt werden und wenn bei gravierenden Änderungen der StVO kein Führerscheinbesitzer ein Anschreiben mit den Änderungen oder eine Nachschulung erhält.
    Wie wäre es mit Aufklebern „Radwege sind Todesfallen“ oder „Radweg? Ich bin doch nicht lebensmüde!“ und einem Aufruf, jetzt massenhaft den Behörden Schilder zu melden, an denen nie und nimmer eine Benutzungspflicht angeordnet sein dürfte?

    1. Anzeigen sind auch ohne Zeugen und Kamera durchaus erfolgsversprechend, vgl. den verlinkten Text.

      „Wenn also der Zeuge nicht bei der Justiz als notorischer Anzeigeerstatter bekannt ist oder aussagt, Fahrer des betreffenden Autotyps seien sowieso alle Raser, hat man als wegen eines Fahrmanövers Angeklagter vor Gericht keine Chance.“

      Was fälschlicherweise angebrachte Schilder 237/240/241 angeht, werden die wohl allgemein momentan überprüft, zumindest in München ist eine (in Zahlen: 1) Sachbearbeiterin damit beschäftigt, nach und nach alle Radwege auf Ordnungsmäßigkeit der Benutzungspflicht zu überprüfen… Die Benutzungspflicht besteht ja bekanntlich auch, wenn sie nicht ordnungsgemäß ist. Was mich interessieren würde ist, ob im Falle eines Unfalls ggf. auch die Kommune in Regress genommen werden kann?

  5. moin,
    vorab ich hab es nicht so mit unserer gramatik wenn ich etwas los werden möchte.
    es ist völlig egal wer schuld hat es ist ein menschen leben weniger da und das ist schlim genug.
    macht auch nicht denn lkw lenker zur sau der ist schon gestrafft genug.
    ich kenne zugenüge beide seiten fahre leidenschaftlich gerne rad und bin beruflich mit dem lkw in europa unterwegs.
    und es gibt immer fehler auf beiden seiten.
    die verkehrspolitik in deutschland müßte nur mal grundlegends überarbeitet werden.
    Nemo

  6. „Das Schlimme daran: Trotz der Dunkelheit ließ sich erkennen, dass einige Kraftfahrer beim Abbiegen im Begriff waren, den Schulterblick zu praktizieren, dann aber von den leuchtenden Kerzen abgelenkt wurden und erst Momente später auffiel, ob denn nicht vielleicht Radfahrer im Anmarsch sein könnten.“

    Das ist ein weiterer Grund gegen Radwege: Es gibt Einmündungen bei denen man als Kraftfahrer einfach nichts sieht. In München kenne ich so eine Stelle bei der ich mich jedesmal im Schrittempo in die Nebenstraße hereintaste da die Neonbeleuchtung einer Videothek so ziemlch alles überstrahlt was da an Radfahrerbeleuchtung kommen könnte. Zumal die eigentliche Lampe auch noch durch parkende Fahrzeuge abgedeckt wäre und man nur am Widerschein auf dem Radweg davor sehen würde ob da jemand kommt.

    In diesem Sinne: Bitte Kerzen dort ausmachen und einen Ersatzplatz (für die Kerzen) finden.

    Wie wäre es denn mit dem Gehweg vor der Verkehrsbehörde/was auch immer in Köln? Für jeden getöteten Radfahrer eine kleine Gedenktafel, zusammen mit Kerze. Da können die selbstverständlich nicht-Verantwortlichen dann jeden Tag dran vorbeiflanieren.

    1. „…von den leuchtenden Kerzen abgelenkt…“ Im Ernst? Abgelenkt von einem Dutzend Kerzen?? Wer davon so sehr abgelenkt ist, dass er/sie nicht mehr in der Lage ist, die Situation langsam und möglichst sicher zu durchfahren, sollte evtl(?) kein Kfz führen.

      Generell gilt, wenn eine Verkehrssituation unübersichtlich oder unklar ist, muss man langsam und vorsichtig fahren.

      1. „Wer davon so sehr abgelenkt ist, dass er/sie nicht mehr in der Lage ist, die Situation langsam und möglichst sicher zu durchfahren, sollte evtl(?) kein Kfz führen.“

        Na Klasse, das hilft dem nächsten Radfahrer natürlich – das hat ja auch Käthe schon hervorragend geholfen.

  7. Hervorragende und aussagekräftige Fotoserie. Wenn ich mich nicht täusche, hast du auch einen Account bei Flickr. Es wäre schön, wenn du diese Fotos dort hochladen könntest. Ich würde sie nämlich gern in die von mir gegründete Flickr-Gruppe „Fahrrad und Verkehr“ einladen. Und per Kommentare jeweils Links auf Radverkehrspolitik einfügen.

  8. @Malte: Auch von mir vielen Dank für Deinen Artikel. Die von Dir zitierten Kommentare sind teilweise dumm und unerträglich.
    Ich kann mir diese nur so erklären, dass es immer Menschen geben wird, die Antisemitismus, Rassismus oder sonstige Arten von Hass und Vorurteilen gegenüber ihren Mitmenschen hegen werden.
    Die Art, wie in diesen Fällen argumentiert wird, trägt eine erschreckende Ähnlichkeit.

  9. Es stört mich, den beileidsbekundenden LKW-Fahrern Distanziertheit vorzuwerfen. Die kannten das Opfer nicht persönlich, sie müssen also distanziert sein. Ich denke, dass die mitfühlenden Postings trotzdem hilfreich sind, alleine schon als Gegenprogramm zur „Tot? -Selbst-Schuld“-Franktion.

  10. Ein schrecklicher Unfall der drastisch die katastrophale Situation der Radverkehrspolitik in Hamburg aufzeigt. Sicher lassen sich Unfälle nie ganz vermeiden, aber eine derart klassische Situation beim Rechtsabbiegen eines Kfz. lässt sich durch moderne Radverkehrsführung weitgehend vermeiden. Die Politik in Hamburg hat das Problem zumindest erkannt, nur die Veränderungen geschehen im Schneckentempo. Es wird Zeit mehr Geld für den Umbau in die Hand zu nehmen und darüber hinaus eine grosse Aufklärungskampagne zu starten. Hier könnte die örtliche Presse auch mehr tun. Leider gibt es vor allem in der CDU regelrechte Autobetonköpfe und der zuständige Senator scheint mir auch nicht auf der Höhe der Zeit zu sein.

    Bleibt zu hoffen, dass zumindest die Reise der Bezirksamtsleiter nach Kopenhagen mehr als nur kurzfristiges Erstaunen über die Möglichkeiten moderner Radverkehrsförderung gebracht hat. Denn der Unfall selbst wird schnell vergessen werden. Das ist die bittere Wahrheit.

  11. Guter Artikel.

    In Hamburg stehen wir vor dem Problem eines eh sehr hohen LKW-Aufkommens, wg Hafen.
    Die anstehenden Bauarbeiten an der A7, erst die Deckel Stellingen/Othmarschen, anschließend die Erneuerung der Aufständerung südlich des Elbtunnels wird bis wahrscheinlich 2030 (HA) zu viel Stau und damit Umgehungsverkehr auch von LKW durch das Stadtgebiet führen.

    „Innovative“, in Wirklichkeit auf der Hand liegende Lösungen zur Verringerung dieses Problems sind vorhanden.

    Der Bau von Radschnellwegen von Pinneberg/Bönningstedt nach Altona/in die City entlang vorhandener S-Bahn Linien würde die A7 von einem Gutteil des Pendlerverkehrs entlasten.
    Radschnellwege sind in der Kapazität vergleichbar mit einer zusätzlichen S-Bahnlinie auf der 3-4 Züge/Stunde verkehren. Ihre Gestehungszeiten und -kosten betragen nur einen Bruchteil derjenigen einer S-Bahn Linie. Die Topografie ist ideal: nach Altona/in die City geht’s leicht bergab, umgekehrt, zum Workout nach der Arbeit, leicht bergauf.
    Der abzusehende jahrelange A7 Stau, der absehbar auf alle Ausweichstrecken im Westen Hamburgs überschwappt, würde ihre Attraktivität steigern.

    Leider unterliegen derart „innovative“ Lösungen nach wie vor einem Denk- und Diskussionsverbot in Hamburg.

  12. Immer wieder wegweisend finde ich die rührigen Londoner Fahrradlobbyisten.
    Sehr schade, dass es solche Fahrradorganisationen nicht auch bei uns gibt.

    http://lcc.org.uk/pages/no-more-lethal-lorries
    Die haben dort einen 5-Punkte Plan aufgestellt.
    Der erste und wichtigste Punkt: Obligatorisches Sicherheitstraining für LKW Fahrer.

    1. Introduce cyclist-awareness training for drivers
    All lorry drivers should have on-bike cyclist-awareness training.
    Spezielles Radfahrer-Wahrnehmungstraining für alle LKW-Fahrer

    2. Compel drivers to take more responsibility
    Enforcement authorities should recognise drivers are responsible for doing everything they can do to reduce risks. Blaming a ‘blind spot’ should be an admission of guilt.
    Die Fahrer mehr verantwortlich machen. Ausreden als Schuldeingeständnis werten.

    3. Compulsory safety features for all London lorries
    The best mirrors and cameras/sensors should be fitted as standard to every lorry in London. We opposed moves to allow longer lorries drive in the UK.
    Zwingend vorgeschriebene Sicherheitsausrüstung auf neustem technischen Level (Spiegel, Kameras).
    Keine überlangen LKW in GB.

    4. Higher standards from every lorry operator
    Quality-assurance schemes such as London’s Freight Operator Recognition Scheme (FORS) should be mandatory. Police must crack down on bad operators.
    Höhere Standards und Qualitäts-Zertifizierung für alle Fuhrunternehmen.

    5. All procurement to be made responsible
    Companies should only buy haulage services from reputable firms, and the public sector must take a lead in encouraging best practice and safe haulage.
    Alle Auftraggeber der Fuhraufträge sind mitverantwortlich zu machen. Fuhraufträge dürfen nur an reputierte Firmen vergeben werden. Der öffentliche Sektor muss dabei mit gutem Beispiel vorangehen.

    Der oben beschriebene tödliche Unfall geschah meiner Meinung nach im Zusammenhang mit einem öffentlichen Auftrag (Altglas oder so).

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