Irgendwie muss doch der Radfahrer schuld sein

Mal wieder zwei Unfallberichte, in denen das fehlerhafte und unfallverursachende Verhalten des Kraftfahrers geradezu als gottgegeben aufgefasst wird: Was soll er denn schon machen, wenn der Radfahrer keine reflektierende Kleidung trägt? Statt immer und immer und immer wieder zu betonen, wie wichtig Reflektoren an Kleidung, Fahrrad und Helm sind, könnte man ja jedenfalls einen einzigen Satz darüber verlieren, dass auch außerhalb der Fahrradsaison im Winter und bei Dunkelheit das so genannte Sichtfahrgebot gilt: Man fährt eben nicht dahin, wo man nicht hingucken kann. Vor allem fällt auch hier wieder der sprachliche Unterschied auf: Radfahrer missachten beispielsweise das Rotlicht oder die Vorfahrt eines Kraftfahrers, während andersherum Kraftfahrer meistens etwas übersehen — in der Regel leider einen vorfahrtsberechtigten Radfahrer.

15 Gedanken zu „Irgendwie muss doch der Radfahrer schuld sein“

  1. Warum wird ein Mensch ermordet, während ein Hirsch „erlegt“ wird? Warum „fällt“ ein Soldat und wird nicht getötet? Warum wird zu hohe Geschwindigkeit als „unangepasst“ und nicht als „zu schnell“ bezeichnet? Warum spricht der Volksmund von einer „Radarfalle“, obwohl ein Blitzer nur dann zu einer „Falle“ wird, wenn man die zulässige Höchstgeschwindigkeit deutlich überschreitet? Warum hieß es in den Medien, die Autofahrer, die am 1. Januar 2013 auf der A1 in einen Lkw fuhren, der gerade wendete, also kein Geisterfahrer, sondern ein stehendes Hindernis(!) war, hätten „keine Chance“ gehabt?

    Wer auf diese Fragen eine Antwort findet (es ist nicht schwer…), weiß auch, warum Radfahrer „missachten“, während Autofahrer nur „übersehen“. Jahrzehntelange Lobbyarbeit trägt die gewünschten Früchte. Objektivität wäre kontraproduktiv, wenn man unaufhörlich ein Virus verbreitet, das in den Köpfen der Menschen bewirkt, ein Auto als begehrenswertes Objekt anzusehen und gleichzeitig blind für die verheerenden Schäden zu sein, die es bewirkt. Selbst wenn man mit einfachen Maßnahmen viele tödliche Unfälle vermeiden könnte, will selbst der Gesetzgeber, dem eigentlich die Volksgesundheit über alles gehen sollte, nichts davon wissen will (generelles Tempolimit auf Autobahnen, Tempo 30 in der Stadt, null Promille usw.).

    So ist es z.B. erwiesen – und irgendwie gar nicht erstaunlich -, dass weiße Autos (außer im Schnee…) wesentlich besser zu sehen sind, als dunkle. Wie viele Unfälle, bei denen Autofahrer andere Autos „übersehen“, könnten vermieden werden, wenn alle Autos weiß oder zumindest sehr hell wären? Die weitaus meisten haben aber, ganz im Gegenteil, eine dunkle Farbe! Gab es jemals einen Appell der Polizei an die Autofahrer, doch bitte weiß als Farbe für ihr Gefährt zu wählen?

    Die Autofixiertheit unserer Gesellschaft geht glücklicherweise zurück. Für immer mehr jüngere Menschen hat das Auto längst seine Anziehungskraft verloren. Der Radverkehrsanteil hingegen steigt stetig und parallel dazu erkennen immer mehr Radfahrende die unerträgliche Dominanz des Autos im Verkehrsgeschehen. Der Radverkehr erobert sich gerade seinen Verkehrsraum zurück, den man ihm seit der Nazizeit Stück für Stück genommen hat. Über kurz oder lang dürfte sich auch Schreibe und Formulierungen der Medien hin zu mehr Objektivität ändern. Leider ist dies ein Prozess, der seine Zeit braucht.

    1. @Kampfradler: Ein sehr guter Kommentar. Du sprichst mir aus der Seele.
      Allerdings gibt es einen Fehler in Deiner Argumentation:
      der Gesetzgeber, dem eigentlich die Volksgesundheit über alles gehen sollte
      Ziel der Politik ist es nicht das Land und das Leben der Bürger zu verbessern. Das Ziel der Politik ist es wiedergewählt zu werden. Im Idealfall laufen diese beiden Interessen parallel. Durch den stetig wachsenden Lobbyismus wird diese Bild jedoch bis ins Groteske verzerrt.

    2. Ich würde mit dem Kommentar von Kampfradler durchaus konform gehen, bis auf zwei Punkte:

      * „zu schnell“ „ungepaßte Geschwindigkeit“
      Es muß zwischen einer Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, welche vielfach als Regelgeschwindigkeit oder gar als „Mindestgeschwindigkeit“ ausgelegt wird und unangepaßter Geschwindigkeit unterschieden werden. Tatsächlich darf die zulässige Höchstgeschwindigkeit ja nur unter optimalen Bedingungen gefahren werde, was ja eher selten zutrifft. Selbst das Unterschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ist regelmäßig „zu schnell“. Kontrolliert und geahndet wird aber bestenfalls die Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit.

      * weiße Autos besser sichtbar
      Ich bin jetzt gerade zu faul zum Suchen, aber ich erinnere mich an eine Untersuchung der BASt, wonach auffälligere KFZ-Farben keinen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten. Ähnliches gilt wohl für TFL.
      Radfahrerkleidung in Tagesleuchtfarben dürfte fast Nichts bringen, denn die Umgefahrenen werden ja meist gar nicht „übersehen“, sondern die Unfallverursacher haben gar nicht hingesehen oder sind trotzdem gefahren.
      Der Widerspruch, daß von Autofahrern kein Helmtragen und keine auffällige Farben verlangt werden, bleibt natürlich bestehen. Radfahrer sollten auf derartige an sie herangetragenen Forderungen genauso reagieren wie umgekehrt Autofahrer, nämlich mit schallendem Gelächter.

      1. „Tatsächlich darf die zulässige Höchstgeschwindigkeit ja nur unter optimalen Bedingungen gefahren werde, was ja eher selten zutrifft.“
        Das ist jetzt nur fast richtig: AUCH bei optimalen Bedingungen darf nicht schneller gefahren werden. Das heist aber nicht, dass die Bedingungen optimal sein müssen, um die zulässige Höchstgeschwindigkeit zu fahren, sondern nur „gut genug“!

      2. Auf der Seite http://www.autohaus24.de/ratgeber/autofarbe/ findet man Folgendes:
        „Der TÜV NORD hat herausgefunden, dass Weiß die sicherste Autofarbe ist und die durchschnittliche Unfallrate von dunklen und farbigen Autos in der Regel höher ist als bei weißen Autos. Als Ursache dafür wird angegeben, dass helle Fahrzeuge nicht nur bei Dunkelheit besser zu sehen sind, sondern im Hellen auch mehr Licht reflektieren und deshalb auffälliger sind. Außerdem kommen helle Farben seltener in der Umgebung vor, weshalb andere Autofahrer helle Autos eher wahrnehmen.“

        Leuchtet ja auch irgendwie ein… 😉

        1. vielleicht fahren auch überdurchschnittlich viele biedere Hausmütterchen auf dem Lande weiße Autos. Die sind dann 1x die Woche in die nächste Stadt unterwegs.

          wohingegen der optimistische „20km/h drüber ist erlaubt!!!“-Pendler eben lieber schwarze Karossen bewegt?

          das ist immer das lustige: Statistiken selbst lügen eben nicht, sind es doch nur Zahlen. Erst ihre Interpretation und die Schlussfolgerungen lassen einem die Haare zu Berge stehen.

          Die Zahlen lassen erstmal keine Ursachenschlussfolgerung zu, werden aber im Bericht des TÜV als Tatsache dargestellt. Das ist schlecht. Und schlimmstenfalls einfach mal falsch.

  2. Wahnsinn! Wenn es nach der Bremer Polizei ginge, hieße es in Pressemeldungen also demnächst „Der Radfahrer hatte keine Helmbeleuchtung und keine zusätzlichen Speichenreflektoren“. Willkommen in der nächsten Runde der Opferbeschuldigung.

    1. Ich kenne diese Kreuzung gut. Sie ist groß und sie ist übersichtlich. Allerdings wurden hier vor einiger Zeit die Radwegfurten umgebaut. Sie führen nun nicht mehr zusammen mit den Fußgängerfurten (die ca. 5 m von der Kreuzung entfernt sind) über die Mittelinseln sondern direkt geradeaus vom Radweg daran vorbei. Für abbiegende Autofahrer offenbar ein Riesenproblem.
      Die Pressemitteilung und mein anschließender Besuch auf der Präventionsseite der Bremer Polizeit hat mich dann doch dazu gebracht, eine E-Mail dorthin zu schreiben. Allein diese Seite, die mit ihrer Wortwahl und vereinzelt fettgedruckten Passagen einseitiger nicht sein könnte (du pöser Radfahrer, verhalte Dich gefälligst verantwortungsvoll und leuchte wie ein Christbaum…) zeigt mit aller Deutlichkeit, dass wir unendlich weit von einer radfahrerfreundlichen Stadt entfernt sind – auch wenn Bremen das gerne von sich behauptet.

      1. @Norma: Danke!
        (ich hatte auch bereits geschrieben, und eine freundliche, aber recht nichtssagende Antwort bekommen… man mag es naiv nennen, aber ich denke, dass es vielleicht schon zum Nachdenken anregt, wenn mehrere Rückmeldungen eingehen!)
        Also die Furten sind meines Erachtens eine echte Verbessung, weil die Radfahrer jetzt viel weniger Verschwenkungen haben und besser im Sichtfeld der Autofahrer geführt werden! Die neue Führung mag beim Rechtsabbiegen für die Autofahrer anfangs ungewohnt gewesen sein und vielleicht zu Irritationen geführt haben, aber nun gibt es diese Furten schon etwas länger und beim Linksabbiegen können die nun wirklich nicht so einen Unfall erklären (meine Meinung).

        1. @wilko
          Ich finde die Furten für Radfahrer auch erheblich besser als dir vorherige Lösung. Und die Irritationen sehe ich auch jetzt noch immer wieder. Aber vielleicht sind mir die Abbiege-Beinahe-Unfälle vorher nur weniger aufgefallen.
          Der Hinweis auf die veränderte Verkehrsführung sollte auch nicht als Erklärung für diesen Unfall dienen. Denn wer im Falle dieses speziellen Unfalls die Mädchen „übersehen“ hat, der hätte auch ’nen rosa Elefanten auf der Kreuzung übersehen.

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