Internetweiter Glaubenskrieg um den Fahrradhelm

Ein Radfahrer mit Fahrradhelm fährt an einem Plakat mit der Aufschrift „587 Kopfverletzungen bei Radunfällen jährlich“ vorbei.

Das Plakat an sich ist ja schon der Knaller, bei dem wieder einmal das Ergebnis des so genannten Melonentests präsentiert wird. Ja, mit Helm wäre diese Melone sicher noch am Leben — aber vielleicht trotzdem an schweren Verletzungen gestorben. Das ist nämlich das tolle am Melonentest: Die behelmte Schale bleibt unbeschädigt, woraus die versammelten und staunenden Grundschüler messerscharf schließen, dass sie unverletzt aufgestanden und weitergeradelt wäre. Dass aber eine Melone kaum mit einem Schädel vergleichbar ist, wird in solchen fachgerechten Untersuchungen gerne ignoriert: Selbst wenn der Schädel noch intakt aus dem Helm kullert, kann das Gehirn derart starken Aufprallkräften ausgesetzt gewesen sein, die nicht mehr mit dem Leben zu vereinbaren sind. Zu dieser ganzen Logik passt dann auch, dass der Radfahrer im Hintergrund zwar artig seinen Helm trägt, aber trotzdem auf der falschen Straßenseite eines rein aus optischen Vermutungen bestimmt nicht für beide Richtungen freigegebenen Radweges unterwegs ist. Und dann trägt der ja noch nicht einmal seine Warnweste!

Zu dem großartigen Aufmacher-Foto schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung: Glaubensfrage Fahrradhelm – Mit oder ohne Schutz radeln?

Fahrradhelme schützen vor Kopfverletzungen, gern getragen werden sie trotzdem nicht. Bei der Diskussion um Pro und Kontra wird es schnell hitzig.

Bei dem Artikel handelt es sich offenbar um einen vorgefertigten Agentur-Text, so dass sich diese wunderschöne Passage auf Dutzenden Nachrichtenportalen wiederfindet:

Für Polizei und Mediziner geht es nicht schnell genug. Sie wollen möglichst alle Unfälle, bei denen Radler ums Leben kommen oder schwere Schädel-Hirn-Verletzungen erleiden, mit Hilfe des Helms verhindern.

Ah, prima, der Fahrradhelm hilft also bei der Verhinderung von schweren Unfällen. Selbst wenn man über dieses sprachliche Detail hinwegsieht, wundert man sich noch über die heilsbringende Kraft des Fahrradhelmes: Ein Fahrradhelm kann schwere Verletzungen vermindern, aber sicherlich nicht im großen Stil verhindern. Beim direkten Feindkontakt zwischen Helm und Blech oder Helm und Straße treten im Extremfall derart große Kräfte auf, bei denen ein Helm nur noch wenig ausrichten kann. Die einzig sinnvolle Möglichkeit, derartige Verletzungen tatsächlich zu verhindern besteht aber nicht in der Etablierung einer Helmpflicht, sondern in der Verbesserung der Infrastruktur: Wer gar nicht erst vom Rad fällt, braucht auch keinen Helm.

Der weitere Verlauf des Artikels, der sich mit der Fahrradhelm-Studie aus Münster und den verschiedenen Argumentationen herumschlägt, wird flankiert von einem Informationskasten über die Fahrradhelm-Pflicht in anderen Ländern, der offenbar ebenfalls als internetweit zu findende Agenturmeldung daherkommt. Schon die Auswahl ist bezeichnend, denn Deutschland wäre neben Neuseeland eines der ersten Länder, bei denen tatsächlich eine Helmpflicht für Radfahrer jeglicher Altersstufen gilt. Und während der Text zu den niederländischen Verhältnissen erklärt, knapp 60 Prozent der Radfahrer würden angesichts einer Helmpflicht das Rad stehen lassen und es entstünde außerdem eine Art Schein-Sicherheit, wird der Anteil der behelmten Radfahrer in Kopenhagen mit einem Drittel beziffert — das dürfte allerdings glatt übertrieben sein: Meiner empirischen Untersuchung zufolge tragen in Kopenhagen eventuell fünf Prozent der Radfahrer einen Helm. Vielleicht auch eher drei. Aber wozu denn auch: In Dänemark verhindert man Unfälle nicht mit Fahrradhelmen, sondern einer ausgezeichneten Fahrradinfrastruktur und einem deutlich besseren Klima im Straßenverkehr.

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