In Ruhe ans Ziel mit den HVV-Fahrradrouten

Ja, von 6 bis 9 Uhr und von 16 bis 18 Uhr dürfen in den Hamburger U- und S-Bahnen keine Fahrräder mitgenommen werden. Und mit dem barrierefreien Ausbau der Bahnhöfe könnte es auch etwas schneller vorangehen. Aber davon abgesehen ist der Hamburger Nahverkehr so schlecht eigentlich nicht — in Berlin gibt’s zwar keine Sperrzeiten für Fahrräder, dafür fahren im Winter bekanntlich keine S-Bahnen.

Relativ geräuschlos wurde auf der HVV-Webseite eine Fahrradnavigation eingebaut: Zu Fuß oder per Rad unterwegs? Persönlicher Fahrplan mit neuen Optionen

Das Navigationsangebot auf der HVV-Webseite basiert offenbar aus OpenStreetMap-Daten, die über die HVV-Webseite aufbereitet werden. Die Fahrradnavigation ist zwar ein nettes Feature auf der Webseite, ansonsten aber recht unbrauchbar. Die Karte lässt sich als PDF-Datei herunterladen, zeigt allerdings nur den Verlauf der Strecke auf der Karte an. Und sofern man sich nicht die Mühe macht, nah ranzuzoomen und Stück für Stück die Karte auszudrucken, enthält die PDF-Datei lediglich eine recht großzügige Übersicht über die vorgeschlagene Route. Aus der Nähe betrachtet wird die Sache leider nur bedingt besser: Die grüne Linie der Fahrradroute verdeckt die Namen ausgerechnet jener Straßen, die der Radfahrer befahren soll.

Die Qualität der Routen ist, naja, ambitioniert unterschiedlich. Basierend auf den OSM-Daten kriegt der Navigator recht gut mit, welche Einbahnstraßen in Gegenrichtung befahrbar sind und auf welchen Strecken ein Fahrrad überhaupt rollen darf. Ansonsten staunt der Radfahrer bei jeder neuen Route erneut über den Einfallsreichtum, mit dem die Software im Hintergrund die Route zusammenschraubt. Zwar geht’s im Gegensatz zu Google Maps nicht über Kraftfahrstraßen, dafür allerdings ähnlich kreuz und quer durch die Stadt wie mit dem BikeCityGuide. Dabei scheint sich der HVV nicht ständig nach Radwegen zu sehnen und dabei kilometerlange Umwege in Kauf zu nehmen, sondern fährt überraschend bedacht hin und her durch die Straßen und purzelt schließlich am Ziel heraus. Witzigerweise basiert die Navigation zwar auf OpenStreetMap, zeigt aber eine gänzlich andere und gar nicht mal unbedingt schlechtere Route als andere Dienste an.

Beispiel: Ich will von Wedel ins Bureau an der Binnenalster. Das einfachste ist, einfach die Bundesstraße 431 Richtung Westen zu fahren, dabei die furchtbar enge Wedeler Landstraße und die Kraftfahrstraße im Rissener Canyon zu umgehen und über die Feldstraße und den Valentinskamp bis zum Jungfernstieg zu rollen. Die Strecke ist zwar weder schön noch komfortabel, kommt aber ohne große Höhenunterschiede und das ansonsten obligatorische Hin und Her aus. Dem OpenRouteService, dessen Permalink-Funktion momentan offenbar defekt ist, gelingt das mit Ausnahme der Wedeler Landstraße ganz gut. Jene Straße war lange Zeit mit benutzungspflichtigen Fuß- und Radwegen ausgestattet, die nicht einmal annähernd den Mindestmaßen der Verwaltungsvorschriften entsprachen, weswegen sie wohl vor ein paar Jahren gegen rätselhafte Zusatzzeichen ausgetauscht wurden, die wohl den Radverkehr ordnungswidrig auf dem Gehweg halten sollten. Seit letztem Sommer sind von diesen Kunstwerken nur noch die Pfosten übrig, wobei der Radverkehr weiterhin ausnahmslos entgegen den Verkehrsregeln auf dem Gehweg stattfindet — durchaus verständlich, denn nicht einmal ambitionierte Radfahrer benutzen hier die enge Fahrbahn, denn hier drehen die Kraftfahrer in Gegenwart eines Fahrbahnradlers derart durch, dass man angesichts eines engen Überholvorganges noch froh sein muss, nicht absichtlich auf die Hörner genommen worden zu sein. Davon abgesehen kann der OpenRouteService verschiedene Fahrradprofile grob unterscheiden.

Der HVV fährt vom S-Bahnhof Wedel mit dem Rad allerdings nicht auf die anliegende B431, sondern dreht erstmal eine Runde durch die Flusslandschaft auf der anderen Seite des Bahnhofs, um erst im weiteren Verlauf der Fahrt durch ein Wohngebiet auf die Bundesstraße zu stoßen. Es lässt sich nicht leugnen, dass dieser kurze Abstecher im morgendlichen Nebel durchaus reizvoll ist. Anschließend geht’s allerdings auch durch die Wedeler Landstraße, kurz vor der Kraftfahrstraße rechts ab nach Rissen — und dann komischerweise nicht wieder auf die B431, sondern in Richtung Blankenese. In Blankenese geht’s erst einmal von der Rissener Landstraße herunter durch ein Wohngebiet und knapp fünfhundert Meter später wieder zurück auf die Rissener Landstraße: Das sieht erstmal nach einem ziemlich blöden Umweg aus, ist aber prinzipiell gar nicht doof, weil sich in dem Bereich eine für ungeübte Radfahrer lästige Steigung befindet, die ohne drängelnde Kraftfahrzeuge am Hinterrad sicher leichter im Wohngebiet zu erklimmen ist.

Anscheinend gelingt dem HVV das, was eigentlich Google Maps mit seiner Fahrradnavigation vorhatte: Straßen mit viel Verkehr werden mit einigen Ausnahmen gemieden, es geht nicht stumpf vom Startpunkt zur nächstgelegenen Hauptverkehrsstraße und von jener Hauptverkehrsstraße runter zum Zielort, sondern zwar kreuz und quer, aber überraschend direkt zum Ziel. Dabei überrascht die Navigation tatsächlich immer wieder mit ihrem Wissen über geeignete Wege und neigt ganz und gar nicht wie der Mitbewerber aus Mountain View dazu, Ordnungswidrigkeiten zu begehen. Die Tour, die mir der HVV vorschlägt, ist zwar keinesfalls das, was ich auf dem Weg ins Bureau fahren möchte — da bleibe ich lieber an der B431 — aber durchaus etwas für den ruhigen Heimweg nach einem gelungenen Tag an der Alster.

Nachdem ich dem HVV einige weitere Routen ausprobiert habe, komme ich nicht umhin zuzugeben: Der HVV leitet Radfahrer besser als erwartet. Die Routen taugen zwar erwartungsgemäß nicht für hartgesottene Alltagsradler, die auch auf der Elbchaussee radeln können, aber möchte man in Ruhe von einem Ort zum nächsten und nach Möglichkeit nicht ständig neben Blechlawinen fahren, dann taugt die HVV-Navigation überraschenderweise mehr als Google Maps für Radfahrer. Das überrascht umso mehr, weil diese Funktionalität eigentlich gar nicht so richtig in eine Fahrplanauskunft passen will.

2 Gedanken zu „In Ruhe ans Ziel mit den HVV-Fahrradrouten“

  1. Ich habe das System mit den gleichen Daten gefüttert wie für den Google-Test unter http://hamburgize.blogspot.de/2013/05/mit-google-map-und-adfc-auf-dem-holzweg.html
    In meinem Einzugsgebiet (St. Pauli, Schanze, Altona) kennt es allerdings keine freigegebenen Einbahnstraßen, sondern fährt schön größe Umwege wie für Autofahrer gemacht. Eine andere Strecke, zum Hbf, war absolut korrekt und StVO-konform – so wie ich persönlich dorthin radel. Sehr schlecht und nicht empfehlenswert dagegen die Route von St. Pauli zum Bahnhof Dammtor. Erst geht es zum Millerntorplatz, dann Kehrtwende zurück auf der anderen Straßenseite, bis zum Heiligengeistfeld beim telekompalast, dort über das Feld auf Seite des Pauli-Stadions bis zur Feldstraße (wie radelt es sich während des Hamburger DOMs?), dort gequert und einen Schlenker durchs Karo4tel über Marktstraße, dann Tschaikowsky-Platz, wieder Schlenker in Glacischaussee und endlich richtig die Marseiller Straße zum Bahnhof. Auch Richtung Wandsbek soll ich über den das Heiligengestfeld fahren mit der Kehrtwende entlang Millerntorplatz und Budapester Straße, um dann zurück zum Sievekingplatz und Wallring geführt zu werden (viel Spaß während des HAMBURGER DOMs!).
    Routensysteme haben vorerst wohl alle noch große Probleme . . .

  2. Witzigerweise basiert die Navigation zwar auf OpenStreetMap, zeigt aber eine gänzlich andere und gar nicht mal unbedingt schlechtere Route als andere Dienste an.

    Diese Aussage finde ich ziemlich abwertend. GERADE WEIL die Navigation auf OSM-Daten basiert, ist sie mitunter sogar besser und genauer als die Daten kommerzielle Anbieter, da sie eben nicht teuer eingekauft werden müssen, was nicht soooo oft passiert, sondern unter einer freien Lizenz durch die Nutzer, die die Situation vor Ort täglich erleben, aktuell gehalten wird.

    Ich habe schon oft erlebt, dass OSM-Daten Den Google-Daten, oder den Daten von z.B. Garmin überlegen sind, ganz einfach, weil sie wesentlich aktueller sind.

    @Stefan: Mit YourNavigartion kan man seine Route noch feiner konfigurieren, und auch zwischendurch Wegpunkte setzen, und so die Route aktiv verändern.

    Die Strecke St. Pauli → Bhf. Dammtor funktioniert übrigens einwandfrei, im Beispiel mit den Optionen „Bicycle“ und „Shortest“ (bei „Fastest“ geht Richtung Sternschanze einfach „oben rum“).

    Und von Wandsbek aus: Richtung Dammtor oder nach St. Pauli? Beide Strecken mit „Bicycle“ und „Shortest“. Aber auch mit „Fastest“ keine Probleme.

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