In Lichtenfels sind die Radwege noch sicher

Bei manchen Artikeln, mit denen Lokalzeitungen ihren Platz im Internet füllen, weiß man gar nicht mehr so richtig, was man davon halten soll. Ein interessantes Beispiel ist das Obermain-Tageblatt mit einem Artikel vom letzten Jahr: Radwege bieten Sicherheit, vor allem dem Radler

Bei dieser Überschrift ahnt ein Radfahrer sofort, dass im Artikel eher mit argumentativem Gegenwind zu rechnen ist. Das wird gleich danach in der Einleitung bestätigt, in der es heißt:

Was dürfen Radfahrer, was nicht?

Es dürfte sich also um jene Radfahrer drehen, die es mit der Straßenverkehrs-Ordnung nicht so ganz genau nehmen, und das Verhalten dieser Gruppe von Radfahrern wird dann auf alle anderen Radfahrer extrapoliert. Das sachliche Niveau zeigt die Überschrift an, denn die Unsicherheit von Radwegen wurde in mehreren Studien schon hinreichend bestätigt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels dürfte auch die Rechtsprechung hinreichend bekannt gewesen sein, nach der Radfahrer eher auf die Fahrbahn als auf einen Radweg gleich welcher Art gehören.

Nun kann man natürlich trotzdem solche Sachen schreiben wie:

Die Radfahrer-Lobby sieht ihre Klientel von der Politik gegängelt. In Paderborn beispielsweise monierte eine Aktionsgemeinschaft vor einiger Zeit: „Pedalritter“ würden immer wieder unzumutbaren Risiken ausgesetzt. Denn wenn das Velo auf Radwege verbannt werde, entwickelten Autofahrer eine chronische Sehschwäche. Viele Unfälle seien darauf zurückzuführen.

Man kann natürlich, wenn man denn will, kritisieren, dass die Radfahrer eine Lobby aufgebaut haben. Man könnte auch auf die täglichen Risiken eingehen, gegen die so genannte Pedalritter auf dem Radweg kämpfen müssen, anstatt mit Sehschwäche und der bloßen Erwähnung von Unfällen an der Oberfläche zu kratzen. Man könnte Statistiken, Urteile, alltägliche Erlebnisse aufarbeiten — oder es eben bleiben lassen.

Nun kommt aber die Lösung:

Die Kritiker nannten auch Alternative zum „Risiko Radweg“: Die Kollisionsgefahr mit Autos und Fußgängern werde minimiert, wenn Radfahrer auf der Straße fahren.

Soweit gar nicht verkehrt, bis auf die Fachbegriffe, doch nun wird endlich Klarheit geschaffen:

Da gibt es aber auch ganz andere Ansichten, nicht nur der Autor dieses Artikels sieht Radfahrer auf der Straße in vielen Fällen als Sicherheitsrisiko an.

Es ist vollkommen legitim, das Fahrbahnradeln abzulehnen. Es ist nur doof, wenn man über seine Ablehnung einen ganzen Artikel verfasst und die Ablehnung nicht eine einzige Begründung findet. Und nicht so toll ist es sicherlich auch, den Radfahrer als Sicherheitsrisiko zu nennen anstatt auf die Begleitumstände im Verkehr einzugehen, die für den einzelnen Verkehrsteilnehmer zum Sicherheitsrisiko werden können. Denn schließlich, das sagt die Unfallstatistik ganz deutlich, verdient wenn überhaupt der Kraftfahrzeugführer das Attribut eines Sicherheitsrisikos, denn obschon er statistisch gesehen nur die Hälfte der Unfälle verursacht, ist sein Fahrzeug überproportional für schwere Verletzungen verantwortlich. Das ist zwar letztlich auch nur eine kleinkarierte Frage der Wortwahl, kann aber gewisse Tendenzen aus solchen Artikeln filtern.

Nun kommt aber endlich die Polizei zu Wort:

Auch dem Leiter der Polizeiinspektion Lichtenfels, Polizeioberrat Willibert Lankes, ist es lieber, wenn „Pedalritter“ auf extra dafür vorgesehenen Wegen unterwegs sind. Gerade außerhalb der Orte, auf Bundes-, Staats- oder Kreisstraßen, auf denen das Verkehrsaufkommen von Jahr zu Jahr zunehme, der Schwerlastverkehr eine immer größere Rolle spiele und hohe Geschwindigkeiten erreicht werden, sei die Unfallgefahr sehr groß. Und: Der ungeschützte Radfahrer sei zu 99 Prozent der Leidtragende!

Nun haben sich die Ergebnisse der Studien über Radwegsicherheit leider weder bei Kraftfahrzeugführern, die Radfahrer mit der Hupe von der Fahrbahn vertreiben wollen, noch bei Polizeibeamten, die hin und wieder sogar polizeiliche Weisungen zur Benutzung eines nicht-benutzungspflichtigen Radweges oder gar eines freigegebenen Gehweges erteilen — natürlich sei das nur zum besten des Radfahrers und nebenbei werde damit der übrige Verkehr nicht aufgehalten — herumgesprochen, doch tatsächlich sind Radwege nicht einmal annähernd so sicher sind, wie es das Konzept eines Radweges glauben machen soll. Man kann darüber streiten, ob ein Radweg tatsächlich in erster Linie dazu dient, die so genannten Pedalritter von der Fahrbahn fernzuhalten oder ob es tatsächlich um das Sicherheitsbedürfnis der Radfahrer geht, aber tatsächlich ist ein Fahrrad zunächst einmal auf der Fahrbahn besser aufgehoben.

Das gilt aber nicht pauschal für alle Radwege. Der Autor des Artikels greift sich passenderweise just jene Wege heraus, bei denen die Benutzung eines Radweges unter Umständen nicht die schlechteste Idee ist — gerade auf außerörtlichen Landstraßen halten sich Kraftfahrzeugführer ausgesprochen ungern an das Sichtfahrgebot und reagieren dementsprechend ungehalten auf Radfahrer, die sich plötzlich hinter einer Kuppe oder Kurve auf der Fahrbahn anstatt auf dem durch die Windschutzscheibe prächtig aussehenden Radweg aufhalten. Zwar ist es auch bei solchen Geschwindigkeiten eher unwahrscheinlich, hinterrücks von einem Kraftfahrzeug überrollt zu werden, doch ist wenigstens die Unfallmöglichkeit gepaart mit der ungleich höheren Aggression hier tendenziell lästiger.

Dass der ungeschützte Radfahrer der Leidtragende ist überrascht hingegen kaum, denn das gegnerische Kraftfahrzeug wird wohl allenfalls mit Kratzern, Dellen oder gar Blutspritzern von einem Unfall gezeichnet. Wenn sich nun die Problematik stellt, dass es bezüglich Sicherheit solch ungleiche Verkehrsteilnehmer wie Auto- und Radfahrer gibt, stellen sich prinzipiell zwei grundlegende Möglichkeiten. Einerseits kann man wie bislang den Radverkehr auf Radwege einsperren und hoffen, dass dort nichts passiert und wenn dort eben doch etwas passiert, dann seien das eben Unfälle, wie sie beim Radfahren nunmal aufträten. Andererseits sind die Autofahrer zwar sicherlich nicht für jeden Unfall verantwortlich, aber auf jeden Fall verkomplizieren sie jeden Unfallhergang, denn die Begegnung mit einem Kraftfahrzeug verträgt kein Radfahrer gänzlich ohne Blessuren. Der Schwere solcher Verletzungen ließe sich beispielsweise mit dem Tempolimit auf 30 Kilometer pro Stunde auf den meisten innerörtlichen Straßen und der Durchsetzung des Sichtfahrgebotes auf außerörtlichen Straßen begegnen — doch eine solche Diskussion muss zusätzlich noch jenseits von Aufenthalts- und Lebensqualität geführt werden und ufert meistens nach einer schnellen Bildung in Lager der Befürworter und Gegner aus, wobei letztere immer wieder das verstaubte Bild der freien Fahrt für freie Bürger hochhalten.

Im Artikel folgen nun zum Glück erst einmal ein paar Absätze, die inhaltlich so verkehrt nicht sind, auch wenn immer wieder Einzelbeispiele als Beispiel für die generelle Gefährlichkeit des Radfahrens herhalten müssen. Gegen eine Gruppe von trainierenden Radfahrern als Fahrbahnverband zu argumentieren, weil sich ein Radfahrer im Verband falsch verhalten hat ist schon mehr als mutig — was soll man als objektiver Beobachter da erst von den vielen Autofahrern auf dem Weg zur Arbeit halten, weil heute morgen einer von ihnen eine rote Ampel missachtet hat?

Dass es aber tatsächlich weder um die Radfahrer noch um deren Sicherheit geht, demonstriert der darauf folgende Absatz zur Radwegbenutzungspflicht:

Der Gesetzgeber könnte aber bald eine Novellierung in Angriff nehmen, so der Hauptkommissar. Die Bemühungen politischer Kräfte, die durch die Benutzungspflicht das Grundrecht der freien Entfaltung der Persönlichkeit eingeschränkt sehen, scheinen von Erfolg gekrönt zu sein.

Das Grundrecht auf freie Entfaltung wird bei Diskussionen über die Radwegbenutzungspflicht immer dann eingeführt, wenn ein Gegner des Fahrbahnradelns mit den Argumenten nicht mehr so recht mithalten kann. Es geht überhaupt nicht um das Grundrecht auf freie Entfaltung, allenfalls insofern, dass sich ein Radfahrer auf schlechten Radwegen zu Tode fährt und sich nicht mehr frei entfalten kann. Es geht viel mehr um handfestere Argumente, etwa der bereits erwähnten und statistisch hinreichend dargelegten höheren Unfallwahrscheinlichkeit auf innerörtlichen Radwegen, um schmale Buckelpisten, die wegen parkender Autos, Mülltonnen oder Fußgängern überhaupt nicht sicher benutzbar sind, von der mangelnden Bausubstanz einmal abgesehen, noch nicht einmal ansatzweise den Vorschriften entsprechen, aber trotzdem von der Straßenverkehrsbehörde mit einem blauen Schild gewürdigt werden. Solche Diskussionen werden gerne mit den unterschiedlichsten, mitunter tatsächlich denkwürdigen Argumenten geführt, aber das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung wird allenfalls von Befürwortern der Radwegbenutzungspflicht als letztes Argument in den Ring geworfen, um die ohnehin schon angeschlagene Diskussion mit wohlberechneter Ignoranz niederzustrecken — in einer ernsthaften Diskussion wird man sowas nicht finden und nur die wenigsten Gegner einer Radwegbenutzungspflicht werden damit argumentieren.

Auch so etwas könnte in einem Artikel ausführlich dargelegt werden. Stattdessen bleibt der Autor als erklärter Gegner des Fahrbahnradelns seiner argumentativen Linie treu und macht die Diskussion lächerlich.

Es folgen allerdings ein paar Absätze, die man noch weniger versteht:

Dürfen Radfahrer auf kombinierten Geh- und Radwegen auch das „Grünlicht“ an Fußgängerüberwegen nutzen? Laut Kremer haben sie sich genau daran zu orientieren – ab 31. August 2012 wird es ein neues kombiniertes Ampelglas (Radler und Fußgänger) geben. Vor allem rechts abbiegende, motorisierte Verkehrsteilnehmer müssen hier besonders aufpassen, haben die „“. Aber, betont der Hauptkommissar, auch die Pedalritter stehen in der Verantwortung, müssen auf einer überschaubaren Strecke anhalten können. Dürfen also nicht einfach in vollem Tempo die Straße queren.

Der Autor widmet sich tatsächlich der berühmten Ampelfrage und es ist erfreulich zu sehen, dass die Beamten im Gegensatz zum Bundesverkehrsminister die 46. Änderungsverordnung der Straßenverkehrs-Ordnung für gültig halten. Und es ist auch interessant zu sehen, dass in Lichtenfels pünktlich zum Ablauf der Frist die Optiken in den Fußgängerampeln ausgetauscht werden. Das muss aber auch passieren, denn sonst gilt plötzlich die Fahrbahnampel und offenbar würde das zu großer Verwirrung in dem beschaulichen Städtchen führen. Leider verunglückt der Absatz nun komplett, denn die Verwirrung der Autofahrer dürfte vor allem von der Tatsache rühren, dass für Radfahrer dann plötzlich ebenjene Fahrbahnampel gilt und somit auch mit Radfahrern zu rechnen ist, wenn die bis zum vorigen Tage noch gültige Fußgängerampel rotes Licht zeigt. Interessant, dass die Verantwortung für einen reibungslosen Ablauf an der Kreuzung wieder auf die Fahrradfahrer abgewälzt wird. Als Pedalritter muss anscheinend damit gerechnet werden, dass Kraftfahrzeugführern diese Regelung nicht bekannt ist und es daher zu Unfällen kommen kann — das ist sicherlich erst einmal nicht verkehrt, denn der Radfahrer ist wie oben schon erläutert zunächst der Leidtragende. Trotzdem sollte einerseits die Verkehrsführung mit den genannten Optiken entschärft werden, andererseits sollten Autofahrer durchaus auf dem neusten Stand der Straßenverkehrs-Ordnung sein. Aber auch in Lichtenfels ist man wohl froh, wenn Autofahrer wenigstens zufällig und nebenbei über Änderungen in der Straßenverkehrs-Ordnung informiert werden, etwa aus der Presse.

Andres Szenario: Radweg endet, Radler „springen“ einfach auf die Straße und setzen ihre Fahrt ungebremst fort – oft am ehemaligen Güterbahnhof in Lichtenfels zu beobachten. Jürgen Kremer: „Kein Problem, wenn kein Verkehr auf der Straße ist.“ Falls doch müsse der Radfahrer anhalten, absteigen und dürfe erst auf die Straße wechseln, wenn sie frei ist. Im konkreten Fall bestehe sogar die Pflicht, die Fahrbahn per pedes zu queren und auf dem blau beschilderten Fuß- und Radweg auf der anderen Seite weiterzufahren.

Ja, Radfahrer müssen beim Einfahren auf die Fahrbahn tatsächlich die Vorfahrt des Fahrbahnverkehres beachten. Das klappt leider tatsächlich nicht immer, allerdings ist auch hier die Frage, ob die mangelhafte Radverkehrsführung nicht mit für solche Problematiken verantwortlich ist. Es bleibt jedoch fraglich, um welchen konkreten Fall es sich handeln mag, dass die Fahrbahn nur schiebender Weise überquert werden dürfe. Was auch immer da baulich ausgestaltet oder blau angeordnet wurde, es dürfte schon Grund genug sein, die Radverkehrsanlage wegen mangelnder Stetigkeit zu meiden.

Großes Ärgernis: Radler sind auf der Straße unterwegs, müssen vor der roten Ampel anhalten, fahren aber schnell auf den Bürgersteig und „nutzen“ das Grünlicht an der Fußgängerampel, um dann wieder auf die Fahrbahn zu wechseln – hohes Unfallrisiko. Knappe Antwort des Sachbearbeiters Verkehr: „Rotlichtverstoß!“

Rotlichtverstoß mit Ausrufezeichen ist womöglich zu schnell geschlossen. Je nach Ausgestaltung der Kreuzung, Gültigkeit der Straßenverkehrsordnung und dem aktuellen Datum könnte für Radfahrer auf der Fahrbahn tatsächlich die Fußgängerampel gültig sein, es wäre also vollkommen legitim, bei roter Fahrbahnampel über die Kreuzung zu fahren, wenn die Fußgängerampel noch grünes Licht zeigt. Ob das Verhalten der Radfahrer, noch eben kurz auf den Gehweg zu wechseln, in Ordnung ist, hängt hingegen von der tatsächlichen Beschilderung ab. Es wäre einfacher, rechts an den wartenden Kraftfahrzeugen vorbeizurollen, auch wenn Kraftfahrzeugführer das überhaupt nicht leiden können.

Bevor man sich als Autor in der Zeitung über so etwas aufregt, sollte man wenigstens die Fakten einigermaßen recherchiert und beisammen haben. Eigentlich fehlte nur noch das leidige Thema über die Helmpflicht.

Ein Gedanke zu „In Lichtenfels sind die Radwege noch sicher“

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