Immer neue Ideen, den Radfahrer vom Rad zu schlagen

Es ist vollkommen abstrus, geradezu bescheuert. Während die Sicherheit des Radverkehrs ganz langsam gesteigert wird, indem zum Beispiel die Pflicht zur Benutzung gefährlicher Radwege aufgehoben wird, gar nur 15 Jahre nachdem sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass der Radfahrer mitunter auf der Fahrbahn besser aufgehoben wird, während geänderte Verkehrsführungen und Ampelschaltungen die Sicherheit von Radfahrern im Kreuzungsbereich erhöhen, während sogar das Bewusstsein für die Sicherheit der Radfahrer im Straßenverkehr steigt, währenddessen gibt sich die Automobilindustrie alle Mühe, den Radfahrer doch noch irgendwie tödliche Verletzungen zuzufügen — man kann es kaum noch anders formulieren.

Es werden Kraftfahrzeuge gebaut, die den Blick nach vorne einschränken und den Schulterblick beinahe gänzlich unterbinden, so dass jeder Abbiegevorgang für andere Verkehrsteilnehmer durchaus zum tödlichen Risiko wird. Während die Sicherheit des Kraftfahrzeugverkehrs mit einer ganzen Batterie an Airbags, technischen Assistenten und Hilfsmitteln verbessert wird, bleibt schon die Entwicklung von Motorhauben, die sich bei Kollisionen verletzungshemmend einstellen, auf der Strecke. Das Cockpit blinkt wie ein Tannenbaum, wenn der Kraftfahrer auf der Autobahn unaufmerksam seine eigene Fahrspur verlässt, aber wenn der rechte Fahrtrichtungsanzeiger aktiviert wird, warnt kein Assistent, wenn rechts noch ein Radfahrer pedaliert.

Das muss nicht unbedingt etwas schlechtes sein. Mit jedem neuen Knopf, mit jedem neuen technischen Assistenten wird der Kraftfahrer weiter von seiner Verantwortung befreit und sinkt die Aufmersamkeit noch ein kleines bisschen mehr. Wozu auf der Autobahn auf die Fahrbahn achten, wenn Fahrspur- und Entfernungsassistenten schon Bescheid geben, wenn etwas nicht stimmt? Wozu beim Rechtsabbiegen aufpassen, wenn doch ein Computerchip achtgibt, ob jemand im Wege steht? Infotainment-Systeme versuchen nach Kräften die Aufmerksamkeit vom Verkehrsgeschehen abzuziehen, ganz davon abgesehen, dass die technischen Hilfsmittel gerne missverstanden werden, die sich im seltsamen Glauben äußern, mit dem ABS beispielsweise auch auf Glatteis problemlos bremsen zu können — und dementsprechend mit über hundert Sachen quer über die vereisten Straßen an den Baum zu segeln. Gewöhnen die kleinen Computerprogramme erst einmal den Schulterblick beim Rechtsabbiegen ab, wird’s auf dem Radweg noch gefährlicher.

Zurück auf die Fahrbahn: Obschon nicht mehr jeder Radweg benutzt werden muss, gibt es noch immer hinreichend viele Radverkehrsanlagen, die den Zweiradfahrer im direkten Bereich der öffnenden Autotür spazierenfahren. Solche Radwege werden noch immer benutzt, teilweise tragen sie noch immer ein blaues Schild, teilweise fühlen sich die Radfahrer dort fälschlicherweise sicher. Aber wenn sich die Tür öffnet, steckt der Radfahrer im wahrsten Sinne des Wortes in großen Schwierigkeiten: Auf der Fahrerseite wird womöglich noch geschaut, ob die Fahrbahn zum Aussteigen frei ist, schließlich will man sich weder die Tür abfahren lassen noch plötzlich auf der nächsten Motorhaube liegen. Auf der dem Radweg zugewandten Beifahrerseite finden solche Kontrollblicke so gut wie nie statt, schließlich fehlt dem Beifahrer, der mit der Führung des Fahrzeuges in den vergangenen Minuten nichts zu tun hatte, jegliches Bewusstsein für den Straßenverkehr. Und wer auf der Rückbank sitzt, hat sicherlich noch ganz anderes im Sinn als sich auf Radfahrer zu konzentrieren — zumal der Rückspiegel fehlt.

Jener Rückspiegel fehlt jetzt auch immer öfter auf der Fahrerseite, denn dort klappt der Spiegel mitunter beim Abziehen des Zündschlüssels ein — der erste tödliche Unfall ist schon länger aktenkundig: „Verkettung unglücklichster Umstände“

Ein 66-Jähriger bringt mit der Autotür eine Radfahrerin zum Sturz. Die Frau stirbt. Nun wurde der Fall vor dem Amtsgericht Dachau verhandelt.

Es kann eigentlich keine technische Schwierigkeit sein, den Spiegel erst beim Abschließen des Fahrzeuges einzuklappen, um den Fahrer noch eine gewisse Sicht auf das Verkehrsgeschehen zu ermöglichen. Denn was die gefährlichen Radwege auf der Beifahrerseite sind, sind die Schutzstreifen auf der Fahrbahn: Die breiten sich plötzlich massenhaft auf der Straße aus und drängen den Radfahrer beinahe ständig viel zu dicht an die parkenden Kraftfahrzeuge. Wer links vom Schutzstreifen fährt, muss sich dagegen auf vorsätzliche Attacken der Kraftfahrzeugführer gefasst machen, die ein solch sicherheitsorientiertes Verhalten natürlich nicht tolerieren und sowieso dem auf dem Schutzstreifen fahrenden Radfahrer viel zu dicht überholen, weil die gestrichelte Linie das Empfinden für Sicherheitsabstände außer Kraft setzt.

Bleibt zu hoffen, dass sich die Automobilindustrie erinnert, auch an die übrigen Verkehrsteilnehmer zu denken — und davon absieht, die Fahrgastzelle von möglichen Umwelteinflüssen abzuschotten, damit sich die Insassen ungestört dem Infotainment-System hingeben können.

Nichtsdestotrotz bleibt natürlich auch bei eingeklappten Seitenspiegeln der Fahrzeuginsasse in der Pflicht, vor dem Öffnen der Tür nach möglichen Unfallgegnern Ausschau zu halten — ein toter Winkel befreit genauso wenig von der Sorgfaltspflicht wie ein eingeklappter Seitenspiegel.

8 Gedanken zu „Immer neue Ideen, den Radfahrer vom Rad zu schlagen“

  1. Ich bin bis jetzt immer davon ausgegangen, dass ein eingeklappter Spiegel bedeutet: keine Person im Wagen weil abgeschlossen. Habe es sozusagen als ein nicht dooring-gefährliches Kfz gewertet. Hmm. Dies ist wohl falsch.

    Meines Erachtens sollte Handy-beim-autofahren-in-die-Hand-nehmen damit bestraft werden, dass dieses beschlagnahmt wird und erst nach 1 Monat wieder eingelöst werden kann. Die momentanen Strafen sind völlig wirkungslos.
    Die Leute schlingern wie besoffen durch die Gegend wenn sie am Telefon rumfingern. Es wird immer schlimmer.
    Es ist zu hoffen, dass bald auch die Bedienung von Navigation etc verboten wird.

    1. Ich bin bis jetzt immer davon ausgegangen, dass ein eingeklappter Spiegel bedeutet: keine Person im Wagen weil abgeschlossen. Habe es sozusagen als ein nicht dooring-gefährliches Kfz gewertet. Hmm. Dies ist wohl falsch.

      Tja, man kommt aus dem Staunen nicht hinaus. Das war mir bislang auch nicht so bewusst.

      Es ist zu hoffen, dass bald auch die Bedienung von Navigation etc verboten wird.

      Es reichte ja schon, wenn jeder Verkehrsteilnehmer sich auf den Verkehr konzentrieren könnte, anstatt mitten im Innenstadtverkehr meterlange Blindflüge hinzulegen, weil etwas anderes interessanter ist. Aber da ist mit Vernunft wohl nicht zu rechnen.

  2. Jedes Kfz ist ein Feind-Kfz!
    Mit dieser Prämisse im Hinterkopf und den Fingern an den Bremsen wird der Schutzstreifen möglichst Links befahren, scheiss auf die Autos auf der Fahrbahn.
    Wenns kracht stehst nähmlich du in der Bütt, weil ja eben du nicht den Mindestabstand eingehalten hast!
    Ja ich weiss, eine kranke Welt!

      1. Grundsätzlich ursächlich sind dann aber die Straßenverkehrs-Behörden, die zum Beispiel auf meiner Route zur Uni und zurück den Schutzstreifen auf weniger als einen Meter Breite zusammenkürzen und mich direkt an den linken Seitenspiegel der dort parkenden Kraftfahrzeuge drängeln. Dort fahre ich natürlich links der gestrichelten Linie und ziehe mir beinahe täglich den Zorn der Kraftfahrer zu. Andersherum gab es dort aber schon mal Unfälle von Radlingen, die dummerweise den Schutzstreifen benutzten und plötzlich in der Tür klemmten, allerdings blieb es dabei meines Wissens bei materiellen Schäden.

  3. Gegen die Dooring-Unfälle hilft wirklich nur Abstand (eine Türbreite, also ca. 1-1.5m). Wenn ein Radweg/Radfahrstreifen/Schutzstreifen zu dicht an parkenden Fahrzeugen vorbeigeführt wird, dann muss man eben diesen gefährlichen Streifen ignorieren, auch wenn man dann gelegentlich angehupt wird (wer hupt, der hat einen gesehen und fährt einen nicht an).

    1. …und diesen Fahrzeugführer an der nächsten Ampel nur mal kurz fragen ob dieser im Stau gestanden hat.
      Gesichtsausdruck: unbezahlbar!
      😉

  4. Der schönste Satz ist dieser: „Bleibt zu hoffen, dass sich die Automobilindustrie erinnert, auch an die übrigen Verkehrsteilnehmer zu denken“.

    „Erinnert“? Hat sie das denn überhaupt jemals getan? Ebenso könnte man darauf hoffen, dass die amerikanische Waffenlobby sich dafür stark macht, „nur noch“ einfache Faustfeuerwaffen für Privatpersonen zuzulassen. Für die Autoindustrie gibt es: Das Auto, das Auto, das Auto, das Auto, das Auto, das Auto……. Fußgänger, lärmgeplagte Anwohner und Radfahrer sind unerwünschte Plagegeister, die man zwar zur Kenntnis nimmt, sich aber nicht weiter um sie schert. dafür gibt es Beispiele noch und nöcher.

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