Holt die Kinder rein: Die Kampfkraftfahrer sind los

Am allerschlimmsten, da sind Kraftfahrer und Fußgänger, pardon, Kraftfahrende und zu Fuß Gehende ausnahmsweise einer Meinung, am allerschlimmsten im Verkehr sind diese Radfahrer. Die halten sich eh an keine Regeln, fahren ohne Licht und tragen noch nicht einmal einen Sturzhelm!

Es gibt eine Theorie, nach der Radfahrer sich so verhalten wie sie sich nunmal verhalten, weil sie keine angemessene Radverkehrsinfrastruktur vorfinden, sich im Straßenverkehr sozusagen unablässig im Ausnahmezustand befinden. Es ist dem normalsterblichen Radfahrer nunmal schwer zu erklären, warum er an dieser Stelle auf dem gemeinsamen Fuß- und Radweg radeln soll, zweihundert Meter später aber auf die Fahrbahn wechseln muss, obschon die dortige Situation wenigstens optisch genauso aussieht, warum er hier den linken Radweg befahren soll aber dort den linken Radweg nicht einmal ansehen darf, warum er hier im kapitalen Berufsverkehr auf der Fahrbahn rollen soll, obwohl sogar die Tempo-30-Zone vor seiner Haustür mit Radwegen ausgestattet ist. Das begreift doch alles kein Mensch.

Und Autofahren? Das scheint auch bloß leicht zu sein, solange nichts unerwartetes passiert. Jeder Polizeibeamte, der schon einmal in die Verlegenheit kam, während des Ausfalls einer Lichtzeichenanlage den Verkehr zu regeln, wird von den verrücktesten Situationen berichten können, in denen Kraftfahrzeugführer gerade noch mal eben so ohne größere Blechschäden und er selbst noch mit dem Leben, aber mit recht schlechter Laune davongekommen sind. Noch actiongeladener werden die Szenen, wenn beispielsweise der Weg nach Hause wegen eines Feuerwehreinsatzes gesperrt wird. Da gelten für manchen Kraftfahrzeugführer überhaupt gar keine Regeln mehr und schon gar nicht die Weisungen eines Polizeibeamten, letzterem wird unbeholfen über die Füße an der Absperrung vorbeimanövriert. Und das sind keineswegs jene Kraftfahrer, die ein Radfahrer mehr oder weniger scherzhaft als Kampfkraftfahrer bezeichnete, ganz im Gegenteil, da sitzen ganz normale, im Alltag harmlose Menschen hinter dem Steuer, die sich plötzlich nicht anders zu helfen wissen als die Staatsmacht mit dem Familienvan zu überfahren, um nur nach Hause zu kommen. Sofern man den Erzählungen der Polizei glauben mag, passiert sowas häufiger als zunächst angenommen.

Oder, noch umständlicher: Arbeitsstellen im Straßenverkehr. Es lohnt durchaus das frühe Aufstehen, um die Reaktionen der Kraftfahrer gegenüber einer nachts eingerichteten Baumaßnahme zu beobachten. Das meistens quasi automatisch angeordnete Tempolimit gilt sowieso nicht, Einbahnstraßenregelungen werden überhaupt nicht wahrgenommen, manch einer stellt auch die gerade eben aufgebauten Absperrgitter beiseite, weil er sich gar nicht anders zu helfen weiß und die Möglichkeit eines Umweges über eine Parallelstraße gar nicht im Bereich der Wahrnehmung liegt. Normalität stellt sich erst nach ein paar Stunden ein, wenn der Berufsverkehr sich das erste Mal durch die Arbeitsstelle geschoben hat und sich die Kraftfahrer an die neuen Verkehrsführungen gewöhnt haben.

Normalität gilt allerdings nicht gegenüber Zeichen 250: Überraschend viele Anwohner fantasieren sich automatisch das Zusatzzeichen 1020–1030 „Anlieger frei“ unter das Verkehrsverbot für alle Fahrzeuge, schieben die Absperrungen beiseite und parken ihre Kraftfahrzeuge direkt in der Baugrube — schließlich wurde dort gestern auch noch geparkt. Es gibt sogar Überlieferungen, nach denen am Montagmorgen erst einmal der Abschleppdienst anrücken musste, um die geparkten Kraftfahrzeuge aus dem Bereich der Baumaßnahme zu entfernen.

Gerade bei ausgefallenen Lichtzeichenanlagen, Feuerwehreinsätzen und Arbeitsstellen lässt sich eine gewisse Parallele zum Alltag des Radfahrers im Straßenverkehr erkennen: Eine gewisse Überforderung kombiniert mit einer nicht angemessenen Verkehrsinfrastruktur führt zu gänzlich unüberlegten Manövern. Sogar die Straßenverkehrsbehörden spielen weiter ihre Rolle, indem Verkehrsverbote mal für Anlieger gelten, dann aber wieder nicht und weder Arbeitsstellen noch die dazugehörige Absicherung und Verkehrsführung kontrolliert wird.

Wenn sich die Arbeiter außerstande sehen, die für den Lastkraftwagen-Verkehr geöffneten Absperrungen nach Feierabend wieder zu schließen, sitzen die Anwohner durchaus zu Recht ratlos in ihren Kraftfahrzeugen davor: Soll das Verkehrsverbot nun gelten? Falls ja: Warum ist dann die Absperrung geöffnet? Und soll überhaupt die Einbahnstraßenregelung gelten, wenn das Schild beim Sturm vor zwei Wochen umgekippt ist und nicht wieder aufgestellt wurde? Und die Haltverbote, was ist eigentlich mit den Haltverboten?

Ohne ständig mit dem mahnenden Finger vor der Windschutzscheibe herumwedeln und zeigen zu wollen, wie doof die anderen Verkehrsteilnehmer doch wären: Der Vergleich zum Radfahrer, der sich ob der unzureichenden und mutmaßlich auch rechtswidrig angeordneten Beschilderung überhaupt gar nicht mehr sicher ist, ob er nun auf dem Gehweg radeln soll wie noch zwei Straßen zuvor oder auf die Fahrbahn wechseln soll, dieser Vergleich scheint doch mehr als angemessen. Kein Verkehrsteilnehmer kann sich an die Regeln halten, wenn die Infrastruktur vollkommen konträr zu ebenjenen Regeln angelegt wurde.

Insofern war überhaupt gar nicht mehr überraschend, was gestern Vormittag in der Hamburger Innenstadt zu beobachten war. Die Sperrung einer wichtigen Verkehrsachse zwischen dem Bahnhof Dammtor und dem Hamburger Hauptbahnhof sorgte hinter dem Steuer für beinahe grenzenloses Chaos. Mutmaßlich hätte sich der Stau etwas schneller gelöst, hätten die Kraftfahrer ihre Fahrzeuge nicht unbeachtet der Farbe der Lichtzeichen Meter für Meter in die Kreuzung geschoben, um dort dem Querverkehr im Wege zu stehen. In Mitleidenschaft gezogen wurden dabei selbstverständlich auch sämtliche Radverkehrsinfrastrukturen, die entweder, sofern ebenerdig zur Fahrbahn angelegt, als zusätzliche Fahrspur für den Kraftverkehr Verwendung fanden, oder aber, im Falle von Hochbordradwegen, als Parkfläche herhalten mussten, um den Verkehr nicht zu behindern, wie man so schön sagt. Und aufgrund ihres Wagens jeglicher Kommunikation beraubt blieb den meisten noch nicht einmal etwas anderes übrig, als wütend auf die Hupe zu prügeln.

Das wiederum torpedierte den Radverkehr, der nun entweder ordnungswidrig auf dem Gehweg weiterfuhr oder sich seinen Weg zwischen den hupenden Kraftfahrern auf der Fahrbahn suchen musste.

Aufgefallen sind den Passanten am Gänsemarkt allerdings nur die einigermaßen verzweifelten Radfahrer, die mit dem üblichen Vokabular unseres Verkehrsministers bedacht wurden. Dass die komplette Innenstadt von Kraftfahrzeugen belegt wurde, die sich mitunter tatsächlich mit ihren Nachbarn um jeden weiteren Meter stritten, das fiel überhaupt nicht auf — vermutlich ist man derartiges vom Kraftverkehr gewohnt: Schließlich fällt auch nur der einsame Fahrbahnradler auf, der neben dem mit mehreren Kraftfahrzeugen zugestellten Radweg fährt.

2 Gedanken zu „Holt die Kinder rein: Die Kampfkraftfahrer sind los“

  1. Eine sehr schöne Situation hatte ich auch vor einigen Tagen.

    Als vor mir in einer engen Straße sich zwei Kampfkraftfahrer gegenseitig blockierten und versuchten den jeweils andern weg zu hupen, wich ich mit meinen Rad auf den nicht benutzungspflichtigen Radweg aus (oder war das doch nur ein Gehweg mit roten Pflastersteinen).
    Nach einigen Metern merkte ich, dass der Autofahrer, der hinter mir fuhr / stand, mir durch eine Parklücke auf den Gehweg folgte.

    Da soll einer nochmal behaupten, dass Autofahrer von Radfahrern nichts lernen könnten.

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