Hanstedt: Statistiken gelten nicht

Es scheint nicht leicht zu sein, einen Zeitungsartikel über das leidige Radfahrer-Thema zu schreiben. Sascha Mummenhoff tut sich mit der Berichterstattung über die Umschilderung der Hanstedter Fuß- und Radwege besonders schwer: „Wir haben einen Fehler gemacht!“

Nach massiver Kritik: ADFC-Vorstand will Fußweg-Verbot für Radfahrer in Hanstedt entschärfen.

Noch schwerer mit dem Thema tut sich wohl nur der örtliche ADFC, der sich zunächst bei den Hanstedter Bürgern entschuldigt und einen Antrag ankündigt, um die ehemaligen benutzungspflichtigen Fuß- und Radwege, die mittlerweile gegen lauten Protest der Einwohner in reine Gehwege umgewandelt wurden, für Radfahrer wenigstens wieder freizugeben — obwohl er weiß, dass das eigentlich nichts wird, denn erst einmal ist ein geordneter Schilderwald nunmal kein Schrebergarten, in dem sich sähen pflanzen lässt, was man da gerne hätte. Welche Schilder aufgehängt werden entscheidet zunächst einmal die Straßenverkehrsbehörde in Lüneburg — und die wird sich damit schwer tun, denn für eine Freigabe für Radfahrer sind bestimmte Anforderungen an den Weg nötig, etwa eine gewisse Mindestbreite, die in Hanstedt offenbar nirgendwo erreicht wird, sowie gewisse bauliche Beschaffenheiten, die ebenso schwer zu finden sein werden.

Die Hanstedter lassen sich von solchen Vorgaben nicht aufhalten: 859 Unterschriften sammelte eine Einwohnerin, obwohl die Forderungen etwas auseinandergehen. Einige Bürger fordern lediglich die Freigabe der Gehwege für Radfahrer, andere möchten den früheren Zustand wiederherstellen, also vor allem den Radverkehr wieder von der Fahrbahn vertreiben.

Ohnehin bleibt der Eindruck, dass sich in erster Linie in Hanstedt nichts ändern soll. Noch immer behauptet das Wochenblatt, Karin Sager habe sozusagen nur aus Spaß einen Antrag gestellt, die Schilder zu entfernen, wogegen es ihr darum gegangen sein dürfte, einen vorschriftsmäßigen Zustand herzustellen — es lässt sich sicherlich nicht leugnen, dass sie wohl auch nicht unbedingt gerne auf diesen holperigen Wegen unterwegs war.

Zwischen den Zeilen lässt sich erkennen, dass sich auch Autor Mummenhoff sehr schwer mit Veränderungen arrangiert. Auf die neueren Erkenntnisse der Unfallforschung und Untersuchungen bezüglich der Sicherheit von derartigen Radverkehrsanlagen reagiert er wie die Zuhörer bei der Informationsveranstaltung des ADFC vor allem mit Kopfschütteln, offenbar auch, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf.

Natürlich sind derartige Veränderungen schwer zu beschreiben. Kraftfahrer ärgern sich, weil „diese Radfahrer“ plötzlich auf der Fahrbahn fahren, Radfahrer ärgern sich, weil sie nicht mehr auf den vermeintlich sicheren Gehwegen radeln dürfen und Fußgänger, die eigentlich noch am allermeisten von der neuen Regelung profitieren, ärgern sich, weil sich im Dorf etwas ändert. Leider mangelt es in Hanstedt an einem Medium, das sich einigermaßen sachlich mit dem Thema auseinandersetzt.

Entweder gibt es in Hanstedt außer Karin Sager keine Fahrbahnradler oder Fahrbahnradler schreiben keine Leserbriefe — die Stimmung im Wochenblatt ist mehr als nur aufgeheizt. In der Ausgabe vom 24. Juli kommen auf Seite 10 einige Leser zu Wort, entschuldigen sich ausführlich bei Autofahrern, die auf der Fahrbahn nicht unmittelbar überholen konnten, beklagen, dass niemand von Karin Sagers Vorhaben wusste, und befürchten eine künftige Vollbeschäftigung der örtlichen Ärzte angesichts der zu erwartenden Unfälle.

Noch lesenswerter als der Artikel ist Mummenhoffs Kommentar, der sich unter dem Online-Artikel befindet: Das ist der richtige Weg

Ein argumentatives Meisterwerk ist insbesondere der mittlere Absatz:

Schade nur, dass der ADFC nicht mit einer Stimme spricht. ADFC-Kreisvorsitzender Volker Bandke bleibt bei seiner Überzeugung, dass Radfahrer auf dem Fußweg nicht sicher sind. Statistiken mögen ihm Recht geben, doch das zählt an dieser Stelle nicht. Wer aufs Fahrrad steigt, möchte sich sicher fühlen. Und dieses Gefühl ist nicht mit einer Statistik zu erfassen. Er sollte aufpassen, dass seine guten Ideen nicht wie Ideologien wirken.

Warum zählen denn Statistiken an dieser Stelle nicht? Nicht nur Mummenhoffs Berichte, sondern das Verhalten der Hanstedter Bevölkerung wirkt bei diesem leidigen Radweg-Thema wie das trotzige Kind, das mit dem linken Fuß aufstampft, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Prinzipiell ist in Hanstedt alles egal, wenn doch nur die Radfahrer wieder zurück auf die buckeligen Gehwege müssen?

Sicher: Wer aufs Fahrrad steigt, möchte sich sicher fühlen. Manche Leute betreiben sogar ein Weblog, dass sich mit derartigen Themen befasst. Und sicherlich ist es auch schwierig, das Sicherheitsgefühl mit einer Statistik zu erfassen. Anstatt aber sich des Themas mit dem Totschlagargument der Ideologie zu entledigen, könnte Mummenhoff seine Reichweite im Wochenblatt für etwas Aufklärung sorgen, ein wenig Auflockerung in die in Jahrzehnten gefestigte Überzeugung bringen, Radfahrer würden auf der Fahrbahn sofort totgerast. Offenbar ist er sich selbst aber nicht so sicher, was er von der Statistik halten soll, bezeichnet er Bandkes Vorschläge versehentlich noch als „gute Ideen“.

Vielleicht mag man im Wochenblatt auch einfach keine Fahrräder. Ein paar Tage vorher erschien ein Interview mit dem Titel „Rücksicht auf Radsportler“, in denen sich Jens Klüver vom Buxtehuder Sportverein einigen, naja, tendenziösen Fragen stellen musste: Warum fahren die Sportler überhaupt auf der Straße statt auf dem Radweg, warum nebeneinander und nicht hintereinander, könnt ihr nicht auf verkehrsarmen Feldwegen fahren, wollt ihr nicht eigentlich nur provozieren, warum fahrt ihr nicht ganz rechts, warum verzichtet ihr nicht auf euren Vorrang — nur die obligatorische Frage nach dem Fahrradhelm wurde nicht gestellt.

2 Gedanken zu „Hanstedt: Statistiken gelten nicht“

  1. Nun, nach dem Tenor dieses und der anderen Artikel die sich auf die Aufhebung der illegal angeordneten Benutzungspflicht beziehen (wenn „Radfahrer frei“ nicht hingehängt werden darf da die Wege den Ansprüchen nicht genügen reicht es für eine legal angeordnete Benutzungspflicht gleich zweimal nicht) würde es mich nicht wundern wenn die Leserbriefe zu den Artikeln „selektiert“ wurden um das „gesunde Volksempfinden“ darzustellen. „…andere möchten den früheren Zustand wiederherstellen, also vor allem den Radverkehr wieder von der Fahrbahn vertreiben.“ zeigt es ja wohl deutlich.

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