Hanstedt: Kaum Verständnis für Fahrbahnradler

Auf dem Land, da ist die Welt noch in Ordnung — auch wenn Hanstedt noch im Hamburger Umland liegt und mit knapp über 5.000 Einwohnern auch alles andere als eine kleine Provinzgemeinde ist. Wie in vielen Orten, die abseits der Großstädte gelegen sind, gibt es in Hanstedt keine vernünftige Radverkehrsinfrastruktur. Und als man irgendwann nicht so recht wusste, wohin mit diesen Zweiradfahrern, wurde einfach an jeden möglichen Gehweg ein Zeichen 240 geschweißt — natürlich ohne den eigentlich obligatorischen Blick in die Verwaltungsvorschriften.

Nun wurden vor allem auf Drängen des ADFC klare Verhältnisse geschaffen. Auf Seite 21 schreibt das Hanstedter Echo: Fußweg-Verbot für Radler

In Hanstedt müssen Fahrradfahrer auf der Straße fahren / Folgen andere Gemeinden?

Der ADFC wollte eigentlich eine „sanfte Lösung“ fahren: Radfahrer sollten fortan mit dem entsprechenden Zusatzzeichen die engen Radwege weiter nutzen dürfen, allerdings primär auf die Fahrbahn gebeten werden. Allerdings hatte die entsprechende Behörde eigentlich überhaupt keine Wahl: Wollte sie nicht erneut gegen die Vorschriften verstoßen, mussten nunmehr reine Gehwege angelegt werden. Das ist nun einerseits dumm gelaufen, andererseits steht es eigentlich außer Frage, dass auf Gehwegen, die nicht den Mindestanforderungen entsprechen, nunmal kein Radverkehr erzwungen werden darf. Nicht nur die Verwaltungsvorschriften, sondern auch die physikalischen Gesetze gelten nunmal auch in Hanstedt. Und nebenbei erwähnt: Anders als im Artikel dargestellt dürfen Kinder bis zwölf Jahren einen solchen Gehweg überhaupt nicht befahren, das ist nur bis zum vollendeten achten Lebensjahr vorgeschrieben und bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr erlaubt.

Trotzdem fielen die Reaktionen der Leser in den Leserbriefen auf Seite 4 zwei Wochen später durchweg negativ aus. Als „Eigentor“ bezeichnet eine Leserin die Umwandlung in reine Gehwege, „Kreis und Gemeinde sollten es zurücknehmen“ meint eine andere. „Unglaublich“ und „Welch ein haarsträubender Unsinn!“ empört sich ein Dritter, und die vierte Kommentatorin hofft: „Vorreiter-Rolle findet hoffentlich keine Nachahmer“.

Man muss nicht gleich den Begriff des Wutbürgers bemühen, um das gefährliche Informationsdefizit zu erkennen, dass in diesen Leserbriefen mitschwingt. Im eigentlichen Artikel wurde die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht mit einer gesteigerten Qualität des Radfahrens und einer damit einhergehenden Verkehrsberuhigung auf der Fahrbahn begründet — die eigentlichen Hintergründe, beispielsweise die Sicherheit beim Fahren insbesondere im Hinblick auf Sichtbeziehungen und deren Fehlen, wurden einfach ausgeblendet. Kein Wunder, dass sich bei den Kommentatoren nunmehr die Nackenhaare sträuben.

Es ist, wie einer der Leserbriefe anmerkt, nunmal schwer zu erklären, warum jahrzehntelang das Radeln auf Rad- und Gehwegen geradezu als überlebenswichtig dargestellt wurde, wenn es heutzutage plötzlich heißt: Auf der Fahrbahn seid ihr sicher, Radwege sind doch nicht so toll. Der Meinungsbildung ist es auch nicht gerade zuträglich, dass solche Argumente ausgerechnet vom ADFC mit seinen Alltagsradlern vorgebracht wird, die dem Freizeitradler seit jeher eher nicht geheuer sind. Zumindest nach empirischen Erhebungen verstehen viele Radfahrer, die in der sommerliche Zeit unterwegs sind, das Rad nunmal primär als Freizeitgefährt für ein paar sonntägliche Radtouren, können sich aber auch innerhalb des so genannten Fahrrad-Boomes nicht vorstellen, damit zur Arbeit, zum Einkaufen oder wenigstens zum Bäcker zu fahren.

Und wenn dann jemand die Unsicherheit solcher Radverkehrsanlagen, sofern man einen blau beschilderten Gehweg denn unter diesen Begriff fassen möchte, mit einer stolzen Summe von sechs glücklicherweise glimpflich abgelaufenen Unfällen demonstriert, dann folgt natürlich das übliche Argument eines Radfahrers, der seit mehreren Jahrzehnten, im konkreten Fall seit 60 Jahren, mit dem Rad fährt und noch nie etwas derartiges erlebt hat, weil er auch mal absteigen und schieben kann und nicht auf seine Rechte besteht. Aber so funktioniert der Radverkehr nicht. Salopp formuliert: Absteigen und schieben und ständig auf Rechte verzichten mag eine für die Tour um den Baggersee akzeptable Vorgehensweise sein, möchte man tatsächlich schnell zum Ziel kommen, weil man das Fahrrad als ernsthaftes Transportmittel versteht, hat man auf derlei Späße eher weniger Lust.

Immerhin ist ein Teil der Kritik aus den Leserbriefen berechtigt: Alle vier arbeiten sich sorgfältig daran ab, wie denn nun mit Kindern zu verfahren wäre, die aufgrund ihres Alters auf dem Gehweg fahren müssen. Das klappte natürlich noch besser, als auch die Eltern auf solche Wege gezwungen wurden, allerdings ist diese Regelungslücke in der Straßenverkehrs-Ordnung nun kein reines Hanstedter Problem, sondern tritt so gut wie überall in Deutschland auf, sofern sich eine Stadt nicht gerade mit Gehwegen zugepflastert hat.

Insofern bleibt noch viel zu tun. Nur die Zeichen 240, die wird in Hanstedt wohl niemand wieder anschrauben, auch wenn die tatsächlichen Gründe niemand versteht.

7 Gedanken zu „Hanstedt: Kaum Verständnis für Fahrbahnradler“

  1. Die hier sehr gut beschriebene Problematik ist IMHO beispielhaft für einen Trend: langsam fallen die RWBP`en, die Front der Behörden bröckelt, der Stammtisch hält noch dagegen. Während nach meiner Einschätzung dabei sowohl bei Behörden als auch bei Medien eine verbesserte Kenntnis, in etwas geringerem Maße auch mehr Verständnis zu beobachten ist, kann ich dass in der breiten Bevölkerung nicht erkennen.

    Allerdings fehlt mir hierfür auch nur annähernd repräsentatives Feedback, die ADFC-Befindlichkeitsumfrage ist mir zu unsicher, aber ich kenne keine bessere Quelle. Kann jemand Geeigneteres zur allgemeinen Stimmungslage liefern?

    I.Ü. stelle ich persönlich eine zuletzt stärkere Kampfradler=Gehwegradler -Debatte fest, die angesichts der Blauschildverlustängste etwas grotesk wirkt. Entstammen diese etwas diametralen Ängste größtenteils unterschiedlichen Gruppen oder sogar denselben Verkehrsteilnehmern ambivalent je nach Verkehrsart? Genauere Untersuchungen sind mir nicht bekannt und Begründungen für Mutmaßungen in verschiedene Richtungen fielen mir genug ein.

    1. man könnt‘ ja mal an die Unis und FHs unserer Städte herantreten. Das Thema wäre durchaus etwas für eine Bachelorthesis oder sogar Masterarbeit.
      Durch entsprechende Schwerpunktsetzung ließe sich das ganze sogar in unterschiedlichen Fachbereichen unterbringen…
      Mir fallen da sofort ein: Soziologie & Geographie.

  2. Ich finde gar nicht, dass die Aktion dumm gelaufen ist. Es ist eine Frage des Betrachtungswinkels. Die Leserbriefschreiber, die sich nun auf der Straße (sie meinen die Fahrbahn) gefährdet sehen, denken nicht weiter, als dass die Lösung dieses Problems ausschließlich das Radeln auf dem Gehweg ist. Wie das wiederum Senioren sehen, die zu Fuß unterwegs sind und ebenfalls Angst vor Radfahrern haben, interessiert sie dabei nicht. Wo steht geschrieben, dass Autos grundsätzlich das alleinige Recht auf die Fahrbahnbenutzung haben? Und weshalb sollten sie dort unbedingt Tempo 50 fahren dürfen?

    Aus allen Leserbriefen spricht die Angst vor den Gefahren des Autoverkehrs. Logische Konsequenz wäre es, diesen massiv zu entschärfen! Tempo 30 in ganz Hanstedt bietet sich als hervorragende Maßnahme an. Die Verkehrsleistung wird dadurch nicht geringer, wie man vorschnell vermuten könnte, sondern größer. Der Sicherheitsgewinn wäre beachtlich, außerdem hätte man, quasi als „Dreingabe“ eine Lärmminderung, die allen Bewohnern zugute käme.

    Fahrzeuge gehören nun einmal auf die Fahrbahn, auch Fahrräder. Die Kritiker dieser Tatsache sollten sich einmal mit der europaweiten Initiative für Tempo 30 in den Städten befassen – und sie unterzeichnen.

  3. Erwachsene Radfahrer, die nicht auf der Fahrbahn mit dem Rad fahren wollen, fordern damit letztlich Shared Space. Aber davon sind wir leider Lichtjahre entfernt.

    1. Der Gehweg (und die übliche Gehweg-/Radweg-Kombo) ist doch Shared Space….
      Fußgänger, Gehwegradler, (motorisierte und unmotorisierte) Stehzeuge, Skater, Roller, Mülltonnen, Straßenlaternen, Flora (Bäume, wuchernde Büsche) und Fauna (Hunde),….

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