Hamburg will neue Mobilitätsbedürfnisse erkannt haben

Der Vorstoss zu einem generellen Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde innerhalb geschlossener Ortschaften hängt noch klebrig in der Luft, da erzählt Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz plötzlich von neuen Mobilitätsbedürfnissen der Menschen, die nicht mehr primär mit dem Auto, sondern auch dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr fahren oder sich gar zu Fuß fortbewegen. Das Pinneberger Tageblatt titelt daraufhin sogar: Anfang vom Ende der Autostadt Hamburg

Dauervorfahrt für das Verkehrsmittel Auto? Diese Zeiten sollen in Hamburg vorbei sein. Der Senat will Fußgängern, Radlern sowie Nutzern von Bussen und Bahnen das Fortkommen deutlich erleichtern – wenn es sein muss, auch auf Kosten des motorisierten Verkehrs. Hamburg läutet den Anfang von Ende des autogerechten Stadt ein.

Man darf ja gespannt sein, wie lange das gute Vorhaben dieses Mal währt — es ist schließlich nicht das erste Mal, dass man medienwirksam die autogerechte Stadt als fehlgeleitetes Konzept der Vergangenheit bezeichnet und sich anschließend mit wirklichen Neuerungen schwertut. Man muss allerdings durchaus anerkennend anmerken, dass die Hamburger Verwaltung momentan ganz arg im blauen Schilderwald wildert und einen unzulänglichen Radweg nach dem anderen von der Benutzungspflicht befreit: mitunter wird man vormittags noch auf einer löchrigen Buckelpiste zur Arbeit holpern müssen, während auf dem Rückweg am späten Nachmittag mittlerweile die komplette Straße von vorne bis hinten entblaut wurde und beim Fahrbahnradeln nur noch die obligatorischen Wutautofahrer stören, die von der neuen Situation noch nichts bemerkt haben.

Leider endet das radverkehrspolitische Engagement schnell nach der Entschilderung: sogar neue Radwege sind eher unzureichend, wenn auch wenigstens in Richtung der Verwaltungsvorschriften orientiert und ohne blaue Schilder, doch müssen alte Radwege entweder weiterhin in einem befahrbaren Zustand gehalten oder zurückgebaut werden. Einfach das Schild zu entfernen genügt nicht, denn erfahrungsgemäß bleiben beinahe 98 Prozent der Radfahrer weiterhin auf dem gewohnten Rad- oder gar Gehweg. Ihn verfallen zu lassen bedeutet ein unverhältnismäßiges Unfallrisiko für die verbliebenen 98 Prozent. Und die Velorouten, deren Konzept nunmehr schon jahrelang in den Schubladen schimmelt, kommen auch nicht mehr so recht voran.

Insofern wäre es wirklich eine ganz große Überraschung, würde Hamburg das Attribut „autogerecht“ gegen „mobilitätsgerecht“ eintauschen. Aber das wird sicherlich noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Aber offenbar ist Eile geboten, wenn Michael Braum als Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur schon wieder den Krieg auf der Straße ins Feld führen lässt:

Der Stadtverkehr gleicht häufig einer Kampfzone: Autofahrer gegen Bus und Bahn, Radfahrer gegen Fußgänger.

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