Hamburg ist neon-gelb

Das neue Jahr beginnt mit strahlenden Aussichten für Hamburgs Radfahrer, freut sich die WELT:

Strahlende Aussichten: Immer mehr Hamburger wappnen sich mit Warnwesten gegen die schlechten Wetterbedingungen – und sorgen so für mehr Sicherheit.

Diesen Zusammenhang kann man so beschreiben, muss man aber nicht — wenigstens der hinten dran geschobene Satz sollte korrekterweise lauten: „Und gleichen damit unaufmerksame Fahrweisen der Autofahrer aus.“

Keine Frage: Sichtbarkeit ist im Straßenverkehr wichtig. Vor zwei Monaten schon erschien auf dieser Webseite ein Artikel über das Radfahren mit Warnweste, der schon damals bilanzierte, dass eine Warnweste zwar den einzelnen Radfahrer prinzipiell zu schützen vermag, für den Radverkehr insgesamt aber mutmaßlich keine positiven Auswirkungen bezüglich der Sicherheit zeigen wird. Die komplette Argumentation kann im damaligen Artikel nachgelesen werden.

Die WELT schreibt nun:

Auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause kommt es, gerade im Winter, zwischen Fahrrad- und Autofahrern häufig zu Kollisionen. Sind die Personen bei Dunkelheit jedoch gut zu erkennen, verringert sich die Gefahr eines Unfalls drastisch.

Soweit, so korrekt. Umgekehrt betrachtet lassen sich Autofahrer dank der neongelben Radfahrer immer weiter vom Sichtgebot befreien. Beinahe jeder Radfahrer hatte schon mindestens einmal mit einem Autofahrer zu tun, der trotz allerbester Sichtverhältnisse die Vorfahrt des Radfahrers missachtete oder beim Ausparken beinahe den Radfahrer auf die Motorhaube nahm. Häufig heißt es dann: „Ich habe Sie gar nicht gesehen!“ Korrekt wäre sicherlich: „Ich habe nicht aufgepasst“, „Ich habe nebenbei SMS getippt“ oder „Ich habe am Navigationsgerät gespielt.“

Es gibt für den Kraftfahrzeugverkehr keinen Anspruch, dass sich sämtliche Hindernisse mit gelben Warnleuchten ausstatten, überall die Straßenbeleuchtung funktioniert und alle Verkehrsteilnehmer, die nicht hinter dem Steuer sitzen, sondern zu Fuß, auf dem Rad oder Motorrad unterwegs sind, eine Warnweste tragen, damit das Autofahren möglichst leicht und einfach von der Hand geht. Ein Fahrzeugführer ist stets verpflichtet, nach Hindernissen Ausschau zu halten, innerorts noch mehr als auf der in der Regel nicht von Menschen aufgesuchten Autobahn. Daraus folgt nun auch, dass er etwa beim Abbiegen gründlich Ausschau halten muss, ob sich auf dem parallel verlaufenden Radweg womöglich ein Radfahrer nähert, anstatt den Schluss zu ziehen, dass sich alles wichtige schon selbst mit einer Weste kennzeichnen wird.

Das Ziel sollte nun eigentlich nicht sein, alle schwachen Verkehrsteilnehmer mit einer Warnweste auszustatten, damit der Autoverkehr ungestört rollen kann, sondern vielmehr den Autoverkehr so weit zu reglementieren und die Verkehrsinfrastruktur so weit umzugestalten, dass sich alle Verkehrsteilnehmer ohne übertriebene Schutzvorrichtungen im öffentlichen Raum bewegen können. Stattdessen heißt es aber:

Der knallige Trend fällt auch den Polizeibeamten immer häufiger auf. Sie begrüßen die steigende Sensibilisierung der Passanten, Oberbekleidung zu tragen, die den Licht- und Sichtverhältnissen der Jahreszeit angepasst ist. Deshalb denkt die Polizei nun über eine Broschüre nach, die die Wichtigkeit von Reflektorwesten untermauern soll.

Man muss sich eigentlich erst einmal klar machen, wie grotesk diese Zeilen eigentlich sind: die Polizei schätzt die Gefährdung von Fußgängern und Radfahrern durch Kraftfahrzeuge so groß ein, dass es sogar eine Broschüre zu dem Thema geben soll. Aber nicht etwa eine an den Kraftfahrzeugverkehr adressierte Broschüre zum richtigen Verhalten in der dunklen Jahreszeit, sondern Empfehlungen über Warnwesten für die schwächeren Verkehrsteilnehmer.

Warnwesten können zwar im Gegensatz zum Fahrradhelm schon präventiv einen Unfall verhindern, sind aber längst kein Allheilmittel: sie leuchten nämlich nur bei Tageslicht. Die grelle Tagesleuchtfarbe reagiert auf ultraviolette Strahlung, so dass die nächtlichen Reflektionseigenschaften der gelben Leibchen kaum Unterschiede zu einer etwas helleren Jacke aufweisen. Lediglich die Reflektionsstreifen sind im Scheinwerferlicht sichtbar, aber leider allzu oft von Rucksäcken, Taschen oder gar Kapuzen verdeckt.

Selbst wenn: eine Warnweste macht keinen Radfahrer sichtbar, der auf einem Radweg entlangfährt, der nicht direkt parallel zur Fahrbahn, sondern hinter einem Grünstreifen oder gar hinter parkenden Autos geführt wird — dort ist er schon physikalisch gesehen unsichtbar. Auf einem Radweg neben der Fahrbahn ist der Radfahrer zwar prinzipiell sichtbar, dringt aber nicht sofort in das Bewusstsein des Autofahrers: der Radler ist schließlich außerhalb der Fahrbahn und für den Autofahrer zunächst unerheblich. Probleme gibt es in beiden Fällen erst beim Abbiegen, wenn der Radfahrer unvermittelt auf der Motorhaube liegt. Denn nachts ist mit der Tagesleuchtfarbe nunmal nichts zu gewinnen und die Reflektionsstreifen leuchten auch nicht, wenn sich der Radfahrer nicht im Scheinwerferlicht des Autos bewegt.

Statt Warnwesten zu empfehlen, könnte die Broschüre auch andere Hinweise enthalten. Etwa die Aufforderung, gefährliche, weil unsicher geführte Radwege zu meiden und stattdessen auf der Fahrbahn im Blickfeld des Kraftfahrzeugverkehres zu radeln. Oder auf funktionierende Beleuchtung, Reflektoren und Bremsen zu achten, die deutlich effektiver sind als jede Warnweste. Und eben die Aufforderung an den Kraftfahrzeugverkehr, nachts ganz besonders aufmerksam zu fahren und mit schlecht sichtbaren Verkehrsteilnehmern zu rechnen.

Es muss wohl an dem deutschen Verständnis einer Automobilnation liegen, dass auf diese Idee niemand kommt. Stattdessen helfen die schwachen Verkehrsteilnehmer weiter mit beim Aufbau der autogerechten Stadt im 21. Jahrhundert, in der man sich ohne Warnwesten offenbar nicht mehr sicher außerhalb der eigenen vier Wände bewegen kann.

Vermutlich finden nicht-getragene Warnwesten bei Radfahrern und Fußgängern bald Einzug in die Unfallberichte — ganz analog zu der bereits üblichen Erwähnung eines nicht getragenen Fahrradhelmes.

2 Gedanken zu „Hamburg ist neon-gelb“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.