„Gegeneinander statt Miteinander“

Zu den Fahrradunfällen in den letzten Wochen im Kölner Stadtgebiet schreibt Christian Hümmeler: Die Stadt Köln muss aktiv werden

Die Unfälle häufen sich: Drei Radfahrer sind in den vergangenen Tagen angefahren worden, weil sie im toten Winkel übersehen worden waren. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Die Stadt muss handeln. Anstoß, der Kommentar.

Der Versuch, den typischen Abbiege-Unfall zwischen Lastkraftwagen und Radfahrer zu kommentieren, der geht aber definitiv schief, wenn er mit den Worten beginnt:

Nein, es sind nicht immer die Autofahrer schuld. Ja, auch Radfahrer ignorieren Regeln, gerade in Köln. Doch kommt es zur Kollision zwischen Auto und Fahrrad, geht es eben meistens für den Radfahrer, für die Radfahrerin schlecht aus.

Eigentlich geht es in den ersten Absätzen vor allem um die Auswirkungen solcher Unfälle — und das Radfahrer doch eigentlich selbst aufpassen sollten, weil sie ja schließlich im Ernstfall unter dem Zwillingsreifen sterben. Das ist ja auch durchaus richtig, wer seine Vorfahrt vor einem abbiegenden Kraftfahrzeug retten will oder sich gar mit einem Lastkraftwagen anlegt, der muss schon lebensmüde sein. Nur: Die meisten Opfer solcher Unfälle wollten bestimmt nicht ihre Vorfahrt zurückerobern, sondern haben schlichtweg nicht gemerkt, sich im toten Winkel zu bewegen. Insofern ist es nicht zutreffend, wenn Hümmeler schreibt:

Die Gefahr potenziert sich noch, wenn ein überforderter und abgelenkter Lastwagenfahrer dann noch auf einen Radfahrer trifft, der stur auf seinem Recht beharrt. Und schon deswegen auf Blicke, Zeichen oder sonstige Kontaktaufnahmen verzichtet. Gegeneinander statt miteinander, das geht selten gut. Rote Ampeln – für diese Erkenntnis muss man nur wenige Minuten an einer Hauptverkehrsader stehen – werden immer häufiger nur noch als unverbindlicher Hinweis gewertet.

Schon mehrfach wurde nun schon darauf hingewiesen, dass die meisten Opfer solcher Unfälle keineswegs die egoistischen, rücksichtslosen, sturen und lebensmüden Kampfradler sind, sondern vor allem Kinder und Senioren plötzlich an Lastkraftwagen geraten. Die so genannten Kampfradler wissen nämlich meistens ganz genau, wie sie sich im Straßenverkehr hinreichend gefahrlos bewegen können. Überhaupt ist die komplette Kausalkette verrutscht: Der Lastkraftwagenfahrer ist zwar überfordert und abgelenkt, aber der Radfahrer wäre ja angeblich auch stur und verzichtete im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte auf jegliche Zeichen, also müsste er doch mindestens moralisch Schuld an dem Unfall sein, denn der Lastkraftwagenfahrer, der war ja abgelenkt und überfordert. Nochmal: Die Menge an Radfahrern, die es wahrhaftig mit einem Lastkraftwagen aufnehmen wollen, die dürfte ziemlich gering sein. Die Opfer sind die, die eben nicht die Ampel als unverbindlichen Hinweis werten, sondern darauf vertrauen, die Straße bei grünem Licht sicher überqueren zu können. Die eben nicht daran denken, dass — womöglich in ihrer Wartezeit erst an die Haltlinie gerollt — der Lastkraftwagen nebenan keine Sicht auf die wartenden Radfahrer hat. Und dann ist auch der Blickkontakt mit dem Lastkraftwagenfahrer gar nicht mehr so einfach, der sitzt schließlich mindestens doppelt so hoch wie der übliche Kraftfahrer.

Aber ja, Hümmeler hat Recht, die Stadt muss handeln und derartige Unfallschwerpunkte umgestalten.

4 Gedanken zu „„Gegeneinander statt Miteinander““

  1. Schöner Beitrag, sehe ich genauso. Auch in Berlin trifft es eher Alte und Kinder, besonders häufig ältere Frauen. Da selbst ein forcierter Umbau 10-mal schneller, als jeder es erwarten würde, noch mehrere Jahre (Jahrzehnte?) dauern würde, um all die Todesfallen sicherer zu machen, finde ich eine vernünftige Aufklärung fast noch wichtiger. Mit dem Aufwand und den Ressourcen einer Helmkampagne könnte man vielleicht einige Radler mehr zu der Einsicht verhelfen, „wie sie sich im Straßenverkehr hinreichend gefahrlos bewegen können“.

    Allerdings müsste man sich dann auch Fragen gefallen lassen, warum man noch Jahrzehnte nach den Erkenntnissen Todesfallen baut und verpflichtend macht.

  2. „Gegeneinander statt miteinander“, das passt auch zu einer Kolumne in der Taz, die gegen langsame „Friedensradler“ auf Radwegen anwitzelt (und nebenbei das Überholen auf der Straße pauschal gefährlich findet).

  3. Marco hat den grundlegenden Widerspruch ja schon in einem Blogbeitrag beschrieben:
    http://www.radfahren-in-koeln.de/2012/06/11/sicher-fahre-ich-nur-dahinter/

    Mal einige Erfahrungen:

    1. ich fahre auf dem Radweg, vor mir will ein LKW rechts abbiegen. Ich bleibe hinter dem LKW stehen, der LKW bleibt auch stehen (Fahrer hat mich anscheinend im Spiegel gesehen). Was tun? Handzeichen darf ich nicht geben. Ich bleibe also weiter stehen, da ich nicht mit dem Fahrer kommunizieren kann. Der Taxifahrer hinter dem LKW hupt. Der LKW biegt ab, und ich fahre hinter ihm weiter, da rammt mich fast der Taxifahrer beim Rechtsabbiegen, weil er dachte, ich würde ihn auch durchlassen.

    2. ich fahre auf einem Radfahrstreifen auf eine rote Ampel zu. Vorne stehen schon 2 LKW auf der kombinierten Geradeaus/Rechtsabbiegerspur. Keiner der beiden blinkt. Ich habe eine Vorahnung und bleibe hinter beiden stehen. Als die Ampel grün wird, biegt LKW 1 ohne zu blinken über den Radstreifen rechts ab. Wäre ich weitergefahren, wäre ich jetzt nur noch eine Zeitungsmeldung über einen Radfahrer, der sich seine Vorfahrt erzwungen hat…

    Was ich daraus gelernt habe: Wann immer es möglich ist, verlasse ich vor der Kreuzung den Radweg und fahre auf der Fahrbahn über die Kreuzung- vor oder hinter den LKW, aber nicht wie auf dem Radweg daneben. Hier sieht man wieder, das das illegale Verhalten gleichzeitig das sicherste Verhalten ist. Denn sicher fahre ich nur dahinter.

  4. @Matthias: Wärst Du im zweiten Fall gefahren, wäre der wichtigste Teil der Zeitungsmeldung der, dass Du OHNE HELM auf dem Rad unterwegs warst! Das kann ja nur tödlich enden – auch wenn die Lkw-Zwillingsreifen über Deinen Brustkorb gefahren wären…

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